Land ohne Sünde

Sacharja 5, 1 – 11

Und ich hob meine Augen abermals auf und sah, und siehe, da war eine fliegende Schriftrolle. 2 Und er sprach zu mir: Was siehst du? Ich aber sprach: Ich sehe eine fliegende Schriftrolle, die ist zwanzig Ellen lang und zehn Ellen breit.

             Ich verstehe nicht wirklich. Eine überdimensionierte Schriftrolle fliegt durch den Himmel. Nicht geworfen. Sie fliegt. Aus eigenem Antrieb? Sacharjas Ratlosigkeit diesem Gesicht gegenüber zeigt sich in der scheinbar völlig nebensächlichen Feststellung der Größenverhältnisse der Schriftrolle. „Sie ist überdimensional groß, so dass keine menschliche Hand sie zu halten vermag. Die Maße werden mit etwa 10 m Länge und 5m Breite angegeben.“ (F. Laubach, Der Prophet Sacharja, Wuppertaler Studienbibel, Wuppertal 1984, S.61)

 3 Und er sprach zu mir: Das ist der Fluch, der ausgeht über das ganze Land; denn alle Diebe werden nach dieser Schrift von hier ausgefegt und alle Meineidigen werden nach dieser Schrift von hier ausgefegt. 4 Ich will ihn ausgehen lassen, spricht der HERR Zebaoth, dass er kommen soll über das Haus des Diebes und über das Haus dessen, der bei meinem Namen falsch schwört. Und er soll in dem Haus bleiben und soll’s verzehren samt seinem Holz und seinen Steinen.

 Wichtiger als die Ausmaße wäre doch zu wissen, was auf der Schriftrolle steht. Hier kann man nur aus dem Zusammenhang vermuten. Es müssen Worte sein, die den Diebstahl und den Meineid ächten. Die einzelne Übertretung macht sichtbar: Das ganze Gebot Gottes wird missachtet.  Das Ausmaß der Missachtung der Gebote ist so groß, dass es sich in der Größe der Schriftrolle spiegelt. Dann wäre die Größenangebe doch nicht völlig überflüssig. Sie leitet sich aus dem Übermaß der Sünde ab und signalisiert zugleich das Gewicht des Fluches, der ausgeht über das ganze Land. Sie muss wohl deshalb so groß sein, weil auf ihr die Unsumme aller Übertretungen verzeichnet ist.

Es gilt festzuhalten: Das Gebot ist da, vom Himmel her. Aber hier ist es nicht Wort, das leitet, sondern Wort, das richtet. Da kommt einer – mit den Anklagen dieser Schriftrolle! Und er kommt als Richter. Ein Fluch kommt. Keine Person, sondern ein Wort, Fluch als ein Gerichtswort. Und es werden eine Menge Gründe angedeutet, die sein Kommen zum Gericht  rechtfertigen – Diebstahl und falsche Eide zuerst. Aber sie sind wohl nur die Spitze des Eisberges. Die Schrift an der Wand fällt mir ein – gezählt, gewogen und zu leicht befunden (Daniel 5).  Aber ob es das ist? Nur so viel scheint mir deutlich, dass es keine freundliche, keine tröstliche Vision ist, sondern eher eine, die Furcht auslöst. 

Das Irritierende an dieser Vision: Sie ist nicht rückwärtsgewandt, Erklärung für die Schuld der Väter. Sondern sie zielt offensichtlich auf die Gegenwart. Auf die Generation, die aus dem Exil nach Hause zurück gekehrt ist und sich an den Wiederaufbau Jerusalems macht. „Die Schar des erweckten Gottesvolkes besteht nicht aus fehlerfreien, sündlosen Menschen. Gerade in der Mitarbeit am Reiche Gottes sind sie ständig durch die Versuchung zur Sünde gefährdet. Das gilt auch für das Gottesvolk des Neuen Bundes.“ (F. Laubach, aaO. S. 63)

Es ist das Ärgernis, das bis heute besteht: Menschen, die in den Kirchen engagiert sind, die sogar leitenden Funktionen haben, sind nur allzu menschlich. Sie leisten sich üble Fehlgriffe, vom sexuellen Missbrauch und finanziellem Betrug bis hin zu dem Missbrauch ihrer geistlichen Autorität. Auch kirchliche Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter bleiben Sünder – bis zuletzt. Und bieten so willkommene Angriffsflächen für die, die schon immer an den großen Betrug der Religion glauben.

Das große Aber. Es gilt der Satz, dass in einer Kirche, in der nur Platz für sündlose Menschen ist, die kein Fehler haben und keine Fehler machen, die schon auf Erden und nicht erst im Himmel perfekt sind, vollkommen, kein Platz für mich wäre.  Ich dürfte da nicht mittun.

5 Und der Engel, der mit mir redete, trat hervor und sprach zu mir: Hebe deine Augen auf und sieh! Was kommt da hervor? 6 Und ich sprach: Was ist das? Er aber sprach: Das ist eine Tonne, die da hervorkommt – und sprach weiter: Das ist die Sünde im ganzen Lande. 7 Und siehe, es hob sich der Deckel aus Blei und da war eine Frau, die saß in der Tonne. 8 Er aber sprach: Das ist die Gottlosigkeit. Und er stieß sie in die Tonne und warf den Deckel aus Blei oben auf die Öffnung. 9 Und ich hob meine Augen auf und sah, und siehe, zwei Frauen traten heran und hatten Flügel, die der Wind trieb – es waren aber Flügel wie Storchenflügel -, und sie trugen die Tonne zwischen Erde und Himmel dahin. 10 Und ich sprach zum Engel, der mit mir redete: Wo tragen diese die Tonne hin? 11 Er aber sprach zu mir: Dass ihr ein Tempel gebaut werde im Lande Schinar und sie dort aufgestellt werde.

Das Bild sehe ich. Aber es geht mir wie dem Seher: Ich sehe und verstehe nicht. Das gibt es ja oft, dass man etwas sieht und es nicht zu deuten vermag. Wieder habe ich Einfälle. Die Büchse der Pandora. Die enthält gemäß der griechischen Mythologie alle Übel der Welt. Und als Pandora sie öffnet, wird die ganze Welt versucht, verseucht.  Hier aber öffnet nicht eine Frau die Tonne, sondern sie ist in der Tonne. Einem Getreidegefäß, wie mich der Kommentar belehrt. Und sie ist die Sünde. „In der Getreidetonne ist das Vollmaß des Bösen eingeschlossen.“ (F. Laubach, aaO. S. 64

Ich muss nicht nachschauen, um Ideen zu bekommen. Die Frau als Quelle allen Übels, als gestaltgewordene Sünde – das hat eine lange, unheilvolle Auslegungstradition hervor gebracht. Sie wird nicht dadurch besser, dass fromme Leute so etwas bis heute verteidigen. Es gibt eine Furcht vor der Frau, die sich in solche abenteuerlichen Sehweisen verkleidet.

Aber die Botschaft ist hier gerade nicht: Die Frau ist an allem schuld – Eva als Urmutter und alle Frauen nach ihr. Es sind ja auch – merkwürdig genug – zwei Frauen, mit Flügeln, wie Engel (?), die diese Tonne mit der personifizierten Sünde wegtragen.

Man muss es sich wohl eingestehen. Es gibt eine Tendenz in den alten Schriften, nicht nur bei Sacharja, Frauen für das Böse in der Welt verantwortlich zu sehen. Das Böse in ihnen personifiziert zu sehen. Es sind Bilder einer patriarchalisch geprägten Gesellschaft, die so durchscheinen und den anderen Teil der Menschheit, die Männer, entlasten. Wir denken – heute – hoffentlich anders. Wir sehen nicht „die Frauen“ als Verkörperungen des Bösen. Es gibt schlimme Frauen so wie es schlimmer Männer gibt. Die Geschlechter geben sich da nicht viel. Darum gilt: Jede und jeder muss für sich betrachtet werden. Als Einzelner und Einzelne, nicht als Typ, der/die das ganze andere Geschlecht repräsentiert.

Darauf kommt es in diesem Bild entscheidend an: Die Sünde wird weggetragen. Das Land, gemeint ist sicher Juda, wird gereinigt von der Sünde. Und der Sünde wird ein Haus gebaut, ein Tempel, im Land Schinar. Westlich von Assyrien. Dort liegt Babylon. Dort stand schon der Turm, der zum Himmel reichen sollte, Symbol menschlichen Größenwahns (1. Mose 11). Jetzt also wieder ein Haus für die Sünde. Ein harsches Urteil ist das über die Tempel in Babylon. Sie sind Sündenhäuser. Im fremden Land, im Elend, ist die Sünde zu Hause. Aber hier, in Juda ist ihr Platz nicht länger.

Das ist am Ende, ohne dass es ausdrücklich gesagt wird, ein Hoffnungsstreifen am düsteren Horizont. Dort, von wo die Sünde weggetragen ist, da gibt es wieder Zukunft, wieder Hoffnung auf das Heil. Mir geht das Bild vom großen Versöhnungstag, Yom Kippur, durch den Sinn. Da wird die Sünde hinausgetragen aus der Stadt, damit wieder Heil werden kann. Und mir geht der Satz nach, der sich darauf bezieht: „Darum hat auch Jesus, damit er das Volk heilige durch sein eigenes Blut, gelitten draußen vor dem Tor. So lasst uns nun zu ihm hinausgehen aus dem Lager und seine Schmach tragen.“(Hebräer 13, 12-13)

Ob das weit, zu weit her geholt ist? Aber Bilder wollen doch Assoziationen frei setzen. Sie wollen Hoffnungen in uns auslösen. Und ich finde es gut, dass diese düstere Vision der Schriftrolle nicht alles ist und dass sich mit der so seltsamen Vision von der Frau in der Tonne doch Hoffnungen verbinden lassen

 

Heiliger Gott, wie klein sind meine Hoffnungen geworden. Dass ich einigermaßen ordentlich lebe, nicht schuldig werde, nicht Böses tue, Menschen das Leben nicht eng mache.

Wie groß ist das Bild, das Sacharja sieht: Das Land ist frei von Sünde. Sie ist weggetragen. Ein Land als sündloser Raum. Ist das nur ein schöner Traum?

Herr, lass mich darum beten und lass mich dafür arbeiten  – und schicke Du Deine Engel, die das Land befreien von der Last der Sünde. Amen