Gottes Maß

Hesekiel 40, 1 – 16

1 Im fünfundzwanzigsten Jahr unserer Gefangenschaft, im Anfang des Jahres, am zehnten Tag des Monats, im vierzehnten Jahr, nachdem die Stadt eingenommen war, eben an diesem Tag kam die Hand des HERRN über mich und führte mich dorthin, –  2 in göttlichen Gesichten führte er mich ins Land Israel und stellte mich auf einen sehr hohen Berg; darauf war etwas wie der Bau einer Stadt gegen Süden.

Zurück nach Jerusalem – 25 Jahre später. Wenn man so will: es ist Halbzeit. Die Hälfte der Jahre bis  zum „Erlassjahr“, das alle 50 Jahre zu begehen ist, sind vergangen. Hesekiel wird zurückgeführt  in göttlichen Gesichten – nicht auf dem langen Marsch durch die Wüste geschieht diese Rückkehr. „Es handelt sich um reale, visionär zugängliche Erlebnisse, die Gott möglich macht, aber nicht um eine körperliche Entrückung.“ (G. Maier,  Der Prophet Hesekiel, 2. Teil, 25 – 48, Wuppertaler Studienbibel, Wuppertal 2000, S. 251)

Kein Zweifel. Dorthin meint Jerusalem, die gefallen Stadt. Hesekiel aber sieht anders, mehr. Etwas wie den Bau einer Stadt auf einen sehr hohen Berg.  Der sehr hohe Berg erinnert an die parallel überliefert Weissagung: „Es wird zur letzten Zeit der Berg, da des HERRN Haus ist, fest stehen, höher als alle Berge und über alle Hügel erhaben.“ (Jesaja 2 – Micha 4)  Ist das, was Hesekiel sieht, so schon von Anfang an ein Blick weit über die unmittelbare Zukunft hinaus? Es ist eine erste Andeutung: es geht nicht nur um das irdische Jerusalem. Es geht um mehr.

3 Und als er mich dorthin gebracht hatte, siehe, da war ein Mann, der war anzuschauen wie Erz. Er hatte eine leinene Schnur und eine Messrute in seiner Hand und stand im Tor. 4 Und er sprach zu mir: Du Menschenkind, sieh her und höre fleißig zu und merke auf alles, was ich dir zeigen will; denn dazu bist du hierher gebracht, dass ich dir dies zeige, damit du alles, was du hier siehst, verkündigst dem Hause Israel.

             Ein Mann, anzuschauen wie Erz. Das ruft frühere Visionen in Erinnerung: „Und ich sah, und siehe, da war eine Gestalt wie ein Mann, und abwärts von dem, was wie seine Hüften aussah, war es wie Feuer, aber oberhalb seiner Hüften war ein Glanz zu sehen wie blinkendes Kupfer.“((8,2) Eher ein Himmelsbote als eine irdische Gestalt. Mit Messinstrument in der Hand. 

 Noch bevor er irgendetwas tut, fordert er Aufmerksamkeit von Hesekiel. Er soll genau sehen, fleißig hören – aber es wird nichts mehr gesagt! – und alles merken. Er ist gefordert mit allen Sinnen. Damit nichts, was er wahrnehmen wird, nur ein oberflächlicher Eindruck bleibt, sich rasch in Nichts auflöst. Aufmerksamkeit auch deshalb, weil er das Wahrgenommene dem Haus Israel verkündigen soll. Also auch hier: Keine Privat-Offenbarung. Die Bibel hat es nicht so mit den religiösen Erlebnissen, die das eigene Ich bereichern.  

 5 Und siehe, es ging eine Mauer außen um das Gotteshaus ringsherum. Und der Mann hatte die Messrute in der Hand; die war sechs Ellen lang – jede Elle war eine Handbreit länger als eine gewöhnliche Elle. Und er maß das Mauerwerk: Es war eine Rute dick und auch eine Rute hoch.

             Nicht mehr die Stadt wird jetzt in den Blick gerückt, sondern dass Gotteshaus. Es folgt die Schilderung einer Vermessung – des Tempels?  Oder doch eher zunächst des Tempelbereiches? Der Mauer rund um den Tempel?  Jedenfalls, der Mann ist einer, der misst, ausmisst. Sein Messen folgt einer geheimnisvollen Ordnung. Es geschieht in diesem Messen eine Annäherung. Es geht von außen nach innen. Von der Mauer um den Tempel in das Innerste –  es ist eine regelrechte Tempelführung, die hier mit Hesekiel stattfindet. Im Text des Buches erstreckt sie sich  bis zum Ende von Kapitel 42. In der Mitte das Ziel: „Dann ging er in den innersten Raum und maß die Pfeiler der Tür: zwei Ellen; und die Tür: sechs Ellen; und die Breite zu beiden Seiten an der Tür: je sieben Ellen. Und er maß: zwanzig Ellen tief und, wie die Tempelhalle, zwanzig Ellen breit. Und er sprach zu mir: Dies ist das Allerheiligste.(41, 3-4) 

 6 Und er ging zum Tor, das an der Ostseite lag, und ging seine Stufen hinauf und maß die Schwelle des Tores: eine Rute tief. 7 Und jede Nische des Tores war eine Rute lang und eine Rute breit, und der Raum zwischen den Nischen des Tores war fünf Ellen breit. Und auch die Schwelle des Tores an der Vorhalle des Tores gegen den Tempel hin maß eine Rute. 8 Und er maß die Vorhalle des Tores: 9 acht Ellen; und ihre Pfeiler: zwei Ellen. Und die Vorhalle des Tores lag gegen den Tempel hin. 10 Und die Nischen des Tores, das an der Ostseite lag, waren drei auf jeder Seite, jede so weit wie die andere, und die Pfeiler auf beiden Seiten waren gleich breit. 11 Und er maß die Weite der Öffnung des Tores: zehn Ellen; und die gesamte Breite des Torweges: dreizehn Ellen. 12 Und vorn an den Nischen war eine Schranke, auf beiden Seiten je eine Elle; aber die Nischen waren je sechs Ellen auf beiden Seiten. 13 Dazu maß er das Tor von der Rückwand der Nischen auf der einen Seite bis zur Rückwand der Nischen auf der andern Seite: fünfundzwanzig Ellen; eine Öffnung lag der andern gegenüber. 14 Und er maß die Öffnung der Vorhalle: zwanzig Ellen; und bis zum Pfeiler des Tores reichte der Vorhof ringsum. 15 Und vom Tor, wo man von außen hineintritt, bis zur Vorhalle am inneren Tor waren es fünfzig Ellen. 16 Und es waren Fenster mit Stäben davor an den Nischen nach innen am Tor auf beiden Seiten. Ebenso waren auch Fenster an der Vorhalle nach innen auf beiden Seiten, und an den Pfeilern waren Palmwedel dargestellt.

Es ist eine detaillierte Schilderung. Raum um Raum, Mauer um Mauer, Nische um Nische wird vermessen. Die Botschaft dieser Vermessung: alles an diesem Bau folgt einer ebenmäßigen Ordnung. Planmäßig und prächtig ist dieser Bau. Schön. „Man ist in jüngster Zeit auf überraschend große Ähnlichkeiten mit Stadttorbauten der Zeit Salomos gestoßen.“ (W. Zimmerli, Ezechiel, BKAT XIII/2, Neukirchen 1969, s. 1004) In Megiddo, Hazor und Geser.

Schritt um Schritt wird Hesekiel geführt, von einem wortlosen Begleiter. Der Mann misst, er spricht nicht. Nicht der Mann, die Steine reden. Die Proportionen, die Maße. Hesekiel sieht. Er sieht Neues, das sich ihm vom Alten, von dem her, was er früher gesehen hat, in der Gestalt des salomonischen Tempels und der salomonischen Stadt, erschließt. Neu. Darf man so weit gehen zu sagen: Hesekiel sieht eine neue Stadt, einen neuen Tempel, eine neue Wohnung Gottes, die ganz Gottes Werk ist? „Dem Propheten wird durch seine Vision die Verkündigung an sein zerschlagenes Volk aufgetragen, dass sein Gott schon unterwegs sei, sein Heiliges in der Treue zu seiner früheren Verheißung in des Volkes Mitte aufzurichten. Das Volk geht dem Tag entgegen, an dem in das ratlos gewordene Leben wieder der Ruf, der dem Leben Weisung und Weg gibt, ergeht: Geht ein zu seinen Toren mit Danken. (Psalm 100,4)“ (W. Zimmerli, aaO. S. 1020)

            Man kann schon überlegen, nach diesen wenigen Versen und erst recht, wenn man die Fortsetzung der Vision bis Kapitel 42 liest: Sprengt das alles nicht die Zeit? Und geht es dann nicht um einen Bau, der nicht mit Händen gemacht (Markus 14,58) ist? Ist das letztendliche Ziel dieser Vision womöglich jenseits der Zeit?

Es sind verblüffende „Zitate“ aus dem Buch des Propheten:  „Und er – ein Engel – führte mich hin im Geist auf einen großen und hohen Berg und zeigte mir die heilige Stadt Jerusalem herniederkommen aus dem Himmel von Gott, die hatte die Herrlichkeit Gottes….  Und der mit mir redete, hatte einen Messstab, ein goldenes Rohr, um die Stadt zu messen und ihre Tore und ihre Mauer.“(Offenbarung 21, 10-11a.15) So viel scheint mir zweifelsfrei: Die Vision des Sehers auf Patmos nährt sich aus der Vision Hesekiels. Ob deshalb gleich die Hesekiel-Vision erst von daher zu verstehen ist, ist mir fraglich.

Ich gestehe mir ein: Vor dieser gewaltigen Vision stehe ich ratlos. Ich brauche Verstehenshilfen, die mir den tieferen Sinn erschließen, weil es mit der Rekonstruktion der Messdaten ja nicht getan ist.

 

Herr, Heiliger Gott, ich muss nicht alles verstehen, nicht alles erklären können. Ich höre wie Dein Tempel vermessen wird, wie seine Größe in den Maßen sichtbar wird. Seine Schönheit.

Du hast ein Maß, das anders ist als unsere Maßeinheiten. Du baust anders als wir bauen. Du bereitest uns ein Haus im Himmel, aus dem uns nie mehr jemand vertreiben darf, uns, die wir auf der Erde so oft wie heimatlos sind.

Ich danke Dir, dass ich Dein kommendes Haus Glauben darf, in dem mir mit allen anderen ein Platz bereitet ist, mein Platz an Deinem Tisch. Amen