Der die Toten ins Leben ruft

Hesekiel 37, 1 – 14

 1 Des HERRN Hand kam über mich, und er führte mich hinaus im Geist des HERRN und stellte mich mitten auf ein weites Feld; das lag voller Totengebeine. 2 Und er führte mich überall hindurch. Und siehe, es lagen sehr viele Gebeine über das Feld hin, und siehe, sie waren ganz verdorrt.

             Ein Visionsbericht – entstanden „in einem Zeitpunkt resignierter Zerschlagenheit der Menschen in der Umgebung des Propheten.“ (W. Zimmerli, Ezechiel, BKAT XIII/2, Neukirchen 1969, S. 891) Wann? fragen wir. Wo? fragen wir. Und bleiben ohne Antwort. Ohne Jahreszahl. Ohne Ortsangabe. Schon der Anfang hat so etwas Schwebendes an sich. Hesekiel wird aus dem normalen Alltagsbereich herausgeführt. Es ist die Hand des HERRN und es ist der Geist des HERRN, die hier am Werk sind. Nur Gott. Das ganze nachfolgende Geschehen hängt an ihm – Jahwe.

Was Hesekiel erfährt, vielleicht müsste man sogar sagen: erleidet, ist ein Hinausgeführt werden auf ein weites Feld. Vielleicht schwingt mit: Hinaus aus der Enge. Hinaus aus den gedanklichen Festlegungen. Hinaus aus der Hoffnungslosigkeit: Keine Zukunft mehr. Zugleich aber  wird er in dieser Weite konfrontiert mit einen Schreckensbild: das Feld lag voller Totengebeine. Mehr noch: an diesen Gebeinen ist nichts Lebendiges mehr.   

Ganz verdorrt. Das meint doch: sie liegen schon lange da, diese Knochen. Unbegraben, vielleicht abgenagt. So lange, dass sie ausgebleicht sind. Da ist nichts mehr zu erwarten von diesem Totengebein. Sie sind so tot, dass nicht einmal mehr die wilden Tiere sich darüber hermachen.

3 Und er sprach zu mir: Du Menschenkind, meinst du wohl, dass diese Gebeine wieder lebendig werden? Und ich sprach: HERR, mein Gott, du weißt es.

             Was für eine Frage! Was soll aus einem solchen Totenfeld noch an Leben kommen können? Muss das gefragte Menschenkind, der gefragte Menschensohn nicht über dieser Frage zusammenzucken? Es ist „eine ungeheuerliche, fast ist man versucht zu sagen, lächerliche Frage.“(W. Zimmerli, aaO. S. 893) Was will der Fragende – der HERR – mit seiner Frage? Testet er Hesekiel auf sein Vertrauen? Oder will er ihn sagen hören: Unmöglich.

In dieser Frage liegt die Herausforderung, vor der ich mich immer wieder gefunden habe, wenn ich am Grab vorgelesen habe – als Worte Jesu und mir diese Worte für heute zu eigen gemacht habe: „Ich bin die Auferstehung und das Leben. Wer an mich glaubt, der wird leben, ob er gleich stürbe; und wer da lebt und glaubt an mich, der wird nimmermehr sterben. Glaubst du das?“(Johannes 11, 25 – 26) Rechne ich wirklich in der Tiefe meines Herzens, in der Sehnsucht meines Glaubens damit: Das ist nicht das Ende. Es steht noch eine Antwort auf das große Sterben aus.

Es ist ein wohltuend verhaltener Hesekiel: HERR, mein Gott, du weißt es. Nicht vollmundig. Nicht unerschütterlich glaubensstark und gewiss. Nicht geleitet von dem Gedanken, dass Gott der Herr ist, dem alles möglich ist. Du weißt es. Es ist die gleiche verhaltene Stimme, mit der Petrus viel später am See Tiberias auf die dreifache Frage Jesu antwortet: Hast du mich lieb? „Herr, du weißt alle Dinge, du weißt, dass ich dich lieb habe.“(Johannes 21,17) Es gibt Fragen, die einem die Stimme verschlagen und die Worte fehlen lassen. Die verhaltene Antwort des Hesekiel spiegelt es wieder: Hier ist der Mensch mit seinem Können, auch mit seinem Glauben am Ende.

4 Und er sprach zu mir: Weissage über diese Gebeine und sprich zu ihnen: Ihr verdorrten Gebeine, höret des HERRN Wort! 5 So spricht Gott der HERR zu diesen Gebeinen: Siehe, ich will Odem in euch bringen, dass ihr wieder lebendig werdet. 6 Ich will euch Sehnen geben und lasse Fleisch über euch wachsen und überziehe euch mit Haut und will euch Odem geben, dass ihr wieder lebendig werdet; und ihr sollt erfahren, dass ich der HERR bin.

             Aber nun wird Hesekiel in diese Vision hineingezogen. Er ist nicht mehr nur Sehender. Er wird Akteur. Weil Gott es so will. Das Totengebein soll er ansprechen, auffordern zum Hören. „Der Prophet wird unversehens aus dem Sprecher menschlicher Ohnmacht zum Sprecher göttlicher Vollmacht.“ (W. Zimmerli, aaO. S. 894)Nachsprechen soll er, was Gott ihm vorsagt.

Gott sagt diesen Gebeinen nicht weniger als eine Wiederbelebung an. Er wird seinen Lebensgeist in die Gemeinde bringen. Seinen Odem. aḥ. „Geistkraft“ wird heute gerne übersetzt. Man wird wohl mithören müssen: „Da machte Gott der HERR den Menschen aus Staub von der Erde und blies ihm den Odem des Lebens in seine Nase. Und so ward der Mensch ein lebendiges Wesen.“(1. Mose 2,7) Es ist der Lebensatmen Gottes, der lebendig macht. Und dann wachsen Sehnen, Fleisch und Haut dazu. Kein Knochengerüst, das herumgeistert, sondern Menschen aus Fleisch und Blut. Menschen, die in ihrem Auferstehen erfahren, dass ich der HERR bin.

 7 Und ich weissagte, wie mir befohlen war. Und siehe, da rauschte es, als ich weissagte, und siehe, es regte sich und die Gebeine rückten zusammen, Gebein zu Gebein. 8 Und ich sah, und siehe, es wuchsen Sehnen und Fleisch darauf und sie wurden mit Haut überzogen; es war aber noch kein Odem in ihnen. 9 Und er sprach zu mir: Weissage zum Odem; weissage, du Menschenkind, und sprich zum Odem: So spricht Gott der HERR: Odem, komm herzu von den vier Winden und blase diese Getöteten an, dass sie wieder lebendig werden! 10 Und ich weissagte, wie er mir befohlen hatte. Da kam der Odem in sie, und sie wurden wieder lebendig und stellten sich auf ihre Füße, ein überaus großes Heer.

             Hesekiel tut, wie ihm befohlen wird. Unausweichlich ist dieser Auftrag, selbst wenn Hesekiel voller Zweifel wäre. Er redet die Totengebeine an. Er weissagt. Heißt doch: er sagt diesen Gebeinen in der Gegenwart Zukunft an. Und siehe! Achtung! Es geschieht. Das Wort, das der Prophet dem HERRN nachspricht hat Kraft, Lebenskraft. Schöpfermacht. Sein Weissagen schafft neue Wirklichkeit in diesem Totenfeld, an diesen Toten. Erst fügen sich die Knochen zusammen, dann wachsen Sehnen, Fleisch und Haut.

Aber noch fehlt der Odem, die Geistkraft. Sie wird mit einem ausdrücklichen Anruf von Gott dem HERRN herbei gerufen. Es wirkt, als sei sie schon irgendwie „als etwas die Welt ganz Durchwaltendes in der Welt.“ (W. Zimmerli, aaO. S. 895) Es braucht aber, um sie zu „aktivieren“,  den nachdrücklichen Auftrag. Auch wenn er ein bisschen umständlich daher kommt. Weissage zum Odem; weissage, du Menschenkind, und sprich zum Odem: So spricht Gott der HERR: Odem, komm herzu Umso klarer ist dann der Auftrag selbst:  Blase diese Getöteten an, dass sie wieder lebendig werden. So spricht es Der HERR dem Propheten vor und der spricht es nach. Und der Odem kommt. Gehorcht. Das Leben kehrt zurück. Es wird hier gleich mehrfach unterstrichen: Die Geistkraft ist wohl in der Welt, aber sie ist immer Gottes Gabe. Nie der Besitz des Menschen Und: Es gibt keinen Gott gegenüber autonomen Geist!

Damit ist die Vision am Ziel. Da steht ein Heer von Wiederbelebten. Auferweckten. Von Menschen, die den Tod hinter sich haben. In der Brizzi-Kapelle im Dom von Orvieto hat der Maler Signorelli diese Vision vom auferweckten Totenfeld ins  Bild gesetzt. So eindrücklich, dass ich dieses Bild wie eine Auslegung dieser Vision immer wieder vor meinen inneren Augen habe. Sinnlich. Hinreißend. Ein Bild, das Hoffnung ausstrahlt und Hoffnung weckt.

 11 Und er sprach zu mir: Du Menschenkind, diese Gebeine sind das ganze Haus Israel. Siehe, jetzt sprechen sie: Unsere Gebeine sind verdorrt, und unsere Hoffnung ist verloren, und es ist aus mit uns.

             An die Vision wird ein „Disputationswort“ (K.F. Pohlmann,  aaO.  S. 494)angehängt – eine Auseinandersetzung Gottes mit dem, was man so im Volk sagt. Es wirkt, als wäre die ganze vorherige Vision eine Antwort auf diese Klage, die unter den Exilierten umgeht. Sie sind hoffnungslos. Sie fühlen sich tot. Sie sind wie verdorrt. Es ist eine Wirklichkeit, die auch sonst in Israel gekannt wird: „Ein fröhliches Herz tut dem Leibe wohl; aber ein betrübtes Gemüt lässt das Gebein verdorren.“(Sprüche 17,22) Im Exil ist kein Platz mehr für fröhliche Herzen.

Was ist dem entgegen zu setzen? Alle Worte sind zu schwach, um solche Gefühle zu bestreiten. Was stärker ist, sind Bilder. Sie vermögen Eindrücken und Gefühlen Stand zu halten, gar sie zu verwandeln. Darum sieht Hesekiel, was Gott tut bevor er sagen kann, was Gott tun wird. Die Vision ist eine „Art Zeichenhafter Vergewisserung für den Propheten selber.“ (W. Zimmerli, aaO. S. 896) Damit er glauben kann, was er im Folgenden sagen soll. Gott setzt die Worte des Propheten der Hoffnungslosigkeit des Volkes entgegen.

Wie anders ist dieser Auftrag an Hesekiel, gemessen an dem, was er früher zu sagen hatte. Da musste er dem Hochmut entgegen treten,  der sich nicht unter das Gericht beugen wollte. Da musste er dem Hochmut entgegen sprechen, der von sich glaubte: Wir sind doch die guten. Wir sind davon gekommen. Wie oft müssen die Propheten Israel diesen Parolen der Selbstgerechtigkeit entgegen treten. Hier dagegen muss Hesekiel anders reden – zu einem Volk am Boden, gefährdet von Tendenzen zur Selbstaufgabe. Es ist nie im Voraus ausgemacht, dass Propheten nur Gericht ansagen. Es ist immer so, dass sie in die Situation hinein zu sagen haben, was Gott sie sagen lässt. Manchmal Gericht. Viel lieber aber Heil und Rettung. Neuen Anfang. Das Merkwürdige ist: Die Ansagen des Heils sind wohl nicht leichter zu hören und zu glauben als die Ansagen des Gerichtes.

 12 Darum weissage und sprich zu ihnen: So spricht Gott der HERR: Siehe, ich will eure Gräber auftun und hole euch, mein Volk, aus euren Gräbern herauf und bringe euch ins Land Israels. 13 Und ihr sollt erfahren, dass ich der HERR bin, wenn ich eure Gräber öffne und euch, mein Volk, aus euren Gräbern heraufhole. 14 Und ich will meinen Odem in euch geben, dass ihr wieder leben sollt, und will euch in euer Land setzen, und ihr sollt erfahren, dass ich der HERR bin. Ich rede es und tue es auch, spricht der HERR.

             Das ist das Versprechen Gottes: Was Hesekiel gesehen hat, ist das zukünftige Handeln des HERRN an Israel: Aufstand aus den Gräbern. Wiederbelebung der verdorrten Gebeine. Rückkehr ins Land Israels. Mit Israel geschieht, was nur noch mit dem alles Begreifen übersteigenden Bild einer massenhaften Totenauferweckung zu fassen ist. Neuanfang, der eine neue Wirklichkeit schafft. Neuanfang, der eine neue Gotteserfahrung ist – eine, die wohl nur in Parallele zu dem Anfang am Horeb gedacht werden kann.

Und ich will meinen Odem in euch geben. In der Vision war nur vom Odem die Rede, nicht von meinem Odem. Die Vision hat nur die Wiederbelebung im Blick, Odem als die neue geschenkte Lebenskraft. Hier dagegen ist mehr: „Man wird über die bloße Belebung hinaus an die Geistzusage – ein neues Herz und einen neuen Geist in euch  – denken müssen, durch welche auch die innere Wandlung des Volkes erfolgt.“ (W. Zimmerli, aaO. S. 898) Das ist Gottes Versprechen. Dafür steht er ein. Nicht nur Rückkehr ins alte Land, sondern ein neues Volk in einem neuen Land.

Der Schlüssel, den wir Christen beim Lesen nie übergehen dürfen: Diese ganze Vision vom Totenfeld ist Wort an Israel. An die, die sich längst aufgeben haben. An die, die in den Trümmern von Jerusalem ohne jede Hoffnung ihre Tage fristen An die, die in der Gola keinen Weg mehr für sich als Volk sehen können. Es ist vorbei mit Israel. Vorbei mit dem Volk Gottes. Daran ändert auch nichts, dass Einzelne noch leben, dass sie alle als Einzelne noch Tag um Tag leben. Sie werden neu ins Leben gerufen, aus dem Totenfeld, als das auferweckte Volk Gottes.

Erst wenn wir dieses so konkrete Wort achten, können wir es auch auf uns beziehen. Denn auch die Auferstehung der Toten, die wir Sonntag für Sonntag bekennen, ist nicht Einzelschicksal für einige, die davon kommen. Es gibt keine Auferstehung der Toten als individuelles Happy End. Es gibt nur die Auferstehung der Toten für das Volk Gottes. Das aber ist meine Hoffnung: Die Erde wird die Toten wieder herausgeben. Zu einem neuen Leben. auf das kein Todesschatten mehr fällt. So glaubt auch Paulus: „Nun aber ist Christus auferweckt von den Toten als Erstling unter denen, die entschlafen sind. Denn da durch einen Menschen der Tod gekommen ist, so kommt auch durch einen Menschen die Auferstehung der Toten. Denn wie in Adam alle sterben, so werden in Christus alle lebendig gemacht werden. Ein jeder aber in der für ihn bestimmten Ordnung: als Erstling Christus; danach die Christus angehören, wenn er kommen wird; danach das Ende, wenn er das Reich Gott, dem Vater, übergeben wird, nachdem er vernichtet hat alle Herrschaft und alle Macht und Gewalt. (1. Korinther 15, 20-24)

 

Mein Gott, davon nährt sich meine Hoffnung, dass Du aus den Toten rufst, dass Du Deinen Geist hineinbläst in längst verloschenes Leben, in verdorrte und ausgebleichte Knochen, dass Du nicht im Tod lässt.

Davon nährt sich meine Hoffnung, dass du an Israel festgehalten hast und es durch den Tod geführt hast, durch die Wasserfluten und die Feuersbrunst, dass Du an Deinem Christus festgehalten hast, ihn herausgerufen hast aus den Toten, ihn erhöht hast, Du Fürst des Lebens.

Darum glaube ich, dass Du auch mich nicht in den Toten lassen wirst, mich nicht und die Meinen nicht, weil wir ja doch Dir gehören, weil Du unser Herr und Heiland bist, Du Fürst und Liebhaber des Lebens. Amen

Ein Gedanke zu „Der die Toten ins Leben ruft“

  1. Lieber Ulrich,
    Prof. Zimmerli und Prof. Smend trafen sich. Nach einiger Zeit fragte Zimmerli Smend: Herr Kollege, was halten Sie denn von meinem Hesekiel-Kommentar? Smend antwortete: Herr Kollege, so genau wollten wir es auch nicht wissen.
    Ich habe nachgeschaut: Zimmerli braucht 35 Seiten, um Hes 37 auszulegen. Du, lieber Uli, bist mit dem, was er schreibt, vertraut; Du zitierst wesentliche Sätze von ihm; und zugleich hast Du heute morgen eine Auslegung zu Hes 37 geschrieben, die rund ist, die mich zum Hörer dieses Textes gemacht hat, zum Hörer des Wortes Gottes, und die mich ins Gebet geführt hat. Herzlichen Dank!
    Übrigens steht der Vers 9 auf einem außergewöhnlichen Denkmal in Radevormwald. Ich habe damals am 27.05.1971 in Wuppertal gewohnt und kann mich an die Sirenen der Krankenwagen erinnern. Auf der eingleisigen Strecke der Eisenbahn zwischen Wuppertal und Radevormwald waren ein Güterzug und ein Personenzug (ein Teckel?) gegeneinander gefahren und verunglückt. Der Teckel voller Kinder. Es gab mehr als 30 Tote. Schrecklich. Für diese Verunglückten steht auf einem Friedhof dieses Denkmal: “Von den vier Winden kommen Geist und Hauch über diese Toten, auf dass sie wieder lebendig werden.”

    In den nächsten 7 Wochen, in den nächsten 50 Tagen liegen für uns wichtige Feiertage. Ich wünsche Ruth und Dir, dass Ihr sie als Empfangende und als Verschenkende erleben könnt. Wir leben mit Jesus, der geboren worden ist und mit ihm als demjenigen, der wiederkommen wird.
    Euer/Dein Hartmut

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