GottesAugapfel: Israel

Sacharja 2, 10 – 17

Wehe, wehe! Flieht aus dem Lande des Nordens!, spricht der HERR; denn ich habe euch in die vier Winde unter dem Himmel zerstreut, spricht der HERR. 11 Wehe! Nach Zion rette dich, die du wohnst bei der Tochter Babel.

             Kein triumphaler Heimweg. Es gibt eine deutliche Differenz zur Vision des Jesaja. „Es ruft eine Stimme: In der Wüste bereitet dem HERRN den Weg, macht in der Steppe eine ebene Bahn unserm Gott! Alle Täler sollen erhöht werden, und alle Berge und Hügel sollen erniedrigt werden, und was uneben ist, soll gerade, und was hügelig ist, soll eben werden; denn die Herrlichkeit des HERRN soll offenbart werden, und alles Fleisch miteinander wird es sehen; denn des HERRN Mund hat’s geredet.“ (Jesaja 40,3-5) Hier, bei Sacharja, klingt es mehr nach Flucht, Entrinnen, Entkommen. Aber es ist, auch als Entrinnen, ein Weg nach vorne. Aus der Knechtschaft. In die Freiheit. Die Knechtschaft in Babylon findet ein Ende. Der HERR ruft in die Freiheit.

Aus dem Land des Nordens soll die Flucht erfolgen. „Der Norden bezeichnet im alttestamentlichen Sprachgebrauch die asiatischen Weltmonarchien. Von dort drangen die feindlichen Heere in Israel ein. Schon bei den großen Propheten umfasst das Land des Nordens weitere Gebiete als das assyrische und babylonische Reich. Es umschließt die vorderasiatischen Gebirge und die Regionen nördlich des Schwarzen Meeres und des Kaukasus.“ (F. Laubach, Der Prophet Sacharja, Wuppertaler Studienbibel, Wuppertal 1984, S. 43) Gleichwohl – hier geht es wohl um die Flucht zurück aus dem Exil.

Vielleicht ist auch deshalb von Flucht die Rede, weil dieser Weg aus dem Exil zurück ein Rückweg aus inzwischen akzeptierten Lebensumständen ist. Man darf es ja nicht übersehen: Keiner der in der Gola lebenden Israeliten hat je in Jerusalem gewohnt oder in einem der Dörfer in Juda. Es sind zwei Generationen gestorben in diesen siebzig Jahren seit 597. Sacharja ruft zum Aufbruch aus dem Exil. Das mag einer Flucht ähneln, lässt man doch die Orte zurück, in denen man sesshaft geworden war, sich eingerichtet hatte. Aber Babel ist nicht der Platz, den Gott sich für sein Volk „gedacht“ hatte, genauso wenig wie einst Ägypten dieser Platz war.

             Die Frage, die sich allerdings mit diesen Worten stellt: Wird hier eine erneute Zerstreuung derer angekündigt, die doch gerade erst auf dem Weg nach Hause sind? Oder ist die Zerstreuung gemeint, die es schon lange gibt. Eine Diaspora Israels beginnt nicht erst mit dem Exil. Das Herren-Wort lässt aber keinen Zweifel: Rettung für Israel ist nicht eine Zerstreuung ins Völkermeer, sondern die Rückkehr zum Zion.  Nicht nur äußerlich, sondern vor allem innerlich, in einem neuen Vertrauen auf Gott.

12 Denn so spricht der HERR Zebaoth, der mich gesandt hat, über die Völker, die euch beraubt haben: Wer euch antastet, der tastet meinen Augapfel an.

             Gleich dreimal heißt es: So spricht der HERR. Er kündigt an und was er ankündigt, geschieht, ist Folge seines Redens. Das ist die Eigenschaft des Prophetenwortes, das Anteil am Wort Gottes hat: Es wirkt, was es ankündigt. Wer ist der Gesandte? Bezieht sich das auf Sacharja? Dann ist es so etwas wie eine Bekräftigung seines Auftrages. Erst recht, wenn die Worte noch nicht vor aller Augen erfüllt sind. Die Völker haben ja immer noch Macht und Einfluss und Israel ist ihnen gegenüber nicht so souverän, wie es sich das wohl alle wünschen möchten.

Aber gerade dann. Was für ein schönes Wort: Israel als der Augapfel Gottes. Wer dieses Volk angreift, greift damit Gott selbst an. „Gottes Gemeinschaft mit Israel ist so fest, dass jeder Schlag gegen Israel ihn selbst trifft.“(F. Laubach, aaO. S. 45)Es ist eine Identifikations-Formel, die geradezu atemberaubend ist. Bis heute Menschen provoziert. Wie kann man nur dazu kommen, ein Volk so in die Nähe Gottes zu rücken. Rechtfertigt man damit nicht alles, was dieses Volk tut?

So schwindelerregend ist die Gleichsetzung Israel – Augapfel, dass jüdische Rabbiner davor zurück geschreckt sind. Aber sie findet trotzdem ihre Fortsetzung in Texten des Neuen Testamentes. „Wer euch hört, der hört mich; und wer euch verachtet, der verachtet mich; wer aber mich verachtet, der verachtet den, der mich gesandt hat.“ (Lukas 10,16) Und in dem großen Gleichnis vom Weltgericht gleich zweimal – positiv und negativ: „Was ihr getan habt einem von diesen meinen geringsten Brüdern, das habt ihr mir getan.“(Matthäus 25,40) und später „Was ihr nicht getan habt einem von diesen Geringsten, das habt ihr mir auch nicht getan.“( Matthäus 25,45) Dabei ist jedes Mal wichtig: Die Identifikation geht in Sacharja von Gott aus, im Gleichnis Jesu vom König. Es sind nicht die Menschen, die sich vergöttlichen durch solche Identifikation. Es ist Gott, der darin deutlich macht: Was ihr an meinen Menschen tut, das tut ihr mir.

Auf diesem Hintergrund frage ich schon lange: Was haben wir Deutschen getan, als wir Israel angetastet haben, es in die Gasöfen gejagt haben, es der „Endlösung“ zuführen wollten? Wir haben es wohl nicht gewusst oder nicht wissen wollen, dass wir mit dem Volk Gott selbst antasten. So denken wir ja nicht mehr, heutzutage. Aber Christen dürften das nicht aus den Augen verlieren: Wer Gottes Leute antastet, gleichgültig, aus welchem Volk, der tastet Gott selbst an.

Und: Hat Luther Anteil an diesen Übergriffen, weil er in seinen Spätschriften unverantwortlich gegen die Juden gehetzt hat:  „Verbrenn jr Synagogen. Verbiete alles, was ich droben erzelet habe. Zwinge sie zur erbeit. Und gehe mit jnen um nach aller unbarmhertzigkeit, wie Mose thet in der Wüsten und schlug drey tausend tod, dass nicht der gantze hauffe verderben musste.“ (M. Luther, WA 53, S. 541,230-33, zit. nach T. Kaufmann,. Luthers Juden, Stuttgart 2014, S. 129) Auch weil er allzu rasch und geradlinig ein Wort über Israel auf uns als Christen übertragen hat: “Das ist eine teure Verheißung zu trefflichen Trost und Trutz der Christen gegen ihre Verfolger, dass sie wissen, dass es ihm so nahe geht und er so hart sich unseres Leidens annimmt. Dass es ihm bedeutet, seinen Augapfel anzugreifen und er es so wenig ertragen kann, dass man ihm seinen Augapfel antaste.” (M. Luther, Schriften 28. Bd., S. 150b zit. nach: Luther Brevier, Weimar 2007, S. 150) Diese eilige und einfache Übertragung des Prophetenwortes auf die Kirche der eigenen Zeit mutet mich wie eine Enteignung Israels an. Mit verhängnisvollen Folgen.

 13 Denn siehe, ich will meine Hand über sie schwingen, dass sie eine Beute derer werden sollen, die ihnen haben dienen müssen. – Und ihr sollt erkennen, dass mich der HERR Zebaoth gesandt hat.

             Das wird zur Umkehrung der Verhältnisse führen: Herren werden Knechte und Knechte werden Herren. Die Sieger von früher werden die Verlierer von heute. Oft genug ist das so in der Geschichte. Aber genauso oft ist es auch nur eine Hoffnung, die sich nicht erfüllt. Ich hoffe auf die Zeit, in der niemand mehr eines anderen Beute ist, in der es keine Sieger und keine Besiegten mehr gibt. In der das Schema von oben und unten überholt ist. es ist wohl der Prophet, der so drohend die Hände hebt über denen, die Gewalt an Israel ausüben. Nicht zum Segen, sondern zum Gericht.

Ich hoffe auf die Zeit, in der wir erkennen, dass mich der HERR Zebaoth gesandt hat. Und wieder ist da die Frage: Wer ist hier ich? Ist es Sacharja? Dann ginge es um seine Legitimation als Prophet. Eine Legitimation, die auch deshalb in Frage gestellt worden sein könnte, weil er ein Heils-Prophet ist, Frieden ansagt, Rettung, während doch die „wahren“ Propheten fast immer Unheil und Gericht angesagt haben. Womöglich beruft sich Sacharja mit seinen Worten auf das Kriterium, das in früheren Auseinandersetzungen über wahre und falsche Prophetie benannt worden ist: „Wenn aber ein Prophet von Heil weissagt – ob ihn der HERR wahrhaftig gesandt hat, wird man daran erkennen, dass sein Wort erfüllt wird.“(Jeremia 28, 9) Das Geschehen, das Sacharja kommen sieht, wird ihn als Gesandten des HERRN Zebaoth bestätigen.

14 Freue dich und sei fröhlich, du Tochter Zion! Denn siehe, ich komme und will bei dir wohnen, spricht der HERR. 15 Und es sollen zu der Zeit viele Völker sich zum HERRN wenden und sollen mein Volk sein, und ich will bei dir wohnen. – Und du sollst erkennen, dass mich der HERR Zebaoth zu dir gesandt hat. –

             Jetzt kommt ein scharfer Sicht-Wechsel. Ist eben noch der Blick nach Babel gerichtet, auf die, die dem Exil entrinnen, so ist jetzt die Stadt Jerusalem im Blick. Die Tochter Zion. Es ist eine Redeform, wie sie auch Jesaja hat. „Schüttle den Staub ab, steh auf, Jerusalem, du Gefangene! Mach dich los von den Fesseln deines Halses, du gefangene Tochter Zion!“ (Jesaja 50,2) Die Stadt wird zur Person. Aus Jerusalem wird die Tochter Zion. Das ist in der Antike eine geläufige Redeweise, auch bei Griechen und Römern.   

Diese Stadt, deren Trümmer Sacharja doch noch vor Augen hat, hat Grund zur Freude.  Aus einem einzigen Grund. Gott selbst macht sich auf den Weg zu ihr. Ich will bei dir wohnen sagt Gott. Darum wird sie zur Freude gerufen. Die alte Zions-Theologie wird wieder hervor geholt. Sie ist mit der Zerstörung Jerusalems und des Tempels nicht einfach obsolet geworden. Sie kann neu ausgesagt werden – aber sie kann es nur, wenn und weil es zu einem neuen Verhältnis zu Gott, zu einem neuen Gehorsam gegen Gott kommt.

Das ist ja die große Frage, die sich hier stellt. Werden nur alte Träume neu formuliert, weil Menschen nicht ohne solche Träume leben können? Aber der Traum von der Stadt, in der Gott wohnt und die deshalb unangreifbar ist, hatte ja zu einer falschen Sicherheit geführt. Er war zur Ideologie geworden und musste in der Katastrophe 586 zerbrechen.

Wenn jetzt die alte Zions-Theologie wieder so in Worte gefasst wird – ist das ein Rückfall in alte Zeiten oder das Ergebnis eines geistlichen Lernweges? Neu ist: Jerusalem ist nicht mehr nur die Stadt Israels, es wird die Stadt, in der viele Völker sich zum HERRN wenden und sie sollen mein Volk sein. Jerusalem den Juden – das ist mit Sacharja nicht zu machen! So wird die Zions-Theologie ganz neu gefasst. Indem sie ausgeweitet wird hin zu den Völkern. Nur so ist Jerusalem ja die offene Stadt ohne Mauern, ohne Grenzen.

Das ist die Erwartung, die sich ja auch bei Micha und Jesaja schon findet, lange vor Sacharja, im Bild von der Völkerwallfahrt zum Zion. „In den letzten Tagen aber wird der Berg, darauf des HERRN Haus ist, fest stehen, höher als alle Berge und über die Hügel erhaben. Und die Völker werden herzulaufen, und viele Heiden werden hingehen und sagen: Kommt, lasst uns hinauf zum Berge des HERRN gehen und zum Hause des Gottes Jakobs, dass er uns lehre seine Wege und wir in seinen Pfaden wandeln! Denn von Zion wird Weisung ausgehen und des HERRN Wort von Jerusalem.“ (Micha 4, 1-2/Jesaja 2, 2-3)Wir buchstabieren bis heute an dieser Weite der alten Propheten ziemlich engstirnig herum.

             Gleich mehrfach habe ich zu den Versen 2,13 und 2,15 die Frage gestellt: Wer ist der Gesandte? Es ist klar: Kein Bote der Perser: Einer, von Gott gesandt. Wer der Gesandte wirklich ist, wird erkannt, so lese ich, wenn Gott bei den Menschen wohnt, wenn sie seine Völker, sein Volk geworden sind.

Aber weil diese Sätze so merkwürdig in der Schwebe bleiben, irgendwie unbestimmt, deshalb ist es kein Wunder, dass Sacharja von den ersten Christen so auf Jesus hin gelesen  worden ist. Das wird sich ja auch an anderen Stellen noch zeigen. Ein Lesen über die historische Zeit um 520  hinaus und eine Auslegung, die nicht nur auf die Historie schaut, hat viel für sich.

16 Und der HERR wird Juda in Besitz nehmen als sein Erbteil in dem heiligen Lande und wird Jerusalem wieder erwählen. 17 Alles Fleisch sei stille vor dem HERRN; denn er hat sich aufgemacht von seiner heiligen Stätte!

            Das Land und diese Stadt der Völker wird sich Gott zum Erbteil erwählen. Man muss genau lesen: wieder erwählen. Es ist der neue Anfang, den Gott nach dem Exil setzt. Aber eben keine einfache Wiederholung.Kein Exklusiv-Recht mehr für Juden auf ihren Gott und seine Stadt. Wenn man manche Passagen aus Nehemia und Esra neben diese Worte hält – Auflösung der Mischehen, die schroffe Scheidung zu den Samaritanern -, dann ahnt man etwas von dem erbitterten Ringen in Israel, in Jerusalem, um einen Weg nach dem Exil. Ist die große Scheidung angesagt, die Abgrenzung, um die eigene Identität zu wahren? Oder können wir es uns leisten zu sagen: Wir sind Gottes Volk. Er wohnt doch bei uns – das genügt.

Und wie durchsichtig ist das alles auf die Situation in Israel, in Jerusalem, wie sie sich heute darstellt. Es will mir scheinen, als würden die alten Kämpfe zwischen Esra, Nehemia, Sacharja, Micha und Jesaja heute wieder ausgetragen: Enge oder Weite? Exklusivität oder angst-freier Umgang mit alten Feinden?

Unser Textabschnitt hat Langzeitfolgen in das Neue Testament hinein. „Siehe da, die Hütte Gottes bei den Menschen! Und er wird bei ihnen wohnen, und sie werden seine Völker sein und er selbst, Gott mit ihnen, wird ihr Gott sein.“(Offenbarung 21,3). „Ein Volk aus vielen Völkern“ verdeutlicht die Neue Genfer Übersetzung.  So wie es hier bei Sacharja ja auch schon anklingt. Und da wird dann auch  alles Fleisch stille sein vor dem HERRN, weil es zur Ruhe kommt, da, wo Gott wohnt.

Alles Fleisch sei stille vor dem HERRN – wie anders klingt diese Aufforderung gegenüber der früheren Klage im Sacharja-Buch: „Alle Lande liegen ruhig und still.“(1,11) Die trostlose Klage wandelt sich in ein getrostes Schweigen. Gott hat sich erbarmt. Gott wird sich erbarmen. Darum ist die Zeit des Klagens begrenzt und eines Tages vorbei.

Es liest sich wie ein Kommentar zum ganzen Abschnitt, was Paul Gerhardt in dürftiger Zeit getextet hat.

Das schreib dir in dein Herze, Du hochbetrübtes Heer,
bei denen Gram und Schmerze sich häuft je mehr und mehr.
Seid unverzagt! Ihr habet die Hilfe vor der Tür;
Der eure Herzen labet und tröstet, steht allhier.

Ihr dürft euch nicht bemühen noch sorgen Tag und Nacht,
wie ihr ihn wollet ziehen mit eures Armes Macht;
Er kommt, er kommt mit Willen, ist voller Lieb’ und Lust,
All’ Angst und Not zu stillen, die ihm an euch bewusst.                                                 P. Gerhardt 1653 EG 11

 

Herr Jesus, Du bist der Kommende. Dir warte ich entgegen. Auf Dich richtet sich meine Sehnsucht.

Hilf Du mir, dass ich diese Zeit des Wartens nicht vertue, dass ich in ihr nicht Liebe schuldig bleibe, dass ich Not wende, dass ich helfe, wie es in meinen Kräften steht.

Gib mir, dass ich mit jedem Menschen umgehe in den Wissen: Er ist Dir kostbar. Dein Augapfel. Amen