Tochter Zion….

Sacharja 9, (1-8) 9-12 (13 – 17)

1 Dies ist die Last, die der HERR ankündigt, im Hadrach, und auf Damaskus lässt sie sich nieder – ja, der HERR schaut auf die Menschen und auf alle Stämme Israels -, 2 dazu auf Hamat, das daran grenzt, auch auf Tyrus und Sidon, die doch sehr weise sind.

             War in den ersten acht Kapiteln des Buches der Blick ganz auf Jerusalem, mehr noch, auf den Zion ausgerichtet, so weitet er sich hier. Die Völker kommen ins Blickfeld, die Umwelt Israels. Der HERR schaut auf die Menschen. Es ist auch bei anderen Propheten zu beobachten, wie die Konzentration auf Israel nie dazu führt, dass vergessen wird, dass Israel Nachbarn hat und dass der Weg Israels nie ohne   diese Nachbarn zu verstehen ist. Das Land Hadrach, Damaskus, Hamat, Tyrus und Sidon werden ausdrücklich genannt. Vor allem zu Tyrus und Sidon gibt es viele Beziehungen, sind sie doch Hafenstädte und Israel, selbst keine Seefahrer-Nation, ist darauf angewiesen, gute Kontakte zu ihnen zu pflegen.

Eine Last wird angekündigt. Das Wort maṡṡaʼ kann „sowohl Last als auch „Ausspruch“ bedeuten; meist handelt es sich um ein Wort drohender Art.“(Luther 2017, Sach- und Worterklärungen, S. 345) Hier ist es wohl eher bedrohlich in seinem Klang.

  3 Denn Tyrus baute sich eine Festung und sammelte Silber wie Sand und Gold wie Dreck auf der Gasse. 4 Siehe, der Herr wird Tyrus erobern und wird seine Seemacht schlagen, und es wird mit Feuer verbrannt werden. 5 Wenn Aschkelon das sehen wird, wird es sich fürchten, und Gaza wird sehr angst werden, dazu Ekron, denn seine Zuversicht wurde zuschanden. Es wird aus sein mit dem König von Gaza, und in Aschkelon wird man nicht mehr wohnen, 6 und in Aschdod werden Mischlinge wohnen. Und ich will den Hochmut der Philister ausrotten. 7 Und ich will das Blut aus ihrem Munde wegnehmen und ihre Gräuel zwischen ihren Zähnen, dass auch sie unserm Gott übrig bleiben und wie ein Verwandter für Juda werden und Ekron wie die Jebusiter.

             Wenn ich summarisch zusammenfasse: Die Völker um Israel herum erfahren so etwas wie den Gottesschrecken. „All diesen Völkerschaften kündet Sacharja das Ende an.“ (F. Laubach, Der Prophet Sacharja, Wuppertaler Studienbibel, Wuppertal 1984, s. 99) Es wird ihnen nichts nützen, dass sie sich aufrüsten, eine Festung bauen, dass sie Kampftruppen wie ihre Seemacht haben. Sie, die sich zeitweise gegen Israel gestellt hatten, die oft genug Allianzen beigetreten waren, die Jerusalem gefährdeten, sie werden jetzt selbst in Furcht und Schrecken versetzt. Es sind Schrecken, hinter denen der Herr steht.

Es ist ein kurzer Weg von dieser Schilderung zu Psalm 46

Die Heiden müssen verzagen und die Königreiche fallen,             das Erdreich muss vergehen,                                                                wenn er sich hören lässt.                                                                    “Der Herr Zebaoth ist mit uns,”                                                                “der Gott Jakobs ist unser Schutz.”                                                  Kommt her und schauet die Werke des HERRN,                                 der auf Erden solch ein Zerstören anrichtet,                                         der den Kriegen steuert in aller Welt,                                                 der Bogen zerbricht, Spieße zerschlägt                                              und Wagen mit Feuer verbrennt.                                                       Seid stille und erkennet, dass ich Gott bin!                                        Ich will der Höchste sein unter den Heiden,                                       der Höchste auf Erden.                          Psalm 46, 7 – 12

Dieser Psalm ist kein Lobgesang auf die militärische Stärke Israels. Auch die Worte bei Sacharja nicht. Es ist aber das Rechnen mit dem Gott, dessen Augapfel Israel (2,9) ist.

Am Ende lese ich dennoch so etwas wie eine „versteckte Verheißung“:  Der Rest der Philister, gereinigt vom alten Wesen, soll wie ein Stamm in Juda werden und die Bewohner Ekrons wie die Jebusiter. Da meldet sich die Hoffnung auf die Umkehr der Völker. Sie wird festgemacht in der Erwartung eines Handeln Gottes, dass diese Völker auf den Weg Israels führt.

Ob historisch fassbare Ereignisse hinter diesen Worten stehen, ist – für mich jedenfalls – unklar. Es gibt die Deutung auf den Sturmlauf Alexanders des Großen, dem die Region zum Opfer fällt. „Ein erster Schritt der Verwirklichung dieser Gerichtsdrohung erfolgte gegen Ende des 4. Jh. v. Chr. Alexander d.Gr. fasste nach dem Sieg bei Issus 333 v. Chr. der Plan, die persische Seeherrschaft zu brechen. Darum zog er nach Phönizien… Nur Tyrus, Mittelpunkt der persischen Schifffahrt im Mittelmeer leistete Widerstand.“ (F. Laubach, aaO. S. 100) Dieser Sturm des großen Mazedoniers wird im Danielbuch zum Teil sehr deutlich angesprochen. Er kann auch hier schon angedeutet sein. Aber die Worte bleiben so in der Schwebe, dass Vorsicht geboten erscheint.

8 Und ich will mich selbst als Wache um mein Haus lagern, sodass keiner dort hin- und herziehe und nicht mehr der Treiber über sie komme; denn ich sehe nun darauf mit meinen Augen.

             Der Abschluss der ersten Verse ist eine Beistands-Zusage. Gott selbst will die Wache um sein Haus sein. Hatte er 586 den Tempel den Feinden preisgegeben – jetzt tritt er selbst als Wächter auf.  Wieder legt sich der Bezug zu einem Psalm nahe.

 

 Wenn der HERR nicht die Stadt behütet,                                           so wacht der Wächter umsonst.                    Psalm 127,1

 Weil der Herr im hohen Himmel wacht, ist Jerusalem von nun an behütet und wachen auch die menschlichen Wächter auf den Zinnen nicht vergeblich.

Und auch die folgende Passage aus den Königsbüchern ist nicht weit entfernt von diesem Wort. Eine Heeresgruppe des Königs von Aram soll Elisa gefangen nehmen. Elisas Diener erblickt die Feinde und will schon alles verloren geben Aber Elisa tröstet ihn: Er sprach: Fürchte dich nicht, denn derer sind mehr, die bei uns sind, als derer, die bei ihnen sind! Und Elisa betete und sprach: HERR, öffne ihm die Augen, dass er sehe! Da öffnete der HERR dem Diener die Augen und er sah, und siehe, da war der Berg voll feuriger Rosse und Wagen um Elisa her.“ (2. Könige 6, 15-17) Elisa ist in Gottes Obhut. So auch hier: Weil Gott ein Auge auf die Stadt Jerusalem geworfen hat, darum ist sie sicher.

 9 Du, Tochter Zion, freue dich sehr, und du, Tochter Jerusalem, jauchze! Siehe, dein König kommt zu dir, ein Gerechter und ein Helfer, arm und reitet auf einem Esel, auf einem Füllen der Eselin. 10 Denn ich will die Wagen vernichten in Ephraim und die Rosse in Jerusalem, und der Kriegsbogen soll zerbrochen werden. Denn er wird Frieden gebieten den Völkern, und seine Herrschaft wird sein von einem Meer bis zum andern und vom Strom bis an die Enden der Erde. 11 Auch lasse ich um des Blutes deines Bundes willen deine Gefangenen frei aus der Grube, in der kein Wasser ist. 12 Kehrt heim zur festen Stadt, die ihr auf Hoffnung gefangen liegt. Denn heute verkündige ich, dass ich dir zweifach erstatten will.

             Wie wechselt hier der Ton. Kein Wunder, dass man ursprünglich verschiedene Textteile vermutet. Und doch: Weil das Auge Gottes auf Jerusalem ruht, darum hat die Tochter Zion allen Grund zur Freude. Erst recht, wenn Gott sich in der Gestalt des Königs auf den Weg zu seiner Stadt macht.

Für mich ist kein Zweifel: Hier wird das Bild des kommenden Königs bewusst über das historische Maß hinaus aufgesprengt. Es geht nicht um irgendeinen König im Jahr 515 oder 500 oder auch 450. „Anscheinend wagt man in Juda nach dem Sieg Alexanders des Großen über Syrien, also unmittelbar nach dem Abzug der Perser, wieder so deutlich eine messianische Erwartung zu äußern, dass man gar das Wort „König“ in den Mund nimmt. Mit Alexanders Weltherrschaft sah man anscheinend eine neue Ära angebrochen, ohne aber in Alexander selbst seine Heilsfigur zu sehen.“ (Th. Pola /K. Offermann, Augen auf und durch, Texte zur Bibel 31, Neukirchen 2015, S. 87)So kann man den Text deuten, wenn man ihn zeitlich in die Jahre um 333 einordnet..

Ein Königmelek – ist angesagt. Ihm gilt der Aufmerksamkeitsruf: Siehe. Augen auf! Der Kommende wird in einer Weise charakterisiert, die die Macht-Attribute des Königtums doch auf den Kopf stellt. „Der Heilskönig wird einer sein, der Gottes Beistand genießt. `àni heißt hier nicht „arm“, jedenfalls nicht im wirtschaftlichen Sinne, sondern als Geisteshaltung:“demütig“. Auch damit ist die Gottesbeziehung gemeint. Der wahre König weiß seine Macht von Gott abhängig. Das heißt aber nicht, dass er ohnmächtig sein wird.“(H. Graf Reventlow, Die Propheten Haggai, Sacharja, Maleachi, ATD 25,2; Göttingen 1993. S. 95 )

Es geht um den kommenden König, der die Zeitenwende bringt. So sanftmütig er ist – er wird auch ein machtvoller Friedenskönig sein: Denn er wird Frieden gebieten den Völkern, und seine Herrschaft wird sein von einem Meer bis zum andern. Eine zeitgeschichtliche Einordnung wird in der Schwebe bleiben müssen. Es wird auch nicht ganz falsch sein: Das Bild des demütigen Friedenskönigs auf dem Esel ist ein Gegenbild gegen den stolzen, siegreichen, machtbewussten Mazedonier. Aber darin erschöpft es sich nicht. Und ob und in welcher Weise der Seher eine konkrete Gestalt vor Augen hat, die er so  sehen konnte, mit der er seine Worte in Einklang bringen konnte, ist kaum zu entschlüsseln.

Soviel aber steht für mich fest: Es ist gewiss Vorsicht geboten, in diesem Friedenskönig schon im Denken des Sacharja den Mann Jesus von Nazareth vorgeformt zu sehen, die Sicht des Sacharja über Jahrhunderte hinweg schon mit ihm zu verbinden. Wir als Leser heute, wir können und dürfen diese Worte zusammenschauen mit dem Einzug Jesu in Jerusalem. Wir lesen sie von unserer Glaubenserfahrung her.  Wir müssen uns allerdings dabei hüten, dass wir sie damit Israel nicht wegnehmen. Wir lesen sie nur über die Zeit hinaus.

Denn heute verkündige ich, dass ich dir zweifach erstatten will. Es liegt nahe, diesen Satz zusammen zu lesen mit dem Satz aus dem Trostbuch des Jesaja: „Redet mit Jerusalem freundlich und predigt ihr, dass ihre Knechtschaft ein Ende hat, dass ihre Schuld vergeben ist; denn sie hat doppelte Strafe empfangen von der Hand des HERRN für alle ihre Sünden.“(Jesaja 40, 2, Luther 1984) Volle Strafe übersetzt Luther 2017. Salopp formuliert: Da ist keine Rechnung mehr offen. Es ist alles abgegolten durch das Exil. Darum ist der Weg zur Heimkehr auch frei.

13 Denn ich habe mir Juda zum Bogen gespannt und Ephraim darauf gelegt und will deine Söhne, Zion, aufbieten gegen deine Söhne, Griechenland, und will dich zum Schwert eines Helden machen. 14 Und der HERR wird über ihnen erscheinen, und sein Pfeil wird ausfahren wie der Blitz, und Gott der HERR wird die Posaune blasen und wird einherfahren in den Stürmen vom Südland. 15 Der HERR Zebaoth wird sie schützen, dass sie essen und Schleudersteine unter sich treten, dass sie trinken und lärmen wie vom Wein und voll werden wie die Opferschale und wie die Ecken des Altars.

             Wieder ist es der HERR, der den Feinden entgegen tritt. Ob mit dem Kampf gegen deine Söhne, Griechenland, eine Auseinandersetzung mit Alexander dem Großen ins Spiel gebracht wird, muss nach meiner Einschätzung offen bleiben. Vielleicht ist Griechenland ja nur ein Symbol-Name für eine neue Übermacht. Allerdings stellt auch diese Möglichkeit die Frage nach der zeitlichen Einordnung dieser Worte. Am leichtesten verständlich sind sie für eine Zeit, in der die Militärmacht Griechenland schon im Blick ist, also in der Alexander-Zeit Aber die Ankündigung eines erfolgreichen Widerstandes von Juda, Ephraim und Zion  wäre, konkret auf Alexander bezogen, Verdrehung der historischen Wahrheit: Alexander hat das ganze Gebiet regelrecht überrannt.

             So martialisch solche Texte auch in unseren Ohren klingen, sie sind in Wahrheit doch ein Vorbehalt gegen den hemmungslosen Gebrauch der Waffen und gegen die Verherrlichung des Krieges. Es ist Gottes Sache, sein Volk zu schützen. Gott aber ist kein Papiertiger. Er hat Macht. Daran hält Israel neu fest, auch nach allen Erfahrungen der katastrophalen militärischen Niederlagen: Unser Gott ist stark. Die Propheten eignen sich nicht für Parolen, die zum Aufgeben und Klein-beigeben aufrufen.

 16 Und der HERR, ihr Gott, wird ihnen zu der Zeit helfen, der Herde seines Volks; denn wie edle Steine werden sie in seinem Lande glänzen. 17 Ja, wie gut es ist und wie schön! Korn lässt Jünglinge und Wein lässt Jungfrauen blühen.

Das ist ein Komplementär-Ausdruck zu dem Bild vom Augapfel. Israel ist in den Händen Gottes, und nur so, wie ein Edelstein. „Gott erhebt sein Volk wieder zu paradiesischer Schönheit und Fruchtbarkeit.“ (F. Laubach, aaO. S. 110) Das steht im krassen Gegensatz zur erfahrenen Wirklichkeit der Rückkehrer aus dem Exil in den Jahren nach dem Neuanfang. Erklärlich wird so etwas nur, wenn man die Größe Gottes in Anschlag bringt und dass er Israel in Händen hält und sein Angesicht auf es richtet. Zukunft hat Israel, weil Gott es in seinen Händen hält und lieb hat!

Von der Sache her erinnere ich hier an Martin Luther. „Die Liebe Gottes findet ihren Gegenstand nicht vor, sondern schafft ihn sich erst. Menschliche Liebe entsteht an ihrem Gegenstand“ – „Denn die Sünder sind deshalb schön, weil sie geliebt werden, sie werden nicht deshalb geliebt, weil sie schön sind.“ (1518 in der Heidelberger Disputation – 28. These) So also ist Israel ein Edelstein, weil der Herr es als Edelstein ansieht. Sein Sehen schafft den Glanz Israels.

 

Heiliger Gott, immer wieder sprichst Du, sagst uns Dein Wort, schenkst uns Deine Verheißungen, rufst uns auf Deinen Weg.

Wie oft steht uns im Weg, wie wir vorher gelebt haben, Wir hängen fest in der alten Spur wie in ausgefahrenen Weggleisen.

Danke, dass Du auch dann nicht aufhörst, nach uns festgefahren und festgelegten Menschen zu rufen. Du glaubst an unsere Kraft zu neuen Anfängen. Amen