Gottes Ort

Hesekiel 42, 15  – 43, 12

15 Und als er den Tempel im Inneren ganz ausgemessen hatte, führte er mich zum Osttor hinaus und maß den ganzen Umfang des Tempels. 16 Er maß die Ostseite mit der Messrute: fünfhundert Ellen; 17 und die Nordseite maß er auch: fünfhundert Ellen; 18 desgleichen die Südseite auch: fünfhundert Ellen. 19 Und er wandte sich zur Westseite und maß auch fünfhundert Ellen. 20 Nach allen vier Windrichtungen maß er. Und es war eine Mauer ringsherum, fünfhundert Ellen im Geviert, damit das Heilige von dem Unheiligen geschieden sei.

             Die Vermessung ist abgeschlossen. Nach allen Seiten, in alle Himmelsrichtungen. Noch einmal wird die Regelmäßigkeit des gesamten Areals und Baus hervorgehoben. Und die Mauer, die das Heilige von Unheiligen trennt,. Die Außenmauer „ist dringend notwendig, damit die Heiligkeit des Temenos (=Heiliger Bezirk, erg. Lenz) nach außen hin geschützt bleibt.“ (K.F. Pohlmann, Der Prophet Hesekiel, Kap. 20 – 48 ATD 22,2, Göttingen 2001, S. 570)

Ist diese Mauer eine Trennmauer des Heiligen vom Profanen? Oder nur des Guten vom Bösen? Dann wäre sie gewissermaßen ein ethischer Schutzwall, damit das alltäglich Böse nicht in den Tempel eindringen kann, damit es keinen „Mord im Dom“ (T.S.Eliot) geben kann. Es scheint um mehr zu gehen: „Die göttliche Ordnung, nach welcher das Heilige nicht verunreinigt, nicht unbesehen mit dem Profanen vermengt und verwechselt werden soll, weil es Gottes ist und weil Gott nicht mit der Welt verwechselt sein will, wird in der Bauanlage sichtbar.“ (W. Zimmerli, Ezechiel, BKAT XIII/2, Neukirchen 1969, S. 1069)

 Damit aber wird ein Problem unserer Zeit markiert: bei uns wird gern behauptet, dass es keine Trennung mehr zwischen heilig und profan gibt. So wird es uns als die christliche Position  dargestellt: „Die Grenze zwischen heilig und profan wird relativiert, im Gegensatz zur strengen Trennung der beiden im Judentum: Gott ist Geist, damit erübrigt sich die Frage nach dem rechten Ort für die Anbetung, rein und unrein ist weniger wichtig als die Liebe zum Nächsten (Gleichnis vom Samariter), das Prädikat heilig gilt nicht nur den Priestern, sondern allen Christen.“(Wikipedia, Aufruf 19.7.17) Ist es von da aus nur noch ein kleiner Schritt zu dem Satz und vor allen zu dem Verhalten: Nichts ist mehr heilig? Und umgekehrt bleibt die Frage: können wir Menschen überhaupt leben, ohne dass uns dies oder jenes „heilig“ ist, unantastbar, nicht mehr verhandelbar.

Zumindest der Gedanke stellt sich bei mir ein: Es könnte doch sein, dass der „Gottesverlust“ unserer Zeit damit zusammen hängt, dass wir die Heiligkeit Gottes verloren haben, dass wir weithin von ihr nicht mehr zu sprechen wissen, dass es den „frommen Schauer“ nur noch als eine Art romantisches Naturgefühl gibt, aber nicht mehr als das Erschrecken vor dem Heiligen Gott. Der Ausruf: „Weh mir, ich vergehe! Denn ich bin unreiner Lippen und wohne unter einem Volk von unreinen Lippen; denn ich habe den König, den HERRN Zebaoth, gesehen mit meinen Augen.“(Jesaja 6,5) wirkt für unsere Zeit nicht nur fremd, sondern befremdend. Furcht vor Gott – das darf nicht sein. Der ist doch lieb. Harmlos. Ehrfurcht vor dem Heiligen – das muss nicht sein. 

 43,1 Und er führte mich wieder zum Tor im Osten. 2 Und siehe, die Herrlichkeit des Gottes Israels kam von Osten und brauste, wie ein großes Wasser braust, und es ward sehr licht auf der Erde von seiner Herrlichkeit. 3 Und es war ganz so wie das Gesicht, das ich geschaut hatte, als der Herr kam, um die Stadt zu zerstören, und wie das Gesicht, das ich gesehen hatte am Fluss Kebar. Da fiel ich nieder auf mein Angesicht.

             Immer noch führt der Mann, der anzuschauen war wie Erz, Hesekiel, wortlos, diesmal zum Tor im Osten. Dort hatte Hesekiel ja auch das Ausziehen der Herrlichkeit Gottes gehen. „Und die Herrlichkeit des HERRN erhob sich aus der Stadt und stellte sich auf den Berg, der im Osten vor der Stadt liegt.“ (11,23)Von dort, vom Osten her kommt sie nun auch – diesmal benannt als  Herrlichkeit des Gottes Israels. Ausdrücklich wird so der Zusammenhang zwischen Jahwe und Israel festgehalten, der so lange zerfallen schien.

 Laut wird und hell. Das Brausen wie großes Wasser kennt der Leser des Buches schon von dem Räderwerk mit den Wesen. „Und ich hörte ihre Flügel rauschen wie große Wasser, wie die Stimme des Allmächtigen, wenn sie gingen, ein Getöse wie in einem Heerlager.“ (1,24) Es ist seine Herrlichkeitkabōd – die alles erhellt. Wo die Gegenwart Gottes aufleuchtet, wird es nicht unbedingt leise. Aber auf alle Fälle licht. Ganz nahe ist das alles an den Worten der Anbetung:

HERR, mein Gott, du bist sehr groß;                                                                           in Hoheit und Pracht bist du gekleidet.                                                                       Licht ist dein Kleid, das du anhast.                                                                          Du breitest den Himmel aus wie ein Zelt;                                                                du baust deine Gemächer über den Wassern.                                                       Du fährst auf den Wolken wie auf einem Wagen                                                   und kommst daher auf den Fittichen des Windes,                Psalm 104, 1- 3

             Was Hesekiel sieht, wirft ihn zu Boden. Zugleich aber hält er fest: das kenne ich schon. Es ist die gleiche Herrlichkeit, die er im Exil, am Fluss Kebar gesehen hat. Die gleiche Herrlichkeit auch, als der Herr kam, die Stadt zu zerstören. Damit wird festgehalten: Kein neuer Gott, kein anderer Gott. Gott ist auch in der Zeit des Exils die Geschichte nicht entglitten.  

  4 Und die Herrlichkeit des HERRN kam hinein in das Tempelhaus durch das Tor, das nach Osten liegt. 5 Da hob mich ein Wind empor und brachte mich in den inneren Vorhof; und siehe, die Herrlichkeit des HERRN erfüllte das Haus.

             So wie die Herrlichkeit des Herrn den Tempel verlassen hat, so kehrt sie auch zurück. Man muss es sich allerdings klar machen: sie kehrt nicht in den zerstörten salomonischen Tempel zurück. Der liegt seit 587 in Trümmern. Sondern es ist eine Rückkehr in den Tempel, den Hesekiel in seiner Vision geschaut hat, durch den ihn der Mann geführt hat. Diesen neuen Tempel nimmt Gott in seinem Kommen in Besitz.

Was da geschieht, ist auch Geschehen am Propheten. „Der Prophet wird an die Stelle im inneren Hof entrafft, an der er die Stimme Jahwes, dessen Lichtherrlichkeit das Tempelhaus erfüllt hört.“ (W. Zimmerli, aaO. S. 1078) Mit dem Wort „entrafft“  umschreibt der Exeget den Zugriff des Windesa  – und seine unwiderstehliche Gewalt. Es gibt einen „Zugriff“ Gottes, dem sich niemand entziehen kann. Zu unserem Glück. Auch wenn wir das heutzutage nicht so gerne hören.

Es liegt nahe, die Schilderung von der Einweihung des Tempels unter Salomo hier mitzulesen: „Als aber die Priester aus dem Heiligtum gingen, erfüllte die Wolke das Haus des HERRN, sodass die Priester nicht zum Dienst hinzutreten konnten wegen der Wolke; denn die Herrlichkeit des HERRN erfüllte das Haus des HERRN.“ (1. Könige 8,10-11) dort wie jetzt hier: Gott nimmt den Tempel in seinen Besitz, erfüllt ihn mit seiner Herrlichkeit. Da ist sonst für nichts mehr Raum. Was für den zerstörten Tempel gegolten hat, gilt auch für diesen neuen Tempel.

 6 Und ich hörte einen mit mir reden vom Hause heraus, während der Mann neben mir stand. 7 Und er sprach zu mir: Du Menschenkind, das ist der Ort meines Thrones und die Stätte meiner Fußsohlen; hier will ich für immer wohnen unter den Israeliten.

             Jetzt erst bekommt Hesekiel auch wieder reden zu hören. Worte. Nicht nur Geräusche, nicht nur gewaltiges Brausen. Die Worte an das Menschenkind, den Menschensohn, bestätigen, was zuvor geschehen ist. Gott ist gegenwärtig. Er nimmt diesen Ort als seine Wohnung unter den Israeliten. Ort des Throns – Stätte der Fußsohlen – wo der Himmel die Erde berührt. Für immer‘ōlām – auf unabsehbar lange Zeit. Offen in Richtung ewig.

“Freuet euch der schönen Erde, denn sie ist wohl wert der Freud.
O was hat für Herrlichkeiten unser Gott da ausgestreut.

 Und doch ist sie seiner Füße reich geschmückter Schemel nur,
ist nur eine schön begabte, wunderreiche Kreatur.”                                                                                          K.J.P. Spitta 1827, EG 510

Und das Haus Israel soll nicht mehr meinen heiligen Namen entweihen, weder sie noch ihre Könige, durch ihren Götzendienst und durch die Leichen ihrer Könige, wenn sie sterben; 8 denn sie haben ihre Schwelle an meine Schwelle und ihre Pfosten neben meine Pfosten gesetzt, sodass nur eine Wand zwischen mir und ihnen war, und haben so meinen heiligen Namen entweiht durch die Gräuel, die sie taten; darum habe ich sie auch in meinem Zorn vertilgt. 9 Nun aber sollen sie ihren Götzendienst und die Leichen ihrer Könige weit von mir wegtun, und ich will für immer unter ihnen wohnen.

             Dieses Wohnen Gottes verträgt sich nicht mit den alten Verhaltensweisen. Es schließt sie geradezu aus. Das Haus Israelbeth yśrʼl – muss neue Verhaltensweisen lernen. Es geht nicht in den alten Spuren. Sie sind Sackgassen. Das Volk und die Könige – alle werden leben lernen müssen, wie es Gott entspricht. Das wird festgemacht an der nicht statthaften Nähe Königsgräbern und Tempel. Vielleicht, weil das mit Königsgräbern im Tempelbereich bis heute nicht erwiesen ist, muss man auch sagen: mit der unstatthaften Nähe von Königsstelen, Grabstelen, die die toten Könige ehren und dem Tempel, der Gottes Gegenwart ehrt. Weil die Gefahr groß ist, dass aus Denkmälern mehr wird, dass sie eben nicht nur auffordern: Denk mal, sondern dass sie zu Orten der Verehrung werden. Wo Gott und die Könige nur durch eine dünne Wand getrennt sind, ist die Gefahr der Vergöttlichung, auch unter dem Kürzel: König von Gottes Gnaden – nahe. Es geht wohl nicht nur um geographische Distanz, sondern es geht vor allem um religiösen Abstand. Könige sind Könige, Menschen. Nicht mehr. Für ihre Verehrung, gar gottgleiche Verehrung ist im Tempel kein Raum für sie. Das wäre Götzendienst. Gräuel.        

Man wird bei diesen Worten schon über die doch ziemlich überhöhten Krönungszeremonien nachdenken dürfen, auch über den pseudo-religiösen Glanz von Amtseinführungen. Auch über die fast gottgleiche Verherrlichung von Fußballgöttern, von Stars und Sternchen.

10 Und du, Menschenkind, beschreibe dem Haus Israel den Tempel, dass sie sich schämen ihrer Missetaten. Und wenn sie seine Anlage ausmessen, 11 so sollen sie sich all dessen schämen, was sie getan haben. Zeige ihnen Plan und Anlage des Tempels und seine Ausgänge und Eingänge und seinen ganzen Plan und alle seine Ordnungen und alle seine Gesetze. Schreibe sie vor ihren Augen auf, damit sie auf seinen ganzen Plan und alle seine Ordnungen achthaben und danach tun.

             Merkwürdig: Hesekiel soll dem Haus Israel den Tempel beschreiben. Ich lese: Seine Vision weitergeben. Sagen, was er gesehen hat. Alle seine Ordnungen – hier steht das hebräische Wort „torah“, den ganzen Plan Gottes soll er weitergeben. Die Erwartung des Redenden, doch wohl Gottes: Diese Beschreibung des großartigen Tempels wird dazu führen, dass sie sich ihrer Missetaten schämen. Nicht, weil sie zusammengedonnert werden. Nicht weil sie „angepredigt und abgekanzelt“ werden. Nicht, weil sie klein gemacht werden. Sondern es ist die Qualität des Gebäudes,  die sie verstehen lässt, wie schrecklich falsch ihre Wege waren. „Es ist ein Spezifikum dieses Buches, dass von solchen Sichschämen nicht im Rahmen der Gerichtspredigt, sondern in der Heilsankündigung die Rede ist.“(W. Zimmerli, aaO. S. 1085) Es ist die Güte des zuvorkommenden Gottes, die die Einsicht weckt: Wir sind auf falschen Wegen unterwegs gewesen.

Ganz nahe ist dieser Denkweise des Hesekiel Paulus: „Verachtest du den Reichtum seiner Güte, Geduld und Langmut? Weißt du nicht, dass dich Gottes Güte zur Buße leitet?“ (Römer 2,4) Das ist all denen ins Stammbuch geschrieben, die sich mehr Gerichtspredigt wünschen, weniger grenzenloses Evangelium. Mehr den strengen Gott, weniger den gütigen und armherzigen. Mehr das durchgreifen Gottes, weniger sein Erbarmen. Mehr Drohung, weniger Einladung: Du darfst kommen, so wie du bist. du wirst nicht bleiben, so wie du kommst.

12 Das soll aber das Gesetz des Tempels sein: Auf der Höhe des Berges soll sein ganzes Gebiet ringsum hochheilig sein. Siehe, das ist das Gesetz des Tempels.

So weit ist Gott – und doch nicht grenzenlos weit. Nicht offen nach allen Seiten. Der Berg,hor – der Tempelberg, ist für Gott beschlagnahmt. Er ist nicht nur heilig – hochheilig ist sein ganzes Gebiet. Nur wenn man so einen Satz ernst nimmt – als Weisung Gottes – kann man das erbitterte Ringen um den Tempelberg, um Zugänge zu diesem Berg, mitten in Jerusalem ein wenig nachvollziehen. Wir hören in den Medien, wie Journalisten sagen: Heilig sei dieser Berg – für Juden und Moslems. Mein Gefühl ist: wir verstehen nicht wirklich, was das heißt. Wir haben es schon lange vergessen: „Dem Heiligen kann nicht dienen, wer nicht um dessen Anderssein weiß und es achtet.“ (W. Zimmerli, aaO. S. 1088) Es wird ein langer Weg sein, bis wir Kirchenleute wieder gelernt haben, dass unser nahe bei den Menschen sein wollen nicht auf kosten dessen gehen darf, dass wir die Heiligkeit Gottes achten und ehrfürchtig bezeugen.

 

Mein Gott. Ich gehe gerne in Kirchen. Ich stehe gerne in den hohen Räumen, lichtdurchflutet, in die Stille eingetaucht. Ich sehe gerne die Bilder des Heils, Heilsgeschichten gemalt, Jahrhunderte vor meiner Zeit.

Es tut mir gut, so zur Ruhe zu kommen, das Getriebe hinter mir zu lassen, auszuatmen vor Dir. In dieser Stille der großen Räume, die zum Himmel hin weisen, des heiligen Ortes, berge ich mich in Dir, ahne ich Deine Gegenwart. Ich muss nichts tun. ich darf einfach da sein, vor Dir, dem unsichtbaren und doch so nahen Gott, vor Dir, dem Gekreuzigten und Auferstandenen, der das Leben trägt in seiner schmerzhaften Tiefe, in Dir, Du Geist aus Gott, der mich durchdringen will.

Danke, Du heiliger Dreieiniger Gott. Amen