Fragen, Fragen

Sacharja 4, 1 – 14

1 Und der Engel, der mit mir redete, weckte mich abermals auf, wie man vom Schlaf erweckt wird, 2 und sprach zu mir: Was siehst du? Ich aber sprach: Ich sehe, und siehe, da steht ein Leuchter, ganz aus Gold, mit einer Schale oben darauf, auf der sieben Lampen sind und sieben Schnauzen an jeder Lampe, 3 und zwei Ölbäume dabei, einer zu seiner Rechten, der andere zu seiner Linken.

             Sacharja wird aufgeweckt, als ob er zuvor geschlafen hätte. Ist es also Erinnerung, was er sieht, und es müsste in Wahrheit heißen: Was hast Du im Schlaf gesehen? Es kann aber auch so sein – das nachfolgende Bild erscheint vor den Augen des aufgeweckten Sacharja. Er muss wach sein, damit er sehen kann. Was er sieht, ist so auf jeden Fall kein Traumgesicht. Er sieht Kult-Gegenstände. Ein Leuchter, eine Schale, sieben Lampen, zwei Ölbäume. Eine Menorah – das Urbild des siebenarmigen Leuchters. Sacharja, der im Exil geboren ist und nie den Tempel gesehen hat, der sieht nun doch diesen Leuchter, „die einzige Lichtquelle im Heiligtum (erg.: in Jerusalem) und das Licht seiner Lampe sollte nie verlöschen“ (F. Laubach, Der Prophet Sacharja, Wuppertaler Studienbibel, Wuppertal 1984,Ss. 55)  Was Sacharja sieht, ist Ausstattung des Tempels. Meine Vermutung: Es ist eine Eingangs-Situation – ob am Tempel, ob zum Himmel, das ist unklar. Aber es geht um Zugang, wie auch immer.

 4 Und ich hob an und sprach zu dem Engel, der mit mir redete: Mein Herr, was ist das? 5 Und der Engel, der mit mir redete, antwortete und sprach zu mir: Weißt du nicht, was das ist? Ich aber sprach: Nein, mein Herr.

             Mit meinen unsicheren Fragen bin ich in guter Gesellschaft. Sacharja weiß auch nicht zu deuten, was er da sieht. Er ist auf den Engel angewiesen. Das ist wohl oft so: Ohne Engel, ohne die Boten aus der Wirklichkeit Gottes, sind wir aufgeschmissen. Wir sehen nur, was vor Augen ist. Wir sehen nicht die tiefere Wirklichkeit, des Himmels, Gottes. Wenn man so will: wir Menschen sind von Natur aus oberflächlich und nicht tiefgründig. Auch wir Deutschen mit unserem Hang zum Tiefsinn nicht.

Die Gegenfrage des Engels hört sich fast erstaunt an: Du kommst aus einem Priestergeschlecht und weißt das nicht? Es scheint für den Engel nicht vorstellbar, das durch das Exil das Wissen um die inneren Zusammenhänge des Tempels mit dem Handeln Gottes verloren gegangen ist. Mit fällt zu der Engelrückfrage eine neutestamentliche Parallele ein: Der Wind bläst, wo er will, und du hörst sein Sausen wohl; aber du weißt nicht, woher er kommt und wohin er fährt. So ist ein jeder, der aus dem Geist geboren ist. Nikodemus antwortete und sprach zu ihm: Wie mag das zugehen? Jesus antwortete und sprach zu ihm: Du bist Israels Lehrer und weißt das nicht?“(Johannes 3, 8-10) So also ist es: auch die Gottesgelehrten, auch die Propheten wissen und verstehen nicht immer alles und schon gar nicht alles gleich, sofort. Das ist auch – irgendwie – tröstlich.

    6 Und er antwortete und sprach zu mir: Das ist das Wort des HERRN an Serubbabel: Es soll nicht durch Heer oder Kraft, sondern durch meinen Geist geschehen, spricht der HERR Zebaoth. 7 Wer bist du, du großer Berg, der du doch vor Serubbabel zur Ebene werden musst? Er wird hervorholen den Schlussstein, sodass man rufen wird: Glück zu! Glück zu!

             Die Antwort des Engels ist keine Antwort auf die Frage und Ratlosigkeit des Sacharja. Sie ist keine Erklärung des Gesichts von den Ölbäumen und dem Leuchter. Es ist ein Heilswort über Serubabbel, von dem zuvor keine Rede ist. Das Wort erfolgt überraschend, auf den ersten Blick zusammenhanglos. Es könnte gut auch ohne das vorher erzählte Gesicht stehen.

Serubabbel ist am Wiederaufbau des Tempels maßgeblich beteiligt. Das wissen wir aus dem Buch Esra: “Im zweiten Jahr nach ihrer Ankunft beim Hause Gottes in Jerusalem, im zweiten Monat, begannen Serubbabel, der Sohn Schealtiëls, und Jeschua, der Sohn Jozadaks, und die übrigen ihrer Brüder, die Priester und die Leviten, und alle, die aus der Gefangenschaft nach Jerusalem gekommen waren, und sie bestellten die Leviten von zwanzig Jahren an und darüber, die Arbeit am Hause des HERRN zu leiten.” (Esra 3,8)Ein Hoffnungsträger der Zurückgekehrten.

Das Wort an ihn entlastet: Es ist nicht seine Kraft, die das Werk des Wiederaufbaus des Tempels vorwärts bringen muss. Es ist nicht seine Kraft, die die Widerstände, die sich wie ein hoher Berg auftürmen, zur Seite schaffen muss. Es ist, weil es um Gottes Tempel geht, Gottes eigenstes Werk und sein Geist wird das Werk vorwärts treiben. Vielleicht steht der Leuchter mit seinem Öl für den Geist Gottes.

8 Und es geschah zu mir das Wort des HERRN: 9 Die Hände Serubbabels haben dies Haus gegründet, seine Hände sollen’s auch vollenden, damit ihr erkennt, dass mich der HERR Zebaoth zu euch gesandt hat. 10 Denn wer immer den Tag des geringsten Anfangs verachtet hat, wird doch mit Freuden sehen den Schlussstein in Serubbabels Hand.

So wie Serubabbel den Bau angefangen hat, so wird er ihn auch zu Ende bringen. Aus Esra haben wir eine Ahnung von den Widerständen, die es zu überwinden galt. Von dem Berg an Schwierigkeiten, die sich dem Wiederaufbau in den Weg stellten – von innen und von außen. Hier wird dem „Bauleiter“ der Rücken gestärkt. „Die hebräische Form für Schlussstein oder Giebelstein – ha ʼӕbӕn haroschah – kommt im AT nur ein einzigen Mal und zwar an dieser Stelle vor.“ (F. Laubach, aaO. S. 56) Das unterstreicht das Gewicht des Wortes. Es ist einmalig. In den Augen Gottes ist der Bau schon fertig. Es ist wie so oft in biblischen Texten: Die Zukunft ist von Gott her schon in Kraft gesetzt – die Menschen müssen nur noch nachkommen.

Alle Skeptiker werden zum Schweigen kommen. Im Haus der Stille bei Greifenstein in Hessen, das vor 20 Jahren seine Arbeit aufgenommen hat und sie im Jahr 2014 beendet hat, liegt ein Stein von der Einweihungsfeier 1993 mit diesem Wort: Wer immer den Tag des geringsten Anfangs verachtet hat, wird doch mit Freuden sehen den Schlussstein. Es gab eine Menge Skeptiker, die dieses Haus für überflüssig, ja für eine Totgeburt gehalten haben. Wenn die Arbeit jetzt – nach nur zwanzig Jahren – eingestellt werden wird, haben sie dennoch nicht Recht behalten. Da ist eine Segensgeschichte, die Segens-Spuren im Leben vieler Menschen hinterlassen, sogar im Leben der Kirche, die dieses Haus nie ganz zu ihrem Haus machen wollte. Der Schlussstein wird keine vertane Zeit markieren, sondern einen Segensweg.

Jene sieben sind des HERRN Augen, die alle Lande durchziehen.

             Als hätte er es vergessen über den Segensworten an Serubabbel, kommt Sacharja auf die sieben Augen des Steines zurück. Sie sind ein Bildwort für die Gegenwart Gottes. Die Augen des Herrn sind überall. Das ist nicht die Frühform des Überwachungsstaates, auch wenn das Bild von den Augen wohl auch auf persische und andere Geheimdienste der Zeit damals angewendet worden ist. So gesehen gilt: Die neuzeitliche Überwachung ist nicht sonderlich originell, auch wenn sie technisch hochgerüstet wie nie ist.

Die Augen Gottes aber sind zum Heil auf die Menschen gerichtet. „Und sie nannte den Namen des HERRN, der mit ihr redete: Du bist ein Gott, der mich sieht. Denn sie sprach: Gewiss hab ich hier hinter dem hergesehen, der mich angesehen hat.“ (1. Mose 16,13) So staunt Hagar, als Gott sie in der Wüste findet und rettet.

„Deine Augen sahen mich,                                                                        als ich noch nicht bereitet war,                                                               und alle Tage waren in dein Buch geschrieben,                               die noch werden sollten und von denen keiner da war.“            Psalm 139,16

Ein großes Staunen erfasst den Beter. Ich bin ein angesehener Mensch. Nicht ein überwachter. Gottes Reich ist kein Überwachungsstaat wider Willen. Es ist das Reich, in dem alles offen zu Tage liegen kann, weil es die Augen voller Barmherzigkeit sind, die auf die Menschen schauen.

 Die Augen leuchten voller Gnade in alles Dunkel, alles Leid         Sein Trösten heilet allen Schaden, kommt auch in deine Einsamkeit.                                                                                              Wie große auch deine Angst und Pein                                            Gott lässt dich nimmermehr allein.              H. Hümmer 1960

 11 Und ich hob an und sprach zu ihm: Was sind die zwei Ölbäume zur Rechten und zur Linken des Leuchters? 12 Und ich sprach weiter zu ihm: Was sind die beiden Zweige der Ölbäume bei den zwei goldenen Röhren, aus denen das goldene Öl herabfließt? 13 Und er sprach zu mir: Weißt du nicht, was sie sind? Ich aber sprach: Nein, mein Herr. 14 Und er sprach: Es sind die zwei Gesalbten, die vor dem Herrscher aller Lande stehen.

             Der Seher kehrt zurück zu seinem Gesicht. Es lässt ihm keine Ruhe. Er will verstehen.  Darum fragt er nach. Begriffs-stutzig und hartnäckig. Es ist gut, dass biblische Texte das Fragen nie unterdrücken. Auch nie diffamieren. Es ist in Ordnung, wenn wir die Wirklichkeit Gottes nicht begreifen. Aber wir sollen uns mit unserem Nicht-Begreifen nicht abfinden. Wir sollen fragen lernen. Sacharja ist ein Vorbild in diesem Fragen lernen.

Was es mit dem Fragen auf sich hat, wird schön an eine Liedtext von Gerhard Schöne sichtbar, den ich aber nur in knappstem Auszug hier aufnehme.

Worauf können Sie jetzt sofort verzichten?
Was ist Ihnen vielleicht heilig?
Würden Sie gern mit Ihrem Enkel tauschen?
Wie heißt Ihre kleine Hoffnung?
Würden Sie gern Ihren Lebenslauf an ein paar Stellen korrigier`n?
Konnte ich mit einer Frage  irgendeinen wunden Punkt berühr`n?

Fragen, Fragen, Fragen …
Wo sitzt das Unbehagen?
Geht’s schon um Kopf und Kragen?
Fragen, Fragen.                           G. Schöne  CD Lieder     1993

Antworten sind nicht immer so, dass alles geklärt ist. Sie sind oftmals so, dass sich neu Fragen stellen. So auch hier: Es sind die zwei Gesalbten, die vor dem Herrscher aller Lande stehen. Nur so viel ist klar: Die Ölbäume stehen für zwei Personen. Aber wer diese beiden sind, darüber lässt sich trefflich streiten oder rätseln. Es gibt die Deutung auf Jeschua und Serubabbel. Aber diese Deutung überzeugt nicht – mich nicht. Es gibt die andere Deutung auf zwei nicht näher benannte und deshalb auch nicht bekannte „Ölsöhne“. Sie sind „gleicher Macht und gleicher Ehren“, aber wer sie sind, wissen wir nicht.

Immerhin: Sacharja fragt nicht mehr nach. Hat er verstanden, was wir nicht verstehen? Es verwundert mich: „Sacharja fragt nicht mehr zurück. Er hat verstanden, wen der Engel mit seiner Antwort meint. Auch für seine Hörer ist der Ausdruck „Söhne des Öls verständlich.“ (F. Laubach, aaO. S. 59) Nur wir verstehen nichts.    

Mir geht die Bitte der Zebedaiten durch den Sinn: „Gib uns, dass wir sitzen einer zu deiner Rechten und einer zu deiner Linken in deiner Herrlichkeit.“(Markus 10,37) Diese Bitte wird ihnen abgeschlagen: „Das Sitzen zu meiner Rechten und Linken zu geben steht mir nicht zu. Das wird denen zuteil, für die es bestimmt ist von meinem Vater.“(Matthäus 20,23) Es mag so sein, dass es Geheimnisse gibt, die sich uns erst entschlüsseln, wenn Gottes Zeit dafür da ist. Bis dahin müssen wir uns manchmal eingestehen, zusammen mit Sacharja, auch auf die Frage hin: Weißt du nicht, was sie sind? Ich aber sprach: Nein, mein Herr. So darf ich, ein Leben lang, ein Fragender sein, bleiben und immer mehr werden.

 

Es kommt die Zeit, in der die Träume sich enthüllen, in der Deine Wirklichkeit, mein Gott, hell und klar sein wird, in der die Fragen überholt sind, in der wir Dich sehen werden, wie Du bist, und die Wege unseres Lebens, wie Du sie siehst –  mit Augen voller Gnade.

Ich danke Dir, dass ich dieser Zeit hoffnungsvoll entgegen warten darf und es bis dahin aushalten kann, mir und Dir einzugestehen: Ich habe tausend Fragen. Amen