Mach ein Ende

Sacharja 1, 7 – 17

Am vierundzwanzigsten Tage des elften Monats – das ist der Monat Schebat – im zweiten Jahr des Königs Darius geschah das Wort des HERRN zu Sacharja, dem Sohn Berechjas, des Sohnes Iddos, dem Propheten:

             Jetzt wird das Geschehen datumsmäßig ganz genau festgehalten.  Es geht um ein bestimmtes Datum, 15. Februar 520, und um einen bestimmten Menschen – Sacharja, den Propheten. Und offensichtlich ist es auch wichtig, dass Sacharja nicht nur ein Einzelner ist. Wie schon in 1,1 wird auch hier wieder die Generationen-Kette benannt: Sohn Berechjas, des Sohnes Iddos. Wir sind immer, was wir sind, auch durch unsere Herkunft. Gott richtet sein Wort nicht an ein unbeschriebenes Blatt, sondern an einen konkreten Menschen mit einem konkreten Familienzusammenhang.  

             „Eigenartig ist die Angabe zweier Väter. Anscheinend ist Berechja der leibliche Vater und Iddo der Adoptivvater. Sacharja war Priester und Iddo erscheint Nehemia 12, 1 – 7 zufolge unter den unter Serubbabel und Jeschua zurückgekehrten Priestern. Sacharja wäre dementsprechend im Zweistromland geboren worden.“ (Th. Pola /K. Offermann, Augen auf und durch, Texte zur Bibel 31, Neukirchen 2015, S. 37) Die gängige Lösung zu der Nennung Berechja und Iddo ist, dass es sich um Vater und Großvater handelt – so legt es auch der Anfang 1,1 nahe. Also keine Spekulation über Adoptionsverhältnisse. Die Abstammung ist verhältnismäßig eindeutig bezeugt, auch wenn wir sonst nichts von den genannten Vorfahren wissen.

 Ist diese genaue Zeitangabe nur eine unbedachte Doppelung? Nur eine Überschrift? Es kann doch auch so zu verstehen sein: Es geht in dem Wort, das geschieht, nicht um eine zeitlose Botschaft, sondern um eine Botschaft in die Zeit. Und weil sie in diese Zeit trifft, zutrifft, kann sie auch in anderen Zeiten treffen.

 8 Ich sah in dieser Nacht, und siehe, ein Mann saß auf einem roten Pferde, und er hielt zwischen den Myrten im Talgrund, und hinter ihm waren rote, braune und weiße Pferde.

             Ein Gesicht in der Nacht. Ein Traum? Ein Albtraum? Wälzt sich Sacharja und sucht den Schlaf und findet ihn nicht – und stattdessen findet dieses Gesicht ihn? „Er liegt nicht im Halbschlaf, er träumt nicht, sondern mit wachem Bewusstsein empfängt er Gottes Offenbarung.“ (F. Laubach, Der Prophet Sacharja, Wuppertaler Studienbibel, Wuppertal 1984, S. 33) Wie viel vorsichtiger wieder der Text: das Wort des HERRN geschah zu Sacharja. Das Wort schließt das Sehen mit ein, auch das Hören. Wie ein Film läuft es vor den Augen des Sacharja ab. Pferde in allen Farbtönen und auf einem roten Pferd ein Mann.

Myrtenbäume im Talgrund, in der Tiefe. Das ist mehr als nur Bildmalerei. „Die Myrte mit ihren weißen Blüten wurde in der Antike bei den Bestattungsriten, aber auch bei Hochzeiten verwendet. Die Myrtenbäume hier markieren den Eingang zur Unterwelt.“ (Th. Pola /K. Offermann, Augen auf und durch, Texte zur Bibel 31, Neukirchen 2015, S. 39)Es geht hier nicht um die Scheol, um Einblicke in die Unterwelt, sondern es geht darum, dass hier eine Grenzerfahrung auf Sacharja wartet: Die Weltwirklichkeit wird durchsichtig auf die Wirklichkeit Gottes in dieser Welt. Wenn man so will: Sacharja gerät ins „twilight“, ins Zwielicht, wo nichts mehr nur Realität ist und nichts mehr nur Schein.

Es gibt Auslegungen, über die es lohnt, nachzudenken, so die „Auslegung jüdischer Theologen in Targum und Talmud, die „Myrten im Talgrund“ seien symbolischer Hinweis auf Israel in der babylonischen Gefangenschaft (im Meer der heidnischen Völker) ebenso die Überlegungen, der Engel des Herrn sei eine Verkörperung der zweiten Person der Gottheit und der “Dolmetscher-Engel“ die Personifizierung des Heiligen Geistes.“ (F. Laubach, aaO. S. 34) Man muss das nicht glauben, aber es zeigt etwas von dem Schwebenden des Gesichts, von dem Tasten nach Erklärungen.

 9 Und ich sprach: Mein Herr, wer sind diese? Und der Engel, der mit mir redete, sprach zu mir: Ich will dir zeigen, wer diese sind. 10 Und der Mann, der zwischen den Myrten hielt, antwortete: Diese sind’s, die der HERR ausgesandt hat, die Lande zu durchziehen.

             Der Prophet ist offenkundig kein professioneller Deuter von Träumen und Gesichten. Sonst würde er nicht fragen. Sonst würde er auch erst einmal abwarten, wie sich das Gesicht denn weiter entwickelt. Dieses Fragenmüssen rückt ihn dem heutigen Bibelleser nahe. Es ist keine Schande, fragen zu müssen, nicht alles gleich zu verstehen. Es ist erst recht auch für den Leser heute verwirrend. Wahrscheinlich auch für die Hörer damals schon. Da tritt ein Engel auf und ein Mann. Sie sprechen miteinander und Sacharja hört zu. Der erste Gedanke: Der Engel wird alles erklären. Das ist seine Rolle als angelus interpres, als Erklär-Engel. Der Mann zwischen den Myrten  dagegen gehört in das Gesicht.

11 Sie aber antworteten dem Engel des HERRN, der zwischen den Myrten hielt, und sprachen: Wir haben die Lande durchzogen, und siehe, alle Lande liegen ruhig und still.

Eine Unklarheit – oder vorsichtiger: eine Spannung fällt beim Lesen auf: der Engel des HERRN, der zwischen den Myrten hielt und der Mann, der zwischen den Myrten hielt – sind das zwei verschiedene Figuren oder doch nur eine? Oder ist es gar gewollt, dass man als Leser und Hörer so ins Fragen kommt, weil die Wirklichkeit, die hier aufleuchtet ist, unsere kühle Rationalität und unser enges Wirklichkeitsverständnis in Wanken bringt, weil sie nicht anders als fragend zu erhellen ist?

             Es ist keine Frage gestellt worden, aber es heißt dann doch: Sie aber  antworteten  dem Engel – und ich frage sofort wieder: welche sie? Dem Text zufolge sind sie die  Leute, auf den roten, braunen und weißen Pferden, die der Herr ausgesandt hatte. Ihr Auftrag: die Lande durchziehen. Sie haben den Auftrag erfüllt und ihre Auskunft: Alles ruhig und still.

              Und wieder frage ich – vielleicht voreilig: Ist das nicht gut? Heutzutage, wo eine Nachricht die andere jagt, ein Schrecken den anderen, würden wir doch sagen: Wunderbar – das Land liegt still. Nichts los. Was für eine gute Botschaft.

Der Wald steht schwarz und schweiget                                                 und aus den Wiesen steiget                                                                        der weiße Nebel wunderbar.             M. Claudius 1779      EG 482

                  Dass das Land still liegt, ruhig, kann uns in unseren hektischen,. unruhigen Zeiten nicht schrecken. Aber die ersten Leserinnen und Leser schon. Es ist eine Friedhofsruhe und eine Totenstille in Jerusalem. „Nichts hat sich ereignet, was auf Hilfe oder Erleichterung für Israel deuten könnte.“ (F. Laubach, aaO. S. 35) Die Stadt gleicht noch immer einem Trümmerhaufen und der Tempel einem Schuttplatz und das Umland ist geplündert. Und die Völker ringsum sind schadenfroh. Große Hoffnungen auf einen Neuanfang, auch von Prophetenworten genährt verblassen. Es ist eine hoffnungslose Stille, kein Frieden, kein šhalom.

 12 Da hob der Engel des HERRN an und sprach: HERR Zebaoth, wie lange noch willst du dich nicht erbarmen über Jerusalem und über die Städte Judas, über die du zornig bist schon siebzig Jahre?

                  Für den Engel des HERRN aber, am Himmelstor, zwischen den Myrten, ist das alles ein Anlass zur Klage, zum Rufen, zum Schreien. Die Klage wird laut im Volk und der Engel Gottes gibt sie weiter, an Gott selbst: Wie lange noch? Er sieht im Jahr 520 die Trümmer Jerusalems, die zerstörte Stadt, den geschleiften Tempel. Der Wiederaufbau lässt auf sich warten. Hat Gott vergessen, wie man sich erbarmt? Siebzig Jahre sind doch genug!

Zeit für einen Schlussstrich – so ruft der Engel Gottes. Wer würde sich das trauen, heute, angesichts der vielen Schrecken? Zeit für einen Schlussstrich. Der Engel, der so ruft, ist nahe bei den Wächtern, die Gott selbst(!) für Jerusalem bestellt: „O Jerusalem, ich habe Wächter über deine Mauern bestellt, die den ganzen Tag und die ganze Nacht nicht mehr schweigen sollen. Die ihr den HERRN erinnern sollt, ohne euch Ruhe zu gönnen, lasst ihm keine Ruhe, bis er Jerusalem wieder aufrichte und es setze zum Lobpreis auf Erden!“(Jesaja 62, 6-7)Gott will erinnert werden!

Mach End, o Herr, mach Ende mit aller unsrer Not;
stärk unsre Füß und Hände und laß bis in den Tod
uns allzeit deiner Pflege und Treu empfohlen sein,                           so gehen unsre Wege gewiss zum Himmel ein.                                                       P. Gerhardt 1653 EG 361

             Paul Gerhardt hat sich getraut, so den Engelsruf zu seinem Menschenruf zu machen, fünf Jahre nach dem Ende des 30-jährigen Krieges. Ein zerstörtes Land vor Augen. Sein eigenes so schwer belastetes Leben vor Augen. Es gilt das zu lernen, in aller Vorsicht, den Engelsruf zum eigenen Ruf zu machen.

13 Und der HERR antwortete dem Engel, der mit mir redete, freundliche Worte und tröstliche Worte.

             Der Engel ruft nicht vergeblich. Der HERR antwortet. Es ist ungewöhnlich: keine zitierte Jahwe-Rede, sondern nur eine Inhaltsangabe. Die aber macht Hoffnung. Schon sein Antworten, wie viel mehr, aber wie er antwortet: freundliche und tröstliche Worte. Wenn Engel nicht vergeblich vor dem Himmelstor rufen, wie viel weniger werden wir vergeblich rufen, die wir doch einen Vertreter im Himmel haben, einen Fürsprecher, der unser Rufen hört, unser Schreien vernimmt, unsere Worte vor Gott übersetzt und zurecht bringt. „Wir wissen nicht, was wir beten sollen, wie sich’s gebührt; sondern der Geist selbst vertritt uns mit unaussprechlichem Seufzen. Der aber die Herzen erforscht, der weiß, worauf der Sinn des Geistes gerichtet ist; denn er vertritt die Heiligen, wie es Gott gefällt.“ (Römer 8,26-27) Wir brauchen keinen Engelsmittler mehr – er selbst vertritt uns.

 14 Und der Engel, der mit mir redete, sprach zu mir: Predige und sprich: So spricht der HERR Zebaoth: Ich eifere für Jerusalem und Zion mit großem Eifer 15 und bin sehr zornig über die stolzen Völker; denn ich war nur ein wenig zornig, sie aber halfen zum Verderben.

             Der Engel gibt an den Seher weiter, was der HERR Zebaoth sagt. Trostworte. Gute Nachrichten. Mag das Land totenstill liegen – Gottes Eifer ist höchst lebendig und wirksam.  Das ist deshalb gute Nachricht, weil es die Grenze des Zornes markiert. Der Zorn Gottes war nicht unbegrenzt, grenzenlos. Wenn die Völker geglaubt haben, dass Jerusalem, Juda, ein für alle Mal preisgegeben wäre, so ist das ein schwerer Irrtum. Ein wenig war Gott zornig, aber groß ist sein Eifer für Jerusalem. Es gibt kein Gleichgewicht zwischen Zorn und Gnade. Die Gnade hat immer Übergewicht, behält immer die Überhand.

Die Worte sind gleichzeitig eine Drohung an die Völker. Wo sie Werkzeuge des Zornes sein sollten, haben sie sich stolz überhoben und geglaubt, sie könnten Israel verderben. Vernichten für immer. Es bleibt dabei: „Gott liebt sein Volk und zürnt den Völkern, die Israel vernichtet haben.(F. Laubach, aaO. S. 36)

  16 Darum spricht der HERR: Ich will mich wieder Jerusalem zuwenden mit Barmherzigkeit, und mein Haus soll darin wieder aufgebaut werden, spricht der HERR Zebaoth, und die Messschnur soll über Jerusalem gespannt werden.

             Jetzt keine Inhaltsangabe mehr, sondern Zitat. Darum spricht der HERR. Dieser Wechsel unterstreicht die Bedeutung der Worte. Sie sind pures Heilswort: Die Zeit der Abwendung ist vorbei. Wenn Gott sich Jerusalem wieder zuwendet, so wird es Zukunft haben. Es ist „das Thema der Nachtgesichte: Ich wende mich Jerusalem wieder zu in Erbarmen.“ (Th. Pola /K. Offermann, aaO. S. 42) Das Erbarmen Gottes hat konkrete Folgen: Baumaßnahmen. Der Tempel, Gottes Haus soll wieder gebaut werden. Und die Stadt soll wieder Weite gewinnen, ihr Maß. Man könnte fast sagen: In den Baumaßnahmen rund um den Tempel verwirklich sich die Zuwendung Gottes.

Entscheidend: Ich will – spricht der HERR. Wir haben bis hierher nichts gehört von Israel. Nichts davon, was diese siebzig Jahre im Volk ausgelöst haben. Nichts von einer Bußbewegung, Nichts von Umkehr. Nur die Klage eines Engels. Der neue Anfang nach den siebzig Jahren wird seinen Grund allein im Willen Gottes haben, in seinem Erbarmen. Es ist, wie immer, wie bis heute, Gottes Sache die ersten Schritte für einen neuen Anfang zu machen. Die Schritte der Menschen, unsere Glaubensschritte, sind immer nur ein Nachkommen. Ein Antworten auf den Anfang Gottes.

 17 Und weiter predige und sprich: So spricht der HERR Zebaoth: Es sollen meine Städte wieder Überfluss haben an Gutem, und der HERR wird Zion wieder trösten und wird Jerusalem wieder erwählen.

Mitten in dürftiger Zeit kündigt der Prophet auf ausdrückliches Geheiß hin Überfluss an. Fülle an Gutem. Eine neue Zuwendung. Trost. Und der Verwerfung folgt neue Erwählung.  Es gibt einen neuen Weg für Jerusalem, für das Volk, weil Gott wieder auf seine Seite tritt. Gott hat Lust zu neuen Anfängen, auch wenn sie scheinbar lange ausbleiben.

Mich macht nachdenklich: Der Überfluss an Gutem wird nicht ausgemalt, nicht in Bilder umgesetzt. Das wäre doch möglich – bei anderen Propheten finden sich solche Bilder. „Ich will fröhlich sein über Jerusalem und mich freuen über mein Volk. Man soll in ihm nicht mehr hören die Stimme des Weinens noch die Stimme des Klagens. Es sollen keine Kinder mehr da sein, die nur einige Tage leben, oder Alte, die ihre Jahre nicht erfüllen, sondern als Knabe gilt, wer hundert Jahre alt stirbt, und wer die hundert Jahre nicht erreicht, gilt als verflucht. Sie werden Häuser bauen und bewohnen, sie werden Weinberge pflanzen und ihre Früchte essen. Sie sollen nicht bauen, was ein anderer bewohne, und nicht pflanzen, was ein anderer esse.“(Jesaja 65, 19-22)

Hier dagegen geradezu karg: Der HERR wird Zion wieder trösten und wird Jerusalem wieder erwählen. Kann es sein, dass Sacharja zurück schreckt vor den schönen Bildern, weil er sich sagt: Sie lenken nur ab von dem, was in der Mitte ist, tragender Grund für den neuen Anfang: Der Herr tröstet und erwählt. Gott allein genügt

 

Heiliger Gott, wir gehen der Zeit entgegen, in der Du Dich schenkst, der Welt, uns, mir. Wir warten auf den Tag, an dem die Rätsel der Welt sich lösen, die Geheimnisse leuchten wie das Licht, an dem wir sehen werden, wie alles gedacht war von Anfang an.

Das ist die Zeit, in der Du da bist, da sein wirst, sichtbar, von Angesicht zu Angesicht, unverstellt und so, dass wir es aushalten können.

Auf diese Zeit warte ich, Dir entgegen. Amen