Wem zugute?

Sacharja 7, 1 – 14

 1 Und es geschah im vierten Jahr des Königs Darius am vierten Tag des neunten Monats, der Kislew heißt, dass des HERRN Wort zu Sacharja geschah.

             Manchmal werden biblische Texte sehr genau, was die Zeit angeht. So auch hier.  Am 7. Dezember 518 geschieht das Wort des HERRN zu Sacharja. Mir fällt auf: Es heißt nicht „zu mir“, sondern von Sacharja wird in der 3. Person gesprochen, als würde ein anderer über ihn berichten. Ich bin mir nicht sicher, was das zu bedeuten hat. Es kann Hinweis auf eine Art „Fremdbericht“ sein. Ein anderer hat aufgeschrieben, was Sacharja erfahren hat. Vielleicht ist aber auch  ja nur ein Signal: Es geht nicht um mich, sondern um den Auftrag, um die Botschaft. Das genannte Datum liegt ziemlich genau 70 Jahre nach der Zerstörung Jerusalems im Jahr 586

 2 Damals sandte Bethel den Sarezer und den Regem-Melech mit seinen Leuten, um den HERRN anzuflehen, 3 und ließ die Priester, die zum Hause des HERRN Zebaoth gehörten, und die Propheten fragen:

             Zwei Leute werden gesandt. In der Übersetzung des ATD  wird aus Bethel den Sarezer  der Name Bet-el-sar-eser und das hieße dann auf  Deutsch „Bethel beschirme den König“ (H. Graf Reventlow, Die Propheten Haggai, Sacharja, Maleachi, ATD 25,2; Göttingen 1993. S. 75) ) Ein Name aus alter Zeit, wie eine Erinnerung und eine Hoffnung zugleich.

             Es ist nicht klar, woher die beiden Gesandten kommen, ob aus dem Exil oder aus dem Umfeld Jerusalems. Es liegt nahe: Sie kommen aus der Stadt Bethel. Ebenso unklar ist, zu wem sie gesandt sind. Geht ihre Sendung an Sacharja, der ihre Fürbitte, ihr Flehen sich zu eigen machen soll? Das könnte dazu passen, dass es eine der Aufgaben der Propheten sein kann, fürbittend für das Volk einzustehen. Oder geht sie doch an die Priester, und Sacharja wäre dann ein Mittler ihrer Anfrage? Für mich bleibt das ein wenig in der Schwebe. Das liegt auch daran, dass es ja noch keinen fertig gestellten Tempel in Jerusalem gibt. Dann wäre der Zielort der Sendung ja klarer. 

Muss ich immer noch im fünften Monat weinen und Fasten halten, wie ich es nun so viele Jahre getan habe?

Offensichtlich gab es im Exil eine Praxis für die Verschleppten, zum Gedenken an die Zerstörung Jerusalems im fünften Monat Fasten zu halten und Klagegottesdienste zu begehen. Das war gottesdienstliche Praxis, die auch einem Bewahren der eigenen religiösen Identität im fremden Land diente. Diese Praxis wird auch nach der Rückkehr beibehalten worden sein. Und die Frage ist dann, ob diese Zeit angesichts der Neuanfänge in Jerusalem jetzt zu Ende ist? Sind 70 Jahre nicht genug Fastenzeit und Klagezeit?

Die Frage wiederholt sich im Lauf der Geschichte, auch im säkularen Staat, wenn auch in verwandelter Gestalt. Es geht nicht mehr um Fasten und Opfer. Jedoch 75 Jahre nach der Reichs-Pogrom-Nacht fragen manche: Ist das noch zeitgemäß, stetig daran zu erinnern? Stolpersteine auf die Wege zu setzen? Nach jedem Film, der sich den Gräueln der NS-Zeit stellt, gibt es die Frage: Wann ist es genug mit dem Erinnern? Pflegen wir nicht nur einen Minderwertigkeit-Komplex, ein Schuldgefühl, das womöglich auch noch politisch genutzt werden kann? Immerhin gibt es doch die Anfrage eines Mannes wie Martin Walser, ob das immer neue Erinnern an die Schandtaten des dritten Reiches nicht mussraucht werden kann. Andererseits gibt es Leute, die einen andere „Erinnerungskultur“ in Deutschland fordern, nach dem Motto: „Mach es wie die Sonnen-Uhr, zähl die schöne stunden nur.“ Schluss-Strich-Stimmen gibt es immer, auch aus der Mitte der Gesellschaft. Auch damals in Israel.

Und – was vielen Christen nicht wirklich bewusst ist: Wir knüpfen mit dem Israel-Sonntag am 10. Sonntag nach Trinitatis Jahr für Jahr an der Gedenkpraxis Israels an. Wir erinnern an diesem Sonntag an die Zerstörung Jerusalems. Nicht schadenfroh, hoffentlich auch nicht hochmütig, sondern in dem tief demütigen Bewusstsein, dass man die Nähe Gottes verspielen kann, weil man sich ihrer zu sicher ist. Dass man gott-los werden kann, weil man sich allzu sehr darauf verlässt, dass Gott sich schon nicht entziehen wird, wenn wir ihn brauchen. „Wenn man ihn braucht, dann ist er da.“ Das kann sich als bittere Täuschung heraus stellen. Gott lässt sich nicht so als Eingreiftruppe missbrauchen.

4 Und des HERRN Zebaoth Wort geschah zu mir: 5 Sage allem Volk im Lande und den Priestern und sprich: Als ihr fastetet und Leid trugt im fünften und siebenten Monat diese siebzig Jahre lang, habt ihr da für mich gefastet? 6 Und wenn ihr esst und trinkt, esst und trinkt ihr da nicht für euch selbst?

             Es klingt wie eine schroffe Zurückweisung der Schluss-Strich-Frage. Es ist nicht Gott, der HERR, der das Fasten und Klagen braucht. Es ist ja auch nicht Gott, der die Opfer braucht. So haben es ja auch die Propheten in alten Zeiten schon gesagt: „Ich bin euren Feiertagen gram und verachte sie und mag eure Versammlungen nicht riechen. Und wenn ihr mir auch Brandopfer und Speisopfer opfert, so habe ich kein Gefallen daran und mag auch eure fetten Dankopfer nicht ansehen. Tu weg von mir das Geplärr deiner Lieder; denn ich mag dein Harfenspiel nicht hören! Es ströme aber das Recht wie Wasser und die Gerechtigkeit wie ein nie versiegender Bach.“ (Amos 5, 21-24) Amos ist nur eine Stimme unter vielen. Aber er ist nicht veraltet.

Es ist die Erinnerung, die bis heute nötig ist: Frömmigkeit ist nichts, was Gott nötig hat. „Es gibt eine Frömmigkeit, die Gott weder erreicht noch erfreut. Die gewohnheitsmäßige Erfüllung religiöser Ordnungen kann dahin führen, dass ein Mensch seinen Glauben durch Leistungen selbst bestätigen möchte.“(F. Laubach, Der Prophet Sacharja, Wuppertaler Studienbibel, Wuppertal 1984, S. 80) In einer Zeit, die von umfassendem Traditionsabbruch geprägt ist, in der fast jede „kirchliche Sitte“ sich in Nichts auflöst, wirkt so ein Satz seltsam. Fast niemand mehr setzt heute noch auf gewohnheitsmäßige Erfüllung religiöser Ordnungen. Die Mehrzahl der Kirchenmitglieder lebt ohne Gottesdienst, ohne eigenen Umgang mit der Heiligen Schrift, ohne regelmäßiges Gebet und ihr fehlt – nichts.

Doch, es gilt, was hier steht: Frömmigkeit-Übungen helfen nicht Gott auf die Beine oder mehren seinen Status. Es ist eben nicht so, dass Gott mehr Gott ist, wenn wir beten, fasten, Bibel lesen, in den Gottesdienst gehen. Gott ist nicht mehr Gott, wenn und weil Israel fastet und klagt – sagt des HERRN Zebaoth Wort.

Übertragen auf heute: Gott ist nicht „mehr“ Gott, weil der Gottesbezug in einer Verfassung mit aufgenommen wird. Nicht „mehr“ Gott, weil die Christenheit Weihnachten feiert, weil es an Weihnachten, Ostern, Pfingsten einen zweiten Feiertag gibt. Gott ist auch nicht „weniger“ Gott, weil der Buß- und Bettag abgeschafft worden ist, Gottesdienste ausfallen, das Reformationsjubiläum innerlich hohl war, Weihnachten mehr und mehr zum Winterfest der Liebe mutiert.

Gott braucht das alles nicht, all unsere Frömmigkeits-Übungen. Wir haben sie nötig und sie dienen uns. Das Bild des ehrbegierigen Gottes, der unser Beten und Fromm-sein braucht, damit er sich gut fühlt, ist eine völlige Karikatur biblischer Gottesvorstellungen.

 7 Ist’s nicht das, was der HERR durch die früheren Propheten predigen ließ, als Jerusalem bewohnt war und Frieden hatte samt seinen Städten ringsum und Leute im Südland und im Hügelland wohnten 8 – und des HERRN Wort geschah zu Sacharja -, 9 dass der HERR Zebaoth sprach: Richtet recht, und ein jeder erweise seinem Bruder Güte und Barmherzigkeit, 10 und tut nicht Unrecht den Witwen, Waisen, Fremdlingen und Armen, und denke keiner gegen seinen Bruder etwas Arges in seinem Herzen!

             Es gab einmal andere Zeiten im Negev, Südland, und der Schefola, dem Hügelland. Damals, als Friede rund um Jerusalem war, das Leben sich entfalten konnte. Schon damals haben die früheren Propheten eingeklagt, was auch heute in der Zeit des Sacharja die Forderung Gottes an sein Volk ist. Daran hat sich durch die Zeit des Exils nichts geändert.

            Was Gott bei uns sucht, sind nicht fromme Übungen, sondern das Üben von Gerechtigkeit, Solidarität, Güte und Erbarmen. Es ist ein Verweisen auf den Alltag außerhalb des Tempelbezirkes, des Lebens jenseits des Gottesdienstes. In der Sprache des Neuen Testamentes hört sich der gleiche Gedanke so an: „Ich ermahne euch nun, liebe Brüder, durch die Barmherzigkeit Gottes, dass ihr eure Leiber hingebt als ein Opfer, das lebendig, heilig und Gott wohlgefällig ist. Das sei euer vernünftiger Gottesdienst. Und stellt euch nicht dieser Welt gleich, sondern ändert euch durch Erneuerung eures Sinnes, damit ihr prüfen könnt, was Gottes Wille ist, nämlich das Gute und Wohlgefällige und Vollkommene.“ (Römer 12, 1 – 2)

Und damit es ja nicht unklar bleibt, was damit gemeint ist, wird der Apostel exemplarisch konkret: „Nehmt euch der Nöte der Heiligen an. Übt Gastfreundschaft. Segnet, die euch verfolgen; segnet, und flucht nicht. Freut euch mit den Fröhlichen und weint mit den Weinenden. Seid eines Sinnes untereinander. Trachtet nicht nach hohen Dingen, sondern haltet euch herunter zu den geringen. Haltet euch nicht selbst für klug. Vergeltet niemandem Böses mit Bösem. Seid auf Gutes bedacht gegenüber jedermann. Ist’s möglich, soviel an euch liegt, so habt mit allen Menschen Frieden.“ (Römer 12, 13 -18) Für mich ist es immer wieder erstaunlich, schön und wegweisend, wie sich Texte aus dem Alten und dem Neuen Testament gegenseitig auslegen. Ich muss nur zusehen, dass ich nachkomme.

Es geht Gott um unser Miteinander als ein Füreinander statt eines Gegeneinanders. Das ist die Bestimmung des Menschen von Anfang an, ob er nun religiös ist oder atheistisch tickt – mit den anderen so leben, dass sich darin die Lebenslust Gottes abbildet. Wenn wir so leben, wird die Welt ein besserer Ort sein können und nicht in eine ausweglose Wüste verwandelt werden.

 11 Aber sie wollten nicht aufmerken und kehrten mir den Rücken zu und verstockten ihre Ohren, um nicht zu hören, 12 und machten ihre Herzen hart wie Diamant, damit sie nicht hörten das Gesetz und die Worte, die der HERR Zebaoth durch seinen Geist sandte durch die früheren Propheten. Daher ist so großer Zorn vom HERRN Zebaoth gekommen.

             Es war vergebliche Liebesmühe, dass die Propheten so gerufen haben, dass das Wort Gottes durch sie geschehen ist. Es hat keine offenen Ohren gefunden und keine Umkehr bewirkt. Die Herzen sind hart geblieben – hart wie Diamant. Der Schuldspruch heißt: diese harten Herzen waren kein schicksalhaftes Ereignis – sie, die Hörer, haben sie hart gemacht. Das ist der Vorgang des verweigerten Hörens: Erst verweigert man und dann ist man plötzlich verschlossen und findet aus der Verweigerung nicht mehr heraus. Aus dem Überhören wird eine Unfähigkeit zu hören.

Manchmal überfällt mich die Angst, dass genau dies heute wieder geschieht. Weil das Wort des Evangeliums irgendwie nur noch so als Zierrat zur Kenntnis genommen wird, aber im Grunde doch überhört wird, wird es irgendwann so weit sein, dass die Fähigkeit zum Hören und erst recht zum Gehorchen auf das Wort völlig dahin ist. Das wäre dann das Geschehen, das für Paulus „Zorn Gottes“ ist, dass wir dahingegeben sind (Römer 1,24) an die Folgen unserer Praxis des Nicht-Hörens.

Es gibt diese unheimliche Möglichkeit der Selbstverschließung. Davon weiß nicht nur die Botschaft des Propheten. Das wissen auch Menschen mit wachem Bewusstsein für die Abgründe des Menschlichen:

„Es geht zu Ende. Seine großen Pläne                                                                          liegen vergilbt wie er auf Zimmer 3.                                                                            Aus stolzen Bäumen werden meistens Sägespäne.                                                    Den Schwestern ist das ziemlich einerlei.  

Sooft er auf die Tür starrt, sie bewegt sich                                                         ausschließlich dienstlich, keine Freunde, nie.                                                              Ist denn ein jeder Abgesang so glanzlos?                                                                      Er stirbt das erste Mal, er weiß nicht wie.

 Es ist vorbei. Am schlimmsten ist, dass alles                                                                  im Nachhinein so kurz und flüchtig scheint.                                                                Er hatte sich noch so viel vorgenommen,                                                                      so viele Tränen war’n noch nicht geweint.

 Jetzt würd’ er gern noch einmal in sich gehen                                                           und stößt an Mauern, lässt betrübt                                                                            auch diese Hoffnung fahren, und muss sehen:                                                               Er hat den Weg zu sich noch nie geübt.“                                                                                    K.Wecker, CD Wut und Zärtlichkeit 2012

 13 Und es ist so ergangen: Gleichwie gepredigt wurde und sie nicht hörten, so wollte ich auch nicht hören, als sie riefen, spricht der HERR Zebaoth. 14 Darum habe ich sie zerstreut unter alle Heiden, die sie nicht kannten, und das Land blieb verwüstet hinter ihnen liegen, sodass niemand mehr darin hin und her zog; so haben sie das liebliche Land zur Wüste gemacht.

Ich habe in der letzten Zeit, ausgelöst durch Referat-Anfragen, oft über den Zorn Gottes nachdenken müssen. Dieser Zorn hat nichts mit Emotionen zu tun, auch nichts mit Wutausbrüchen. Der Zorn Gottes zeigt sich darin, dass wir erleben, erleiden, was wir selbst praktizieren. Wir spüren die Folgen unserer Taten. Die, die nicht auf Gott hören wollten, weil sie sich nichts mehr von ihm versprochen haben, die erleben, dass ihr Rufen nach Gott ins Leere geht. Wer lange genug sagt: Da ist ja keiner, nach dem sich zu rufen lohnt, auf den sich zu hören lohnt, der erfährt auf einmal: Mein Rufen geht irgendwie ins Leere.

Es ist spiegelbildliches Verhalten: Gott antwortet auf das Verhalten seines Volkes mit dem gleichen Verhalten. Spiegelneuronen nennt man das heutzutage. Lächeln, wenn ich angelächelt werde. Schweigen, wenn ich angeschwiegen werde. Sich verschließen, wenn sich mir das Gegenüber nicht öffnet. Das wäre dann das Gericht Gottes, sein Zorn: Wie ihr mir, so ich euch.

Die Folgen sind für die Hörer Sacharjas mit Händen zu greifen. Sie haben die Trümmerlandschaft, das verwüstete Land vor Augen. Es ist der Gipfel der Anklage und zugleich der Ruf zur Umkehr: So haben sie das liebliche Land zur Wüste gemacht. Gottes Volk braucht nicht neue Offenbarungen des Willens Gottes, sondern neue Hingabe an Gott und neuen Gehorsam“. (F. Laubach, aaO.  S. 83) Nur darum wird das alles gesagt, damit die heutige Generation nicht dem Weg der Väter folgt. Damit sie Gehorsam lernt und Vertrauen übt. Damit sie Gott das Herz öffnet und seiner Gnade neu trauen lernt.

 

Herr, Du Erbarmer, gib mir ein offenes Herz. Öffne mir die Augen für Deine Gegenwart. Öffne mir die Ohren für Dein Wort. Öffne mir das Herz für Deine Güte.

Lass mich in den Worten von Menschen, die mit mir auf dem Weg sind, Dein Rufen hören. Und lass mich Menschen so antworten, dass ich sie ganz ernst nehme und in ihnen und hinter ihnen Dich sehen, den Gott, der sich so oft in Menschen hinein verbirgt, in die vielen und in den Einen, Deinen Sohn Jesus Christus, meinen Herrn und der sich so in ihm zu erkennen gibt. Amen