Ein neuer Weg ist offen

Hesekiel  33, 10 – 20

10 Und du, Menschenkind, sage dem Hause Israel: Ihr sprecht: Unsere Sünden und Missetaten liegen auf uns, dass wir darunter vergehen; wie können wir denn leben? 11 So sprich zu ihnen: So wahr ich lebe, spricht Gott der HERR: Ich habe kein Gefallen am Tode des Gottlosen, sondern dass der Gottlose umkehre von seinem Wege und lebe. So kehrt nun um von euren bösen Wegen. Warum wollt ihr sterben, ihr vom Hause Israel?

             Gott lässt sich auf einen Disput ein. Mit seinen Leuten. Hesekiel wird sein Sprecher in diesem Disput. Er reagiert auf das, was sie ihm vorhalten. Unsere Sünden und Missetaten liegen auf uns, dass wir darunter vergehen; wie können wir denn leben? Das ist Eingeständnis von Schuld und gleichzeitig Klage aus tiefster Not. „Es sind Worte, in denen der ganze Zusammenbruch des Restvolkes zum Ausdruck kommt und die unzweifelhaft in die Zeit nach 587 gehören…. Aller Hochmut ist vergangen, alles Sichanklammern an mögliche Hoffnungen ist zerbrochen, aller Glaube an  eine Zukunft und ein Fortgehen des Lebens ist erloschen.“ (W. Zimmerli, Ezechiel, BKAT XIII/2, Neukirchen 1969, S. 804)Anders gesagt: Israel erkennt und anerkennt, dass der Untergang die Folge der eigenen Sünden und Missetaten ist. Das Tragische ist: mit dem Anerkennen und Aussprechen  dieser  Schuld verbinden sie die Vorstellung, „der Weg zum Leben sei versperrt.“ (K.F. Pohlmann, Der Prophet Hesekiel, Kap. 20 – 48 ATD 22,2, Göttingen 2001, S. 452) Für immer. Das Gericht sei Gottes letztes Wort.

Dieser Hoffnungslosigkeit setzte Gott sein Wort entgegen, mehr noch, seinen Schwur – So wahr ich lebe ist eine Schwurformel. Er bietet denen, die ganz am Ende sind, in der Schwurzusage eine neue Lebenschance an. Sie sehen nur das Gericht, er aber sagt ihnen, dass sein verborgener Wille eine anderer ist, hinter dem Gericht verborgen: dass der Gottlose umkehre von seinem Wege und lebe. Dieser Weg steht für ganz Israel, für jeden einzelnen Israeliten und für jede einzelne Israelitin, so muss man genauer sagen, offen. Umkehr ist möglich, weil Gott in die Umkehr ruft. Immer noch.

Die Frage Warum wollt ihr sterben, ihr vom Hause Israel? bringt es noch einmal auf den Punkt. Auf dem Weg der endlosen Klage über das Schicksal zu beharren, heißt den Weg zum Leben zu versäumen. Das aber gilt ja nicht nur für Israel im Jahr 587 oder später. Das gilt immer. Sein Leid, seinen Schmerz, seine Verfehlung für endgültig und unüberwindliche zu beklagen, lässt den Weg nach vorne verfehlen. Wer glaubt, dass seine Schuld so groß sei, dass Gottes Vergebung für sie nicht gelten könne, der überschätzt seine Schuld und unterschätzt den Willen Gottes zu neuen Anfängen. Man könnte auch sagen: der macht sich des Kleinglaubens schuldig. Keine, wirklich keine Schuld ist so groß, dass Gott nicht durch sein Vergeben den Weg zu einem neuen Anfang öffnen könnte.

 12 Und du, Menschenkind, sprich zu deinem Volk: Wenn ein Gerechter Böses tut, so wird’s ihm nicht helfen, dass er gerecht gewesen ist; und wenn ein Gottloser von seiner Gottlosigkeit umkehrt, so soll’s ihm nicht schaden, dass er gottlos gewesen ist. Auch der Gerechte kann nicht am Leben bleiben, wenn er sündigt. 13 Denn wenn ich zu dem Gerechten spreche: Du sollst leben!, und er verlässt sich auf seine Gerechtigkeit und tut Böses, so soll all seiner Gerechtigkeit nicht mehr gedacht werden, sondern er soll sterben um des Bösen willen, das er getan hat. 14 Und wenn ich zum Gottlosen spreche: Du sollst sterben!, und er bekehrt sich von seiner Sünde und tut, was recht und gut ist, – 15 sodass der Gottlose das Pfand zurückgibt und erstattet, was er geraubt hat, und nach den Satzungen des Lebens wandelt und nichts Böses tut –, so soll er am Leben bleiben und nicht sterben, 16 und all seiner Sünden, die er getan hat, soll nicht mehr gedacht werden, denn er hat nun getan, was recht und gut ist; darum soll er am Leben bleiben.

             Auf den ersten Blick klingt das wie eine Wiederholung früherer Gedanken und Worte. So ähnlich hat Hesekiel doch schon einmal Worte Gottes ausgerichtet. Sind diese Worte also nur eine Wiederholung von Kapitel 18, 21 – 24? Mir scheint, es ist nicht einfach alles gleich und nur noch einmal gesagt.

Sondern hier ist die Reihenfolge gegenüber Kapitel 18 umgekehrt – erst wird der Fall des Gerechten genannt, dann die Umkehr des Gottlosen. Warum? Weil alles Gewicht der Argumentation auf der Umkehr zum Leben liegt. Es fällt ja beim aufmerksamen Lesen auch auf: Der Abfall des Gerechten wird ganz knapp erwähnt, die Umkehr des Gottlosen aber breit ausgemalt. „Vom Gottlosen, der Buße tut, wird in 14 – 16 viel voller geredet als in 13 vom Gerechten, der wieder Sünder wird.“(W. Zimmerli, aaO. S. 805) Das ist gewiss kein Zufall. Vielmehr: es soll gezielt Mut zur Umkehr gemacht werden. Das ist die Absicht dieser Worte: der Hoffnungslosigkeit, die nur das Urteil über die eigene Schuld sieht, entgegen zu setzen, dass Umkehr möglich ist, auch nach einer langen Geschichte der Schuld. Keiner muss in den ausgetretenen Spuren der Schuld für immer weiter gehen.

Einmal mehr beschäftigen mich Parallelen zum Erzähler Jesus. Wie ausführlich erzählt er von der Reue und der Umkehr des verlorenen Sohnes, wie knapp vom Zorn des älteren, gerechten Bruders, der seiner Freude selbst im Weg steht – Lukas 15. Wie ausführlich erzählt er von den ungewussten Taten der Barmherzigkeit im Gleichnis vom großen Weltgericht und wie knapp wiederum gehen dort die anderen mit ihren unterlassenen Hilfeleistungen um – Matthäus 25. Hat Jesus von Hesekiel gelernt, auch gelernt zu erzählen?

Man wird wohl so lesen dürfen, vielleicht auch lesen müssen: Es gibt kein Guthaben an Gerechtigkeit, auf das man zurückgreifen könnte, wenn man bei Unrecht erwischt worden ist. Die gute Vergangenheit kann nicht dafür herhalten, das Verhalten jetzt zu entschuldigen. Und umgekehrt: es gibt kein ewig untilgbares Schuldkonto, das jeden neuen Schritt zu einem Leben in Gerechtigkeit unterbinden und verunmöglichen würde. Stattdessen: hier und jetzt. Das was Du jetzt lest, das sagt, wer du jetzt ist.

Es ist in durchaus lehrhaften und fast distanzierten Sätzen der intensive Ruf zur Umkehr, aber dieser Umkehrruf ruft  „nicht in einen bloß innerlichen Raum der Weltflucht. Er meint das ganze Leben mitten unter den Menschen, meint das lieblos gehortete Pfandgut ganz ebenso wie das zu Unrecht angeeignete Raubgut.“(W. Zimmerli, aaO. S. 808) Umkehr, so lese ich hier, zeigt sich in einem neuen Handeln, auch in Wiedergutmachung. Vielleicht sogar ist es so: erst in den konkreten Schritten einer Wiedergutmachung, die Revision der alten Verhaltensweisen ist, erarbeitet man sich auch das „Gefühl“ dafür, dass Umkehr ein Weg zu neuem Leben ist.

 17 Aber dein Volk spricht: »Der Herr handelt nicht recht«, während doch sie nicht recht handeln. 18 Wenn der Gerechte sich abkehrt von seiner Gerechtigkeit und Unrecht tut, so muss er deshalb sterben. 19 Und wenn sich der Gottlose von seiner Gottlosigkeit bekehrt und tut, was recht und gut ist, so soll er deshalb am Leben bleiben. 20 Und doch sprecht ihr: »Der Herr handelt nicht recht«, während ich doch euch vom Hause Israel richte, einen jeden nach seinem Wandel.

             Die Diskussion ist noch nicht zu Ende. Neben die, die hoffnungslos klagen treten die Sätze der Anderen, die mit ihrem Schicksal hadern. Die Gott anklagen: Du bist unfair. Die ihm vorhalten: Du lässt uns für Schuld büßen, mit der wir nichts zu tun haben. Aber auch auf dem Weg des Haderns mit dem Schicksal, mit Gott, den man für die eigene Misere verantwortlich macht, wird der Weg zur Umkehr versäumt. „Das Leben ist nicht fair.“ Singt Herbert Grönemeyer. Es klingt wie ein Beschweren – nur bei wem? Die Gefahr des Haderns ist, dass es folgenlos bleibt in den Sinn, dass man sich nicht ändern will, dass man sich resigniert abfindet. Dass man den Weg, den Gott offen hält, nicht einschlägt. Der Weg der Umkehr von der Gottlosigkeit hin zu Gerechtigkeit, zum Tun dessen, was recht und gut ist. So, daran lässt Gott keinen Zweifel. So wird man leben.

Dieses Wort „verwehrt alles faule und sichere Vertrauen darauf, dass es nun einmal gesagt sei: Du sollst leben!   Denn nicht zum Leben allein ruft Gott letzten Endes. …Sondern zu sich selber ruft Gott und zur Zukehr zu ihm.“(W. Zimmerli, aaO. S. 809) Es ist die eindringliche Botschaft in diesen Sätzen: aus der Gemeinschaft mit Gott entstehen Schritte auf dem Weg des Lebens. Von diesen Umkehrschritten haben auch andere etwas, weil der so umkehrt, wird gar nicht anders können als dass er das Pfand zurückgibt und erstattet, was er geraubt hat, und nach den Satzungen des Lebens wandelt und nichts Böses tut.

Mir geht nach, dass diese Worte wie eine Vorlage für die Verhaltensänderung des Zachäus wirken, von denen das Evangelium erzählt: „Zachäus aber trat herzu und sprach zu dem Herrn: Siehe, Herr, die Hälfte von meinem Besitz gebe ich den Armen, und wenn ich jemanden betrogen habe, so gebe ich es vierfach zurück. Jesus aber sprach zu ihm: Heute ist diesem Hause Heil widerfahren.“(Lukas 19, 8 – 9a) Da hat einer die Chance seiner Umkehr ergriffen, einer, der ein Leben lang anders unterwegs war. Genau das will Gott durch seinen Propheten Hesekiel uns als Chance unseres Lebens nahebringen.

 

Du, unser Gott willst, dass wir leben. Du willst unser Suchen und Fragen. Du willst unser Rufen nach Dir. Du willst unser Tasten nach neuen Wegen. Unsere Umkehr.

Du willst, dass wir im Vertrauen auf Dich aufbrechen aus den Tälern der Resignation, aus den Lagern des Verzagens, aus den Löchern der Angst, aus dem Stillstand, der sich einfach nur fügt, sich in das Schicksal klaglos fraglos ergibt.

Du willst, dass wir uns zu Dir halten, uns an Dich halten, weil Du uns halten willst. Amen