Sehnsucht über die Welt hinaus

  1. Thessalonicher 1, 1 – 10

1 Paulus und Silvanus und Timotheus an die Gemeinde in Thessalonich in Gott, dem Vater, und dem Herrn Jesus Christus: Gnade sei mit euch und Friede!

             Es ist der übliche Anfang eines Briefes in der Antike. Und doch gleich mit dem Anfang ein wichtiges Signal. Es sind drei, die den Brief zusammen schreiben. Das Bild des einsamen Missionars Paulus wird allein dadurch schon ein wenig korrigiert. Er schreibt zusammen mit Silvanus und Timotheus, seinen Weggefährten, Schülern (?), Brüdern auf dem Weg des Glaubens.

Es kann auffallen: Paulus wird hier nicht als Apostel vorgestellt, wie er es sonst selbst tut – 1. Und 2. Korintherbrief, rief an die Galater, Brief an die Römer. Hier nicht. Hier erscheint er als einer unter dreien, wenn auch als der erste. „Paulus ist bei der Abfassung des ältesten uns überlieferten urchristlichen Briefes einer in einer Gruppe von dreien. Er ist noch nicht der alles überragende Apostel, von dem uns weitere Briefe überliefert sind und der die christliche Theologie wie kein anderer biblischer Verfasser geprägt hat.“ (H. Roose, Der erste und zweite Thessalonicherbrief, Neukirchen, 2016, S. 6) 

Der Brief geht nach Thessalonich, dem heutigen Saloniki in Nordgriechenland. In der Apostelgeschichte, wird die Stadt als Ort erwähnt, an dem Paulus eher auf der Durchreise von Philippi nach Athen in der Synagoge predigt. Drei Sabbate lang: Das Ergebnis: „Einige von ihnen ließen sich überzeugen und schlossen sich Paulus und Silas an, auch eine große Menge von gottesfürchtigen Griechen, dazu nicht wenige von den angesehensten Frauen.“ (Apostelgeschichte 17,4) Aber es entsteht auch tumultartiger Widerspruch, dem Paulus entgeht, weil ein gewisser Jason bürgt. Die Brüder schicken dann die Gefährten und Gefährdeten weiter nach Beröa. In der Apostelgeschichte ist der Aufenthalt in Saloniki fast nicht mehr als eine flüchtige Episode. 

Das Erste, was sie der Gemeinde zu sagen haben ist, noch vor dem Segensgruß, ist ihr „Ort“, an den sie sich befindet. Nicht geographisch, sondern geistlich. Sie sind Gemeinde,  κκλησα in Gott, dem Vater, und dem Herrn Jesus Christus: Alles, was später noch folgen wird, wird sie darauf anreden – auf ihren Stand, auf ihr Wesen, das in diesem In-Sein  beschlossen ist.  Genauso steht auch alles Folgende unter dem Vorzeichen des Segens: Gnade und Friede. Damit sind der tragfähige Grund und das hoffnungsvolle Ziel im Spiel.

 2 Wir danken Gott allezeit für euch alle und gedenken euer in unsern Gebeten 3 und denken ohne Unterlass vor Gott, unserm Vater, an euer Werk im Glauben und an eure Arbeit in der Liebe und an eure Geduld in der Hoffnung auf unsern Herrn Jesus Christus.

             Es gibt eine Verbundenheit, die sich auch dann bewährt, wenn man nicht beieinander ist. Füreinander beten schafft so eine Brücke über große Entfernungen hinweg. In der Art, wie die Drei das tun, wird die Trias sichtbar, die für Paulus auch andernorts das Geschehen des Glaubens zusammenfasst. „Glaube, Hoffnung, Liebe – diese drei.“ (1. Korinther 13,13)  Es ist eine dreifache Lebenswende: Ihr habt euch bekehrt hin zu Gott – das ist euer Glaube. Ihr habt angefangen, auf Menschen neben euch ganz neu zu achten und für sie da zu sein – das ist Dienen in Liebe. Und ihr wartet auf das Kommen des Reiches Gottes – das ist eure Hoffnung.  Vielleicht darf man es sagen: Wo dieses drei bleiben, da bleiben auch das Werk und die Arbeit und die Geduld. Alles, weil es in Jesus Christus, unserem Herrn aufgehoben ist und vollendet wird.   

             Es mag sein. Dass der Brief hier der antiken Sitte folgt, wie ein Briefanfang auszusehen hat. Aber hier ist nicht einfach nur Sitte am Werk, hier wird „besonders eindrücklich formuliert. Paulus übernimmt diese Briefsitte nicht einfach gedankenlos, sondern lobt und dankt nur dort, wo er das von Herzen tun kann. Auch im Vergleich zu anderen Briefen geschieht das hier mit besonderen Nachdruck.“ (K. Haacker, Aus der Freiheit leben – Galater, Thessalonicher und Philemon, Bibelauslegung für die Praxis 23, Stuttgart 1982, S. 91) Immer wieder, wenn die drei beten, nehmen sie diese Gemeinde in ihr Beten mit auf, bringen sie vor Gott, unseren Vater. 

 4 Brüder und Schwestern, von Gott geliebt, wir wissen, dass ihr erwählt seid; 5 denn unser Evangelium kam zu euch nicht allein im Wort, sondern auch in der Kraft und in dem Heiligen Geist und in großer Fülle. Ihr wisst ja, wie wir uns unter euch verhalten haben um euretwillen.

             Gibt es das, dass man um Erwählung, erst recht um die Erwählung anderer, wissen kann? Paulus sagt: Ja. Erwählung wird sichtbar, erkennbar im Verhalten. „Die „Erwählung“ zeigt sich im Wirksamwerden des Wortes.“(W. de Boor, Die Briefe des Paulus an die Thessalonicher, Wuppertal 1977, S. 31) Wo das Wort in einem Herzen starke Wurzeln schlägt, da ist Gottes Erwählen am Werk. Es gibt einen Gleichklang, Zusammenklang, das Finden einer gemeinsamen Wellenlänge, in dem das Wort Kraft gewinnt, in dem Heiligen Geist zu großer Fülle – die Lutherübersetzung 1984 sagt hier noch: Gewissheit – führt und leitet. Diese Wendung hat etwas geradezu Überschwängliches – im Griechischen steht da πολλή πληροφορία, viel volle Zuversicht, als ob volle Zuversicht noch nicht genug wäre. Dieses Zusammenspiel entzieht sich menschlichem Vermögen – wir können es nicht machen. Aber es ereignet sich nicht ohne das Tun von Menschen, ohne ihre Worte, ohne ihr Hören, ohne das Öffnen ihrer Herzen.

Es sind Worte, die auf uns  dogmatisch wirken mögen. Aber je länger ich sie betrachte, umwandere, umso mehr spüre ich Wärme in diesen Worten, Zuneigung, Verbundenheit, die sich hier ausdrücken. Nicht weniger als 14-mal nennen die Brief-Schreiber die Gemeinde in diesem kurzen Brief „Brüder“, δελφο im Griechischen. Die Wiedergabe Brüder und Schwestern ist der Einsicht geschuldet, dass die mitgemeinten Schwestern heute auch wirklich im Text sichtbar zu machen sind. „Das entspricht seinem zuwendungsvollen Ton. Die Benennung mit Bruder ist von der frühen Gemeinde aus dem Judentum übernommen, das seinerseits damit auf das Alte Testament zurückgreift.“ (T. Holtz, Der Erste Brief an die Thessalonicher, EKK XIII, Neukirchen 1986, S. 45)Die Schreiber können es wagen zu erinnern: Ruft euch ins Gedächtnis, wie wir uns bei euch aufgeführt haben. Wir dagegen sind manchmal froh, dass sich Menschen nicht daran erinnern, wie wir bei ihnen waren: Distanziert, sachlich, nur an der Klärung von Sachverhalten interessiert. Hier ist Erinnerung an menschliche Zuwendung, geschwisterliche Begegnung.

Wenn ein Mensch damals – und heute –  zum Glauben an Jesus Christus findet, dann ist das immer ein Wunder. Wenn ein Mensch sein Lebensvertrauen auf Jesus Christus setzt und in ihm den Zugang zu Gott für sich geöffnet sieht, in ihm die Zukunft seines Lebens aufgehoben findet, ist das ein Wunder. „Niemand kann von sich aus, aus eigener Kraft oder Vernunft an Jesus Christus glauben.“(M. Luther, Kleiner Katechismus) So haben es Generationen von Christen gelernt. Glauben ist ein Geschenk, Frucht des Geistes – und  wo es dazu kommt, da hat Gott mitten in dieser Welt sein Wunder gewirkt.

6 Und ihr seid unsere Nachfolger geworden und die des Herrn und habt das Wort aufgenommen in großer Bedrängnis mit Freuden im Heiligen Geist, 7 sodass ihr ein Vorbild geworden seid für alle Gläubigen in Makedonien und Achaia. 8 Denn von euch aus ist erschollen das Wort des Herrn nicht allein in Makedonien und Achaia, sondern an allen Orten hat sich euer Glaube an Gott ausgebreitet, sodass es nicht nötig ist, dass wir darüber etwas sagen

Es ist zum wunderbaren Echo-Verhalten gekommen. Das Beispiel des Glaubens der Boten hat Widerhall gefunden. Nachfolger, Nachahmer, μιμητα der Verkündiger bei ihnen sind sie in Thessalonich  geworden. Nachahmung – „Die μίιμησις-Vorstellung Begegnet bei Paulus nicht eben häufig, hat dann aber sachliches Gewicht(T. Holtz, aaO. S. 48) Was sie gesehen haben, hat sich nicht nur eingeprägt, es hat geprägt. Und die, die in den Aposteln ihr Beispiel, ihr Vorbild gefunden haben, sind so selbst zum Vorbild geworden. Anders wird wohl niemand zum Vorbild, als dass er/sie selbst Vorbilder findet und an ihnen wächst. Vorbilder aber gewinnen Strahlkraft, über die Grenzen einer Stadt hinaus. Das Wort läuft.

Es ist wichtig, genau zu lesen: Ihr seid ein Vorbild geworden. Das Passiv bewahrt davor, das Vorbild-werden als Aufgabe zu sehen. Es gibt bei Paulus nicht die Aufforderung: „Werdet Vorbilder.“(1. Petrus 5,3) Auch da ist sie nicht so zu lesen, dass einer sich zum Vorbild macht oder als Vorbild hinstellt. „Werde, der du von Gott her, durch seine Wahl und Gnade, schon bist.“ Das ist die Aufgabe, die Paulus immer wieder in den Blick rückt.  Andere werden es dann sehen und sich für ihren Weg ermutigen lassen zu werden, was sie von Gott her schon sind.

Steckt dahinter: Die Thessalonicher sind missionarisch aktiv geworden und haben sich aufgemacht in ihre Umgebung? Oder ist es einfach so, dass das veränderte Leben nicht verborgen bleiben konnte? Jedenfalls: Glaube ist hier keine Privatsache. Er wird mitgeteilt und teilt sich mit. An allen Orten wissen Menschen Bescheid.

 9 Denn sie selbst verkünden über uns, welchen Eingang wir bei euch gefunden haben und wie ihr euch bekehrt habt zu Gott, weg von den Abgöttern, zu dienen dem lebendigen und wahren Gott 10 und zu warten auf seinen Sohn vom Himmel, den er auferweckt hat von den Toten, Jesus, der uns errettet von dem zukünftigen Zorn.

             „Die Wahrheit des Evangeliums bricht sich Bahn.“ (T. Holtz, aaO. S. 54) Es findet sein Echo, weit über das hinaus, was in Thessalonich geschehen ist. Wenn man so will: es spricht sich herum. „Man erzählt sich.“ Was da erzählt wird ist auch ein Ausweis für die Bestätigung, die Gott dem Arbeiten der freien Missionare zukommen lässt.

So wird die Wende im Leben der Thessalonicher beschrieben: Von den Abgöttern zu Gott, dem lebendigen und wahren Gott. Dabei ist es wichtig, wie das geschieht: „Der Bekehrung zu Gott ging nicht eine Abkehr vom Heidentum voraus, sondern die Reihenfolge ist umgekehrt: Die Hinwendung zu Gott hat die Aufgabe des Götzendienstes automatisch zur Folge.“ (G. Friedrich., Der Erste Brief an die Thessalonicher, NTD 8; 1976, S. 215)

 Die Vermutung ist: es steckt noch mehr hinter den Sätzen, die sich reichlich auf Ausdrücke beziehen, die in der frühjüdischen Tradition beheimatet sind. Hinter ihnen stecken Beschreibungen des heidnischen Lebens. Das hilft, die Adressaten des Briefes genauer in den Blick zu bekommen. Es geht um „das Gläubigwerden in der Erfahrung von Heidenchristinnen und Heidenchristen, die vorher nicht zum Synagogenverband gehört haben.“ (H. Roose, aaO. S. 24) Sie kehren sich ab von den alten Göttern und – jetzt wird es spezifisch christlich: Ihre Abkehr findet ihr Ziel darin, zu dienen dem lebendigen und wahren Gott und zu warten auf seinen Sohn vom Himmel, den er auferweckt hat von den Toten, Jesus. Keine allgemeine Rede von Umkehr und Lebenswende, sondern sehr konkret: Umkehr zu Christus, Warten auf Christus.  Das Warten auf Christus wird zum großen Thema des Briefes werden.

             Es sind zwei Lebenshaltungen, in die diese Umkehr, die Bekehrung hineinführt: dienen und warten. Beide Haltungen werden im nachfolgenden Brief noch weiter zur Sprache kommen, anschaulich werden. Hier reicht: So sieht Christsein aus. Dienen und warten.

            Wenn ich es richtig sehe, ist die Reihenfolge Hinkehr-Abkehr nicht zufällig, vielmehr  ist  sie grundsätzlich zu verstehen. Das Evangelium wird nicht erst dann gesagt, wenn zuvor ein Defizit entstanden ist. Sondern es ist umgekehrt: Die Verkündigung des Evangeliums deckt auf, dass das, was bisher das Leben bestimmt hat, nicht hinreicht, nicht wirklich „Leben“ im Vollsinn ist. Mit dieser Reihenfolge Hinkehr – Abkehr ist gegeben: Durch den Glauben wird nicht eine vorher entstandene Leere gefüllt. Sondern der Glaube führt aus einer anderen Lebenserfüllung heraus. Aus einem Leben, das im Hier und Heute gelebt wird, kommt es zu einem Leben, das gekennzeichnet ist durch warten auf seinen Sohn vom Himmel.

Wenn man so will: Da ist auf einmal eine Leerstelle im Leben, Sehnsucht über die Welt hinaus. Der Inhalt dieser Sehnsucht ist schlicht: Jesus. Ihm warten die Christen entgegen und in ihm ihrer Rettung.

 

Herr Jesus, es ist die Liebe, die Dich zu uns führt, die Dich uns suchen lässt, wo wir sind und wie wir sind.

Unser Leben ist ausgefüllt mit vielem, was wir besitzen, was uns besitzt. Manchmal spüre ich: All unser Besitz ist nichts, was auf die Dauer trägt.

Darum bitte ich: Fülle mich neu mit Deiner Gnade. Hilf mir, dass ich Leere in meinem Leben nicht ersatzmäßig fülle. Hilf mir, ein wartender Mensch zu werden, der sich Dir entgegenstreckt.

Ich danke Dir für alle, die mir zum Warten helfen, Brüder und Schwestern an meiner Seite. Amen

Ein Gedanke zu „Sehnsucht über die Welt hinaus“

  1. HESEKIEL, das war wirklich keine leichte “Kost” H aben Sie herzlichen Dank. Man merkte schon den Theologen und Historiker bei allem Erklärungen, und selbst dann war es nicht ganz leicht. Jetzt geht es weiter in Tessaloniki. Leider stören in letzter Zeit immer wieder Werbeseiten- z.Bs. pulenz Gewinnspiel von REWE, was langsam lästig ist. Ob das world Press zulässt? Mein Virenschutz”ESET” bekämpft die Seiten immer, aber lästig ist es doch. Hoffen wir, dass es einmal wieder aufhört!!! Weiterhin Gottes Segen!!

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