Viele kleine Schritte – ein Weg

  1. Thessalonicher 5, 12 – 28

 12 Wir bitten euch aber, Brüder und Schwestern: Achtet, die sich unter euch mühen und euch vorstehen im Herrn und euch ermahnen; 13 ehrt sie in Liebe umso höher um ihres Werkes willen.

            Es geht um die „Lehrer“, um die, die in der Gemeinde leitend Verantwortung tragen. In unserer Sicht sind es die, die Macht haben und ausüben. Die deshalb auch kontrolliert werden müssen. Die sich Fragen gefallen lassen müssen, nach ihren Motiven, nach ihren Zielen, nach ihren Fähigkeiten. Wie anders klingt das alles in diesem Brief:  Erkennt sie an… Habt sie umso lieber um ihres Werkes willen.

Das schreiben die drei Missionare ja nicht nur, weil sie selbst solche Lehrer sind, selbst aus ihrer Perspektive auf die Gemeinde schauen. Ich glaube, sie schreiben so, weil es ohne dieses vertrauende Anerkennen kein wirkliches Leiten gibt, weil es ohne das sich gefallen lassen, dass wir geleitet, ermahnt, ermutigt werden, das alles gar nicht gibt. Da wird dann aus Leiten unwillig erlebte Herrschaft.

Es ist wichtig, sich nicht von heutigen Bildern leiten zu lassen. Hier sind noch keine Ämter, schon gar nicht hauptamtliche, berufliche Tätigkeiten im Spiel. „Die Art der Beschreibung lässt nicht auf etablierte Ämter in der Gemeinde schließen: Es finden sich keine Amtsbeschreibungen, sondern Beschreibungen von Funktionen, die bestimmte Leute aus der Gemeinde in Verantwortung für die gesamte Gemeinde übernehmen.“ (H. Roose, Der erste und zweite Thessalonicherbrief, Neukirchen, 2016, S. 97) 

Und: Es ist ja ein Werk, das Gott den Leitenden aufgetragen hat. Sie machen das nicht, weil sie sich darum beworben haben – vielleicht ist das der große Unterschied zu heutiger Vergabepraxis kirchenleitender Aufgaben -, sondern weil sie  dafür begabt und deshalb (!) auch damit beauftragt sind. „So sind wir viele “ein” Leib in Christus, aber untereinander ist einer des andern Glied, und haben verschiedene Gaben nach der Gnade, die uns gegeben ist. Ist jemand prophetische Rede gegeben, so übe er sie dem Glauben gemäß. Ist jemand ein Amt gegeben, so diene er. Ist jemand Lehre gegeben, so lehre er. Ist jemand Ermahnung gegeben, so ermahne er. Gibt jemand, so gebe er mit lauterem Sinn. Steht jemand der Gemeinde vor, so sei er sorgfältig. Übt jemand Barmherzigkeit, so tue er’s gern.“ (Römer 12, 5-8) Das ist das Bild, das Paulus in seinen Gedanken leitet, das er von den leitenden Aufgaben in der Gemeinde hat. „Die Anerkennung solchen Tuns ist der erste Schritt zur Entstehung von Ämtern: aus der moralischen Autorität der Vorbilder konnte die institutionelle Autorität von Amtsträgern werden.“ (K. Haacker, Aus der Freiheit leben – Galater, Thessalonicher und Philemon, Bibelauslegung für die Praxis 23, Stuttgart 1982, S. 138)

 Haltet Frieden untereinander. 14 Wir ermahnen euch aber: Weist die Nachlässigen zurecht, tröstet die Kleinmütigen, tragt die Schwachen, seid geduldig mit jedermann. 15 Seht zu, dass keiner dem andern Böses mit Bösem vergelte, sondern jagt allezeit dem Guten nach, füreinander und für jedermann.

             Der Aufruf zum Frieden halten ist nicht grundsätzlich verdächtig für Christen. Die Rede vom „faulen Frieden“ ist nichts spezifisch Christliches. Es ist vielmehr das große Erbe des Alten Testamentes, dass das Heil Gottes auch Frieden ist, Shalom. Eine Ordnung des Lebens, in der Alles und Alle, die ganze Schöpfung an ihr Ziel kommt. Frieden – das ist, dass Gott wieder sagen kann:  „Und Gott sah an alles, was er gemacht hatte, und siehe, es war sehr gut.“ (1. Mose 1, 31) Dieser große Friede ist ganz Gottes Geschenk.

Aber auf dem Weg dorthin gibt es viele kleine Schritte des Friedens. Sie sind Aufgabe in der christlichen Gemeinde. Ich habe gelernt, aus meiner Erfahrung: Aufforderungen signalisieren Aufgaben. Vielleicht auch Defizite. Kann es sein, dass es so friedlich nicht zuging unter den Thessalonichern? „Man muss nicht annehmen, dass Paulus hier in einen akuten Konflikt zwischen aktiveren und weniger aktiven Gemeindegliedern eingreift. Aber einer latenten Gefahr ist sich der Apostel bewusst. Sonst würde er das Thema nicht ansprechen.“ (K. Haacker, ebda.) Ist das so, gewinnt diese Aufmunterung zusätzlich Dringlichkeit. Jedenfalls: Sie sagt nichts, was ohnehin selbstverständlich ist.

Wenn man das griechische Wort ειρηνεύετε wörtlich übersetzen wollte, müsste man wohl sagen: „Friedet miteinander.“ Oder ein wenig missverständlich: „Befriedigt einander.“ So etwas gibt es im Deutschen nicht. Aber es macht deutlich: Es geht um die Art des Umgangs, nicht um das Erreichen eines hehren Ideals, um das Herstellen eine Zustandes. Es ist eine Handlungsanweisung.

Diese Handlungsanweisung wird in den nachfolgenden Aufforderungen konkretisiert. Das ist „befrieden“: Unordentlichen zurecht weisen, Kleinmütigen trösten, Schwache tragen, geduldig sein gegen jedermann. Nicht alles unter den Teppich kehren, sondern mit allen so umgehen, dass sie gestärkt werden, ermutigt, auf dem Weg des Lebens Kraft gewinnen. Dazu braucht es nicht zuletzt den langen Atmen der Geduld, der aus der „Großmut“, μακροθυμία, Menschen gegenüber schöpft. Aushalten können, nicht nur unter schwierigen Lebensumständen, sondern auch mit schwierigen Leuten.

Und dann, gewissermaßen als Top-Leistung: Aussteigen aus dem Echo-Verhalten. Nicht mehr: „Auf einen groben Klotz gehört ein grober Keil“ und „Wie du mir, so ich dir.“ Sondern unabhängig werden im eigenen Verhalten, sich ganz an der Liebe orientieren, „die  nicht das Ihre sucht, sich nicht erbittern lässt, nicht das Böse zurechnet.“ (1. Korinther 13,5) Und das nun gerade nicht nur unter den Brüdern und Schwestern, sondern noch einmal: gegen jedermann. „Vielleicht weitet sich der Blick mit dem „allen gegenüber“ über den Horizont der Gemeinde hinaus.“ (H. Roose, aaO. S.99) Paulus, so wird es sich später deutlich zeigen, kennt keine innergemeindliche Spezialethik.

 16 Seid allezeit fröhlich, 17 betet ohne Unterlass, 18 seid dankbar in allen Dingen; denn das ist der Wille Gottes in Christus Jesus an euch. 19 Den Geist löscht nicht aus. 20 Prophetische Rede verachtet nicht. 21 Prüft aber alles und das Gute behaltet. 22 Meidet das Böse in jeder Gestalt.

             Jeder einzelne Satz ist wunderbar. Und über jeden einzelnen Satz lohnt es sich zu predigen. Es geht um eine Einweisung in ein fröhliches Leben als Christ, das geprägt ist von Dankbarkeit, sich freuen kann an allem Guten. „Dabei ist die Aufforderung, fröhlich zu sein eigentlich paradox.“ (H. Roose, aaO. S.100) Man kann fröhlich sein doch nicht befehlen, aber hier steht im Griechischen ein Imperativ, die Befehlsform. Einmal mehr steckt hinter solchem „befehlen“, das doch weit eher ein Ermutigen ist, der Grundgedanken: Christen können das leben, was sie sind. Sie haben einen Raum der Freiheit, den sie auch wirklich ausfüllen dürfen. Hier: sie sind befreit zu einem Leben, das nicht angst-bestimmt und angst-besessen ist, sondern großzügig und weitherzig. Einem Leben, das glauben kann: „Das Leben gelingt meistens einigermaßen. Nicht immer, leider, aber meistens gelingt es, allen Widrigkeiten und Fehlern zum Trotz.“ (G. Hartmann, Erfrische Geist und Sinn; Frankfurt 1997, S. 29)

So zu denken, macht aufmerksam. Vorurteilsfrei wahrnehmungsfähig. Und es lässt wirklich genau hinhören. Es könnte ja sein, dass der Geist Gottes sich zu Wort meldet in den Worten, die mir eine Andere, ein Anderer sagt. Es lässt aber auch nicht hinter allem her laufen. Weil sich ein feines Sensorium entwickelt für das, was nicht geht, für das Böse. Das kommt uns ja oft in überaus plausibler Gestalt entgegen. Als Allgemeinplatz. Als Slogan. Als Angst.

Es ist ein großes Zutrauen, das sich in diesen Worten meldet:  Den Geist löscht nicht aus. Prophetische Rede verachtet nicht. Prüft aber alles und das Gute behaltet. Zutrauen zu der Urteilsfähigkeit der Gemeinde in Thessalonich. Weit weg von der Sorge: wenn wir nicht eingreifen, geht alles drunter und drüber. Man könnte auf die Idee kommen: sie haben aus der Ferne ja auch keine andere Wahl. Man kann aber auch so lesen: Die Gemeinde soll dem Wirken des Geistes Raum lassen, auch wenn es dabei zu außergewöhnlichen Erfahrungen kommt und ungewöhnliche Gaben des Geistes wirken – „z. B. Menschen gesund zu machen oder in Zungen zu reden.“ (H. Roose, ebda.) Ein wenig von dieser Großzügigkeit und diesem Vertrauen in das heilsame Wirken des Geistes ist auch heute wünschenswert – und es schließt ja nicht aus:  Prüft aber alles. Wobei das aber in manchen Handschriften fehlt und  dieses Fehlen verhindert, einen Gegensatz aus Geistwirken und vernünftigem Prüfen zu konstruieren. Der Geist aus Gott, der Geist Jesu Christi ist nicht wider die Vernunft!

Wenn man den ganzen Abschnitt überblickt – eine Aufforderung nach der anderen, ein Rat nach dem Nächsten. Diese Weisungen sind nicht irgendwie noch ein eiliger Nachtrag zum Schluss des Briefes. Sie gehören zu seiner Substanz. Sie verhindern, dass der Glaube so eine Art theologisch-theoretische Überwelt wird, die nichts mit dem Leben zu tun hat. Der frühere Pharisäer Paulus hat nicht vergessen, was er einmal gelernt hat: „Denn es ist das Wort ganz nahe bei dir, in deinem Munde und in deinem Herzen, dass du es tust.“(5. Mose 30, 15)

 Gottvertrauen will gelebt werden, Glaube will getan werden. Dieses Tun findet seinen Weg hin zu den Unordentlichen, Kleinmütigen, Schwachen. Es sucht die Wege des Friedens. Es überlässt keinen in der Gemeinde sich selbst und seinem Schicksal. Es wird auch kein Zufall sein, dass Paulus erst das Tun nennt, das schlicht eine neue Menschlichkeit fordert und danach das Tun, das „geistlich“ ist, geistgeleitet. Wenn man das menschliche Miteinander überspringt, hängen alle geistliche Lebensäußerungen irgendwie im luftleeren Raum.

 23 Er aber, der Gott des Friedens, heilige euch durch und durch und bewahre euren Geist samt Seele und Leib unversehrt, untadelig für die Ankunft unseres Herrn Jesus Christus. 24 Treu ist er, der euch ruft; er wird’s auch tun. 25 Liebe Brüder, betet auch für uns.

             Am Ende der Segen. Segen erinnert: Du kannst dich nicht vor der Welt und ihren Unbilden selbst schützen. Du musst es auch nicht. Du stehst ja unter dem Segen Gottes. Er, Gott selbst, wird bewahren. Darum lege ruhig alle Schutzkleidungen und Panzerungen ab. Er selbst wird helfen, die richtigen Entscheidungen zu treffen. Darum sei mutig in deinen Entscheidungen Er selbst bringt dich ans Ziel. Du bist ein geborgener Mensch. Und er ist treu.

26 Grüßt alle Brüder mit dem heiligen Kuss. 27 Ich beschwöre euch bei dem Herrn, dass ihr diesen Brief lesen lasst vor allen Brüdern.

                Ein kleines Rätsel ist der heilige Kuss. Ist das ein liturgischer Akt im Gottesdienst? Im Judentum ist das kein Brauch. Oder ist das etwas, was Paulus erfunden hat, Signal der Zusammengehörigkeit? Für Menschen, die eher auf Distanz aus sind, eine ziemliche Zumutung. Aber: wir lernen es ja, uns umarmen zu lassen. Vielleicht lernen wir irgendwann dann auch den heiligen Kuss.  Er unterscheidet sich ja inhaltlich sicher von den Bruderküssen erzwungener Freundschaften und mafiösen Verbindungen.

            Offensichtlich sind nicht alle Briefe vorgelesen worden. Manche sind auch verloren gegangen. So wie der Brief nach Laodicea (Kolosser 4,16). Es liegt den Dreien viel daran, dass ihr Schreiben nicht bei der Gemeindeleitung abgeheftet wird. Es ist ja doch an alle gerichtet und sie alle sollen durch diese Worte aufgerichtet werden.

28 Die Gnade unseres Herrn Jesus Christus sei mit euch!

             Die Gnade ist das letzte Wort. Die Gnade behält auch das letzte Wort. Das glaubt Paulus zusammen mit seinen Mitautoren. Am Ende steht – und sie trägt alles – die Gnade unseres Herrn Jesus Christus.

 

Weil Du treu bist, mein Herr Jesus, kann ich nach vorne gehen. Weil Du treu bist, muss ich der Furcht  nicht Raum geben in meinem Sorgen und Planen. Weil Du treu bist, kann ich darauf verzichten, alles tausendfach abzusichern.

Deine Treue öffnet den Raum vor mir und ich darf und kann glauben: Wohin ich auch gehe, Du bist schon da und kommst mir entgegen mit weit geöffneten Armen. Amen