Im Anfang

Johannes 1, 1 – 5

1 Im Anfang war das Wort, und das Wort war bei Gott, und Gott war das Wort. 2 Dasselbe war im Anfang bei Gott.

             Es gibt Worte, vor denen stehe ich und schaue sie an. Ich lese sie, zweimal, dreimal, vielfach – und spüre: Zu groß. Das wirst du nie fassen Das übersteigt deine Vernunft so hoch wie der Himmel über der Erde ist. Es ist, als stünde ich in einer alten gotischen Kirche mit ihren hohen Säulen und den weit gespannten Deckenbögen. Ich bin in diesem Raum, still, geborgen. Gut aufgehoben.  Es ist eine Geborgenheit, die mir gut tut, die ich aber in keiner Weise erklären kann, mir selbst nicht und anderen nicht.

Es gibt Worte, die sind gar nicht zum Begreifen da. Sie laden zum Staunen ein, zum Mitsingen, zur Anbetung. Aber sie wollen, um Himmels willen, nicht in ein theologisches System eingefasst und eingepasst werden.

Es ist ein Anfang, wie er im Buch steht. Es ist ein Anfang, der singt. „Der Joh.evangelist beginnt sein Evangelium mit einem Lied, das seinen Lesern aus dem Gottesdienst vertraut ist.“ (U. Wilkens, Das Evangelium nach Johannes, NTD 4, Göttingen, Göttingen 1998, S. 26) Ein Loblied, ein Anbetungs-Lied. Das ist wohl die einzig angemessene Sprache, wenn man es mit dem Geheimnis Gottes zu tun bekommt, mit dem Leben, dem Licht, dem Gott, der sich selbst schenkt. Man kann nicht anders als staunen und singen. 

Im Anfang –   ν ρχ – mit genau den gleichen Worten gibt die Septuaginta, die griechische Bibelübersetzungen den Anfang der Schöpfungserzählung wieder:  „Am Anfang schuf Gott Himmel und Erde.“(1. Mose 1,1) Man wird förmlich darauf gestoßen: Die Schöpfung ist der Anfang dieses Evangeliums, das Johannes schreibt. Was Johannes erzählen wird, hat mit der Schöpfung seinen Anfang genommen.

Wieder: Im Anfang das Wort. λγος. Ein Wort, um den sich unendlich viel an Bedeutung rankt. Wichtig in der griechischen Philosophie, wichtig in den Versuchen, die Welt zu begreifen, dem Anfang und der Ordnung der Welt auf die Spur zu kommen. Hier aber liegt dem Evangelisten nicht daran, „etwas über den Ursprung zu lehren, sondern den Logos zu charakterisieren. … Dass in Jesus der Logos Fleisch geworden ist, will der Evangelist lehren.“ (R. Bultmann, Das Evangelium des Johannes, Kritisch-Exegetischer Kommentar über das Neue Testament, Göttingen 1957, S. 15f.)

Gott ist das Wort, das Wort ist Gott. Gott und das Wort sind eins. Später, im Verlauf des Evangeliums wird Jesus sagen: „Ich und der Vater sind eins.“(Johannes 10,30) Keine zwei göttliche Wesen, auch keine zwei Götter. Einer, eins. Darum ist auch er Hinweis in der Luther-Übersetzung 2017 wenig sachdienlich: „Gemeint ist: Von göttlicher Art war das Wort.“ Sondern hier tastet sich Johannes an das Geheimnis heran: Er kann von Gott nicht anders reden als von dem Einen. Er kann auch von Christus als dem, der uns Gott offenbart, erkennbar macht nicht anders reden als von dem Einen. „Im Offenbarer begegnet wirklich Gott und doch Gott nicht direkt, sondern nur im Offenbarer.“ (R. Bultmann, aaO. S. 17) Wir fassen Gott nicht anders als in dem, der ihn uns zeigt, der das Wort ist, Jesus. Wer es fassen kann, der fasse es.

 3 Alle Dinge sind durch dasselbe gemacht, und ohne dasselbe ist nichts gemacht, was gemacht ist. 4 In ihm war das Leben, und das Leben war das Licht der Menschen.

Es gibt die Welt nur, weil Gott sie ins Leben gerufen hat. Alles durch das Wort. Das ist keine naturwissenschaftliche Erklärung, wie unsere Kinder sie heute lernen. Es ist eine steile Aussage: Die Welt – und das meint den ganzen riesengroßen, unendlichen Kosmos und nicht nur unseren blauen Planeten – entstammt dem Willen Gottes. „Und Gott sprach – und es geschah“ – so heißt es am Anfang der Bibel. Es ist sicher Absicht, dass es im Anfang des Johannesevangelium so klingt wie im Anfang der Schrift: „Am Anfang schuf Gott Himmel und Erde.“ (1. Mose 1,1)

            Kann ich das überhaupt richtig hören in dem ungeheuren Anspruch, der in solchen Worten steckt? Dass es die Welt gibt – Gabe Gottes. Dass es Leben gibt – Gabe Gottes. Dass es Tag um Tag weiter geht – Gabe Gottes. Unser Leben hat in ihm seinen Grund. Es hat in ihm seinen Halt und sein Ziel. Keiner von uns kann auch nur einen Atemzug machen, ohne dass Gott ihn darin trägt. Keiner von uns kann auch nur einen Gedanken denken, ohne dass Gott ihn darin hält. Keiner von uns kann auch nur ein Wort sagen, ohne dass Gott ihm nicht die Stimme, die Luft und den Mund dazu gibt. Keiner von uns kann auch nur den geringsten Handgriff tun, ohne dass Gott es ihm ermöglicht.

Blumen und Berge, Meer und Himmel, Insekten und das All, Mikroben und Elefanten – alles hat in ihm seinen Grund, sein Ziel. Was uns als der Raum und die Zeit erscheint, als die Kraft und die Natur, über die wir frei verfügen können, das ist in Wahrheit doch jeden Augenblick allein durch Gottes Gnade erhalten, damit wir darin leben können.

“Verbirgst du dein Angesicht, so erschrecken sie;                               nimmst du weg ihren Odem,                                                                so vergehen sie und werden wieder Staub.                                     Du sendest aus deinen Odem, so werden sie geschaffen,                 und du machst neu die Gestalt der Erde.”         Psalm 104, 29-30

Und nun: Dies alles durch das Wort, den λόγος. Durch Gott selbst. Weil er der λόγος ist. Und doch ist da Unterschied – die Welt ist nicht göttlich. Sie ist Schöpfung. Göttliche Gabe, durch das Wort. Noch ist der Name nicht genannt, der zum Thema des ganzen Evangeliums wird – und doch wird hier schon unüberbietbar von ihm geredet: Jesus.

Johannes greift mit dem Wort λόγος ein Wort auf, das in seiner Umgebung voll tiefer Bedeutung ist. Das Machtwort Gottes bei den Juden, die Weltvernunft bei den Griechen. Aber immer ein ES, kein Du. Hier aber, bei Johannes wandelt es sich. „Das Johannes-Evangelium wollte zeigen, dass der ewige, göttliche Logos dieser Mensch Jesus, dieser Mensch Jesus der ist, der im Anfang bei Gott war – dass eben der ewige göttliche Logos nicht anderswo als in diesem Menschen Jesus gefunden und erkannt werden kann.“ (K. Barth, Kirche Dogmatik III,2; Zürich 1959, S. 76) Ist das wahr, so kann man nur noch anbetend singen – darum der Hymnus.

Auch diese Worte wollen nicht einfach nur Welt erklären. Sie wollen den Leserinnen und Lesern den Grund zeigen, auf dem sie stehen. Das Leben ist aus ihm. Das Licht als der Lebensraum ist aus ihm. Es ist Gottes Leben, aus dem unser Leben kommt. „Gemeint ist ganz elementar die Teilhabe alles Lebendigen am Ur-Leben Gottes, durch das menschliches Leben allererst deine Lebendigkeit, Wachstumskraft und Sinnorientierung erhält.“ (U. Wilkens, aaO. S. 29)  Alles Gottes Gabe und Gottes Raum. Darauf zielen diese Worte – auf ein Leben in der Dankbarkeit und im Staunen, wie sie in den Worten des Hymnus liegen.

5 Und das Licht scheint in der Finsternis, und die Finsternis hat’s nicht ergriffen.

Was Finsternis ist, erkennen wir erst durch das Licht. Wieder werden wir an die Schöpfung erinnert. Auch da ist die Ur-Finsternis und erst durch das Licht wird das Leben eröffnet, der Weg der Welt. Auch das schwingt mit: „In Jesus ist nicht ein anderes Licht erschienen als das, welches in der Schöpfung schon immer leuchtete.“ (R. Bultmann, aaO. S. 27)Die Finsternis kann das Licht nicht überwältigen, ο κατλαβεν – so besser statt ergreifen. Es sind von Anfang an Worte an eine bedrängte Gemeinde, die sich von der Finsternis oft genug umgeben glaubt. Sie singen sich frei: Das Licht ist stärker.

„Herr das Licht deiner Liebe leuchtet auf,                                                    strahlt in mitten der Finsternis für uns auf.
Jesus du Licht der Welt, sende uns dein Licht!                               
           Mach uns frei durch die Wahrheit, die jetzt anbricht!                                      Sei mein Licht, sei mein Licht!“                                                     C. Richard/G. Kendrick 1987           

 

Gott, Du, Ursprung der Welt. Wort für Wort, Satz für Satz sauge ich auf, nehme zu Herzen, halte mich hinein. Mein Verstehen reicht nicht aus. Mein Begreifen greift zu kurz. Ich stehe anbetend vor dem Geheimnis, das die Welt trägt, das Leben schenkt und Licht.

Du bist der Anfang und das Ende, die Mitte der Zeit. Dich bete ich an. Amen