Sind wir brauchbar?

Sacharja 3, 1 – 10

 1 Und er ließ mich sehen den Hohenpriester Jeschua, wie er vor dem Engel des HERRN stand, und der Satan stand zu seiner Rechten, um ihn zu verklagen. 2 Und der Engel des HERRN sprach zu dem Satan: Der HERR schelte dich, du Satan! Ja, der HERR, der Jerusalem erwählt hat, schelte dich! Ist dieser nicht ein Brandscheit, das aus dem Feuer gerettet ist?

             Jeschua ist der Hohepriester, der am Wiederaufbau des Tempels, zusammen mit Serubbabel, wesentlich beteiligt ist. „Im zweiten Jahr nach ihrer Ankunft beim Hause Gottes in Jerusalem, im zweiten Monat, begannen Serubbabel, der Sohn Schealtiëls, und Jeschua, der Sohn Jozadaks, und die übrigen ihrer Brüder, Priester und Leviten, und alle, die aus der Gefangenschaft nach Jerusalem gekommen waren, die Leviten von zwanzig Jahren an und darüber zu bestellen, damit sie die Arbeit am Hause des HERRN leiteten.“(Esra 3,8) Das ist Geschehen in der Zeit, in der Realität der Welt.

Die Vision des Sacharja aber sprengt die enge Realität der Welt. Sein Sehen führt in den himmlischen Thronsaal.

Hinter der Vision steht die Überzeugung, dass alles irdische Geschehen einen himmlischen Hintergrund hat. Dieser Hintergrund wird hier ausgeleuchtet. Vor dem Engel des HERRN steht Jeschua und neben ihm, in der Rolle des Anklägers, der Satan. Das erinnert den geübten Bibelleser vermutlich sofort an die Erzählung von Hiob. Auch da wird eine Szene im himmlischen Thronsaal vorgestellt. „Es begab sich aber eines Tages, da die Gottessöhne kamen und vor den HERRN traten, kam auch der Satan unter ihnen.“ (Hiob 1,6) Hier, bei Hiob, wird der Satan nicht Ankläger genannt, aber er ist es faktisch. Er beschuldigt Hiob einer Frömmigkeit, die aufgesetzt ist, nur dem eigenen Nutzen verpflichtet.

Wessen der Satan hier Jeschua anklagt, wird nicht klar. Es könnte sein – so legt es das folgende Geschehen nahe -, dass er darauf hinweist, dass Jeschua unrein ist. Das erfährt der Leser wenige Sätze später. Jeschua „trägt ein verunreinigtes Priestergewand. Das steht im Gegensatz zu der von Gott gegebenen Priesterordnung und deutet auf seine Dienstunfähigkeit.“ (F. Laubach, Der Prophet Sacharja, Wuppertaler Studienbibel, Wuppertal 1984, S. 49) Er ist deshalb unwürdig, Hoherpriester zu sein. 

Es gibt keinen Anklagepunkt, der gegen Jeschua genannt wird. Aber es gibt eine heftige Reaktion des Engels des Herrn gegenüber dem Satan: Der HERR schelte dich, du Satan! Die Anklagen gegen Jeschua werden vom Engel des HERRN zurückgewiesen. Im Engel hat wohl der HERR selbst das Wort. Nachhaltig. „Das „Schelten“ JHWHs ist ein wirksames Wort, denn fortan ist von Satan im Abschnitt nicht mehr die Rede.“ (Th. Pola /K. Offermann, Augen auf und durch, Texte zur Bibel 31, Neukirchen 2015, S. 69) Er ist vom Platz gestellt.

Was auch immer der Satan vorzubringen wüsste, es wird zurückgewiesen. Nicht zuletzt durch den Hinweis: Er, Jeschua, ist doch von Gott errettet. Das ist eine inhaltliche Parallele: Jeschua ist aus dem Feuer errettet  und Jerusalem ist vom Herrn – wieder – erwählt. „Ihr wart wie ein Brandscheit, das aus dem Feuer gerissen wird.“ (Amos 4,8) sagt Gott von Israel. Hier wird das gleiche Bild für Jeschua gebraucht. Wie Israel auch er: Aus dem Feuer gerissen. Der Weg zurück aus dem Exil ist ein Weg der Rettung aus dem Feuer. Jeschua steht so für das Volk, dessen Hoherpriester er ist, für dieses Rettungshandeln Gottes

Und damit erklärt sich auch der Platzverweis für den Satan. „Satan wird verstoßen, weil er sich dem Erbarmen Gottes widersetzt.“ (Th. Pola /K. Offermann, ebda.) Das hat Langzweitwirkung bis in die Schriften des Neuen Testamentes hinein. „Die Zweiundsiebzig aber kamen zurück voll Freude und sprachen: Herr, auch die Dämonen sind uns untertan in deinem Namen. Er sprach aber zu ihnen: Ich sah den Satan vom Himmel fallen wie einen Blitz.“(Lukas 10, 17 – 18) Und:  „Und ich sah einen Engel vom Himmel herabfahren, der hatte den Schlüssel zum Abgrund und eine große Kette in seiner Hand. Und er ergriff den Drachen, die alte Schlange, das ist der Teufel und der Satan, und fesselte ihn für tausend Jahre und warf ihn in den Abgrund und verschloss ihn und setzte ein Siegel oben darauf, damit er die Völker nicht mehr verführen sollte.“(Offenbarung 20, 1 – 3) Im Himmel ist kein Raum mehr für die Stimme des Anklägers, nur noch für die Stimme des Erbarmens.

  3 Jeschua aber hatte unreine Kleider an und stand vor dem Engel, 4 der anhob und sprach zu denen, die vor ihm standen: Tut die unreinen Kleider von ihm! Und er sprach zu ihm: Sieh her, ich nehme deine Sünde von dir und lasse dir Feierkleider anziehen. 5 Und er sprach: Setzt ihm einen reinen Kopfbund auf das Haupt! Und sie setzten ihm einen reinen Kopfbund auf das Haupt und zogen ihm reine Kleider an, und der Engel des HERRN stand dabei.

Eine Neueinkleidung wird vorgenommen. Sie ist nötig, weil Jeschua unreine Kleider trägt. Das ist wohl damit zu erklären, dass er aus dem Exil kommt, aus dem Heidenland, aus dem Land ohne Tempel und ohne Gottesdienst vor dem Altar des HERRN. Es gibt eine Unreinheit, die nicht persönlich verschuldet ist. Sie entsteht „sozial“, aus dem Umfeld. „ Da sprach ich: Weh mir, ich vergehe! Denn ich bin unreiner Lippen und wohne unter einem Volk von unreinen Lippen.“ (Jesaja 6,5) Die Bibel ist weit entfernt von einer moralistischen Betrachtungsweise des Lebens. Aber sie weiß etwas von der unheimlichen Wirklichkeit, dass wir angesteckt werden, infiziert, verseucht mit dem, was es an Gottesfremdheit und Gottesferne in der Wirklichkeit um uns gibt.

Jeschua wird von seinen befleckten, unreinen Kleidern befreit. Er gewinnt damit einen neuen „Stand“. Der Kleiderwechsel ist viel mehr als nur ein Outfit-Wechsel. Die Szene findet eine neutestamentliche Parallele in der Erzählung Jesu: „Aber der Vater sprach zu seinen Knechten: Bringt schnell das beste Gewand her und zieht es ihm an und gebt ihm einen Ring an seine Hand und Schuhe an seine Füße.“ (Lukas 15,22)  Hier findet also, angezeigt durch die Neueinkleidung, „eine Gerechtmachung und keine bloße Gerechtsprechung(Th. Pola /K. Offermann, aaO. S. 70) statt.

Diese Neueinkleidung des Jeschua wird liturgisch heute nachvollzogen im Anlegen priesterlicher Gewänder. Am deutlichsten zu sehen ist das in der orthodoxen Kirche, wo dieses Anlegen schon der Anfang des Gottesdienstes ist. Aber auch in der Praxis der katholischen Kirche ist das noch erkennbar in einzelnen Gesten beim Empfang der Gewänder. Wie vergessen erscheint es dagegen, wenn wir evangelischen Pfarrerinnen und Pfarrer den Talar überwerfen. Aber der ist ja auch, streng genommen, kein liturgisches Gewand, sondern nur ein Gelehrten-Rock.

 6 Und der Engel des HERRN bezeugte es Jeschua und sprach: 7 So spricht der HERR Zebaoth: Wirst du in meinen Wegen wandeln und meinen Dienst recht versehen, so sollst du mein Haus regieren und meine Vorhöfe bewahren. Und ich will dir Zugang zu mir geben mit diesen, die hier stehen.

Es ist ein Verheißungswort an Jeschua. Feierlich und in seiner Bedeutsamkeit unterstrichen durch die Zufügung HERR Zebaoth, Herr, der Heerscharen. Geht er in den Wegen Gottes, so wird er gesegnet sein. So wird er Zugang gewinnen in die himmlische Wirklichkeit, zu den Engeln. Das ist geradezu die Grundlage seines zukünftigen Dienstes. Er hat Zugang zum himmlischen Thronrat. Der Gehorsam gegen den Weg Gottes eröffnet Tiefeneinsichten und Lebensperspektiven.

  Man könnte von diesen Worten her auch sagen: „Der Hohepriester ist prophetisch inspiriert.“  (Th. Pola /K. Offermann, aaO. S. 72) Eine Erwartung, die sich an das Amt des Hohenpriester in Zukunft anknüpft – bis hin zu Kaiphas im Konflikt um Jesus: „ Einer aber von ihnen, Kaiphas, der in diesem Jahr Hoherpriester war, sprach zu ihnen: Ihr wisst nichts;  ihr bedenkt auch nicht: Es ist besser für euch, ein Mensch sterbe für das Volk, als dass das ganze Volk verderbe. Das sagte er aber nicht von sich aus, sondern weil er in diesem Jahr Hoherpriester war, weissagte er. Denn Jesus sollte sterben für das Volk und nicht für das Volk allein, sondern auch, um die verstreuten Kinder Gottes zusammen zu bringen.“(Johannes 11, 49-52)

8 Höre nun, Jeschua, du Hoherpriester: Du und deine Brüder, die vor dir sitzen, sind miteinander ein Zeichen; denn siehe, ich will meinen Knecht, »den Spross«, kommen lassen.

             Es folgt in den Versen 8 – 10 eine durchgängige Rede des HERRN. Sie eröffnet Einblick in die Gegenwart, aber zugleich weit darüber hinaus in die Zukunft. So lese ich: Jeschua und seine Brüder haben nicht nur eine Funktion für die Gegenwart. Ihr Tun, der Wiederaufbau des Tempels, weist über sich selbst hinaus. Sie sind in ihrem Tun Hinweis auf das kommende Geschehen, auf den Kommenden.  Mein Knecht, »der Spross«. Es mag sein, dass es weit hergeholt ist. Dennoch höre ich hier mit: „Und es wird ein Reis hervorgehen aus dem Stamm Isais und ein Zweig aus seiner Wurzel Frucht bringen.“(Jesaja 11,1) Der Sproß aus der Wurzel Jesse, der Gottesknecht – das ist die Zukunft, auf die Jeschua schon hinweist.

 9 Siehe, auf dem einen Stein, den ich vor Jeschua hingelegt habe, sind sieben Augen. Siehe, ich will auf ihm eine Inschrift eingraben, spricht der HERR Zebaoth, und will die Sünde des Landes wegnehmen an einem einzigen Tag.

Es ist ein bisschen rätselhaft, wie man sich das vorstellen soll. Ein Stein mit sieben Augen. Nirgends wird in diesem Buch, das sonst so viel erklärt, erklärt, was damit gemeint ist. Der Deutungs-Engel schweigt. Die sieben Augen tauchen an anderer Stelle noch einmal in der Bibel auf: „Und ich sah mitten zwischen dem Thron und den vier Wesen und mitten unter den Ältesten ein Lamm stehen, wie geschlachtet; es hatte sieben Hörner und sieben Augen, das sind die sieben Geister Gottes, gesandt in alle Lande.“(Offenbarung 5,6) Vielleicht findet sich darin eine Brücke zum Verstehen. „Die sieben Augen könnten Ausdruck für die Fülle des Heiligen Geistes sein, die wesentliches Kennzeichen des Messias sein wird.“ (F. Laubach, aaO. S. 52)

Wer hat diesen Stein vor Jeschua hingelegt? Der Herr selbst? Der Engel? Oder Sacharja? Oder einer von beiden im Auftrag des HERRN?  Wichtig ist in meinen Augen: Mit diesem Stein verbunden ist, dass die Sünde des Landes an einem einzigen Tag weggenommen wird. Das könnte Hinweis auf den großen Versöhnungstag, Yom Kippur sein, der wieder gefeiert werden kann, wenn der Tempel wieder steht, der Schlussstein des Tempels gesetzt ist. „Dieser für das Judentum bis heute überaus wichtige Feiertag hat hier seine Wurzel.“(Th. Pola /K. Offermann, aaO. S. 762015)

             Als Christ lese ich noch einmal anders, über den unmittelbaren Text hinaus.

“Der Stein, den die Bauleute verworfen haben,  ist zum Eckstein geworden.  Das ist vom HERRN geschehen und ist ein Wunder vor unsern Augen.”                                               Psalm 118,22

             Dieses Psalm-Wort ist als Zitat im Neuen Testament immer wieder auf Jesus hin ausgelegt. Und er ist ja in der Sicht der Christen wirklich der, der an einem einzigen Tag die Sünde weggenommen hat, nicht nur des Landes, sondern der ganzen Welt (1. Johannes 2,2).

 10 Zu derselben Zeit, spricht der HERR Zebaoth, wird einer den andern einladen unter den Weinstock und unter den Feigenbaum.

Aus dieser Befreiung unter die Knechtschaft entsteht dann die Freiheit, auf die Israel hofft, die als Bild wieder und wieder Sehnsucht entzündet. Es ist ein Bild ungestörter Nachbarschaft, gelebter Gastfreundschaft. „Es setzt das Ende jener Zeiten der Fremdherrschaft und der Deportation voraus, in der Fremdmächte und Eindringlinge die Nutznießer der jeweiligen Ernte gewesen waren.“ (Th. Pola /K. Offermann, aaO. S. 77)Oder, mit Karl Marx zu sprechen: Keine Abschöpfung mehr des Mehrwertes der Arbeit durch irgendwen außer durch die Arbeiter selbst. Darüber  nachzudenken lohnt und man kann dann ermessen, wie weit unere Zeit von dieser Erwartung immer noch entfernt ist.

Das Bild, dass jeder unter seinem Weinstock und seinem Feigenbaum sitzen wird, kennzeichnet sprichwörtlich eine Periode ungestörten Friedens.“ (H. Graf Reventlow, Die Propheten Haggai, Sacharja, Maleachi, ATD 25,2; Göttingen 1993. S.56) Mehr noch: Lebensfülle und Einsicht in das Leben sind mit diesen beiden Bäumen verbunden. Beides wird wirklich in der Gastfreundschaft aneinander. Beides ist möglich, wo die Sünde nicht mehr lastet, nicht mehr auf Einzelnen und nicht mehr auf den Völkern. Man muss es festhalten gegen den Vertröstungs-Verdacht, der ja dem Glauben durchaus auch angeheftet wird: Es geht in der Rede Gottes schon um irdische Verhältnisse und nicht nur um himmlische Aussichten.

 

Herr Jesus. Sind wir rein genug, Dein Wort weiter zu sagen, Deinen Namen zu tragen? Bin ich rein genug, dass Du mich gebrauchen kannst mit meiner kleinen Kraft, meinen tausend Ängsten und Fragen, meinem Versagen und Verzagen?

Herr, Du legst Deine Hand auf uns, Reine und Unreine. Du willst Dein Werk durch uns voranbringen, Deinen Frieden stiften. Dafür gebrauche mich, wie es Dir gefällt. Amen