Alle werden es sehen

Hesekiel 37, 15 – 28

15 Und des HERRN Wort geschah zu mir: 16 Du Menschenkind, nimm dir ein Holz und schreibe darauf: »Für Juda und die Israeliten, die sich zu ihm halten.« Und nimm noch ein Holz und schreibe darauf: »Für Josef, das Holz Ephraims, und das ganze Haus Israel, das sich zu ihm hält.« 17 Und füge eins an das andere, dass es ein Holz werde in deiner Hand.

             Ein neues Wort. Als wäre noch nicht alles gesagt. Eine Zeichenhandlung soll Hesekiel vornehmen. Auf den ersten Blick nichts Auffälliges. Fast wie die Spielerei eines, der nichts Besseres zu tun hat. Hölzer  beschriften ist wie „auf die Erde schreiben“ (Johannes 8, 6.8) In den Sand malen. Die Zeichenhandlungen der Propheten sind nicht unbedingt immer ein Spektakel.

Zwei Hölzer – eines für Juda und das andere für das ganze Haus Israel. Wie nachgetragen jedes Mal: die sich zu ihm halten, das sich zu ihm hält. Sind das andere Gefährten, Weggenossen, die sich mit Israel verbunden haben? Das hebräische Wort chātêr steht sonst für „Gefährten, Mithirten, Kameraden, Spießgesellen.“ (W. Zimmerli, Ezechiel, BKAT XIII/2, Neukirchen 1969, S. 911) Vielleicht geht es nicht nur um die formale Zugehörigkeit, sondern auch um innere Verbundenheit.

Die beiden beschrifteten Hölzer soll Hesekiel zusammen führen, so dass in seiner Hand daraus ein Holz wird. Zwei Puzzle-Teile werden zu einem.

 18 Wenn nun dein Volk zu dir sprechen wird: Willst du uns nicht zeigen, was du damit meinst?, 19 so sprich zu ihnen: So spricht Gott der HERR: Siehe, ich will das Holz Josefs, das in der Hand Ephraims ist, nehmen samt den Stämmen Israels, die sich zu ihm halten, und will sie zu dem Holz Judas tun und ein Holz daraus machen, und sie sollen eins sein in meiner Hand.

             Es weckt Neugier – so hofft Gott. So hofft wohl auch der Prophet. Die ihm zusehen, geraten ins Fragen. Steckt hinter dieser scheinbaren Spielerei doch ein verborgener Sinn? Dein Volk wird fragen. Es sind Hesekiels Leute – er ist einer von denen, um die es geht. Da ist keine Distanz von Gott her zwischen dem Propheten und dem Volk. Was Hesekiel zu antworten hat ist ein Gotteswort. Er wird die Hölzer zusammenfügen. Er wird aus den zweien eins machen. Sie sollen eins sein in meiner Hand. Eine Deutung ist damit noch nicht erfolgt, wohl aber ein Versprechen. „Von Jahwe selbst wird die Verheißung ausgesprochen, dass er persönlich das Getrennte in seiner Hand wieder zur Einheit zusammenfassen werde.“ (W. Zimmerli, aaO. S. 912)

             Mir ist bewusst, dass ich weit über den Text hinaus lese – aber ich höre den Anklang einer neutestamentlichen Stimme im Hohenpriesterlichen Gebet Jesu:  „Ich bitte für sie. Nicht für die Welt bitte ich, sondern für die, die du mir gegeben hast, denn sie sind dein. Und alles, was mein ist, das ist dein, und was dein ist, das ist mein; und ich bin in ihnen verherrlicht. Und ich bin nicht mehr in der Welt; sie aber sind in der Welt, und ich komme zu dir. Heiliger Vater, erhalte sie in deinem Namen, den du mir gegeben hast, dass sie eins seien wie wir.“(Johannes 17,9-11) Weit weg – und doch gleichzeitig ganz nah. Meine Überzeugung wird auch hier genährt, dass Hesekiel als Buch für die Autoren des Neuen Testaments ungleich wichtiger ist als wir das im Allgemeinden heute wahrnehmen. Sie schöpfen aus dem Propheten. Zu Recht.

 20 Und du sollst die Hölzer, auf die du geschrieben hast, in deiner Hand halten vor ihren Augen 21 und sollst zu ihnen sagen: So spricht Gott der HERR: Siehe, ich will die Israeliten herausholen aus den Völkern, wohin sie gezogen sind, und will sie von überall her sammeln und wieder in ihr Land bringen 22 und will ein einziges Volk aus ihnen machen im Land auf den Bergen Israels, und sie sollen allesamt einen einzigen König haben und sollen nicht mehr zwei Völker sein und nicht mehr geteilt in zwei Königreiche. 23 Und sie sollen sich nicht mehr unrein machen mit ihren Götzen und Gräuelbildern und allen ihren Sünden. Ich will sie retten von allen ihren Abwegen, auf denen sie gesündigt haben, und will sie reinigen, und sie sollen mein Volk sein, und ich will ihr Gott sein.

             Jetzt steht Hesekiel vor dem Volk mit den beiden Hölzern als einem Holz in der Hand – Zeichen und Wort verbinden sich so. Angesagt wird die Sammlung und Rückkehr aus den Völkern. Gott will sie herausholen. Von dort, wohin sie gezogen sind.  Hier wird nicht gesagt: Wohin ich sie verstreut habe. Kann es sein, dass damit auch die Israeliten gemeint sind, die irgendwann „freiwillig“ in die Diaspora gegangen sind – nach Ägypten und anderswo?

Das Ziel ist eindeutig: „Jahwe holt sein Volk heraus, sammelt es und bringt es in sein Land. Hier wird er es zu einem einzigen Volk unter einem einzigen König machen. Die unselige Spaltung in zwei Völker und zwei Königtümer, welche die Vergangenheit belastete, soll dann gar nicht wieder in Erscheinung treten.“ (W. Zimmerli, aaO. S. 912)Zu dieser äußeren Rückkehr tritt die innere Erneuerung – die Abkehr von Götzen und Gräuelbildern, die Rückkehr von den Abwegen auf den Weg Gottes.

Es ist nur konsequent, dass am Ende dieser so großartigen Zusage, dieser Eröffnung neuer Zukunft einmal mehr die „Bundesformel“ steht: sie sollen mein Volk sein, und ich will ihr Gott sein. Das ist mehr als nur Wiedervereinigung. Es ist das zähe, unbeirrte Festhalten Gottes an seinem Bund und damit an seinem Volk. Durch alle Wirrungen und Irrungen hindurch. Der Bund Gottes mit Israel ist auch durch die Gerichte des Exils nicht aufgekündigt. Es sind Worte wie diese aus dem Mund des Hesekiel, die Paulus dazu bringen zu sagen: „Nach der Erwählung sind sie Geliebte um der Väter willen. Gottes Gaben und Berufung können ihn nicht gereuen.“(Römer 11,29)     

Es ist der Irrweg christlicher Theologie durch Jahrhunderte hin, dass sie gelehrt und geglaubt hat, der Bund Gottes mit Israel sei gekündigt und die Kirche sei an die Stelle Israels getreten und habe es ersetzt. Sie hat sich darin dem Wort gegenüber verfehlt. Sie hat die Treue Gottes gegenüber Israel gering geachtet und damit zugleich die Treue Gottes ihr selbst gegenüber doch fragwürdig gemacht. Wie viel Grund hätte Gott nicht auch, wenn er den Bund mit Israel aufgekündigt hätte, den Bund mit der Kirche aufzukündigen. Wir sind doch nicht besser als Israel! Und wie viel Schuld dem Volk Israel gegenüber ist aus dieser schiefen Theologie erwachsen. Ausgenützt von Antisemiten für ihren Hass auf Israel und auf den Gott, der sich mit Israel verbunden hat.

Welche Rückkehr in das Land hat Hesekiel vor Augen? Die nach dem Kyrus-Edikt in den Jahren um 538 – 520? Konnte er das damals so sehen? Oder muss es nicht in der Schwebe bleiben? Sagen wir mehr als wir wissen können, wenn wir dieses Wort historisch so fixieren: „Die geschichtliche Erfüllung ist eine doppelte: 1) nach der Babylonischen Gefangenschaft ab dem Jahr 538 v. Chr., 2) nach der Katastrophe der römischen Kriege und der mittelalterlichen und neuzeitlichen Pogrome mit der Neuerrichtung des Staates Israel 1948 n. Chr.“  (G. Maier,  aaO. S. 211) Ich tue mich schwer damit, diesen säkular-religiösen Staat Israel meiner Tage in der Erfüllung dieser Worte zu sehen.

 24 Und mein Knecht David soll ihr König sein und der einzige Hirte für sie alle. Und sie sollen wandeln in meinen Rechten und meine Gebote halten und danach tun. 25 Und sie sollen wieder in dem Lande wohnen, das ich meinem Knecht Jakob gegeben habe, in dem eure Väter gewohnt haben. Sie und ihre Kinder und Kindeskinder sollen darin wohnen für immer, und mein Knecht David soll für immer ihr Fürst sein.

             Zurück zu Hesekiel: Einen neuen David sagt er an, einen einzigen Hirten. Das ist keine Wiederbelebung Davids. Kein David redidivus. Sondern es ist der Typus, um den es geht.  Einer wie David, ihm gleichartig in seiner Gerechtigkeit und Fürsorge für das Volk. Eben ein wirklicher Hirte. Mein Knecht David  -ihr König. Diese Kombination widerspricht aller Königsattidüde, die sich selbst groß macht. Wenn der König groß ist, so ist der der Knecht Gottes – ʻebed jahwe. Dem David als König entspricht das Volk, das in den Rechten und Geboten lebt und sie tut. Das wird zu einem Wohnen für immer führen.

 26 Und ich will mit ihnen einen Bund des Friedens schließen, der soll ein ewiger Bund mit ihnen sein. Und ich will sie erhalten und mehren, und mein Heiligtum soll unter ihnen sein für immer. 27 Meine Wohnung soll unter ihnen sein, und ich will ihr Gott sein, und sie sollen mein Volk sein, 28 damit auch die Völker erfahren, dass ich der HERR bin, der Israel heilig macht, wenn mein Heiligtum für immer unter ihnen sein wird.

          Für immer – „für alle Zeit“ (Übersetzung W. Zimmerli, aaO. S. 903)- für ewig – gleich  viermal in den Versen 25 – 28. ‘ōlām „Es geht um die Zusage der unverbrüchlichen Dauer des von Gott Verheißenen.“ (W. Zimmerli, aaO. S.913) So umfassend ist das Heil, das jetzt neu anfängt:  Das Land bleibt auf alle Generationen hin. Die Herrschaft des David wird für immer gelten – das ist die Bestätigung der alten Verheißung  an David  – 2. Samuel 7. Der Bund des Friedens soll immer währen. Ein ewiger Bund. Unkündbar. Schließlich der Tempel, Wohnung Gottes für alle Zeit. Das sagt der gleiche Hesekiel an, der die Herrlichkeit Gottes den Tempel verlassen sah.

Und wieder liegt es völlig in der Logik dieser Verheißungen, dass sie gebündelt werden in der uralten Bundesformel:  Ich will ihr Gott sein, und sie sollen mein Volk sein, Mehr geht nicht. Und wir Christen glauben: In diesen ewigen Bund sind wir durch Jesus mit hinein genommen. Auch wenn wir nicht Juden werden müssen, um dazu zu gehören.

Was da geschieht, das werden die Völker sehen. Darin werden sie erkennen, wer Gott ist, wie Gott ist. Wichtiger  aber ist, dass das Volk, das mit ihm verbunden ist, sieht, was es empfängt: „Die Gemeinde des Gottesvolkes darf wissen, dass sie einem Ziel entgegen geht, an dem sie „im Lande zuhause“ bleiben darf und nicht mehr in die Heimatlosigkeit herumirren wird.“ (W. Zimmerli, aaO. S. 920) Das setzt in Bewegung: „Wir haben hier keine bleibende Stadt, sondern die zukünftige suchen wir.(Hebräer 13,14)  Oder mit dem so überaus schönen Satz von Dorothee Sölle: „Es ist gerade die versprochene Heimat, die heimatlos macht.“ Hesekiel sagt nicht das Ende der Wanderschaft durch die Zeit an, wohl aber das Ende aller Ziellosigkeit. Um Gottes Willen. Weil er sich seiner Leute annimmt, in unwandelbarer Treue.

 

Heiliger, barmherziger Gott. Du bleibst Dir treu in Deinem Erbarmen, in Deinem Erwählen. Du hältst fest an dem Volk, das Dir doch immer wieder schuldig geblieben ist, was es Dir schuldet: Glauben, Hoffnung, Liebe.

Weil Du so bist, treu in Deinem Erbarmen, zuverlässig in Deiner Liebe, unbegrenzt geduldig in Deinem Vergeben, darum haben wir allen Grund, Dir zu trauen, uns in Dir zu bergen, wir mit unserem Leben, das so oft hinter Deinem Willen zurück bleibt.

Ich danke Dir für Deine so unfassbar große Güte. Amen