Ermutigt euch

  1. Thessalonicher 5, 1 – 11

1 Von den Zeiten und Stunden aber, Brüder und Schwestern, ist es nicht nötig, euch zu schreiben; 2 denn ihr selbst wisst genau, dass der Tag des Herrn kommt wie ein Dieb in der Nacht.

             Merkwürdig: es ist nicht nötig – und doch schreiben sie. Ihr wisst es selbst genau – und doch schreiben sie. Das klingt noch so sehr nach: Es ist noch nicht alles gesagt. Sondern mehr danach, dass trotz des Wissens, trotz früher gelehrter Sätze dennoch Verunsicherungen in der Gemeinde vorhanden sind. Weil es einfach so ist, dass sich auf dem Weg, mit der Zeit Fragen ergeben, neu stellen und neue Antwort zu suchen sind. Vielleicht auch nur frühere Antworten noch einmal zu durchdenken und sie dann neu zu geben.

Es geht weiter mit der Frage: Wann wird es so weit sein? Wann kommt der Herr? Wann kommt sein Tag? Es ist ein Jesus-Wort, das offensichtlich in der jungen Christenheit treu weitergegeben wird, das die Verfasser hier zitieren: „Darum wachet; denn ihr wisst nicht, an welchem Tag euer Herr kommt. Das sollt ihr aber wissen: Wenn ein Hausvater wüsste, zu welcher Stunde in der Nacht der Dieb kommt, so würde er ja wachen und nicht in sein Haus einbrechen lassen. Darum seid auch ihr bereit! Denn der Menschensohn kommt zu einer Stunde, da ihr’s nicht meint.“ (Matthäus 24, 42-44) Der Tag des Herrn  ist ein Thema, um das sich viele Gedanken ranken. Aber es ist ganz auf der Linie Jesu, dass die Gemeinde sich keinen Fahrplan baut, dass sie aber in der Erwartung lebt. Wachsam. Bereit. 

Denn, er wird ja wiederkommen! Stärker noch: Er kommt.

 “Keiner weiß, wann; keiner weiß, wie;                                             doch alle werden dich sehn.                                                               Einer sagt: “jetzt”, ein anderer “nie”,                                                   doch alle werden dich sehn. 

Du hast gesagt, du kommst zurück,                                                        und alle werden dich sehn.                                                                        Du allein weißt den Augenblick,                                                     doch alle werden dich sehn.

Wird es Tag oder Nacht bei uns sein?                                     Kommst du in unser Spiel, unsre Arbeit hinein?                       Keiner weiß, wann…                                                                                           M. Siebald, LP Überall hat Gott seine Leute 1983

Das steht fest und doch: damit sind nicht alle Fragen einfach weg. Auch wer nicht mehr nach dem Wann fragt, nach einem festen Termin, ist in Sachen Zukunft nicht fraglos unterwegs, auch nicht im Blick auf das Zu-uns-kommen Gottes.

 3 Wenn sie sagen: »Friede und Sicherheit«, dann überfällt sie schnell das Verderben wie die Wehen eine schwangere Frau, und sie werden nicht entrinnen.

             Keine falsche Sicherheit. Wer die sind, von denen es heißt Wenn sie sagen werden ist unklar. Es scheint ja so: Mit denen „draußen“ muss Paulus sich nicht auseinander setzen. Sie sind sowieso blind. Aber hinter Friede und Sicherheit können doch auch politische Parolen stehen, die in Pax Romana gerne gepflegt wurden. Staaten beruhigen ihre Bürger, damals wie heute gerne: Alles geht seinen geordneten Gang. Vielleicht aber werden es doch Stimmen innerhalb der Christen sein, denn auch Christen können blind sein für das Kommende, für den Kommenden. „Gerade das ist das Wesen des Zeitpunktes, dass er nicht als solcher erkannt wird. Er ist markiert durch die Parole: Friede und Sicherheit.“(T. Holtz, Der Erste Brief an die Thessalonicher EKK XIII; Neukirchen 1986, S. 215)

             Es ist eine uralte Traditionslinie, die in die Irre führt. „Propheten und Priester gehen alle mit Lüge um und heilen den Schaden meines Volks nur obenhin, indem sie sagen: »Friede! Friede!«, und ist doch nicht Friede.“(Jeremia 6,13-14) Es ist geradezu das Kennzeichen der falschen Propheten, dass sie Frieden verkündigen und in Sicherheit wiegen, wo der Sturm schon dabei  ist, loszubrechen. Ειρήνη καί ασφάλεια Frieden und Sicherheit. Damit kann man auch heute noch erfolgreich werben. Die Leute hören das gerne. Es ist  eine  Parole, wie für große Plakate geschaffen. Was für eine Warnung: „Der Tag des Herrn wird in eine Situation scheinbarer, vielleicht den Menschen „von oben“ eingeredeten Stabilität hereinbrechen“. (K. Haacker, Aus der Freiheit leben – Galater, Thessalonicher und Philemon, Bibelauslegung für die Praxis 23, Stuttgart 1982, S.134) Die Leute Gottes stören den faulen Frieden. Sie rütteln auf. Sie halten wachsam.

Das ist nötig, weil das Unheil schnell – αφνδιος –  kommt, unerwartet, unverhofft. So wie die Wehen überfallartig kommen, die zwar nach neun Monaten Schwangerschaft nicht unerwartet sein mögen, aber doch einsetzen,  wann sie wollen und nicht, wann es einem passt. Mit einer unausweichlichen Gewalt. Dass die Briefschreiber den kommenden Tag Unheil, Verderben nennen, bezieht sich auf die Perspektive derer draußen. Sie haben von diesem kommenden Tag keine Rettung zu erwarten, sondern Untergang.

Das alles schreiben, heißt sofort fragen: Wo rütteln wir auf? Wo zeigen wir, dass der Frieden faul ist und die Sicherheiten brüchig sind? Man muss nicht investigativ unterwegs sein, um ein Gespür dafür zu entwickeln, wie faul und zur Ernte reif unsere Lebensweise in den reichen Ländern ist.

Wenn der Herr wieder kommt – wir werden zu antworten haben: Warum habt ihr es an Liebe fehlen lassen, zu denen, die bei Euch Zuflucht gesucht haben? Warum habt ihr euren Reichtum verteidigt und nicht geteilt? Warum habt ihr nur auf Profite geachtet und die Gerechtigkeit mit Füßen getreten? Warum habt ihr es zugelassen, dass Kindern die Kindheit gestohlen worden ist unter Leitungsdruck und Leistungswahn? Warum habt ihr verschwiegen, dass meine Gnade größer ist als alle Schuld? Warum habt ihr so wenig auf mich, den Gekreuzigten gezeigt, in dem Gott alle bis zum Äußersten liebt? Wirklich alle! So wird er uns in den Kirchen fragen.

4 Ihr aber seid nicht in der Finsternis, dass der Tag wie ein Dieb über euch komme. 5 Denn ihr alle seid Kinder des Lichtes und Kinder des Tages. Wir sind nicht von der Nacht noch von der Finsternis.

             Es ist eine Redefigur, die die Briefe des Paulus durchzieht. Er redet seine Leserinnen und Leser immer wieder daraufhin an, was sie durch den Glauben sind – hier: Kinder des Lichtes, Kinder des Tages. Indem er sie so anredet, fordert sie auf: Seid, was ihr seid. Lebt nicht unter dem Niveau, das ihr von Gott her habt. Ihr müsst keine Dunkelmänner sein, keine licht-scheuen Gesellen. Ihr seid nicht in der Finsternis Ihr seid doch „Lichtgestalten“, alle miteinander. Es ist also eine Feststellung ihres Status, der zugleich eine Aufforderung beinhaltet. Es gibt keine stärkere Aufforderung zum Leben als Christen als die Erinnerung daran: Ihr seid doch Christen, Menschen, die zu Christus gehören. Alle Ethik ist im Grundsatz Erinnerung an diese Zugehörigkeit.    

 6 So lasst uns nun nicht schlafen wie die andern, sondern lasst uns wachen und nüchtern sein. 7 Denn die schlafen, die schlafen des Nachts, und die betrunken sind, die sind des Nachts betrunken.

             Bilder leben von Kontrasten. So auch hier. Die anderen schlafen. Wir wachen. Die anderen sind betrunken. Wir sind nüchtern. Es geht nicht um moralische Überlegenheit. Es geht nicht um Hochmut und Dünkel. Es geht um ein Leben in Wachheit, das nicht verschläft, was im Gang ist und sich nicht betäubt, um nichts wahrnehmen zu müssen. Es geht darum, aus dem Glauben eben nicht „Opium für das Volk“ (K. Marx) zu machen, keine „goldenen Ketten“ (K. Marx), sondern gerade aus der Erwartung des Heils wachsam zu sein. Darum lasst uns wachen und nüchtern sein. „Nüchternheit kann im Neuen Testament das Festhalten an der wahren Weltsicht bedeuten. (H. Roose, Der erste und zweite Thessalonicherbrief, Neukirchen, 2016, S. 92)Also geht es hier nicht um die Gefahr des Weins, des Alkohols, sondern um Gefahr, sich schöne Weltbilder zurecht zu legen. Man kann von der eigenen Sicht der Dinge, den eigenen Träumen von neuer Größe – America first – regelrecht betrunken sein. Und die Wirklichkeit so „benebelt“ verschlafen.

  8 Wir aber, die wir Kinder des Tages sind, wollen nüchtern sein, angetan mit dem Panzer des Glaubens und der Liebe und mit dem Helm der Hoffnung auf das Heil.

             Das führt zu diesem so kämpferischen Bild. Es geht nicht um Hochrüstung der Christen. „Das Bild der Rüstung entspricht der Sicht des Lebens als Kampf…..Die Wappnung besteht in den Grundbefindlichkeiten christlichen Seins, Glaube, Hoffnung, Liebe.“ (T. Holtz, aaO. S. 227)Es geht also um ein Wachsein im Glauben, das sich stellt, auch dem Gegenwind stellt, auch den Anfeindungen stellt. „Wer die Wahrheit sagt, braucht ein schnelles Pferd“. Mehr noch braucht er, braucht sie die Bereitschaft, einzustehen für die Wahrheit.

     „Und mit unserer kleine Kraft üben gute Ritterschaft“                                                         C. David 1741 EG 263

Es gibt in früheren Zeiten ein Wissen um die „Kämpfe“, die der Glauben mit sich bringt, innere Kämpfe mit sich selbst und auch äußere Kämpfe mit denen, die das mit der unbedingten Verpflichtung des Glaubens so eng nicht sehen mögen. Die widersprechen. Andere Wege gehen. Da geht es nie um Waffengewalt. Schon gar nicht um gerechte oder gar heilige Kriege. Aber immer darum, nicht kampflos aufzugeben, beizudrehen, sich einfach anzupassen. Die Kraft zum Widerstand kommen – wie könnte es auch anders sein – aus Glauben,  Liebe und der Hoffnung auf das Heil. Dieser Dreiklang wird die späteren Briefe des Paulus immer wieder prägen.

 9 Denn Gott hat uns nicht bestimmt zum Zorn, sondern dazu, das Heil zu erlangen durch unsern Herrn Jesus Christus, 10 der für uns gestorben ist, damit, ob wir wachen oder schlafen, wir zugleich mit ihm leben. 11 Darum ermahnt euch untereinander und einer erbaue den andern, wie ihr auch tut.

             Wie selbstverständlich schreibt Paulus hier: Jesus Christus, der für uns gestorben ist, damit wir zugleich mit ihm leben. Das klingt fast beiläufig, ist in Wahrheit aber die zentrale Botschaft des Paulus. Es ist Erinnerung an die Predigt, mit der Paulus und seine Brüder die Christen in Thessalonich für den Glauben gewonnen haben. Nicht Neues, sondern das Fundament ihres Glaubens und Lebens.

Dieses Fundament ist es, auf das es ankommt. „Hier … wird der Unterschied zwischen denen, die wachen und denen, die schlafen, im Blick auf das Christusheil für irrelevant erklärt.“ (T. Holtz, aaO. S. 231) Zwischen denen, die schon gestorben sind und denen, die noch leben. Das ist eine Erfahrung, die im Glauben öfters auftritt: Es gibt Fragen, die heftig zu schaffen machen können und die sich dann doch, wenn sich der Blick auf Christus richtet, als nebensächlich oder überholt oder erträglich erweisen.

Das ist der letzte Grund: Gott hat uns bestimmt, das Heil zu erlangen. Aus diesem Wissen um die eigene Bestimmung, die uns voraus ist, können Christen frei handeln. Aus diesem Wissen heraus können sie ihren Weg gehen. Und in diesem Wissen stärken sie einander.  Es ist ein Leben und Handeln von den Zusagen Gottes her. Verheißungsorientiert. Wer dem Wort Gottes traut, kann sich trauen, und kann anderen zum Vertrauen helfen. So einfach ist das. Auch wenn es sich dann im Leben als höchst anspruchsvoll erweist, als Herausforderung, die alle unsere Kräfte beansprucht.

Aber, wie sagt Paulus an anderer Stelle: „Schafft, dass ihr selig werdet, mit Furcht und Zittern. Denn Gott ist’s, der in euch wirkt beides, das Wollen und das Vollbringen, nach seinem Wohlgefallen.“(Philipper 2,12-13) Verheißungen machen nicht träge. Sie richten das Leben nach vorne aus. Sie nehmen aber auch in Anspruch und sind als solche anspruchsvoll. Auch die, die bestimmt sind , das Heil zu erlangen, können es vertun, können ihre Zukunft verfehlen. In der Rückkehr zu den Göttern. Im Verlieren des Weges des Glaubens. Das ist die „unmögliche Möglichkeit“, die es auch für Christen gibt. Der Wille Gottes aber ist das nicht. Er will, dass alle ans Ziel kommen, zum Heil.

Weil sie dies wissen, ermutigen die Briefschreiber die Gemeinde: ermahnt euch untereinander und einer erbaue den andern, wie ihr auch tut. Einmal mehr mein Lieblingswort: παρακαλετε ermahnt, ermutigt euch.

 Kommt, Kinder, lasst uns gehen, der Abend kommt herbei;
es ist gefährlich stehen in dieser Wüstenei.
Kommt, stärket euren Mut, zur Ewigkeit zu wandern
von einer Kraft zur andern; es ist das Ende gut.

 Sollt wo ein Schwacher fallen,so greif der Stärkre zu;                  man trag, man helfe allen, man pflanze Lieb und Ruh.                Kommt, bindet fester an; ein jeder sei der Kleinste,                   doch auch wohl gern der Reinste auf unsrer Liebesbahn.”                                           G. Tersteegen 1738 EG 393

             Das also ist der Denk-Ansatz, der hier vor uns liegt: Weil unsere Zukunft schon geklärt ist, weil wir unserer Erlösung gewiss sein dürfen um Jesu willen, können wir uns in der Gegenwart anders verhalten. Was einmal sein wird, prägt schon unser Verhalten jetzt. Weil ich mich am Ende begnadigt glaube, will ich mit niemand mehr ungnädig umgehen. Weil ich mich am Ende aufgehoben und gehaltern glaube, will ich niemand mehr fallen lassen. Weil ich mich am Ende erlöst glaube, will ich keinen in seinen Banden gefangen bleiben lassen. Es ist die Ewigkeit, die ich glaube, die mich zu einem anderen Umgang mit der Zeit und in der Zeit führen soll.  

 

Herr Jesus, nicht den Tag verträumen, sich nicht in den Himmel davon schleichen, die Erde nicht aus den Augen verlieren – das willst Du von uns.

Du schenkst uns die Hoffnung auf die Ewigkeit, damit wir frei sind, die Welt zu gestalten, das Notwendige zu tun, Liebe zu üben, Gerechtigkeit zu wirken, Andere mit unserer Hoffnung anzustecken.

Gerade weil uns der Himmel sicher ist, versprochen von Dir, können wir uns in die Welt hinein engagieren, ohne Angst, dass wir uns darin verlieren. Amen