Von Gott geboren

Johannes 1, 9 – 13

9 Das war das wahre Licht, das alle Menschen erleuchtet, die in diese Welt kommen. 10 Er war in der Welt, und die Welt ist durch ihn gemacht; aber die Welt erkannte ihn nicht. 11 Er kam in sein Eigentum; und die Seinen nahmen ihn nicht auf.

Nach den Worten über den Täufer kehrt Johannes zu seinem Thema zurück. Er nimmt die Spur des Lobgesangs der Gemeinde wieder auf. Er redet jetzt wieder, so lese ich, von Christus. Das wahre Licht, das alle Menschen erleuchtet.Als das einzig wahre Licht hat er eine universale Bedeutung. Sein erleuchtendes, Offenbarung und Erkenntnis vermittelndes Wirken war nicht auf Israel beschränkt, sondern galt jedem Menschen, der in die Welt kommt.“(J. Schneider, Das Evangelium nach Johannes, Theol. Handkommentar zum NT; Berlin 1985, S. 58) Wenn es hier heißt, dass das Licht alle Menschen erleuchtet, so ist das ein Wort über das Licht, über Christus, „ohne Rücksicht darauf, ob und inwieweit sich die Menschen seiner Offenbarung erschließen.“ (R. Bultmann, aaO. S. 33) Es ist kein Wort über den „Erfolg“ des Lichtes, sondern eines über sein Wesen: Es erleuchtet. Es bringt ans Licht.

Ein Lobgesang sind diese Worte und doch auch ein Schmerz. Die Welt erkannte ihn nicht. Die Seinen nahmen ihn nicht auf. Obwohl er doch in seine Welt kam, in sein Eigentum. Obwohl doch alles durch ihn ist. Obwohl er doch ans Licht bringt. Das ist keine unbeteiligte Feststellung. Es geht ja nicht nur um einen intellektuellen Defekt, der hier sachlich diagnostiziert wird. „Das Erkennen ist nicht ein theoretisches Apperzipieren, sondern Anerkennen.“ (R. Bultmann, aaO. S. 34) Das Licht findet nicht die Anerkennung, um derentwillen es gesandt ist. Es kommt bei denen, für die es bestimmt ist, den Seinen, nicht an. So meldet sich hier schon der Schmerz zu Wort, der das Evangelium auch durchziehen wird. Man kann schon jetzt ahnen: Dieser Weg in seine Welt, die für ihn blind ist, die ihn, das Licht der Welt, nicht erkennt, ist ein Weg in die Niedrigkeit.

„Er entäußert sich all seiner G’walt,                                       wird niedrig und gering
und nimmt an eines Knechts Gestalt,                                       der Schöpfer aller Ding.

Er wechselt mit uns wunderlich:                                                Fleisch und Blut nimmt er an
und gibt uns in seins Vaters Reich                                               die klare Gottheit dran.“                   N. Hermann 1560, EG 27

12 Wie viele ihn aber aufnahmen, denen gab er Macht, Gottes Kinder zu werden, denen, die an seinen Namen glauben, 13 die nicht aus dem Blut noch aus dem Willen des Fleisches noch aus dem Willen eines Mannes, sondern von Gott geboren sind.

Dann ist es umso mehr wie ein befreiter Jubelruf. „Und doch hat es immer Einzelne gegeben, die das Wort angenommen haben.“ (U. Wilkens, Das Evangelium nach Johannes, NTD 4, Göttingen, Göttingen 1998, S. 31) Es kommt doch auch zum Erkennen, zum Aufnehmen in das eigene Leben, zum Glauben an seinen Namen. Dass es dazu kommt, ist nicht unsere Macht. Es ist Gabe Gottes, Vorrecht, εξουσία, Vollmacht aus Gottes Geben. „Wir können Gott nur erkennen, wenn er sich selbst zu erkennen gibt.“ (G. Voigt, Licht – Liebe – Leben, Das Evangelium nach Johannes, Göttingen 1991, S. 37) Aus dem eigenen Vermögen, der eigenen Logik, aus der Vernunft der Welt heraus ist das nicht möglich. Dass Einer, Eine glaubt, ist immer Wunder, Zeichen der Gnade.

Diese Sätze V.12-13 habe ich am Anfang meines bewussten Christseins, vor 50 Jahren, auswendig gelernt, weil es mir ein Seelsorger gesagt hat. Ich wusste damals nicht so recht, warum ich das tun sollte. Er aber war offensichtlich der Überzeugung, dass es wichtig ist, von Anfang an zu wissen: Mein Glaube ist Geschenk und nicht eigenes Werk, nicht Einsicht, nicht erarbeitet mit der suchenden und fragenden Vernunft. Glaube ist und bleibt bis ans Ende Gabe aus der Ewigkeit.

Die Parallele zu diesen Worten des Prologs, die aus dem Hymnus schöpfen, finden sich im Mund Jesu als Antwort auf das Petrus-Bekenntnis bei Cäsarea Philippi. „Fleisch und Blut haben dir das nicht offenbart, sondern mein Vater im Himmel.“ (Matthäus 16, 17) Es ist die alle Zeugnisse des NT umgreifende Gewissheit: Der Glaube an Jesus als den Christus, als das Licht der Welt, ist Geschenk, Gabe Gottes, Wirkung des Geistes.

            Von Gott geboren. „Kinder Gottes sind die Wenigen nicht durch natürliche Geburt geworden, nicht durch den Willen des Fleisches, zumal nicht durch den Zeugungswillen eines Menschen, sondern durch einen Zeugungsakt Gottes.“ (U. Wilkens, ebda.)In der Volks-Kirche ist man sparsam mit dem Gedanken der Wiedergeburt. Das mag auch an der Praxis der Kindertaufe liegen. An der Scheu, das grundsätzliche Geschehen der Taufe, das JA Gottes zu entwerten, wenn man sagt: Es muss noch etwas anderes, sehr persönliches dazu kommen, ein Ja, das wir Menschen sagen. Irgendwann.

Es ist jedoch das bleibende Recht der Rede von der Wiedergeburt, dass sie auf diese Worte zurückgreifen kann. Es ist keine Anmaßung, kein Hochmut, kein Anlass zu menschlichen Stolz – es ist das Staunen, so wie ein neugeborenes Kind staunend die Welt erblickt. Das Wort von der Wiedergeburt entwertet die Taufe nicht, weil ja auch die Wiedergeburt ganz Gabe aus Gott ist. Es hilft nur, aus ihr keinen heilsgeschichtlichen Automatismus zu machen.

Was für ein Geschenk macht mir der Evangelist, der mir erlaubt, sein Staunen zu teilen, seine Freude mit zu freuen, in seine Anbetung einzustimmen. Ich muss nicht mehr alles verstehen und erklären können. Ich nähere mich dem Alter, in dem ich, tief dankbar, einfach der Freude Raum lassen kann. Und  ahne: Schon der Versuch, das alles nachzudenken, wird im Stammeln landen müssen. Oder im Hymnus, im Lobgesang. Wie Johannes.

 

Staunend stehe ich vor Dir, Jesus, mein Gott und Herr. Ich fasse Dich nicht, nicht mit meinen Worten, meinen Gedanken, meinen Sinnen.

Du bist vor allem Anfang und kommst doch in unsere Welt, in das Dunkel unserer Zeit, zu mir.

Ich halte mich Dir hin, damit Du mich erfüllst mit Licht, Leben, Freud und Wonne. Amen

 

Ein Gedanke zu „Von Gott geboren“

  1. Verehrter, lieber Bruder Lenz, ich bin auf diese, ihre Seite gestoßen und bin begeistert von der Schönheit und Tiefe ihrer Worte, sie inspirieren mich, werde sie nach und nach lesen.
    Hilfreich ist auch, dass sie zwischendurch die Quellen der Auslegungen nennen. Dann kann ich selber noch einmal nachschauen.
    Sie haben den Schritt ins Internet bereits getan. Haben Sie schon einmal daran gedacht, ihre Predigten mit Video aufzunehmen und in eine Website zu stellen? Sie könnten vor einer Gruppe reden oder auch von zu Hause: „Predigten aus dem Wohnzimmer.“ Wir haben vor einem Jahr damit begonnen, evangelistische Vorträge zu veröffentlichen. Gottes Wort muss auf die Marktplätze, die sind heute das Internet. – Viele Grüße aus Kärnten, Klaus und Margit Eickhoff.

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