Krönung

Sacharja 6. 9 – 15

9 Und des HERRN Wort geschah zu mir: 10 Nimm von den Weggeführten, von Heldai und von Tobija und von Jedaja, und komm du am selben Tag, komm in das Haus Joschijas, des Sohnes Zefanjas, wohin sie von Babel gekommen sind,  11 nimm Silber und Gold und mache Kronen und kröne das Haupt Jeschuas, des Hohenpriesters, des Sohnes Jozadaks, 12 und sprich zu ihm:

             Keine Vision, sondern ein Auftrag. Es ist  des HERRN Wort, das Sacharja in Bewegung setzt. Es fällt mir auf, ohne dass ich es gleich zu deuten wüsste. Sacharja sagt: Es geschah zu mir. “Wort-Ergehens-Formel” nennen die Exegeten diese Wendung. Sacharja ist unmittelbar in Anspruch genommen. Nicht vermittelt, indirekt, sondern von Gott selbst. Bei den Visionen sagt er: Ich hob meine Augen auf (2,1; 5,1; 6,1)  und die Worte an ihn sind Engelsworte. Hier aber: Des HERRN Wort. 

             Dieses Wort lässt ihn Weggefährten suchen und finden. Was Sacharja tun wird, ist kein prophetischer Alleingang. Weggefährten von den Weggeführten, Heldai, Tobija und Jedaja. So werden also die Heimkehrer neu gewürdigt. Sie sind mit dabei, wenn es zu neuen Schritten kommen wird.  Es sind drei, die mit ihm gehen werden. Ob sie Silber und Gold als Spende für den Wiederaufbau des Tempels mitgebracht haben? Ob sie in dieser Dreier-Zahl Pate gestanden haben für „unsere“ Drei Weisen? Wir erfahren nichts darüber. Manchmal ist Sacharja nicht sonderlich auskunftsfreudig.

Sie haben einen ebenso klaren wie anspruchsvollen Auftrag und er duldet keinen Aufschub: am selben Tag. „Das hebräische bajom hahuʼ kann heißen: an jenem Tag, der zur Offenbarungsnacht gehört; denn der Tag geht von einem Abend bis zum nächsten Abend.“ (F. Laubach, Der Prophet Sacharja, Wuppertaler Studienbibel, Wuppertal 1984, S. 74)Sie sollen Jeschua, den Hohenpriester krönen. Aber nicht zum König. Das Königtum ist in Juda mit dem Untergang Jerusalems und dem Ende der Davids-Dynastie Geschichte. Was also soll diese Krönung?      

 So spricht der HERR Zebaoth: Siehe, es ist ein Mann, der heißt »Spross«; denn unter ihm wird’s sprossen, und er wird bauen des HERRN Tempel. 13 Ja, den Tempel des HERRN wird er bauen, und er wird herrlich geschmückt sein und wird sitzen und herrschen auf seinem Thron. Und ein Priester wird sein zu seiner Rechten, und es wird Friede sein zwischen den beiden.

             Offensichtlich wird Jeschua stellvertretend gekrönt. Für den Spross. Wer das ist, wird nicht gesagt. Natürlich könnte der Statthalter Serubbabel gemeint sein, unter dem der Tempelbau gestartet wird, der auch aus der Davids-Linie stammt. Aber gesagt wird es nicht. Wohl doch deshalb, damit es offen bleibt, ob er der Spross ist. „Der Mann, der eben den Tempel baut, ist nicht der eigentliche Bauherr; der Mann, der eben die Herrschaft trägt, ist nicht der eigentliche Träger derselben.“ (F. Laubach, aaO. S. 75)

Zwei Aufgaben, Wirkungen sind mit dem Spross verbunden, mit der Zukunft, die mit ihm anbricht. Das Land wird aufblühen, sprossen und er wird des HERRN Tempel bauen. Einmal mehr lese ich – als Christ, der die Texte Israels liest, die auch zu unserer Bibel geworden sind – über das Wort des Propheten hinaus. „Jesus antwortete und sprach zu ihnen: Brecht diesen Tempel ab und in drei Tagen will ich ihn aufrichten.“ (Johannes 2, 19) Und der gleiche Jesus sagt: „Ich bin gekommen, damit sie das Leben und volle Genüge haben sollen.“ (Johannes 10,10)  Und von ihm bekennt die junge Christenheit im Hymnus: „Darum hat ihn auch Gott erhöht und hat ihm den Namen gegeben, der über alle Namen ist, dass in dem Namen Jesu sich beugen sollen aller derer Knie, die im Himmel und auf Erden und unter der Erde sind, und alle Zungen bekennen sollen, dass Jesus Christus der Herr ist, zur Ehre Gottes, des Vaters. (Philipper 2, 9-11)

Ich gehe kaum zu weit, wenn ich sage: Diese Art zu lesen ist seit den Anfängen der Christenheit im Schwang. Sie verbindet das Wort des Propheten mit der Sicht des Glaubens, die aus der Begegnung mit Jesus, mit dem auferstandenen Christus entstanden ist. Der so herrlich auf dem Thron ist, das ist der, der in die Niedrigkeit eingegangen ist, bis in die tiefsten Tiefen. Sacharja hat ein gerüttelt Maß  Anteil an dieser Leseweise. Das wird sich auch später noch zeigen.

Aber man muss sich auch ehrlich machen: Was hier steht, weist nicht unfehlbar auf Christus hin. Es hat eine messianische Offenheit, ganz gewiss. Aber diese Offenheit mit Jesus zu füllen, ergibt sich nicht aus dem Text, sondern ergibt sich aus dem Glauben an Jesus. Es ist der Glaube der Christen, der hier den Messias Jesus angekündigt sieht. Der Glaube eines jüdischen Menschen kommt nicht von wie selbst auf diese Sicht. Also noch einmal: es ist der Jesus-Glaube, der aus diesem Text und aus anderen prophetischen Texten Ankündigungen Jesu macht, indem er sie auf Jesus hin deutet. Dieser Glaube ist das Erste und ist nicht das Resultat unvoreingenommenen Text-Lektüre. Er wird durch die vorgeprägte Lektüre bestärkt und bestätigt.

14 Und die Kronen sollen zum Andenken an Heldai, Tobija, Jedaja und den Sohn Zefanjas im Tempel des HERRN bleiben. 15 Und es werden kommen von ferne, die am Tempel des HERRN bauen werden. Da werdet ihr erkennen, dass mich der HERR Zebaoth zu euch gesandt hat; und das soll geschehen, wenn ihr gehorchen werdet der Stimme des HERRN, eures Gottes.

Der Tempel soll auch ein Ort der Erinnerung sein. Der Gegenwart Gottes. Aber auch der Erinnerung an frühere Zeiten und ihre Erfahrungen. Darum sollen die Kronen aufbewahrt werden. Und mit den Kronen die Erinnerung an ihre „Stifter“. Es gibt nicht nur die anonymen Gaben. Es gibt auch die Gaben namentlich bekannter Stifter. Weil es diese gibt, sind auch die anonymen Stifter unvergessen. Zugleich: Die aufbewahrte Krone „bleibt ein sichtbares Unterpfand der kommenden Herrschaft des Messias.“ (F. Laubach, aaO.  S. 75)

Dieser Tempelbau ist kein Werk bloß der Einheimischen. Von ferne werden Bauhelfer kommen. Später, im Esra-Buch wird das durchaus konfliktträchtig geschildert. Da wachen die Einheimischen und die Rückkehrer aus Babylon eifersüchtig darauf, dass der Tempelneubau ihr Werk bleibt (Esra 4, 2 – 4). Aber hier, bei Sacharja, ist die Sicht weit. Die von ferne kommen zum Tempelbau sind wie ein Vorspiel zu den Worten Jesu: „Und es werden kommen von Osten und von Westen, von Norden und von Süden, die zu Tisch sitzen werden im Reich Gottes.“ (Lukas 13, 29)

Wo das geschieht, wo es so weit kommt, da gehen die Augen auf. Die Worte des Propheten werden als Botschaft des HERRN verstanden. Es wird klar: Das war nicht nur seine Idee. Hinter alle diese Worte des Propheten stellt sich Gott selbst. Es ist der Wahrheitserweis der prophetischen Botschaft. Sie erfüllt sich und in ihrer Erfüllung wird sie als Wegweisung Gottes erkannt.

Das freilich geht nicht ohne den Gehorsam. Im Zusammenhang hier: Ohne den Gehorsam gegen das so konkrete Wort: Kronen machen und sie dem Jeschua zur Krönung aufsetzen. „Nur der Glaubende ist gehorsam und nur der Gehorsame glaubt. (D. Bonhoeffer; Nachfolge; S. 35) Auf dem Weg des Gehorsams vertieft sich die Gotteserkenntnis und auch die Klarheit über die Worte seiner Boten.

 

Herr Jesus, Du bist der König aller Könige, Herr aller Herren. Du bist gekrönt mit Gerechtigkeit und geschmückt mit Erbarmen. Alle Herrlichkeit hat der Vater Dir gegeben und Du hast sie bewährt im Gehorsam.

Gib Du uns, dass wir Dich ehren und uns Deinem Wort anvertrauen, Tag um Tag. Amen