Ein Ende für alle Notzeiten

 Hesekiel  34, 23 – 31

23 Und ich will ihnen einen einzigen Hirten erwecken, der sie weiden soll, nämlich meinen Knecht David. Der wird sie weiden und soll ihr Hirte sein, 24 und ich, der HERR, will ihr Gott sein. Und mein Knecht David soll der Fürst unter ihnen sein; das sage ich, der HERR.

             Voraus gehen Worte, die die Herde in den Blick nehmen. Sie sind ohne Hirten so verwildert, dass ein Schaf das andere bedrängt, dass ein Schaf dem anderen die Weide nicht gönnt. „Das Gute für uns selbst, aber selbst das weniger Gute den anderen noch missgönnen, das ist die Devise der Gottlosen.“ (G. Maier,  Der Prophet Hesekiel, 2. Teil, 25 – 48, Wuppertaler Studienbibel, Wuppertal 2000, S. 165) Der Zustand der Herde schreit regelrecht nach einem Hirten, einem guten Hirten.

Diesen Notschrei beantwortet Gott: ich will ihnen einen einzigen Hirten erwecken, meinen Knecht David. Wie denn nun, fragt man als Leser erstaunt. Nimmt Gott jetzt etwa zurück, was er zuvor gesagt hat? „Ich selbst will meine Schafe weiden“(34, 15) Jetzt aber doch nur mein Knecht David? Nimmt Gott also seine Zusage zurück? „Die Ankündigung, dass Jahwe seinen Knecht David mit dem Hirtenamt betraut, es also dann wohl doch nicht selbst wahrnimmt, gerät in deutlichen Widerspruch zu den bisherigen Ausführungen in 1 – 15.“ (K.F. Pohlmann, Der Prophet Hesekiel, Kap. 20 – 48 ATD 22,2, Göttingen 2001, S. 467)

             Es ist gut, sich zu erinnern: Wer führt Israel aus Ägypten? Der Auftrag an Mose ist eindeutig: „So geh nun hin, ich will dich zum Pharao senden, damit du mein Volk, die Israeliten, aus Ägypten führst.“(2. Mose 3, 10) Genauso eindeutig ist aber das Bekenntnis, das in Israel gelehrt werden soll: „Der HERR hat uns mit mächtiger Hand aus Ägypten, aus der Knechtschaft, geführt.“(2. Mose 13,16) Und Gott kann sagen: „Ihr habt gesehen, was ich an den Ägyptern getan habe und wie ich euch getragen habe auf Adlerflügeln und euch zu mir gebracht.“(2. Mose 19,4) Wie also beantwortet sich die Frage? Natürlich Gott, natürlich Mose. Mose ist der Handlanger Gottes. Genauso wird der Hirte David Handlanger Gottes sein.    

Dazu kommt: David ist nach israelitischer Überzeugung der Hirte ganz nach dem Herzen Gottes. Er hat keine eigensinnigen und eigensüchtigen Absichten. Das unterscheidet ihn von den verworfenen Hirten, die nach ihm kamen. Er wird nur suchen, was Gottes ist. Darum kann hier auch die Bundesformel, die für Israel so entscheidend wichtig ist, mit angeführt werden: ich, der HERR, will ihr Gott sein. Das sagt Gott in eine Situation hinein, in der die Gefahr groß ist, dass das Volk sich in der Gola, in der Diaspora in lauter Einzelne auflöst, im Völkermeer verschwindet. „Die Erwählung Davids ist für den Glauben des judäischen Israel tief eingeschmolzen in den Glauben an die Erwählung Israels.“(W. Zimmerli, Ezechiel, BKAT XIII/2, Neukirchen 1969, S. 842) So sagt also die Wahl des Hirten David nicht zuerst eine Wiederherstellung des Königshauses an, sondern Gottes Festhalten an Israel!

             Noch eines fällt auf: David wird nicht „König“ genannt. Melek. Sondern Fürst unter ihnen. In ihrer Mitte. „Der Fürst  – nśyʼ – hat ein Amt in Israel, ist aber nicht der Herr Israels.“ (W. Zimmerli, aaO. S. 844) Herr in Israel ist nur einer, Gott selbst.

Man wird gut daran tun, diese Worte nicht allzusehr zu  überstrapazieren. Nicht mehr in sie hineinzulesen, als wirklich in ihnen steht: „In der Gestalt des wiederkehrenden David verheißt er die Treue Gottes zu seiner uranfänglichen Geschichte. Er befriedigt nicht die Neugier des Fragers, der wissen möchte, wie sich das Neue zu dem Alten, der neue David zu dem ersten David verhalte.“ (W. Zimmerli, aaO. S. 849) Kein Wort auch über das Wesen dieses neuen Hirten. Das ist deshalb nicht nötig, weil ja zuvor ausführlich beschrieben ist, wie und worin Gott sich seiner Herde annehmen wird. Es genügt, über diesen einzigen Hirten zu wissen, dass in ihm und über ihm Gott er Gott seines Volkes bleibt,… Dass in diesem Fürsten der Hirte dasein wird, der nicht mehr vom Leben seiner Schafe lebt und „sich selber behütet“, sondern der Hirte, dessen Leben für die Schafe da ist – auch für das Leben der Mühseligen und Beladenen (Matthäus 11, 28), der Schwachen und Verlorenen, die er suchen wird, wie es der rechte Hirte tut.“ (W. Zimmerli, ebda.)

25 Und ich will einen Bund des Friedens mit ihnen schließen und alle bösen Tiere aus dem Lande ausrotten, dass sie sicher in der Steppe wohnen und in den Wäldern schlafen können.

             Jetzt sind wieder die Schafe, die Israeliten in der Gola und anderswo im Blick. Ihnen sagt Gott einen neuen Bundesschluß an, einen Bund des Friedens. Was für eine Nachricht für die, die sich preisgegeben erleben, ausgeliefert. Keine Angst mehr vor bösen Tieren.  Keine Schlaflosen Nächte mehr. Man wird neu beten können:

„Ich liege und schlafe ganz mit Frieden;                                     denn allein du, HERR, hilfst mir, dass ich sicher wohne.“                 Psalm 4,9

 Übertragen auf unsere Zeit: Keine Angst mehr vor Terrorangriffen, vor nächtlichen Verhaftungen. Keine Angst mehr vor Chaoten, die alles kurz und klein schlagen. Keine Angst mehr vor Rassisten. Auch keine Angst mehr vor Ausspähung. Keine Angst mehr vor dem undurchschaubaren Machtspiele der Märkte, vor den Mechanismen des Geschäftes, dass die Rendite der Firma, des Konzerns steigt, wenn Arbeitskräfte frei gesetzt werden.

 26 Ich will sie und alles, was um meinen Hügel her ist, segnen und auf sie regnen lassen zu rechter Zeit. Das sollen gnädige Regen sein, 27 dass die Bäume auf dem Felde ihre Früchte bringen und das Land seinen Ertrag gibt, und sie sollen sicher auf ihrem Lande wohnen und sollen erfahren, dass ich der HERR bin, wenn ich ihr Joch zerbrochen und sie errettet habe aus der Hand derer, denen sie dienen mussten. 28 Und sie sollen nicht mehr den Völkern zum Raub werden, und kein wildes Tier im Lande soll sie mehr fressen, sondern sie sollen sicher wohnen, und niemand soll sie schrecken. 29 Und ich will ihnen eine Pflanzung aufgehen lassen zum Ruhm, dass sie nicht mehr Hunger leiden sollen im Lande und die Schmähungen der Völker nicht mehr ertragen müssen.

             Keine Trockenheit mehr über Jahre hinweg. Der ausbleibende Regen ist in Mitteleuropa kein Thema. Noch nicht? Aber im Süden Europas schon. In Israel wiederholt, schon zu Ahabs Zeiten.(1. Könige 17,1, 18,1) Heute erst recht in Afrika. Es geht um Fruchtbarkeit, ums Überleben. „Die Garantie der Fruchtbarkeit des Landes soll sicherstellen, dass das Land seine Bewohner auch ernähren können wird.“ (K.F. Pohlmann, aaO. S. 470) Ganz schlicht: Regen ist Segen.

             Kein Hunger mehr. Kein Frondienst, keine Arbeit unter Fremdherrschaft. Die Worte Gottes lesen sich wie die Vorlage für Forderungen der NGOs heutzutage, der Gewerkschaften und Menschenrechtler rund um die Welt. Die Menschenwürde der Israeliten darf nicht mehr in den Dreck getreten werden. Sie sollen die Schmähungen der Völker nicht mehr ertragen müssen. Wie weit sind wir bis heute davon entfernt. Es gibt einen tiefsitzenden Antijudaismus, bis in die Mitte der Gesellschaft, nicht nur in Deutschland. Die Juden als Sündenbock für fast alles, das ist ein angelerntes Denkmuster, das seine unselige Kraft immer noch nicht verloren hat.

 30 Und sie sollen erfahren, dass ich, der HERR, ihr Gott, bei ihnen bin und dass die vom Hause Israel mein Volk sind, spricht Gott der HERR.

             Das ist ein Wort, das nicht an die Völker, die gojim gerichtet ist, sie aber doch zum  Gegenüber hat. Die Völker sollen erfahren, was die Bundesformel sagt: Gott und Israel sind unzertrennlich, weil Gott sich nicht von seinem Volk trennt. Auch die Gerichte Gottes sind keine Distanzierung von Israel, kein Fallenlassen des Volkes. So wird an der Treue Gottes zu Israel sein Wesen erkannt. Das macht Gott aus, dass er sich voller Gnade seinem Volk zuwendet. Wenn die Völker das sehen, so wird es die Art verändern, wie sie von Gott reden und die Weise, wie sie auf Israel sehen. Das ist die Erwartung hinter diesen Worten.

  31 Ja, ihr sollt meine Herde sein, die Herde meiner Weide, und ich will euer Gott sein, spricht Gott der HERR.

             Es wirkt wie ein Schlusswort. Das Hirtenthema, das ein wenig in den Hintergrund gerückt war, wird noch einmal aufgegriffen. Es wird zusammengefügt mit dem zweiten Teil der Bundesformel:  ich will euer Gott sein. Es ist ein gedanklich weiter Weg von der Kritik an den Hirten, der Kritik auch an lieblosen Zuständen in der Herde zu diesem Abschlusswort. Keine Rede mehr von den bösen Umständen, nur noch „grundlegende, heilvolle Zusage: Du, Israel bist meine Herde, mein Volk und ich bin dein Gott.“ (W. Zimmerli, aaO. S. 847)Darauf wird die Geschichte zulaufen, allen Wirrnissen und Umwegen zum Trotz.

Sehr grundsätzlich: diese Hirtenrede ist, vor allem in ihrem Schluss, mehr als nur ein Ausblick in eine hoffentlich bessere Zukunft. Mehr als eine vage Hoffnung, die der Prophet der tristen Gegenwart entgegen stellt. Sie glaubt und behauptet mehr als „eine überraschungsfreie Welt… Eine Welt, in der die schon vorhandenen Trends sich fortsetzen, ohne dass völlig neue, unerwartete Faktoren hinzutreten.“ ( P. L. Berger, Auf den Spuren der Engel, Freiburg 1991, S. 39).  Würde sie nur das glauben, so müssten im Buch Hesekiel die Ansagen neuen Heils ausfallen.

Hesekiel aber glaubt mehr. Weil das Wort des Herrn zu ihm geschieht. Immer wieder. Und ihn zu neuen Ansagen nötigt. Ansagen einer Zukunft, die die alten Verheißungen zur Erfüllung bringen. Es sind Worte, die die Gegenwart öffnen auf die Zukunft Gottes hin. Die diese Zukunft für wirkkräftig halten in die Welt hinein, wie sie ist. Die der Gegenwart ihre Behauptung bestreiten, dass es außer ihr nichts gibt, dass nichts mehr kommt, was sie überschreitet. Diese Prophetie sprengt die Mauern des Gefängnisses, das Wirklichkeit heißt. „Sie halten fest daran, dass es eine andere Wirklichkeit gibt, und zwar eine von absoluter Bedeutung, welche die Wirklichkeit unseres Alltags transzendiert.“ (P. L. Berger, aaO. S. 20).

 

Mein Gott, mein Herr, Darauf warte ich, darauf hoffe ich, dass die Zeiten der Angst ein Ende finden, dass die Nöte der Zeit überwunden werden. Dass keine Kinder mehr sterben, weil Geld für Waffen im Überfluss da ist, aber kein Geld für Wasser, kein Geld für Medizin.

Darauf hoffe ich, darauf warte ich, dass wir in Deinem Namen zupacken, in Deinem Namen helfen, in Deinem Namen den Mächten des Todes widerstehen. Amen