Eine Zufluchts-Quelle

Sacharja 12, (1 – 8) 9 – 13,1

1 Dies ist die Last, die der HERR ankündigt. Über Israel spricht der HERR, der den Himmel ausbreitet und die Erde gründet und den Odem des Menschen in ihm macht:

             Der hier das Wort nimmt, ist nicht irgendwer. Es ist Gott selbst. Der Schöpfer des Himmels und der Erde. Der den Menschen den Lebensatem gibt. Schöpfungsglaube und die Erwartung, dass Gott in die Geschichte hinein spricht und handelt, sind in Israel spätestens seit dem zweiten Jesaja eng miteinander verknüpft. Der feierliche Anfang klingt nach hymnischer Sprache aus dem Gottesdienst. Er unterstreicht die Bedeutung der folgenden Worte. Wieder eine Last. Kein Wort so leichthin.

 2 Siehe, ich will Jerusalem zum Taumelbecher zurichten für alle Völker ringsumher, und auch Juda wird’s gelten, wenn Jerusalem belagert wird. 3 Zur selben Zeit will ich Jerusalem machen zum Laststein für alle Völker. Alle, die ihn wegheben wollen, sollen sich daran wund reißen; alle Völker auf Erden werden sich gegen Jerusalem versammeln.

             Was über den Schöpfer gesagt wird, drängt immer hin auf die Wirklichkeit. In Israel wird die Schöpfung nie bedacht ohne diesen Blick. Es ist der Schöpfer, der Jerusalem zum Taumelbecher der Völker zurichtet. Alle, die sich gegen Jerusalem, gegen Juda stellen, werden sich daran verheben. Daran ändert sich auch nichts dadurch, dass sich alle Völker auf Erden verbünden in ihrem Streit gegen Israel. „Im Hintergrund der Aussagen steht die Zionstradition von der Unangreifbarkeit Jerusalems, die aktualisiert wird.“(H. Graf Reventlow, Die Propheten Haggai, Sacharja, Maleachi, ATD 25,2; Göttingen 1993. S.115) Überflüssig zu sagen, dass das kein Freibrief für israelitische Abenteuerlust im Land der Politik ist. Aber es ist eine Warnung an alle, die auf dieses Volk Gottes  eindringen, um es zu vernichten.

 4 Zu der Zeit, spricht der HERR, will ich alle Rosse scheu und ihre Reiter irre machen, aber über das Haus Juda will ich meine Augen offen halten und alle Rosse der Völker mit Blindheit plagen. 5 Und die Fürsten in Juda werden sagen in ihrem Herzen: Die Bürger Jerusalems sollen getrost sein in dem HERRN Zebaoth, ihrem Gott! 6 Zu der Zeit will ich die Fürsten Judas machen zum Feuerbecken mitten im Holz und zur Fackel im Stroh, dass sie verzehren zur Rechten und zur Linken alle Völker ringsumher. Aber Jerusalem soll auch fernerhin bleiben an seinem Ort.

             Es ist, als würden jetzt Zuschauer einen Kommentar abgeben. Die Fürsten in Juda sehen, was geschieht und staunen. Sie sind nicht aktiv. Aktiv ist allein Gott. Er bringt die feindliche Rosse dazu zu scheuen. Er macht die Reiter irre. Es ist sein Werk, dass Juda wie ein Feuerbecken für die Feinde ist und Jerusalem sicher an seinem Ort.

In den Kapiteln 12 – 14 kommt gleich vierzehnmal die Wendung: zu der Zeit – andere Übersetzung: Es wird geschehen an jenem Tag. Die griechische Übersetzung der Bibel, die Septuaginta sagt: ν τ μρ  – an dem Tag. „Jener Tag ist nicht ein Tag mit 24 Stunden.“ (F. Laubach, Der Prophet Sacharja, Wuppertaler Studienbibel, Wuppertal 1984, s. 137)Und zu der Zeit meint keinen Datum im Kalender. Es geht um die Ankündigung von Gottes Zeit, von der Zeit, in der er handelt – in die Weltzeit hinein. Theologen sprechen in diesem Zusammenhang gern vom καιρός, Kairos, dem Zeitpunkt, an dem Gott handelt, wie es seiner Güte und Heiligkeit entspricht.

 7 Und der HERR wird zuerst die Hütten Judas erretten, auf dass sich nicht zu hoch rühme das Haus David noch die Bürger Jerusalems wider Juda. 8 Zu der Zeit wird der HERR die Bürger Jerusalems beschirmen, und es wird zu dieser Zeit geschehen, dass der Schwache unter ihnen sein wird wie David und das Haus David wie Gott, wie der Engel des HERRN vor ihnen her.

             Es gibt eine Reihenfolge für Rettungsmaßnahmen in Seenot: Kinder und Frauen zuerst. Es scheint, als habe der HERR auch so eine Reihenfolge: zuerst die Hütten Judas. Zuerst die Armen, dann erst die, deren Leben nicht so gefährdet ist. Hier meldet sich der Gott zu Wort, der eine Vorliebe hat für Witwen und Waisen, Fremde und Unterdrückte. Der die Schwachen aus dem Staub erhebt, der die Niedrigen ansieht und zu Ehren bringt.

„Wer die Starken schwächt, stärkt damit nicht die Schwachen.“ (M. Draghi) So habe ich es jüngst gelesen. Aber wer die Schwachen stärkt, das weiß der Gott Israels, der richtet Gerechtigkeit auf. Darum lässt er den Schwachen die Stärkeʼamazah – Davids zuwachsen. Wenn der Schwache sein wird wie das Haus David – ist das nicht wie der Vorhimmel? Wenn das Haus David wie Gott, wie der Engel des HERRN vor ihnen her ist – ist das nicht Zuflucht und heile Welt? Dazu passt, dass es keine Feinde mehr gibt, die sich machtvoll gegen Jerusalem stellen können.

9 Und zu der Zeit werde ich darauf bedacht sein, alle Heiden zu vertilgen, die gegen Jerusalem gezogen sind.

Was uns befremdet, wird in der Schrift oft artikuliert. Die Feinde Jerusalems sind in eines gesetzt mit den Feinden Gottes. Alle Heiden sollen keinen Raum mehr finden, um ihre Feindschaft zum Ziel zu bringen. Sie haben ihr Lebensrecht verspielt.

Mein Auge ist trübe geworden vor Gram und matt,                       weil meiner Bedränger so viele sind.                                                  Weichet von mir, alle Übeltäter;                                                        denn der HERR hört mein Weinen.                                                      Der HERR hört mein Flehen;                                                            mein Gebet nimmt der HERR an.                                                           Es sollen alle meine Feinde zuschanden werden und sehr erschrecken;                                                                                               sie sollen umkehren und zuschanden werden plötzlich.                             Psalm 6, 8 – 11

oder:

 Die Sünder sollen ein Ende nehmen auf Erden                                 und die Gottlosen nicht mehr sein.                        Psalm 104,33

             Wer ist konkret gemeint mit alle Heiden zu vertilgen, die gegen Jerusalem gezogen sind.  Es bleibt ein wenig in der Schwebe. „Die Judäer hatten seit den Assyrern, Babyloniern, Persern und Alexander dem Großen die Erfahrung einer religiös totalitär auftretenden Weltmacht machen müssen. Aus judäischer Perspektive tritt daher als Feind Jerusalems und seines Messias die jeweilige Weltmacht mit ihren religiös begründeten, von ihren Göttern gebotenen Herrschaftsauffassung auf.“ (Th. Pola /K. Offermann, Augen auf und durch, Texte zur Bibel 31, Neukirchen 2015, S. 100) Es trifft sie alle. Das verleiht diesen Worten etwas Zeitloses, immer Gültiges. An Feinden hat Jerusalem bis heute keinen Mangel.

             Wir haben unsere Psalmen-Texte in den Gesangbüchern von solchen Rache-Ausrufen und Zornes-Ausbrüchen säuberlich gereinigt, wenigstens für den Gebrauch im Gottesdienst. Das macht uns aber hilflos im Umgang mit Emotionen wie Zorn, Wut, Hass, Rachgier. Wir verbieten sie uns. Aber sind wir sie damit los? Die Beter in der Bibel geben ihrer Emotion Ausdruck – und damit geben sie sich und ihre Emotionen in Gottes Hand. Sie müssen nicht selbst in die Hand nehmen, sich zu rächen, ihrem Zorn freien Lauf zu lassen. „Rächt euch nicht selbst, meine Lieben, sondern gebt Raum dem Zorn Gottes.“ (Römer 12,19) Das hilft, dass aus dem Gefühl kein Handeln wird.

 10 Aber über das Haus David und über die Bürger Jerusalems will ich ausgießen den Geist der Gnade und des Gebets. Und sie werden mich ansehen, den sie durchbohrt haben, und sie werden um ihn klagen, wie man klagt um ein einziges Kind, und werden sich um ihn betrüben, wie man sich betrübt um den Erstgeborenen.

             Kein neuer Kampfgeist wird versprochen. Statt Rachegelüsten, negativer Emotion, der Geist der Gnade und des Gebetes. Ein völliger Sinneswandel. Das, was bei Hesekiel so klingt: „Und ich will ihnen ein anderes Herz geben und einen neuen Geist in sie geben und will das steinerne Herz wegnehmen aus ihrem Leibe und ihnen ein fleischernes Herz geben.“ (Hesekiel 11,19) Dass Menschen neu werden, können sie nicht selbst machen. Gott aber kann es und will es auch.

Dieser neue Geist, diese neuen Herzen befähigen dann auch zu sehen. Sie lassen den sehen, den sie durchbohrt haben. Mögen sie vorher seinen Tod billigend in Kauf genommen haben. Jetzt sehen sie, wer er wirklich ist und stimmen darum die Klage an. Eine Klage aus tiefer Not. tachanuim. „Aus der Tiefe rufe ich, HERR, zu dir.“(Psalm 130,2)

 „Aus tiefer Not schrei ich zu dir, Herr Gott, erhör mein Rufen.
Dein gnädig Ohr neig her zu mir und meiner Bitt es öffne;
denn so du willst das sehen an,                                                        was Sünd und Unrecht ist getan,
wer kann, Herr, vor dir bleiben?“                                                                                M. Luther 1524, EG 299

Johannes und der Seher der Offenbarung haben dieses Wort vom Sehen des Durchbohrten aufgegriffen und es auf den gekreuzigten Jesus von Nazareth bezogen. Bei Sacharja ist es ein Wort ins Ungefähre, ins Offene gesprochen. Es ist nicht wirklich historisch zuzuordnen. Es ist, in meinen Augen, ein Akt der prophetischen Schriftauslegung, der von der Glaubenserfahrung mit Jesus ausgeht, dass die beiden neutestamentlichen Zeugen das Sacharja-Wort auf Jesus auslegen.

 11 Zu der Zeit wird große Klage sein in Jerusalem, wie die um Hadad-Rimmon in der Ebene von Megiddo war. 12 Und das Land wird klagen, ein jedes Geschlecht besonders: das Geschlecht des Hauses David besonders und die Frauen besonders, das Geschlecht des Hauses Nathan besonders und die Frauen besonders, 13 das Geschlecht des Hauses Levi besonders und die Frauen besonders, das Geschlecht Schimis besonders und die Frauen besonders; 14 so auch alle andern übrig gebliebenen Geschlechter, ein jedes besonders und die Frauen besonders.

Wie eine lange Prozession schließt sich die Aufzählung der Klagenden an, ein regelrechter Klage-Reigen. Ein Mensch wird betrauert wie sonst nur ein Gott. Der, den sie durchbohrt haben. Das ist ein kühner Vergleich: Hadad-Rimmon ist „der kananäische Fruchtbarkeitsgott, der beim Vergehen der Vegetation alljährlich rituell betrauert wird.“(H. Graf Reventlow, Die Propheten Haggai, Sacharja, Maleachi, ATD 25,2; Göttingen 1993. S. 117)  Der Ort der Klage ist die Ebene von Megiddo, Schlachtenort, wo Israel oft Trauer getragen hat. .

Es ist eine Einsicht, die um sich greift, eine Klage, die andere zum Mitklagen bringt. Das habe ich oft erlebt, wie die Klage eines Einzelnen anderen den Mund öffnet, mit zu klagen, dem eigenen Schmerz Stimme zu geben, die eigenen Tränen nicht länger und gewaltsam gegen sich selbst zu unterdrücken.

 1 Zu der Zeit werden das Haus David und die Bürger Jerusalems einen offenen Quell haben gegen Sünde und Befleckung.

             Aus dieser Trauer heraus kann Neues werden. Aus dem Eingeständnis der Hilflosigkeit, der Ratlosigkeit, auch der eigenen Schuld, das in der Trauer liegen kann, kann Neues werden. So erschließt sich mir das Wort von der offenen Quelle. Hier ist nicht die Rede von einer Quelle auf dem Zion. Da gibt es auch nichts dergleichen. Mich lässt die Wendung mehr an einen Tränenstrom denken. Tränen können eine Quelle zum Guten werden. Wenn die Trauerprozession um den Durchbohrten sich so dem Leid stellt, wird der Boden für Vergebung und Versöhnung bereitet.

Im Hesekiel-Buch wird, so denke ich, der gleiche Gedanke mit dem Bild vom Strom, der aus dem Tempel fließt, zum Ausdruck gebracht. „Alles, was darin lebt und webt, wohin der Strom kommt, das soll leben.“ (Hesekiel 47,9) Tränenströme können heilsam sein. Eine Quelle zu Gutem.

 Shine Jesus shine
Fill this land with the Father’s glory
Blaze, Spirit blaze,
Set our hearts on fire
Flow, river flow
Flood the nations with grace and mercy
Send forth Your word
Lord and let there be light.                                                                                            
C.Richards/ G. Kendrick, CD Amazing love 1990

 

Mein Gott, am Ende bleibt die Zuflucht bei Dir. Auch dann haben wir keine andere Zuflucht, wenn Du Dich hart gestellt hast gegen uns wegen unseres Lebens, weil wir Dir so viel schuldig geblieben sind, weil wir uns eigensinnig verrannt haben.  

Die Tür zu Dir bleibt offen. Du willst uns hinein stellen in das Leben, das in Dir seine Quelle hat, von Dir ausgeht und immer neu zu Dir hin zurückkehren darf, seine Erfüllung findet in Dir. Amen