Am Ende: Versöhnung

Maleachi 3, 13 – 24 

13 Ihr redet hart gegen mich, spricht der HERR. Ihr aber sprecht: »Was reden wir gegen dich?« 14 Ihr sagt: »Es ist umsonst, dass man Gott dient; und was nützt es, dass wir sein Gebot halten und in Buße einhergehen vor dem HERRN Zebaoth? 15 Darum preisen wir die Verächter; denn die Gottlosen gedeihen, und die Gott versuchen, bleiben bewahrt.«

             Normalerweise geht es anders herum. Wir klagen, dass Gott sich hart gegen uns stellt.  Heutzutage sitzt Gott oft auf der Bank des Beklagten. Wenn er überhaupt noch wichtig genommen wird, dann als Angeklagter. „Und sie fluchten Gott, der ihnen doch das Glück schuldig war. ER war doch der liebe Gott!“ (J. Zink, Die letzten sieben Tage der Schöpfung, 1970). Wie anders hier. Durch das Buch Maleachi zieht sich eine Kette von Anklageworten Gottes. Er klagt an, das Volk sitzt auf der Anklagebank und gerät in Verteidigungsposition.

Die Anklage Gottes lautet: Ihr sagt, es lohnt sich nicht, Gott zu dienen, sein Gebot zu halten.  Und in Sack und Asche gehen bringt es auch nicht.

 Ich ereiferte mich über die Ruhmredigen,                                      als ich sah, dass es den Gottlosen so gut ging.                                     Denn für sie gibt es keine Qualen,                                                           gesund und feist ist ihr Leib.                                                                Sie sind nicht in Mühsal wie sonst die Leute                                     und werden nicht wie andere Menschen geplagt.                             Darum prangen sie in Hoffart und hüllen sich in Frevel.                 Sie brüsten sich wie ein fetter Wanst,                                                     sie tun, was ihnen einfällt.                                                                   Sie achten alles für nichts und reden böse,                                      sie reden und lästern hoch her.                                                                Was sie reden, das soll vom Himmel herab geredet sein;                was sie sagen, das soll gelten auf Erden.                                    Darum fällt ihnen der Pöbel zu                                                         und läuft ihnen zu in Haufen wie Wasser.                                            Sie sprechen: Wie sollte Gott es wissen?                                                Wie sollte der Höchste etwas merken?                                               Siehe, das sind die Gottlosen;                                                              die sind glücklich in der Welt und werden reich.                                      Psalm 73, 3 – 12

             Es ist die Anfechtung der frommen Leute. „Wir blicken in tiefe Anfechtungen der Kerngemeinde hinein.“ (G. Maier, Der Prophet Maleachi, Wuppertaler Studienbibel, Wuppertal 1985, S. 186) Den Gottlosen gelingt ob ihrer Unverschämtheit das Leben, während es uns oft genug unter den Fingern zerbricht. Eine Anfechtung, die bis heute nicht verstummt: Warum haben wir es so schwer? Warum gibt es im eigenen Leben so viel Scheitern? Warum – und jeder kann die Frag-Kette beliebig verlängern und aus den eigenen Erfahrungen konkretisieren. 

             Gott hört diese Anklagen und stellt sich ihnen. Er weist sie nicht einfach als Unverschämtheit ab. Er hält sie aus und lässt den Gesprächsfaden nicht abreißen. Immerhin aber: er gibt zu, dass ihn das hart angeht. Dass ihn solches Fragen trifft. Er stellt sich auch diesen Fragen in einer geradezu unfassbaren Geduld. Auch, weil er spürt, das für die Frommen alles auf dem Spiel steht. Ihr Leben und ihr Gottvertrauen. So weit sind sie, dass sie sagen: Darum preisen wir die Verächter; denn die Gottlosen gedeihen, und die Gott versuchen, bleiben bewahrt.« Was für eine verrückte Seligpreisung! Aber auch: was für eine Zumutung an den Glauben, wenn die Übermütigen, Frechen, Frevelhaften, Gottvergessenen immer wieder durchkommen.

Es gilt, wahrzunehmen und zu beherzigen: wir setzen Gott zu, wenn wir über die Folgenlosigkeit unseres Glaubens räsonieren. Wenn wir sagen, dass er zu nichts nütze ist, dass er sich nicht rechnet in Wohlergehen, Erfolg und Wohlstand. Was bringt es denn, sich an Gott zu halten? Nur, dass man ein wenig weltfremd wirkt? So fragt der Skeptiker – in uns – und weiß auch schon die Antwort: Nichts. Glauben bringt nichts, was sich auf einer klar fassbaren Habenseite ausweisen ließe.

 16 Aber die Gottesfürchtigen trösten sich untereinander: Der HERR merkt und hört es, und es wird vor ihm ein Gedenkbuch geschrieben für die, welche den HERRN fürchten und an seinen Namen gedenken. 17 Sie sollen, spricht der HERR Zebaoth, an dem Tage, den ich machen will, mein Eigentum sein, und ich will mich ihrer erbarmen, wie ein Mann sich seines Sohnes erbarmt, der ihm dient. 18 Ihr werdet am Ende doch sehen, was für ein Unterschied ist zwischen dem Gerechten und dem Gottlosen, zwischen dem, der Gott dient, und dem, der ihm nicht dient.

             Es braucht, um diese Anfechtung bestehen zu können, ein Hören auf andere Stimmen und eine andere Blickrichtung.  Andere Recheneinheiten als die, die sich Konto-Guthaben und Erfolgsbilanz niederschlagen. Als erstes braucht es die wechselseitige Tröstung. Die Gottesfürchtigen trösten sich untereinander. Consolatio fratruum (M. Luther, Schmalkaldische Artikel, 1537), brüderliche Ermahnung. Heute: Geschwisterliche Ermutigung. Es braucht den Blickwechsel, der sich vom kurzzeitigen „Erfolg“ nicht blenden lässt, sondern auf das Ende sieht.

Als Schüler musste ich es lernen, auswendig, als Jahresmotto unserer ehrwürdigen Schule: Quidquid agis. prudenter agas et respice finem.“ – Was du auch tust, handele bedacht – und bedenke das Ende!  Oder, wie es der Volksmund sagt: Wer zuletzt lacht, lacht am besten.

Biblisch hört sich das so an:

Die mit Tränen säen,                                                                                   werden mit Freuden ernten.                                                                      Sie gehen hin und weinen und streuen ihren Samen                       und kommen mit Freuden und bringen ihre Garben.                                          Psalm 126, 5-6

            Das ist das Erste, was über den kommenden Tag des HERRN zu sagen ist: Er ist ein Glückstag, ein Tag des Heils für alle, welche den HERRN fürchten und an seinen Namen gedenken. Es ist nicht nur der finstere Gerichtstag, das Jüngste Gericht. Über diesem Tag steht als Überschrift:  Ich will mich ihrer erbarmen, wie ein Mann sich seines Sohnes erbarmt. Und wenn man wissen will, wie dieses Erbarmen aussieht, so ist es gut, die Geschichte von den verlorenen Söhnen zu lesen. „Und er machte sich auf und kam zu seinem Vater. Als er aber noch weit entfernt war, sah ihn sein Vater und es jammerte ihn; er lief und fiel ihm um den Hals und küsste ihn.“ (Lukas 15,20) Und weiter, als der gute Sohn, der nie weg war, sich aufregt über die Güte des Vaters: „Da ging sein Vater heraus und bat ihn.“( Lukas 15,28) Diese Güte, dieses Erbarmen bringt der Tag des HERRN ans Licht.

             Freilich darf man sich nicht herausmogeln: Ihr werdet am Ende doch sehen, was für ein Unterschied ist zwischen dem Gerechten und dem Gottlosen, zwischen dem, der Gott dient, und dem, der ihm nicht dient. Da ist ein Unterschied zwischen den Leben. „Es findet eine Scheidung zwischen Gerechten und Gottlosen statt; diese Scheidung geschieht in sichtbarer Weise.“ (G. Maier, aaO. S. 193 ) Es macht einen Unterschied vor Gott, ob einer nur ich-bezogen lebt oder Nächstenliebe übt, ob einer nur sich selbst kennt oder auch den Bruder, die Schwester sieht, ob einer nur die eigenen Regeln kennt oder auch das Gebot Gottes achtet.

Aber bevor ich der Versuchung unterliege, zu sortieren, wer wo hingehört und wie das ist mit denen, die zu den Gottlosen zählen und Gott nicht dienen:

Ich glaube,
dass auch unsere Fehler und Irrtümer nicht vergeblich sind,
und dass es Gott nicht schwerer ist, mit ihnen fertig zu werden,
als mit unseren vermeintlichen Guttaten.“                                                                                     D.
Bonhoeffer, Widerstand und Ergebung, DBW Band 8, Seite 31

 19  Denn siehe, es kommt ein Tag, der brennen soll wie ein Ofen. Da werden alle Verächter und Gottlosen Stroh sein, und der kommende Tag wird sie anzünden, spricht der HERR Zebaoth, und er wird ihnen weder Wurzel noch Zweig lassen.

             Es ist der Apostel Paulus, der dieses Wort aufnimmt, aber nicht nur im Blick auf die Gottlosen, sondern im Blick auf das Gericht, das über alle ergeht, auch über die Gerechten, „die Starken, die des Arztes nicht bedürfen“ (Markus 9,12), auch über die Frommen, auch über die Christen: „Einen andern Grund kann niemand legen als den, der gelegt ist, welcher ist Jesus Christus. Wenn aber jemand auf den Grund baut Gold, Silber, Edelsteine, Holz, Heu, Stroh, so wird das Werk eines jeden offenbar werden. Der Tag des Gerichts wird’s klarmachen; denn mit Feuer wird er sich offenbaren. Und von welcher Art eines jeden Werk ist, wird das Feuer erweisen. Wird jemandes Werk bleiben, das er darauf gebaut hat, so wird er Lohn empfangen. Wird aber jemandes Werk verbrennen, so wird er Schaden leiden; er selbst aber wird gerettet werden, doch so wie durchs Feuer hindurch.“ (1. Korinther 3, 11 – 15) Daran hänge ich: Die Scham über versäumtes, unterlassenes, falsches, liebloses Handeln, Fehlversuche und Schuld bleibt den Christen nicht erspart. Das ist das Gericht. Aber dann: „gerettet, doch so wie durchs Feuer hindurch.“ Anders kann ich es mir nicht vorstellen, weil sonst Selbstzufriedenheit und Überheblichkeit drohen.

20 Euch aber, die ihr meinen Namen fürchtet, soll aufgehen die Sonne der Gerechtigkeit und Heil unter ihren Flügeln. Und ihr sollt herausgehen und springen wie die Mastkälber. 21 Ihr werdet die Gottlosen zertreten; denn sie sollen Staub unter euren Füßen werden an dem Tage, den ich machen will, spricht der HERR Zebaoth.

Dann, an diesen kommenden Tag wird es offen zu Tage treten, dass Gottvertrauen kein frommer Selbstbetrug war, dass wirklich Gott der Fluchtpunkt der Welt und die Zukunft unseres Lebens ist. „Das Aufgehen des Lichtes, das die Finsternis vertreibt, kann Bild für Jahwes Epiphanie (Erscheinen) sein; die geflügelte Sonnenscheibe ist eine bekannte altorientalische Vorstellung.“ (H. Graf Reventlow, Die Propheten Haggai, Sacharja, Maleachi, ATD 25,2; Göttingen 1993, S. 159) Hier geht diese Sonne auf und bereitet der Freude den Weg. Sie ist Erlösung. Befreiung von Finsternis und Angst, von Selbstanklagen und Anfechtung. So freigesprochen kann man wieder hüpfen und springen. So durch das Gericht hindurch gegangen gibt es keine Anklage mehr.

Auch daran wird man erinnern dürfen: „Das Bild von der Sonne wird von Justin, Luther, Calvin und vielen Kirchenvätern auf Christus gedeutet.“ (G. Maier, aaO. S. 195) Nicht, weil der Text das „verlangt“ und fordert und man hätte ihn erst verstanden, wenn man ihn so deutet, aber weil sie diesen Text von ihrer Christus-Erfahrung, ihrem Glauben her lesen und darum finden sie in der Sonne ihre Sonne – Christus.

  Der Grund, da ich mich gründe, ist Christus und sein Blut;
das machet, dass ich finde das ewge, wahre Gut.
An mir und meinem Leben ist nichts auf dieser Erd;
was Christus mir gegeben, das ist der Liebe wert.

 Mein Herze geht in Sprüngen und kann nicht traurig sein,
ist voller Freud und Singen, sieht lauter Sonnenschein.
Die Sonne, die mir lachet, ist mein Herr Jesus Christ;
das, was mich singen machet, ist, was im Himmel ist.                                                                            P. Gerhardt 1653 EG 351

             Uns ist eine fremde Gerechtigkeit, zuteil geworden aus lauter Gnade und Erbarmen. Schwer vorstellbar, dass einer, der so begnadigt ist, dann noch Freude daran finden soll, die Gottlosen zu  zertreten, sie zu Staub unter euren Füßen werden zu lassen.

             Die Denkfigur aber ist klar: In der kommenden Herrlichkeit Gottes ist kein Platz mehr für Böses, Unrecht, Gewalt, Frevel. Darin ist sich das Alte Testament mit dem Neuen Testament merkwürdig einig. Es findet keine andere Sprache dafür als die des Sieges im Kampf mit den Bösen. Wir lernen es mühsam genug, das Böse zu unterscheiden von denen, die es tun. Für das Böse ist kein Platz in der Ewigkeit Gottes, für die Bösen bleibt eine letzte, verwegene Hoffnung auf Gnade. Um Christi willen.

 22 Gedenkt an das Gesetz meines Knechtes Mose, das ich ihm befohlen habe auf dem Berge Horeb für ganz Israel, an alle Gebote und Rechte!

             Gottesrede und zugleich Hinweis auf die Gedankenwelt des Propheten. Das ist ein Satz, der die Vermutung stärkt: In diesem Buch hat einer das Wort, der das Gesetz hoch achtet. „Gedenken im Sinne von Halten der Tora begegnet allerdings nur hier.“ (H. Graf Reventlow, aaO. S. 160) Umso mehr Gewicht liegt darauf. Hier spricht ein Lehrer der Gerechtigkeit, der sich sehnlichst wünscht, dass Israel nach der bitteren Erfahrung des Exils zurück finden möge zum Gehorsam gegen die Weisungen. Seinen Weg findet in der Lebensordnung Gottes, dem Gebot.

 23 Siehe, ich will euch senden den Propheten Elia, ehe der große und schreckliche Tag des HERRN kommt. 24 Der soll das Herz der Väter bekehren zu den Söhnen und das Herz der Söhne zu ihren Vätern, auf dass ich nicht komme und das Erdreich mit dem Bann schlage.

             Bevor der Tag des HERRN kommt, wird Elia kommen, als der Vorläufer. Mit einer großen Aufgabe: Versöhnung der Generationen. So lesen die Rabbinen: „Elia soll die innerste Gemeinschaft unter den Menschen, die Familie, wieder heilen. (G. Maier, aaO. S. 203) Ich kann diese Sätze nicht anders lesen, als den Auftakt der Versöhnung mit Gott. Wo sich die Herzen zueinander wenden, die Entfremdung aufgehoben und überwunden wird, da geschieht das, weil sich die Herzen Gott öffnen, sich zu Gott wenden. Es gilt der Satz: Je näher ich Gott komme, umso näher komme ich auch den Menschen neben mir.

Es ist ein Wort, das bei mir Sehnsucht weckt und Hoffnung stärkt. Das Miteinander der Generationen findet aus der Fremdheit heraus, aus dem Verzwecken, aus dem Kampf um die Macht, um das Sagen. Es belastet doch die Seele, dass Alte nicht nur, aber häufig genug vorrangig als Kostenfaktor gesehen werden, Kinder als Zukunftssicherung zukünftiger Rentenzahlung und Wohlstands-Sicherer. Wie viel Entfremdung zeigt sich in solchen öffentlichen Reden. Vielleicht kann es in Familien anfangen und in die Öffentlichkeit übergreifen: Es gibt ein anderes Miteinander, geboren aus dem Geist der Versöhnung.

Es ist schön, dass das Alte Testament nach der christlichen Leseordnung mit diesem verheißungsvollen Wort schließt.

 

Wenn Dein großer Tag kommt, mein Gott, dann lass uns Deine Barmherzigkeit schauen. Zeige uns das Gesicht Deines Sohnes Jesus Christus, der sich für uns gegeben hat. Zeige uns Deine weit geöffneten Arme, die offene Tür zum Vaterhaus, den Heimweg, auf dem Du uns entgegenkommst.

Lass es uns schon in der Zeit unseres Lebens glauben, dass unser Leben in Dein Erbarmen eingehüllt und aufgehoben ist. Lass es uns einander sagen und zeigen, dass bei Dir Zuflucht ist, damit wir Dir auch an diesem Tag froh und voll Vertrauen entgegen gehen, weil wir Jesus Christus an unserer Seite wissen und ihn glauben als unseren Richter und Retter. Amen

 

Ein Gedanke zu „Am Ende: Versöhnung“

  1. Ihre Erläuterungen zu den letzten alttestamentlichen Texten sind herausragend und herausfordernd- zumindest für einen einfachen Absolventen eines Real-Gymnasiums!-Es sind eher theol. Vorlesungen als Kommentare aus einem Andachtsbuch! Ganz ganz herzlichen Dank!! Auch heute, der Abschluß des AT, so kurz vor Weihnachten! Dem Autor und seiner Familie ein frohes, gesegnetes Weihnachtsfest von einem dankbaren Nutznießer Ihres Bloggs!!

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