Nicht im Ungewissen

  1. Thessalonicher 4, 13 – 18

 13 Wir wollen euch aber, Brüder und Schwestern, nicht im Ungewissen lassen über die, die entschlafen sind, damit ihr nicht traurig seid wie die andern, die keine Hoffnung haben.

             Es ist ein bedrängendes Thema: Was ist mit denen, die gestorben sind? Verpassen sie die Wiederkunft Christi? Sind sie womöglich nicht beteiligt an der Freude über sein Kommen? „Wahrscheinlich reagieren die Verfasser mit ihren Ausführungen auf eine konkrete Anfrage aus der  Gemeinde. (H. Roose, Der erste und zweite Thessalonicherbrief, Neukirchen, 2016, S. 75) Diese Anfragen sind auch deshalb nicht nebensächlich, sondern dringlich, weil die Erwartung groß ist: die Ankunft des Herrn wird nicht mehr lange auf sich warten lassen. „Man erwartete die Wiederkunft Jesu auch in so naher Zukunft, dass der Gedanken an Todesfälle von Christen vor diesem Ende der Weltgeschichte zunächst fernlag.“ (K. Haacker, Aus der Freiheit leben – Galater, Thessalonicher und Philemon, Bibelauslegung für die Praxis 23, Stuttgart 1982, S. 128) Naherwartung also, die sich folgerichtig damit herumschlagen muss, dass manche in der Zwischenzeit gestorben sind. Vorzeitig.

Das sind Fragen, die uns heute fremd vorkommen mögen, die aber so fremd auch uns nicht sind. Wie oft fragen Menschen auch heute: Wo sind denn die, die uns genommen worden sind? Werden wir sie wiedersehen? Werden wir sie wieder erkennen?

Would you know my name /If I saw you in heaven?
Would it be the same / If I saw you in heaven?

I must be strong /And carry on
‘Cause I know I don’t belong / Here in heaven

Would you hold my hand / If I saw you in heaven?
Would you help me stand / If I saw you in heaven?

I’ll find my way / Through night and day
‘Cause I know I just can’t stay /Here in heaven

Time can bring you down / Time can bend your knees
Time can break your heart /Have you begging please
Begging please

Beyond the door / There’s peace, I’m sure
And I know there’ll be no more / Tears in heaven

Would you know my name / If I saw you in heaven?
Would it be the same / If I saw you in heaven?

I must be strong /And carry on
‘Cause I know I don’t belong / Here in heaven

‘Cause I know I don’t belong /Here in heaven         E. Clapton, Tears in Heaven 

Es sind unsere Fragen, die sich so schon zwischen den Zeilen des Briefes nach Thessalonich finden. Es ist Seelsorge, die auf diese Fragen eingeht, und nicht ein Spekulieren über das, was wir nicht wissen können.

Das Anliegen der Antwort wird mit wenigen Sätzen markiert: Sie wollen der Hoffnung ein neues, festes Fundament geben. Sie wollen der Traurigkeit wehren. Keine Hoffnung und traurig – das kennzeichnet die Umwelt der Gemeinde, die anderen. Die Draußen. „Dass die antike Welt in besonders hohem Maße mit dem Problem des Todes rang, ist uns aus zahlreichen Quellen bekannt. Nicht zuletzt die Grabinschriften illustrieren das tiefe Ungetröstetsein des antiken Menschen und seine Sehnsucht nach einem tragfähigen Trost.“ (K. Haacker, aaO. S. 127) Heutige Traueranzeigen sind an dieser Stelle nicht weniger aufschlussreich, was die Suche nach Bewältigung des Todes angeht.

14 Denn wenn wir glauben, dass Jesus gestorben und auferstanden ist, so wird Gott auch die, die entschlafen sind, durch Jesus mit ihm einherführen. 15 Denn das sagen wir euch mit einem Wort des Herrn, dass wir, die wir leben und übrig bleiben bis zur Ankunft des Herrn, denen nicht zuvorkommen werden, die entschlafen sind.

        Die erste Antwort: es gibt so etwas wie eine Schicksalsgemeinschaft – zwischen den Entschlafenen und Jesus. Gott hat an dem einen Jesus so gehandelt wie er an allen, die entschlafen sind,  handeln wird. Vermutlich wird hier auf urchristliches Bekenntnis zurückgegriffen – das glauben wir alle, wir Briefschreiber und ihr als Gemeinde. Die Schicksalsgemeinschaft mit Jesus sichert nicht nur Auferstehung – irgendwie geht es weiter, muss es weitergehen –  sondern sie geht darüber hinaus: Gott wird die entschlafen sind durch Jesus mit ihm einherführen. Das ist Heilsgemeinschaft Christi mit den Seinen. (H. Roose, aaO. S. 77) Sie werden nicht irgendwo, sondern beim Herrn sein.

Darum auch braucht keinen Wettlauf zur Auferstehung. Es gibt keinen Vorsprung für irgendjemanden bei der Ankunft des Herrn. Man muss sich auch keinen Vorsprung erarbeiten. Oder anders: Der Jüngerwettlauf am Ostermorgen „Es liefen aber die beiden miteinander, und der andere Jünger lief voraus, schneller als Petrus, und kam als Erster zum Grab.“(Johannes 20, 4) hat in den Augen der Briefschreiber etwas Absurdes an sich. Es gibt keinen Grund dafür.  Gleichwohl ist das wohl eine Sorge in der Gemeinde: Die einen kommen früher als die anderen. Die noch leben, wenn der Herr wiederkommt, sind besser dran als die, die entschlafen sind. Diese Sorge in der Gemeinde nährt sich aus der Erfahrung der Welt: „Wer zu spät kommt, den bestraft die Geschichte.“(Gorbatschow)

             Diesen Ängsten stellt Paulus nun aber nicht einfach seine Überzeugungen entgegen, sondern er begegnet ihnen mit einem Wort des Herrn. Das ist die letzte und höchste Autorität für Christen, damals wie heute. Wir kennen das Wort nicht, das Paulus hier anführt. Er zitiert ja nicht in gleicher Weise, wie wir das gewöhnt sind. Aus dem Zusammenhang heraus wird deutlich, was sein Inhalt sein muss: Wir, die wir leben und übrig bleiben bis zur Ankunft des Herrn, werden denen nicht zuvorkommen, die entschlafen sind. 

             In einer ähnlichen Fragestellung argumentiert der  Hebräerbrief, wenn auch genau umgekehrt, ohne Berufung auf ein Herrenwort: „Diese alle haben durch den Glauben Gottes Zeugnis empfangen und doch nicht erlangt, was verheißen war, weil Gott etwas Besseres für uns vorgesehen hat; denn sie sollten nicht ohne uns vollendet werden.“(Hebräer 11, 39-40) Da ist die Sorge, salopp: Die besten Plätze sind schon weg. So geht es ja in der Welt zu. Wer zuerst kommt, der kriegt die besten Plätze, das beste Stück, den Auftrag. Noch einmal: „Wer zu spät kommt, den bestraft das Leben.“

Nein, sagen Paulus und der Hebräerbrief unisono, gestützt auf eigenes Nachdenken und auf das Wort des Herrn: Das Bild „Früher – später“ greift nicht, wenn es um die Auferstehung und Wiederkommen geht. Wir müssen uns aus unseren Zeitvorstellungen verabschieden. Dahinter steht wohl das Wissen: Wir können so etwas wie Ewigkeit ja gar nicht ordentlich denken. Wir kommen aus unserem Raum-Zeit-Schema nicht wirklich heraus. Wir reden von einer Wirklichkeit, die unser Denken und Begreifen und unsere Erfahrung übersteigt. Wer das anfängt zu verstehen, der kann dann auch auf Zeittabellen und Fahrpläne für die Ewigkeit getrost verzichten.

16 Denn er selbst, der Herr, wird, wenn der Befehl ertönt, wenn die Stimme des Erzengels und die Posaune Gottes erschallen, herabkommen vom Himmel, und zuerst werden die Toten, die in Christus gestorben sind, auferstehen. 17 Danach werden wir, die wir leben und übrig bleiben, zugleich mit ihnen entrückt werden auf den Wolken in die Luft, dem Herrn entgegen; und so werden wir bei dem Herrn sein allezeit.

             Ein dreifaches Signal sieht, hört Paulus, wenn es „so weit“ ist: der Befehl ertönt, die Stimme des Erzengels und die Posaune Gottes erschallen… Vorstellungen, die aus der Tradition Israels kommen. Bilder. Wie wird es sein? Totaliter aliter. Ganz anders.

Doch können die Schreiber nicht auf Anschauungsmaterial aus der eigenen Erfahrung verzichten: es geht dem Herrn entgegen. „Hinter dem Herrn entgegen“ steht das Griechische Fachwort für die Begrüßung eines Staatsbesuches  durch eine ihm entgegen gehende Delegation der Bürger.“ (K. Haacker, aaO. S. 129) Eine Delegation ist noch nicht die ganze Bürgerschaft. Darf man dann also so denken: das ist erst der Anfang und viele weitere werden folge?

Entrückt. Damit können heutige Leser nicht so schrecklich viel anfangen. Und doch hängt einiges daran. ρπάζω meint „wegreißen, an sich reißen.“(Gemoll Griech.-Deutsches Schul- und Handwörterbuch, München 1957, S. 195) Keine Rückkehr in die Welt. Während die Delegation den Staatsbesuch empfängt und in ihre Stadt einholt, geschieht hier das Umgekehrte: der Kommende reiß die, die ihm entgegen kommen mit sich. In seine Wirklichkeit. „Die Hoffnung der Christustreuen besteht genau darin, dass sie mit ihrem Herrn ewige, eschatologische Gemeinschaft haben werden.“ (H. Roose, aaO. S. 83) In einer Welt, die vergeht, in der nichts bleibt, ist es diese Gemeinschaft, die feststeht, zugesichert von Gott selbst.

Es klingt nach einer geordneten Reihenfolge. Was mir daran gefällt: Es gibt kein Chaos. Es gibt kein wildes Losrennen. Erst die Einen, dann die Anderen. Aber  das Ziel ist für alle gleich: So werden wir bei dem Herrn sein allezeit. Paulus ist kein Freund der Unordnung. Es ist seine tiefe Überzeugung: „Gott ist nicht ein Gott der Unordnung, sondern des Friedens.“(1. Korinther 14,33) Es ist für alle Platz und für jeden sein Platz. Es braucht kein Gedränge. Keiner kommt zu kurz oder zu spät.  Darüber können die Thessalonicher sorglos sein, auch was ihre Toten angeht.

In diesen wenigen Worten gelingt den Briefschreiber Großartiges: sie verknüpfen zwei Vorstellungen, die nicht von vornherein zusammen gehören: die Auferstehung der Toten und die Entrückung der Lebenden. Vielleicht gab es in Thessalonich bis dahin nur eine Erwartung der Entrückung für die derzeit Lebenden. Hoffnung für die gegenwärtige Generation. Aber welche Tragkraft hat eine Hoffnung, die nicht die mit einschließt, die schon gegangen sind? Darum ist es notwendig, um der Hoffnung willen, dass die Entrückungsvorstellung verknüpft wird mit der Erwartung der Auferstehung. Auf den ersten Blick nur ein Thema damals. Aber in Wahrheit ist es mehr: Es geht darum, wie sich unsere Vorstellung von Tod und Ewigkeit, von Auferstehung und Weiterleben verknüpfen lassen mit dem Glauben an den kommenden Herrn. Was ist unsere Hoffnung?

Was mich auch noch bewegt: Diese Erwartung der Auferstehung ist nicht angstbesetzt, sondern hoffnungsvoll. Weil sie nicht auf das unausweichlich kommende Endgericht sieht, sondern auf die unverdiente Erfüllung des Lebens. Es gibt eine Engführung im Blick auf die Rede vom Jüngsten Tag, die ihn nur als den Tag der Abrechnung in den Blick nimmt.

Es ist ein Fünkchen Wahrheit an den folgenden Worten: „Die Angst vor dem Gottesgericht spielt als Drohpotential in der schwarzen Pädagogik vieler Jahrhunderte eine unrühmliche Rolle und erwies sich bis in die Neuzeit als ein Machtinstrument der Kirche bei der Disziplinierung der Gläubigen“ (H. Fischer, Haben wir denselben Gott?, Norderstedt 2015, S. 53) Nur: so pauschal – wer ist die Kirche? Evangelisch, römisch-katholisch, orthodox, baptistisch, charismatisch? – ist er genauso falsch wie er zutreffend ist. Er lebt von der Blickverkürzung, die am Ende nur noch Gericht sieht und nicht Vollendung, nicht ans Ziel kommen, nicht die Freude und den ewigen Lobgesang. Das aber haben Paulus und seine Mitautoren vor Augen: die ewige Freude im Schauen Gottes.

18 So tröstet euch mit diesen Worten untereinander.

             Das ist das Ziel dieser Worte. Keiner soll ohne Trost bleiben. Keiner soll seine Hoffnung aufgeben. Keiner soll sich abquälen mit düsteren Gedanken. Trost und Hoffnung – diese beiden Worte rahmen die Überlegungen. Nicht Lehrgebäude werden hier hochgezogen. Es geht um Zuspruch, der ermutigt, tröstet, hoffen lässt. Diese Hoffnung angesichts des Todes unterscheidet Christen von Nichtchristen. Die Christen sind nicht traurig wie die andern, die keine Hoffnung haben. Damit das so ist, braucht es die geschwisterliche Ermutigung, den Zuspruch in der Gemeinde, das gegenseitige Tragen.

Sind das alles nur zeitbedingte Vorstellungen? Bilder, die heute keine Kraft mehr haben, keine Resonanz mehr finden können? Von denen wir uns folglich zu verabschieden haben? Ich lese: „Im funktionalen Paradigma, – das nicht mehr nach dem Urheber, sondern nach der Ursache fragt – ist die Frage nach dem Urheber eines Geschehens weder notwendig noch plausibel, sondern gar nicht vorgesehen. Damit entschwindet Gott als der Allein- und Letztverursacher ganz unbemerkt aus dem Horizont.“(H. Fischer, aaO.  S. 66) Zurück bleibt eine trostlose Welt, die keinem Ziel mehr entgegen geht. Die nicht mehr erwartet wird.

So will ich nicht leben. So will ich auch nicht glauben. Ich halte mich fest daran: der, an den ich glaube, erwartet mich. Mit weit ausgebreiteten Armen. Ich werde es hören: Gut, dass du da ist. Ich werde ihn sehen, der mir das Herz abgewonnen hat. Ihm geht der Weg meines Lebens und der Weg der Welt entgegen. Darum ist auch Hoffnung für die Welt.

Jesus, er mein Heiland, lebt; ich werd auch das Leben schauen,
sein, wo mein Erlöser schwebt; warum sollte mir denn grauen?
Lässet auch ein Haupt sein Glied, welches es nicht nach sich zieht?

 Dieser meiner Augen Licht wird ihn, meinen Heiland, kennen,
ich, ich selbst, ein Fremder nicht, werd in seiner Liebe brennen;
nur die Schwachheit um und an wird von mir sein abgetan.                         O.
von Schwerin 163, EG 526

 

Daran hänge ich. Darauf traue ich. Deshalb nehme ich auch so einen Satz „Lediglich religiöse Fundamentalisten reklamieren ihr subjektivisches Weltverständnis gegen über dem funktionalen Weltverständnis als die inhaltlich absolute Wahrheit.“(H. Fischer, ebda.) nur achselzuckend zur Kenntnis. Die Hoffnungssaat der Worte des Paulus ist stärker.

  

Heiliger Gott, der Tod schmerzt uns tief. Er macht Angst im Blick auf das eigene Sterben. Er macht ratlos und wir wissen nicht, wo unsere Toten sind.

Wie wird es sein mit der Auferstehung? Fragen über Fragen. Gib uns die Zuversicht, dass wir alle im Leben und im Tod in Deinen guten Händen sind. Gib uns das Vertrauen, dass Du uns festhältst und keine und keiner Dir verloren geht. Amen