Er muss ans Ziel bringen

  1. Thessalonicher 1, 1 – 12

1 Paulus und Silvanus und Timotheus an die Gemeinde in Thessalonich in Gott, unserm Vater, und dem Herrn Jesus Christus: 2 Gnade sei mit euch und Friede von Gott, unserm Vater, und dem Herrn Jesus Christus!

             Fast wortgleich wie der erste Brief beginnt der zweite Brief nach Thessalonich.  Das könnte darauf hinweisen: Es sind die gleiche Verfasser und dieser Brief folgt den ersten Brief gewissermaßen auf dem Fuß. Muss es aber nicht.  Es kann auch sein, dass sich ein Späterer die Namen der drei „leiht“. Das ändert nichts an seiner Bedeutung für uns. „Dieses Schreiben ist ein Teil des biblischen Kanons. Diesen Kanon betrachtet das Christentum auf Grund einer theologischen Entscheidung als seine heilige Schrift – und zwar in Gänze.“ (H. Roose, Der erste und zweite Thessalonicherbrief, Neukirchen 2016, S. 123) Darauf allein kommt es an und das sichert seine Autorität.

Die Unterschiede zur Grußformel zum 1. Brief sind gering: Statt „in Gott, dem Vater“(1. Thessalonicher 1,1) heißt es in Gott, unserm Vater. Das kann ein Signal sein. Die Vater-Bezeichnung für Gott hat an Akzeptanz gewonnen. Darum wird sie vielleicht auch bei dem Gnaden-Wunsch gleich noch einmal aufgegriffen.

Mich beschäftigt mehr: Das ist unser Kanzelgruß. Gnade sei mit euch und Friede von Gott, unserm Vater, und dem Herrn Jesus Christus! Mit diesen Worten grüße ich ganz oft die Gemeinde zum Beginn der Predigt. Dieser Gruß stellt mich gewissermaßen neben die Schreiber dieses Briefes. Und sagt damit: Ich stehe in dieser Kette. Ich will wie sie das Wort weitergeben. Ich, der ich wie der Schreiber dieses Briefes ja auch ein Späterer bin, viel später als die Apostel.

 3 Wir müssen Gott allezeit für euch danken, Brüder und Schwestern, wie sich’s gebührt. Denn euer Glaube wächst sehr und eure gegenseitige Liebe nimmt zu bei euch allen.

             Das klingt ein bisschen gestelzt. Wir müssen Gott für euch danken, wie sich’s gebührt. Was ist das für ein „Müssen“? frage ich. „Wir sind genötigt“ könnte man φελομεν auch übersetzen. „Das „müssen“ bringt zum Ausdruck, dass Danksagung Gott gegenüber nicht ins Belieben gestellt, nicht Angelegenheit besonders Frommer ist, sondern die angemessene und verpflichtende Antwort auf das Geschenk Gottes.“(W. Trilling, Der Zweite Brief an die Thessalonicher EKK XIV; Neukirchen 1980, S. 44) Danken ist ein Schritt über die eigene Befindlichkeit hinaus. Was die Schreiber sehen als Wachsen des Glaubens in der Gemeinde in Thessalonich führt sie, „zwingt“ sie regelrecht zur Dankbarkeit.

Es scheint zusammen zu hängen: Der Glaube wächst und die gegenseitige Liebe.  Das ist ein wichtiger Hinweis: Wo die Liebe fehlt, gibt es auch kein Wachsen im Glauben. Vielleicht gilt auch umgekehrt: Wo das Gottvertrauen fehlt oder ein kümmerliches Dasein fristet, kann auch die Liebe nicht auf-blühen. Beide Verstehensmöglichkeiten stellen unser so individualistisches Konzept von Glauben: „Jeder hat seinen privaten Glauben und den macht er mit sich ab“ massiv in Frage. Wo Glauben und Liebe so ineinander hängen, ist klar: Es geht um ein Verhalten aus Glauben und nicht nur um ein Wahr-halten von theologisch bedeutsamen Sätzen. „An der Liebe zeigt sich die Kraft des Glaubens und des Christentums.“ (W. Trilling, aaO. S. 45) Wir kennen aus Paulusbriefen, auch aus dem 1. Brief die Trias: Glaube-Liebe-Hoffnung. Die Hoffnung wird hier nicht mitgenannt. So wird aus der gewohnten Trias ein Duo.

 4 Darum rühmen wir uns euer unter den Gemeinden Gottes wegen eurer Geduld und eures Glaubens in allen Verfolgungen und Bedrängnissen, die ihr erduldet, 5 ein Anzeichen dafür, dass Gott recht richten wird und ihr gewürdigt werdet des Reiches Gottes, für das ihr auch leidet.

      „Ihr seid unsere Ehre und unsere Freude.“(1. Thessalonicher 2,20) Hier: Wir rühmen uns euer. Es macht Freude, von Gemeinden zu erzählen, in denen es gut läuft. In denen schöne Gottesdienste gefeiert werden. In denen es Angebote für viele gibt – Hilfen für Bedrängte, Sorge um die Schwachen, Trost für Traurige, Beistand für die, die mit dem Leben nicht klar kommen. Und wenn das erst „meine Gemeinde“ ist – das macht schon auch ein wenig stolz.

Hier klingt das alles ein wenig anders. Der Stolz, das Rühmen bekommt ein seltsames Gewand. Denn er nimmt das in Blick, was wir fürchten: Verfolgungen und Bedrängnissen. Auch in Bedrängnis, θλψις, halten sie in der Gemeinde stand, bleiben standhaft und treu, bewahren sie Geduld, πομονή. Es ist eine Betrachtung von zwei Seiten – die Bedrängnisse kommen von außen und sie fordern die innere Standhaftigkeit. Die Leserinnen und Leser des Briefes sind keine Schönwetter-Christen, die davon laufen, wenn es schwierig wird. Das ist ja die Wirklichkeit der ersten Gemeinden, nicht nur in Thessalonich: Sie sind bedrängt, werden gesellschaftlich isoliert, müssen Nachteile in Kauf nehmen. Das gilt auch oder sogar erst recht, wenn man diesen Brief auf das Jahr 90 n. Chr. ansetzt. Da haben in vielen Gebieten des römischen Reiches schon erste Christenverfolgungen begonnen, noch nicht systematisch, aber lokal hart genug. Das Thema wird den Brief durchziehen. „Hier spiegelt sich wohl die Sicht einer bedrängten Minderheit“. (H. Roose, aaO. S.137) Glaube in der Anfechtung, nicht, weil die Seele nicht stabil ist, sondern weil der Druck von außen ist, wie er ist.

Ich springe in die Gegenwart: Im Fernsehen wird das Fehlverhalten von Kirchenleuten angeprangert. Hart. Auch ein wenig selbstgerecht. Würden die Diskutierenden die Maßstäbe, die sie an das Handeln der Kirchenleute anlegen, denn auch an sich selbst angelegt sein lassen? Es ist mühselig, sich hier zur Wehr zu setzen, weil jedes Wort gegen einen verwendet werden kann. Als Beschönigung, als Verschleierung, als Verweigerung des Eingeständnisses von Fehlern, auch von Schuld. Aber Verfolgung und Bedrängnis ist das noch nicht, auch wenn es meine Geduld arg strapazieren mag.

 6 Denn es ist gerecht bei Gott, dass er denen vergilt mit Bedrängnis, die euch bedrängen, 7 euch aber, die ihr Bedrängnis leidet, Ruhe gibt zusammen mit uns, wenn der Herr Jesus sich offenbaren wird vom Himmel her mit den Engeln seiner Macht 8 in Feuerflammen, Vergeltung zu üben an denen, die Gott nicht kennen und die nicht gehorsam sind dem Evangelium unseres Herrn Jesus.

             Es wird eine Ende haben mit solchen Bedrängnissen, nicht, weil die Kirchen die Macht übernehmen und alle zum Schweigen bringen können Weil und wenn der Herr Jesus sich offenbaren wird vom Himmel her mit den Engeln seiner Macht. Darauf warten sie in Thessalonich, in Jerusalem, in Korinth, in Rom. Darauf warten Paulus und Silas, Johannes und Petrus, der Schreiber des Hebräer-Briefes und die Evangelisten. Alle. Es ist die gemein-christliche Erwartung der ersten Gemeinde, dass Jesus wiederkommen wird in der Macht des Himmels, „zu richten die Lebenden und die Toten“. Nicht erst am St. Nimmerleinstag. Bald. Sehr bald.

Und es ist ein Rechnen damit, dass dieses Kommen nicht nur Freude auslösen wird. Die Bedrängnisse werden auf die Bedränger zurückfallen. Das entspricht dem Handeln Gottes, wie es schon im Alten Testament bezeugt ist.  Es gibt einen Zusammenhang zwischen Tun und Ergehen, der dem gerechten Gott entspricht:  „Die Gottlosen, denen es jetzt gut geht, häufen ihre Schuld auf.“ (H. Roose, aaO. S. 131) Die wird sie einholen. Die den Glauben missachtet haben, abgelehnt, die Gemeinde verfolgt – sie werden erschrecken.

         Die Gott nicht kennen. Wer ist damit gemeint? Heiden? Oder Juden, denen sich der Glaube nicht erschlossen hat? Es führt in die Irre, nach fest beschreibbaren Gruppen zu suchen. Der Schreiber  differenziert nicht  zwischen verschiedenen Gruppen, die fest zu beschreien wären. Er stellt nur fest: „Sie kennen Gott und sie glauben nicht an das Evangelium.“(W. Trilling, aaO. S. 56) Es ist ein harsches Urteil und es sind harte Folgen. „Siehe, er kommt mit den Wolken, und es werden ihn sehen alle Augen und alle, die ihn durchbohrt haben, und es werden wehklagen um seinetwillen alle Geschlechter der Erde.“ (Offenbarung 1,7)

Allerdings – und diesen Kontrast finde ich schön: Der Herr wird kommen, euch Ruhe zu geben mit uns. Es ist eines der großen Themen des Hebräerbriefes, das hier angetippt wird: So ist eine Ruhe vorhanden für das Volk Gottes. Der große Sabbat als das Ziel der Welt leuchtet hinter der so verhaltenen Wendung auf.

Hier ist nicht mehr von irdischer Umkehr der Verhältnisse die Rede, auch nicht mehr von einer Herstellung der Rechtssicherheit vor römischen Gerichten. Sondern hier ist das Endgericht Gottes im Blick. Das Kommen Jesu mit Macht, begleitet von den Heerscharen der Engel, mit Feuer. Unwiderstehlich. „Wir erhalten hier eine monumentale, kraftvolle, aber auch düstere Schilderung der Parusie.“(H. Roose, aaO. S. 133) Des Kommens Jesu.

 9 Die werden Strafe erleiden, das ewige Verderben, vom Angesicht des Herrn her und von seiner herrlichen Macht,

             Noch immer bleibt unser Schreiber, Paulus – oder doch ein Paulus-Schüler? – bei denen, die das Kommen zu fürchten haben. Mir will es fast zu lang werden. Aber es ist wohl so: Wer das freundliche Angesicht des Herrn nicht zu Lebzeiten kennen gelernt hat, der wird nur den strengen Richter sehen in seinem Kommen. Wer das Wort der Gnade nicht hören gelernt hat  als Wort der Vergebung über seine Schuld, der wird es auch dann nicht hören, weil sein Ohr es nicht vernimmt, selbst wenn es gesagt würde.

Was ist die Strafe, das ewige Verderben? Wenn man die Schilderungen zuvor im Blick hat, legt sich das Feuer nahe. Höllenqualen, oft genug schrecklich ausgemalt in Kirchen. Bilder, die Angst machen können und abschrecken. So einen Gott will ich nicht. Es gibt die andere Möglichkeit zu verstehen. „Während das Schicksal der Christustreuen darin besteht, dass sie in ewiger Gemeinschaft mit ihren Herrn leben, werden die Gottlosen mit ewiger Christus- und Gottesferne bestraft.“(H. Roose, aaO. S. 135) Sehen, was man versäumt, verpasst, abgelehnt hat und nichts mehr ändern zu können ist Hölle genug. Da braucht es kein Feuer mehr.

Was daneben auffällt: Jesus ist der Herr. Κυρίος. In kaum einer anderen Schrift des Neuen Testamentes wird der Kyrios-Titel so gehäuft verwendet und immer auf Jesus bezogen. Und auch das fällt auf: Der Kyrios wird hier mit alttestamentlichem Farb-Material gemalt. Der Schreiber „bedient“ sich im Alten Testament, weil er anders nicht von der Größe und Herrlichkeit Jesu Christi reden kann. So geht es uns ja auch.      

10 wenn er kommen wird, dass er verherrlicht werde bei seinen Heiligen und sich wunderbar erweise bei allen Gläubigen an jenem Tage; denn was wir euch bezeugt haben, das habt ihr geglaubt.

            So sehr ist der Schreiber in diesen Strafgedanken verwickelt, dass die Freude über das Kommen des Herrn fast keinen Ausdruck findet. Ja, seine Herrlichkeit leuchtet auf. Ja, seine Macht wird sichtbar. Aber dass die Christen ihm sehnsuchtsvoll und hoffend entgegen warten können, das lese ich hier nicht. Aufatmen klingt anders. Lobpreis und Jubel der Erlösten auch.

Und doch klingt hier auch Erleichterung auf: Unsere Arbeit war nicht vergeblich. Die Leserinnen und Leser „haben den richtigen Weg eingeschlagen, trotz der Bedrängnisse, denen sie ausgesetzt waren.“(H. Roose, aaO. S. 134) Die Verkündigung hat ihr Echo gefunden. Das Zeugnis, μαρτριον, „Martyrion“, hat Glauben geweckt. Da sind nicht Sprengsätze geworfen worden, sondern da ist mit Worten geworben worden, mit leeren Händen bittend zum Glauben eingeladen worden.

11 Deshalb beten wir auch allezeit für euch, dass unser Gott euch würdig mache der Berufung und vollende alles Wohlgefallen am Guten und das Werk des Glaubens in Kraft, 12 damit in euch verherrlicht werde der Name unseres Herrn Jesus und ihr in ihm nach der Gnade unseres Gottes und des Herrn Jesus Christus.

Jetzt wird es dann doch einmal direkt und sofort auch herzlicher. Man kann wohl auch nicht Fürbitte ohne ein gewisses Maß an Zuneigung und Zuwendung praktizieren. Damit die Christen in Thessalonich zum großen Ziel kommen, braucht es das, dass Gott sie ans Ziel bringt. Es ist das tiefe Wissen um die Notwendigkeit der Gnade: Wir können uns nicht selbst Gott entsprechend machen. Wir sind nicht aus eigenem Vermögen so, wie Gott uns gedacht hat, Ebenbilder seines Wesens. „Der Bekehrte kann sich nicht würdig machen, Gott muss es tun.“(G. Friedrich., Der Zweite Brief an die Thessalonicher, NTD 8; 1976, S. 261)Er muss es tun. Er muss vollenden, ans Ziel bringen.

In immer neuen Anläufen wird das durch-buchstabiert, nicht nur bei Paulus. Unser Gott mache euch würdig der Berufung und vollende alles Wohlgefallen am Guten und das Werk des Glaubens in Kraft. Was der Schreiber hier für die Gemeinde erbittet, erbittet er auch für sich selbst. Darauf ruht seine und ihre Hoffnung. Davon leben sie, Briefschreiber und Briefleserinnen, dass Gott sein Werk erfüllt und seiner Berufung treu bleibt.

Wieder könnte der Briefschreiber den ersten Brief nach Thessalonich zitieren und es wäre ein gutes Wort. „Er aber, der Gott des Friedens, heilige euch durch und durch und bewahre euren Geist samt Seele und Leib unversehrt, untadelig für die Ankunft unseres Herrn Jesus Christus. Treu ist er, der euch ruft; er wird’s auch tun. Liebe Brüder, betet auch für uns.“(1. Thessalonicher 5, 23-25)

 

Wie gut, mein Gott und Herr, dass es Deine Sache ist uns zurecht zu bringen, Deine Sache, uns gnädig anzusehen, Deine Sache, uns so zu verwandeln, dass wir Dir entsprechen.

Und wenn am Ende Vieles gegen mich spricht, so vertraue ich darauf, dass Du für mich sprichst, dass Du mich in Deine Gnade einhüllst.

Mich und die Vielen, die wie ich sagen müssen: Herr, ich bin es nicht wert. Aber sprich nur ein Wort und meine Seele wird gesunden. Amen