Nur schöne Worte

Hesekiel 33, 21 – 33

21 Und es begab sich im zwölften Jahr unserer Gefangenschaft am fünften Tag des zehnten Monats, da kam zu mir ein Entronnener von Jerusalem und sprach: Die Stadt ist genommen. 22 Und die Hand des HERRN war über mich gekommen am Abend, bevor der Entronnene kam, und er tat mir meinen Mund auf, als jener am Morgen zu mir kam. Und mein Mund wurde aufgetan, sodass ich nicht mehr stumm sein musste.

Am 19. 1. 586, im zwölften Jahr unserer Gefangenschaft am fünften Tag des zehnten Monats, – so genau können biblische Daten sein – kommt einer, der dem Chaos in Jerusalem entronnen ist. Ein Entronnener – peljōt. Es wirkt, als wäre er zu Hesekiel gesandt worden – von wem auch immer. Seine Nachricht: Die Stadt ist genommen. Man datiert die Einnahme Jerusalems auf den 29. 7. 587. Ein halbes Jahr später also kommt der Mann. Das ist „eine durchaus wahrscheinliche Zeitspanne zwischen dem Ende Jerusalems und dem Eintreffen des ersten Augenzeugen in Tel Abib.“ (W. Zimmerli, Ezechiel, BKAT XIII/2, Neukirchen 1969, S. 812)

             Hesekiel ist nicht unvorbereitet für diesen Kommenden. Schon am Tag zuvor beginnt Gott an ihm zu handeln. Die Hand des HERRN war über mich gekommen am Abend. Vielleicht darf man es so verstehen,  dass an diesem Abend „ein Zustand der Starre und Wortunfähigkeit auf den Propheten fiel“ (W. Zimmerli, aaO. S. 813), der am Morgen mit dem Kommen des Entronnenen gelöst wird. Jedenfalls, als der da ist, ist die Zeit seines Verstummens zu Ende. „Der Prophet wird von seiner Sprechunfähigkeit erlöst und zum Auftun des Mundes befreit.“ (W. Zimmerli, ebda.) Das ist nicht nebensächlich, war es doch Gott selbst, der ihm den Mund verschlossen hat. Jetzt kann der Prophet wieder reden, nicht nur mit dem Entronnenen, dem Gast des nächsten Tages, sondern auch mit dem Volk „Jetzt war seine Predigttätigkeit für das ganze Volk  (wieder) freigegeben.“ (G. Maier,  Der Prophet Hesekiel, 2. Teil, 25 – 48, Wuppertaler Studienbibel, Wuppertal 2000, S. 146)

Wir wissen nicht, wie lange diese Zeit des Verstummens, der Unfähigkeit zu reden, gedauert hat. Im Buch Hesekiel wird sie früh angekündigt! „Und ich will dir die Zunge an deinem Gaumen kleben lassen, dass du stumm wirst und sie nicht mehr zurechtweisen kannst; denn sie sind ein Haus des Widerspruchs.“( 3, 26) Es legt sich der Eindruck nahe, dass Hesekiel bis hierhin immer wieder einmal die gottverhängte und zugleich vom menschlichen Widerstand her bestimmte Worthinderung hat erfahren müssen.“ (W. Zimmerli, ebda.) Was für eine Zumutung für einen, der sich zum Wächter und Warner gerufen weiß.

 23 Und des HERRN Wort geschah zu mir: 24 Du Menschenkind, die Bewohner jener Trümmer im Lande Israels sprechen: Abraham war ein einzelner Mann und nahm dies Land in Besitz; wir aber sind viele, uns ist das Land zum Eigentum gegeben. 25 Darum sprich zu ihnen: So spricht Gott der HERR: Ihr habt Blutiges gegessen und eure Augen zu den Götzen aufgehoben und Blut vergossen – und ihr wollt das Land besitzen? 26 Ihr verlasst euch auf euer Schwert und übt Gräuel, und einer schändet die Frau des andern – und ihr wollt das Land besitzen?

             Das ist merkwürdig: Gerade wird die Katstrophe berichtet und jetzt soll es um Besitzrechte gehen? Um Grundbucheinträge? Manche, so scheint es, haben auch angesichts der Katastrophe nur dafür Sinn, wie sie selbst Ansprüche geltend machen können, noch im Untergang profitieren. Das erscheint absurd und ist doch, wie die Geschichte lehrt, irgendwie erschreckende Normalität. Es gibt immer „Kriegsgewinner“, auch in den schlimmsten Niederlagen.

Hinter den Worten der Bewohner jener Trümmer im Lande Israels steht kaum nur der Anspruch auf dieses oder jenes Grundstück. Es geht um mehr. Es geht um das Land der Verheißung. Sie sagen nicht nur: wir sind noch einmal davon gekommen. Sondern sie wollen mehr: „Wir haben einen geistlichen Anspruch auf das Land Israel. Die Geschichte Israels geht mit uns weiter.“ (G. Maier,  aaO. S. 147). Oder anders gesagt: „Aus der Tatsache der Verschonung wird ein Recht abgeleitet.“ (W. Zimmerli, aaO. S. 819) Das ewig bleibende Besitzrecht am Land der Verheißung. Man kann es wohl nur so verstehen: Sie versuchen, diesen Untergang auf seine militärisch-politische Seite zu reduzieren. Sie weigern sich, hinter dem Untergang das Gericht Gottes zu sehen.

Es ist eine freche Verweigerung, wie es sich in der Antwort Gottes zeigt, eine Aufzählung von kultischen Verfehlungen, sozialen Miss- und Übergriffen, von regelrecht absurdem Festhalten am Vertrauen auf die eigene militärische Stärke, von sexuellen Übergriffen wie der Missachtung der doch durch das Gebot Gottes geschützten Ehe. „Ob die Vorwürfe zu Recht oder zu Unrecht oder teils zu Recht und teils zu Unrecht erhoben werden, kann man fragen.“ (K.F. Pohlmann, Der Prophet Hesekiel, Kap. 20 – 48 ATD 22,2, Göttingen 2001, S. 455) Was für den Anhalt an der Realität spricht – es sind keine neuen Vorwürfe. Es ist ja Verhalten, wie es im Volk auch schon vorher im Schwange war. Auch die im Land geblieben sind, sind  durch den Untergang nicht wie von selbst andere, gar bessere Menschen geworden.

Das alles führt Gott an, um deutlich zu machen: Es gibt kein Besitzrecht am verheißenen Land – nicht für die Deportierten und nicht für die, die im Land geblieben sind. Es wird auch kein Besitzrecht dadurch erworben, dass man sich an die Wiederaufbau macht. Die Parole „Wir sind viele, wir werden es schon schaffen!“ verkennt, dass das Land Gabe ist, Geschenk der Gnade und nicht Erwerb aus eigener Kraft und eigenem Willen.

27 So sprich zu ihnen: So spricht Gott der HERR: So wahr ich lebe, sollen alle, die in den Trümmern wohnen, durchs Schwert fallen, und die auf freiem Felde sind, will ich den Tieren zum Fraß geben, und die in den Festungen und Höhlen sind, sollen an der Pest sterben. 28 Denn ich will das Land ganz verwüsten und seiner Hoffart und Macht ein Ende machen, dass das Gebirge Israel so zur Wüste wird, dass niemand mehr hindurchzieht. 29 Und sie sollen erfahren, dass ich der HERR bin, wenn ich das Land ganz verwüste um aller ihrer Gräuel willen, die sie verübt haben.

             Als wäre Gott der Diskussion überdrüssig, folgt ein Schwurwort: So wahr ich lebe. Gott bindet sich mit diesem Wort selbst. Es ist nicht mit 587 getan. Der Katastrophe folgt die Katastrophe. „Die drei großen Gerichtshelfer: Schwert, wilde Tiere und Pest werden wider diese Menschen aufgeboten.“(W. Zimmerli, aaO. S. 820) Das Ergebnis ist erschütternd: am Ende steht ein verwüstetes, menschenleeres Land. Es ist vorbei mit aller Macht und Pracht. Hochmut und Hoffart haben sich selbst ins Unglück gestürzt. Das alles ist Gottes Tat. Es ist Gericht. Aber dieses Gericht zielt darauf, dass sie Gott erkennen und endlich dann auch – wieder – anerkennen.

  30 Und du, Menschenkind, dein Volk redet über dich an den Mauern und in den Haustüren, und einer spricht zum andern: Kommt doch und lasst uns hören, was das für ein Wort ist, das vom HERRN ausgeht. 31 Und sie werden zu dir kommen, wie das Volk zusammenkommt, und vor dir sitzen als mein Volk und werden deine Worte hören, aber nicht danach tun, sondern ihr Mund ist voll Verlangen und danach tun sie, und hinter ihrem Gewinn läuft ihr Herz her. 32 Und siehe, du bist für sie wie einer, der Liebeslieder singt, der eine schöne Stimme hat und gut spielen kann. Sie hören wohl deine Worte, aber sie tun nicht danach. 33 Wenn es aber kommt – und siehe, es kommt! –, so werden sie erfahren, dass ein Prophet unter ihnen gewesen ist.

Muss sich Hesekiel nicht freuen? Er ist Stadtgespräch in der Gola. Die Leute laufen ihm zu. Er findet sein Publikum, so wie ein Bänkelsänger allemal Zuhörer findet. Sie sind gespannt, seine Worte zu hören. Sie versprechen sich beste Unterhaltung.

Nur:  Es ist nicht die Aufgabe eines Propheten, die Leute zu unterhalten. So wie es nicht die Aufgabe eines Predigers heute ist, nette Morgenunterhaltung zu bieten. Hesekiel wird darauf vorbereitet, „dass er trotz des äußeren Zulaufs nicht ernst genommen wird.“ (G. Maier, aaO. S. 151) Was sie suchen, soll Unterhaltungswert haben, vielleicht auch Nervenkitzel, die Sinne reizen. Der Auftritt muss stimmen. Und er muss ermutigen, weiter auf Gewinn aus zu sein. Diesen Ansprüchen scheint Hesekiel gerecht zu werden: du bist für sie wie einer, der Liebeslieder singt, der eine schöne Stimme hat und gut spielen kann.

Nur: Lebensrelevanz haben seine Lieder nicht. Dass sie wenigstens den einen oder anderen dazu bringen würden, neu über das eigene Leben nachzudenken, es gar zu ändern, das kann Hesekiel vergessen. Sie hören wohl deine Worte, aber sie tun nicht danach. Man lobt seine Stimme, schätzt seine Melodien, aber die ihn so loben, denken nicht im Traum daran, deshalb ihr Leben zu ändern. Es ist Schmerz für den Propheten, aber doch auch für jeden, der ernst genommen werden will, wenn er zum Teil des Unterhaltungsbetriebes herab gewürdigt wird. „Nette Sonntagsrede“ ist das Urteil über die Predigt. Gut gesprochen, aber untauglich für die Woche. „Es ist die schwere Anfechtung des Verkündigers, dass er zwar viel Gehör findet, aber wenig Gehorsam.“ (W. Zimmerli, aaO. S. 824)

Auf die eigene Zeit übertragen und zugespitzt: man kann Fan eines Musikers sein, aber seine Texte, die man im Konzert mitsingt, sind völlig irrelevant für die eigene Lebensführung. Ganz nahe dabei die auch eigene Erfahrung. Es ist eine große Anfechtung: Landauf landab wird gepredigt, wird Gottesdienst gefeiert. Das hat Tradition in Deutschland, seit vielen hundert Jahren. In jedem Dorf stehen Kirchen. Auf jeder Kanzel wird von Gott gesprochen, wird zum Glauben gerufen, wird Nächstenliebe als Konsequenz des Glaubens eingefordert. Was davon kommt im Alltag an? Was davon bestimmt das Verhalten in den Familien, unter Nachbarn, in den Firmen und Behörden, in der Freizeit. „Kirche hat keine Lebensrelevanz mehr“ höre ich.  „Wir leben in einem säkularen Staat“ höre ich. Kirche – eine Stimme unter vielen, eine Option. Mehr nicht.

            Kein Trost, aber  am Ende steht: Wenn eintrifft, was Hesekiel ansagen musste und was seinen Hörern oft nur nette Unterhaltung war, dann werden sie  – erschreckt – erkennen, dass ein Prophet unter ihnen gewesen ist. Auch hier gilt: Das Leben wird vorwärts gelebt, aber erst rückwärts verstanden. Wenn es dann nur nicht zu spät ist.

 

Mein Gott. Was für ein Schmerz, wenn die Worte abprallen, gehört werden, aber nichts auslösen, keinen Glauben wecken, keinen Gehorsam finden, kein Tun leiten

Was für ein Schmerz, wenn alle Rufe zur Umkehr im Wind verhallen, kein Echo finden, wenn das „weiter so“ regiert.

Gibt es noch einmal eine Wende, eine Hinwendung zu Dir? Wende Du Dich zu uns. Lass uns nicht allein, damit wir uns selbst und Dir nicht verloren gehen. Amen