Ruf in die Zeit

Es ist wohl wirklich so: „Viele Bibelleser finden zum Buch des Propheten Sacharja wie auch zu den anderen Büchern der sogenannten „kleinen Propheten“ nur schwer einen Zugang. Die alttestamentlichen Zeugen scheinen in einer Welt zu leben und zu verkündigen, die uns sehr fern liegt.“ (F. Laubach, Der Prophet Sacharja, Wuppertaler Studienbibel, Wuppertal 1984, S. 13)Darum kann es nur den durchaus demütigen Versuch geben, den garstigen Graben des großen Abstandes auf der einen Seite wahrzunehmen und auf der anderen, Brücken über diesen Graben zu suchen. Diesem Versuch dient genaues Hinschauen,  geduldiges Nachfragen und auch ein Innehalten, ob sich der Text irgendwie öffnet, sich selbst mitteilt.

Sacharja 1, 1 – 6

Im achten Monat des zweiten Jahrs des Königs Darius geschah das Wort des HERRN zu Sacharja, dem Sohn Berechjas, des Sohnes Iddos, dem Propheten:

Das Buch beginnt mit einer konkreten Zeitangabe. Das Wort des HERRN geschieht im Jahr 520. Darauf weist die synchronistische Datierung anhand der Regierungszeit des Königs Darius, die unseren Kalender ersetzt. Aber mit dieser Zeitangabe wird nicht nur ein altertümlicher Termin-Kalender aufgeschlagen. „Das Datum verbindet das Prophetenwort mit bestimmten zeitgeschichtlichen Ereignissen. Gott bindet seine Offenbarung in die Weltgeschichte ein.“ (F. Laubach, aaO.  S.29)

 Das Wort des HERRN geschah zu Sacharja heißt es. Das wird oft von Prophetenworten gesagt, nicht nur hier. Sie geschehen. Es kann sein, in der Wendung steckt die Berufungserfahrung des Propheten. Aber wir wissen es nicht. Warum heißt es nicht: und der Herr sprach?  Es könnte daran liegen, dass es um mehr geht als um einen Hörvorgang. Wenn Worte geschehen, dann ist das mehrdimensional. Nicht nur Hören, sondern auch Sehen, Fühlen, Riechen, hinein gezogen werden.

Sacharja ist nicht der einzige Prophet in dieser Zeit. Haggai ist sein Zeitgenosse. Mir fällt auf: Er wird ausdrücklich als Prophet bezeichnet. Das ist seine Berufung, wohl nicht sein Beruf, auch ohne ausdrückliche Berufungserzählung. Denn der Tempel, an dem Berufspropheten aktiv sind, ist ja noch nicht wieder aufgebaut. Sacharja trägt einen Namen, der wie ein Programm ist. Er ist die Kurzform von „Sacharjahu – Jahwe hat gedacht“. (H. Graf Reventlow, Die Propheten Haggai, Sacharja, Maleachi, ATD 25,2; Göttingen 1993. S. 32) Darum wird es in diesem Buch ja gehen, darum geht es ständig in Israel, dass der Herr gedenkt, dass er gedacht hat, das er nicht wegschaut, sondern hinschaut.

 2 Der HERR ist über eure Väter zornig gewesen, sehr zornig!

             Was Gott gesehen hat bei seinem Hinschauen, was er wahrgenommen hat bei seinem Gedenken, wird in dem einen Satz lapidar zusammengefasst. Und die Reaktion Gottes: er ist zornig gewesen, sehr zornig. Die Doppelung unterstreicht die Gewichtigkeit des Zornes und damit auch das Recht Gottes zu seinem Strafhandeln. Das ist Urteil nicht nur über einige in Israel, die ihren eigenen, eigensinnigen Weg gehen, sondern über die Väter, gilt also von den Anfängen an.

So sieht es lange vor Sacharja schon Hosea: „Er wird Jakob heimsuchen nach seinem Wandel und ihm vergelten nach seinem Tun. Er hat schon im Mutterleibe seinen Bruder betrogen und im Mannesalter mit Gott gekämpft. Er kämpfte mit dem Engel und siegte, er weinte und bat ihn. Dann hat er ihn zu Bethel gefunden und dort mit ihm geredet – der HERR ist der Gott Zebaoth, HERR ist sein Name -.“(Hosea 12,3-6) Es ist Israels Art von den Väter-Tagen her, dass es den Weg des Herrn verlässt. Darum ist der Zorn Gottes auch berechtigt. Und Gott hat Israel nur die Folge seines Tuns schmecken lassen.

Es ist eine Sicht auf Israel, die nicht bei einzelnen Verfehlungen stehen bleibt unter dem Motto: Jeder macht einmal Fehler. Sondern hier geht es um die Art, um das Wesen, das von Anbeginn an schuldbehaftet ist. Das so deutlich benennen dient einer Absicht: „Israel soll sich durch das Schicksal der Väter warnen lassen.“ (F. Laubach, aaO. S. 31) Dieses Schicksal ist der Untergang Jerusalems und die siebzig Jahre im Exil.

 3 Aber sprich zu ihnen: So spricht der HERR Zebaoth: Kehrt um zu mir, spricht der HERR Zebaoth, so will ich zu euch umkehren, spricht der HERR Zebaoth.

             Aber steht da. Gott ist es Leid, vergeblich zu rufen. Gott ist es Leid, tauben Ohren zu rufen. Gott will Umkehr in seinem Volk. Und hört doch nicht auf zu rufen. In diesem Rufen macht Gott Umkehr möglich, macht er die Tür weit auf. Es muss nicht zwangsläufig so weiter gehen. Das Volk ist nicht auf Gleise gestellt, die keinen anderen Weg erlauben. Es ist nicht auf einer Bahn, von der es kein Abweichen gibt. Sie sind nicht naturgemäß die Unverbesserlichen. Das Aber signalisiert einen Neueinsatz Gottes. Und er sucht mit seinem Neueinsatz den neuen Anfang des Volkes.

             Es gibt eine – vorexilische – Prophetie, die nur noch Gericht ankündigen kann. Der Ruf zur Umkehr ist verstummt, weil er sich abgenützt hatte, ungehört blieb und es nun dem Gericht entgegen drängt. Jeremia ist über weite Strecken so ein Prophet. Ihm wird sogar die Fürbitte für das Volk untersagt. „Du sollst für dies Volk nicht bitten und sollst für sie weder Klage noch Gebet vorbringen, sie auch nicht vertreten vor mir; denn ich will dich nicht hören.“(Jeremia 7,16)

             Dem gegenüber steht die Botschaft an Sacharja. Er darf wieder zur Umkehr rufen. Er darf es, weil Gott sich nicht endgültig vom seinem Volk abgekehrt hat, sondern sich ihm wieder neu zugekehrt hat. Die Botschaft des Sacharja, sein Ruf zur Umkehr erfolgt ja nach der Rückkehr aus dem Exil. Gott hat längst den ersten Schritt getan. Jetzt ist es an der Zeit, dass sich das Volk ihm neu zukehrt. Gott öffnet den Weg zur Umkehr. ŝub – schub „bezieht sich auf den Bund zwischen Gott und Menschen, den Gott mit seinem Volk Israel geschlossen hat… Das Volk soll wieder in den Bund zurückkehren, den es verlassen hat.“ (U. Laepple, Biblisches Wörterbuch, Witten 2010, S. 97) 

 4 Seid nicht wie eure Väter, denen die früheren Propheten predigten und sprachen: »So spricht der HERR Zebaoth: Kehrt um von euren bösen Wegen und von eurem bösen Tun!«, aber sie gehorchten nicht und achteten nicht auf mich, spricht der HERR.

             Der Ruf zur Umkehr ist ein Ruf weg von den Wegen der Väter. Es gibt ein Denken über den Glauben, das Glauben nur als Traditionstreue verstehen kann. Da gelten dann die immer gleichen Regeln, Riten, Gottesdienst-Formen und wer davon abweicht ist angeblich ein Zerstörer des Glaubens. Hier wird es sehr eindrücklich ausdrücklich gesagt: Verlasst den Weg der Väter. Macht sie nicht nach. Es ist nicht alles schon deshalb gut, weil es die Väter (und Mütter!) so gemacht haben. Traditionstreue ist nicht schon in sich selbst gut. Es kommt immer darauf an, welchen Traditionen man treu ist.

Sie haben die früheren Propheten gehört und ihnen nicht gehorcht. Und weil sie ihnen nicht gehorcht haben, haben sie ihn nicht geachtet, der sie doch gesandt hatte, den Herrn.  Die gleiche Denke steht hinter den Worten Jesu, wenn er positiv sagt: „Wer jemanden aufnimmt, den ich senden werde, der nimmt mich auf; wer aber mich aufnimmt, der nimmt den auf, der mich gesandt hat.“ (Johannes 13,20). Das gilt dann aber auch umgekehrt. Wer die Boten nicht hört, lehnt den ab, der sie gesandt hat.

Noch einmal: die Geschichte Gottes mit seinem Volk ist nicht nur eine Geschichte des Glaubens, des Gehorsams gegen die Weisungen Gottes. Es ist auch eine Geschichte des Unglaubens. Die Propheten, auch Sacharja reden meistens nicht von Glauben und Unglauben. Sie reden vom Gehorsam und Ungehorsam. Ungehorsam ist verweigertes Vertrauen, verweigerter Glauben. Sie gehorchten nicht und achteten nicht auf mich, spricht der HERR. Es gibt eine Wegweisung Gottes, der zu folgen Glauben wäre. Ihr nicht zu folgen ist verweigerter Glauben. Dabei geht es nie um religiöse Gefühle oder theologische Sätze wie „Gott hat die Welt geschaffen.“ Es geht um die Alltagsgestalt, um ein Handeln un den normalen Lebensbezügen, das dem Willen Gottes entspricht – wie er beispielsweise in den Geboten kund getan ist.

 5 Wo sind nun eure Väter? Und die Propheten, leben sie noch?

             Ein Zwischenruf, an dem viel herum gerätselt wird. Es wirkt wie eine Reaktion auf Einwände, die gegen Sacharjas Worte erhoben worden sind. Und doch scheint es mir klar zu sein. Es ist die Erinnerung: Mögen jene tot sein – die Väter wie die Propheten – heute ist der Tag, an dem ihr hören könnt. „Nicht auf das Überleben der Propheten kommt es an. Wichtig ist: Was Gott durch sie zu sagen hatte, ist heute noch als sein lebendiges Wort unter uns wirksam.“ (F. Laubach, aaO. S. 31)Und: ihr lebt. Euch wird mit diesem Ruf der Weg zur Umkehr geöffnet, den sie nicht gefunden haben.  Das sollen die Hörer und Leserinnen des Sacharja wissen, damals und heute: Ihr seid gemeint. Ihr seid herausgefordert zu Umkehr und neuem Glauben.  

 6 Aber haben nicht meine Worte und meine Gebote, die ich durch meine Knechte, die Propheten, gab, eure Väter getroffen, dass sie haben umkehren müssen und sagen: »Wie der HERR Zebaoth vorhatte, uns zu tun nach unsern Wegen und Taten, so hat er uns auch getan«?

             Daran schließt ja ganz logisch dieses überführende Wort an. Haben es die Väter – und diesmal ist nicht die ganze Kette der Generationen gemeint, sondern die Generation, die den Fall Jerusalems und das Exil erlebt hat – haben sie nicht erlebt, dass die Worte der Propheten sich erfüllt haben? Sie haben doch erlebt, dass Gottes Drohungen nicht leeres Stroh sind, dass Gott nicht am Ende doch wieder klein beigibt und damit zufrieden ist, „der liebe Gott zu sein“. Harmlos, nett. Der am Ende doch wieder fünfe gerade sein lässt. Die Väter haben erlebt, dass ihr Verhalten den Zorn Gottes nicht nur erregt hat, sondern dass sie ihn haben spüren und tragen müssen. Was wir den Tun-Ergehen-Zusammenhang nennen, was unsere Zeit gern als „Ursache-Wirkung“ beschreibt, das ist im Fall und im Exil manifest geworden.

Weil Gott nicht wieder vergeblich rufen will, lässt er Sacharja zu seiner Zeit daran erinnern: Was ich angekündigt habe durch den Mund meiner Propheten, das ist auch eingetreten. Es waren keine leeren Drohungen. Gott hat sein Wort erfüllt, auch im Gericht. Gilt es nicht umso mehr, dem Ruf zur Umkehr jetzt zu trauen, weil Gott auch dieses Wort erfüllen wird. Kehrt euch zu mir, spricht der HERR Zebaoth, so will ich mich zu euch kehren, spricht der HERR Zebaoth. Die Erinnerung an die Erfüllung der Prophetenworte ist nicht Drohung. Sie ist Ruf der Liebe zur Umkehr. Es ist ein herzliches Werben um Vertrauen, das Sacharja hier aufgetragen ist.

 

Herr Gott, Du willst unseren Gehorsam heute, unseren Glauben heute. Du willst unsere Treue heute. Darum fängst Du mit jeder Generation neu an. Keine Generation vor uns ist Dir näher als wir. Und wir sind nicht festgelegt darauf, die alten Wege immer neu nachzuahmen.

Du rufst uns auf den Weg des Glaubens unter den Bedingungen unserer Zeit. Gib uns, dass wir Deinem Ruf folgen. Amen