Es ist eine Ruhe vorhanden

Sacharja 6, 1 – 8

 Und ich hob meine Augen abermals auf und sah, und siehe, da waren vier Wagen, die kamen zwischen den zwei Bergen hervor; die Berge aber waren aus Kupfer. 2 Am ersten Wagen waren rote Rosse, am zweiten Wagen waren schwarze Rosse, 3 am dritten Wagen waren weiße Rosse, am vierten Wagen waren scheckige Rosse, allesamt stark. 4 Und ich hob an und sprach zum Engel, der mit mir redete: Mein Herr, wer sind diese?

    Wagen sieht der Seher. Sehr wahrscheinlich Kampfwagen. „Das hebräische Wort mӕrkabah, das hier steht ist gleichbedeutend  mit dem hebräischen rekeb;  beide Worte sind austauschbar und bezeichnen an fast allen Stellen, wo sie vorkommen, Kriegswagen.(F. Laubach, Der Prophet Sacharja, Wuppertaler Studienbibel, Wuppertal 1984, S. 69)Also keine Kutschen für Spazierfahrten. Sie werden von verschiedenfarbigen Pferden gezogen. Dieses Bild mit den verschiedenfarbigen Pferden wiederholt sich in der Offenbarung(6, 1 – 8). Aber dort sind es nicht Pferde, die einen Wagen ziehen, sondern Reitpferde. Und es kommt dort vor allem auf die Reiter an, die jeder ihre eigene „Funktion“ im Geschehen haben. In den „Apokalyptischen Reitern“ Dürers ist das Offenbarungsbild ins Bild gesetzt worden.

Der Seher sieht, aber er versteht nicht. Das zieht sich ja durch das Sacharja-Buch als ein roter Faden. Und dieses andauernde Unverständnis macht darauf  aufmerksam, dass das Verstehen himmlischer Botschaften sich eben nicht von selbst versteht, auch nicht für Gottesgelehrte, Theologen. Es braucht den „Mittlerengel“, den angelus interpres, den Boten, der das Gesehene zu deuten vermag. Wenn das Bild nicht entschlüsselt werden kann, hilft es nicht. Ohne Engel sind wir aufgeschmissen. Verstehen nicht und kriegen auch nichts mit – wie damals in Bethlehem, wo eine ganze Stadt alles verschlafen hat. Nur auf dem Hirtenfeld kam die Botschaft an – durch die Engel.

Es ist die viel spätere Erwartung und Erfahrung des Paulus, dass Gott seiner Gemeinde die Gaben gibt, die es braucht – für Bilder, für Worte, für die Übersetzung ins Leben. „Wie ist es denn nun, liebe Brüder? Wenn ihr zusammenkommt, so hat ein jeder einen Psalm, er hat eine Lehre, er hat eine Offenbarung, er hat eine Zungenrede, er hat eine Auslegung. Lasst es alles geschehen zur Erbauung! Wenn jemand in Zungen redet, so seien es zwei oder höchstens drei und einer nach dem andern; und einer lege es aus. Ist aber kein Ausleger da, so schweige er in der Gemeinde und rede für sich selber und für Gott. Auch von den Propheten lasst zwei oder drei reden, und die andern lasst darüber urteilen. Wenn aber einem andern, der dabeisitzt, eine Offenbarung zuteil wird, so schweige der Erste. Ihr könnt alle prophetisch reden, doch einer nach dem andern, damit alle lernen und alle ermahnt werden.“ (1. Korinther 14, 26-32)

     Die Rätsel-Bilder, die Sacharja sieht, sollen entschlüsselt werden. Dass wir sie nicht verstehen, spricht nicht dagegen. Heran tasten dürfen wir uns aber. Die Pferde kommen von den zwei Bergen her, die aus Kupfer sind. Edelstes Metall. Es wird nicht klar, welche Berge so bestimmt bezeichnet werden. „Die Auffassung, es könne sich bei den beiden Bergen nur um den Berg Zion und den Ölberg handeln, ist in der Bereich der Spekulation zu verweisen.“ (F. Laubach, ebda.) Manchmal müssen wir uns eingestehen: wir wissen nicht. Wahrscheinlich aber ist der Versuch einer geographischen Verortung schon im Ansatz verfehlt, führt doch auch diese Vision wieder in den Zwischenbereich zwischen Erde und Himmel, irdischer und himmlischer Wirklichkeit.

Es spricht viel dafür, dass damit angedeutet wird, dass sie aus dem Himmelstor kommen, das hinter den Bergen verborgen ist. Biblische Seher haben öfters einmal eine Scheu davor, alles zu sagen, alles zu erklären. Sie deuten mehr an, weil das Geschehen ja größer ist als unser Verstehen und Begreifen. Darum nimmt der Engel das Wort.

5 Der Engel antwortete und sprach zu mir: Es sind die vier Winde unter dem Himmel, die hervorkommen, nachdem sie gestanden haben vor dem Herrscher der ganzen Erde. 6 Die schwarzen Rosse zogen in das Land des Nordens, die weißen zogen hinter ihnen her, und die scheckigen zogen in das Land des Südens.7 Diese starken Rosse also zogen aus und wollten sich aufmachen, um die Lande zu durchziehen. Und er sprach: Geht hin und durchzieht die Lande! Und sie durchzogen die Lande. 8 Und er rief mich an und redete mit mir und sprach: Sieh, die nach Norden ziehen, lassen meinen Geist ruhen im Lande des Nordens.

Ich glaube, dass nicht Zug um Zug des Bildes zu deuten ist. Jedes Detail. Es geht nicht um Zuweisung besonderer Botschaften für Nord und Süd, Ost und West. Wobei in der neuen Übersetzung nur Norden und Süden ausdrücklich erwähnt sind. In der Luther-Bibel 1984 hieß es noch: „die weißen ziehen nach Westen“. Da fiel nur der Osten als Zug-Richtung aus.

Wie auch immer, es geht wohl um die Gegenwart Gottes, beschrieben, angedeutet in den vier Winden, für die auch die Wagen und die Rosse stehen. so unterschiedlich sie in ihren Farben sind, so unterschiedlich in ihren Bewegungs-Richtungen, für sie alle gilt: Gott ist gegenwärtig. Allgegenwärtig. Es könnt sein, dass die vier Farben und vier Richtungen auch diese Botschaft mit einschließen: die Gegenwart Gottes ist vielgestaltig. Er ist auch da, wo seine Gegenwart nicht so sieghaft erfahren wird, im Norden, im Reich der Perser, wo die Machtworte des Perser-Königs gelten und Gott scheinbar nichts zu melden hat. Es kann schon so sein, dass hier auch anklingt: „Kein Land wird von Gottes Gericht verschont bleiben.“ (F. Laubach, aaO. S. 70)

Es klingt wie eine Kampfansage, sagen manche – aber für mich klingt es mehr noch wie der Zuspruch an verzagte Leute. Im Land des Nordens will Gott seinen Geist ruhen lassen. Das ist keine Gerichtsansage, sondern ein Trostwort. Wo es auf den ersten Blick nach ganz anderen Regeln zugeht, nach den Regeln der Macht und der Mächtigen, da will Gott seinen Geist hingeben.

Es gibt auch andere Übersetzungsmöglichkeiten: „Siehe, die nach dem Land des Nordens ziehen, die bewirken, dass mein Geist sich [im Zorn] niederlässt im Land des Nordens.“(Schlachter) – und:  „Schau, jene, die hinausziehen ins Land des Nordens, beruhigen meinen Geist im Land des Nordens!“(Zürcher) Ganz salopp: „Sieht du das? Die Wagen sorgen dafür, dass Gott sich in dem Land des Nordens abreagieren kann.“ (Volxbibel) Alle diese Übersetzungen gehen darauf zurück, dass a nicht nur Wind oder Geist, sondern auch Zorn heißen kann.  Und in der Septuaginta, der griechischen Übersetzung der Siebzig, wird eben dieses a hier mit θυμόςHeftigkeit, Glut, Zorn (Gemoll, Griech.-Deutsches Schul- u. Handwörterbuch, München 1957, S. 379) wiedergegeben. Es ist also eine Deutung, die ein ehrwürdiges Alter für sich sprechen lassen kann. Die im Kern aber gleichfalls das mächtige Land des Nordens unter der Macht Gottes sieht.

Wie auch immer: Das Sacharja-Buch und diese Vision sind nicht allein mit dieser Sicht. Es fällt auf, wie in Esra und Nehemia, wie in Jesaja und Jeremia wieder und wieder bezeugt wird: Die Mächtigen müssen dem Willen Gottes dienen. Sie müssen mit ihrer Macht Werkzeuge dessen sein, was Gott für sein Volk tun will. Sie sind nicht die Herren der Weltgeschichte, selbst wenn sie sich noch so selbstherrlich aufführen. Vielleicht ist ja diese Botschaft vom geschichtsmächtigen Gott da besonders von Nöten, wo Menschen in Bedrängnis sind, den Mächtigen der Zeit hilflos, wehrlos ausgesetzt. Ohne Chance, sich selbst zum Recht zu helfen und Einfluss zu nehmen. Da hilft der Glaube an die Grenzen, die irdischer Macht gesetzt sind, sich nicht ganz und gar ausgeliefert zu fühlen.

Wir haben gelernt, als Schüler in den 50-er Jahren und dann auch im Lebensvollzug: Alle Macht geht vom Volk aus. Wir sind stolz auf unsere Demokratie. Wir haben ja auch Anteil an der Machtausübung, selbst dann, wenn das ironische Graffiti Recht hat: „Wer seine Stimme abgegeben hat, hat keine mehr.“ Vielleicht haben wir es auch deshalb schwer mit diesem biblischen Zeugnis von dem geschichtsmächtigen Gott, weil wir das gelernt haben: Alle Macht geht vom Volk aus. Wird nicht Geschichte bei uns und von uns gemacht? In den Machtzentralen der Politik, den Konzernzentralen, den Funkhäusern und manchmal auch in den Geheimdienstzentralen, deren Standorte geheimnisumwittert sind.

Ist es mehr als ein ironischer Zwischenruf? „Hominum confusione et Dei providentia confoederatio Helvetica regitur. “- “Die Helvetische Konföderation wird gelenkt durch die Voraussicht Gottes und die Konfusion der Menschen.”. So steht es im Staatswappen der Schweiz. Sacharja scheint vorzeiten schon in dieser Spur zu denken, genauer: zu sehen. Es mag ja sein, dass die Mächtigen der Erde ihre Pläne schmieden und ins Werk setzen wollen und auch Macht dazu haben. Aber am Ende wird es so sein müssen, dass alle Pläne und Mächte dem Planen des HERRN zu dienen haben.

Jedenfalls ist es sicherlich kein Zufall, dass das Letzte der Nachtgesichte bei Sacharja mit diesem Satz endet: Sieh, die nach Norden ziehen, lassen meinen Geist ruhen im Lande des Nordens. Das ist die Übersetzung, die mich überzeugt und anregt: Du Seher, musst keine Angst haben und Du musst nicht mit einer Angst-Botschaft zu dem Volk gehen. Du darfst ansagen, dass der Geist Gottes über der Macht der Mächtigen ruht und dass ihr deshalb auch zur Ruhe (Hebräer 4,1) kommen werdet.

Es ist eine Ruh vorhanden für das arme müde Herz;
sagt es laut in allen Landen: Hier ist gestillet der Schmerz.

Es ist eine Ruh gefunden für alle, fern und nah,
in des Gotteslammes Wunden, am Kreuze auf Golgatha.                                                     E.  Fürstin von Reuß 1867   EG Bayern 621

Das geht weit über den Text des Sacharja hinaus. Und doch denke ich: Dazu will mich dieser Text verführen, diesen Zusammenhang zu sehen und auf mich wirken zu lassen.

 

Herr Jesus, wie oft habe ich das gesagt, dass Dein Frieden höher ist als unser Denken und Begreifen. Es hat lange gedauert, bis es mir mehr geworden ist als ein liturgisches Schlusswort nach der Predigt.

Ich fange an zu lernen, dass es mit unserem Begreifen nicht weit her ist, dass Demut uns gut zu Gesicht steht, dass wir uns bergen dürfen in die Weisheit, die unsere Vernunft so weit übersteigt.

Herr Jesus, ich strecke mich nach Dir, in dem alle Weisheit der Welt geborgen ist, der das Geheimnis Gottes in die Welt gebracht hat, der uns liebt, einfach weil Du uns liebst. In Dir finde ich Ruhe. Amen