Worauf vertrauen wir? Heute?

Hesekiel 20, 30 – 44

 30 Darum sprich zum Hause Israel: So spricht Gott der HERR: Macht ihr euch nicht unrein in der Weise eurer Väter und treibt Abgötterei mit ihren Gräuelbildern? 31 Ihr macht euch unrein mit euren Götzen bis auf den heutigen Tag dadurch, dass ihr eure Gaben opfert und eure Söhne und Töchter durchs Feuer gehen lasst. Und da sollte ich mich von euch, Haus Israel, befragen lassen? So wahr ich lebe, spricht Gott der HERR: Ich will mich von euch nicht befragen lassen.

             Jetzt kommt der Text zurück auf den Anfang des Kapitels. Auf den Versuch der Befragung und die Verweigerung der Antwort. Weil die gegenwärtige Generation nicht anders ist als die Vorfahren schweigt Gott. Weil sie den Götzen nachlaufen wie eh und je und – ihnen? – ihre Gaben – hebräisch: qorban –  opfern. Weil  sie, schauerlicher Höhepunkt des Götzendienstes, Söhne und Töchter durchs Feuer gehen lassen. Was wäre Gott für ein Gott, wenn er sich da noch befragen ließe. Sie hören ja doch nicht auf ihn.

 32 Dazu soll euch fehlschlagen, was euch in den Sinn kommt, wenn ihr sagt: Wir wollen sein wie die Heiden, wie die Völker in den andern Ländern, und Holz und Stein anbeten.

             Gott sieht den Ausweg, den sie wählen könnten. Sein wie die Heiden, wie die Völker in den andern Ländern Das hat ja Tradition in Israel. Als es darum geht, dass die Israeliten eine König wollen und nicht mehr angewiesen sein wollen darauf, dass sich Richter finden lassen, da sagen sie zu Samuel: „So setze nun einen König über uns, der uns richte, wie ihn alle Völker haben.“ (1. Samuel 8,6) In der Luther-Übersetzung von 1984 heißt es noch: „wie ihn alle Heiden haben“. Gốjȋm steht im Hebräischen da und das hat zweifelsfrei neben der Bedeutung Völker auch den Beiklang Heiden, „der das Nichtisraelitische, Heidnische hervorhebt.“(H.W. Hertzberg Die Samuelbücher, ATD10, Göttingen 1965, S. 55)   

             Das Wort, das zitiert wird, ist nicht Trotz. Das ist nicht stolzer Widerspruch und Widerstand gegen Gott. Sondern hier sprechen Menschen, „die in großer Verzagtheit nicht mehr glauben können, dass die Gemeinde Gottes, über die das Gericht zu Recht ergangen ist, noch eine Zukunft habe, und die sich in dieser Verzagtheit fallen lassen wollen wie jene, die den lebendigen Gott nicht kennen.“ (W. Zimmerli, Ezechiel, BKAT XIII/1, Neukirchen 1969, S. 458) Die es nur noch als eine Last empfinden, von Gott erwählt zu sein, an Gott und seine Weisungen gebunden zu sein.

Sie wollen lieber gott-los werden. Gott los werden. Sie wollen nicht mehr Gottes „Muster-Volk“ sein. Meine Lebenserfahrung lässt mich sagen: Das wird nicht funktionieren. Wer einmal von Gott berührt worden ist, der wird ihn nicht los, auch dann nicht, wenn er Gott längst gekündigt hat. Es bleibt selbst in der Negation Gottes so, dass er das Geschehen bestimmt, nicht mehr gewollt, nicht mehr akzeptiert. Und doch ist er da. Weil alles, was man sagt und tut, immer von der Abgrenzung gegen ihn bestimmt sein wird, vom Aufstand gegen ihn, von der Absage. Es ist das Dilemma derer, die Gott geschmeckt haben – sie kommen nicht mehr von ihm weg, selbst wenn sie es noch so sehr wollen, um endlich frei zu sein, nicht mehr gebunden an seine Worte, nicht mehr getragen von seiner Liebe. Ihnen, die so vor dem Versuch stehen, zu werden wie alle anderen, tritt Gott entgegen:

 33 So wahr ich lebe, spricht Gott der HERR: Ich will über euch herrschen mit starker Hand und ausgestrecktem Arm und mit ausgeschüttetem Grimm 34 und will euch aus den Völkern herausführen und aus den Ländern, in die ihr zerstreut worden seid, sammeln mit starker Hand, mit ausgestrecktem Arm und mit ausgeschüttetem Grimm 35 und will euch in die Wüste der Völker bringen und dort mit euch ins Gericht gehen von Angesicht zu Angesicht. 36 Wie ich mit euren Vätern in der Wüste von Ägypten ins Gericht gegangen bin, ebenso will ich auch mit euch ins Gericht gehen, spricht Gott der HERR. 37 Ich will euch unter dem Stabe hindurchgehen lassen und euch genau abzählen 38 und will die Abtrünnigen und die, die von mir abfielen, von euch aussondern. Ja, aus dem Lande, in dem ihr jetzt Fremdlinge seid, will ich sie herausführen; aber ins Land Israels sollen sie nicht hineinkommen, damit ihr erkennt: Ich bin der HERR!

             Es ist ein Schwur Gottes: So wahr ich lebe! Mag sein, Israel will sich entlassen aus dem Bund, will werden wie alle Heiden. Aber Gott entlässt es nicht und verstößt es nicht. Er lässt sie nicht einfach laufen und im weiten Völkermeer verschwinden, aufgelöst unter die anderen, wie so viele Völker, die besiegt worden sind. Er sagt:  Ich will euch aus den Völkern herausführen. Angesagt wird eine neue Herausführung. Ein neuer Exodus aus den Völkern. Eine neue Sammlung. Aber nicht in ein Land, wo Milch und Honig fließt, sondern in die Wüste. Dorthin, wo alles angefangen hat – der Bund Gottes und der Ungehorsam, die Untreue des Volkes. Dort wird Gott sichten.

Erneut taucht hier auf: Diese Sichtung in der Wüste wird differenzieren – die Abtrünnigen werden ausgesondert. Es ist Thema, das im Hesekiel-Buch immer wieder auftaucht: Das Volk sind Einzelne, so gewiss es mehr ist als die Summe aller Einzelnen. Aber Gott sieht nicht nur das Volk, nicht nur das große Ganze – er sieht den Einzelnen, die Einzelnen, mit ihrem Verhalten, ihrer Treue und ihrer Untreue. Der Prozess der Individualisierung des Glaubens wird hier unübersehbar. Das Ziel ist auch hier das Erkennen: Ich bin der HERR! An diesem Erkennen, das ja eine Lebenspraxis in Gang setzen wird, entscheidet sich, ob einer abtrünnig ist oder nicht.

39 Aber ihr vom Hause Israel, so spricht Gott der HERR: Weil ihr mir denn nicht gehorchen wollt, so fahrt hin und dient ein jeder seinem Götzen, aber meinen heiligen Namen lasst hinfort ungeschändet mit euren Opfern und Götzen!

             Man kann schon fragen: Schwingt in diesen Worten Resignation mit? Hat Gott Israel als Ganzes aufgegeben, die Hoffnung auf Umkehr des ganzen Volkes? Jedenfalls: Wenn das Haus Israel sich nicht rufen lässt, nicht neu Gehorsam lernt, dann wird es seines Weges gehen müssen. Den Götzen dienen. In den Worten des Paulus Jahrhunderte später: es wird dahingegeben an seinen Willen, eingefangen in das, was es sich selbst erwählt hat. „Und wie sie es für nichts geachtet haben, Gott zu erkennen, hat sie Gott dahingegeben in verkehrten Sinn.“(Römer 1,28) Die Androhung an Israel wird hier ausgeweitet zum Urteil über alle.

Nur eines muss klar sein: Die Anbetung der handgemachten Götter und Werke verträgt sich nicht mit dem heiligen Namen Gottes. Darauf läuft die ganze Argumentation hinaus: „Der heilige Namen Jahwes soll nicht mehr durch die Gaben und Götzen entweiht werden.“ (K.F. Pohlmann, Der Prophet Hesekiel, Kap. 20 – 48 ATD 22,2, Göttingen 2001, S. 309)

             Einmal mehr denke und frage ich über den Text hinaus: Wie steht das mit unserer „Anbetung“ von Technik und Fortschritt, Leistungen der Menschheit, mit den Gaben? Sind wir – auch wir Christen – nicht längst doppelgleisig unterwegs: hier ehren wir Gott und dort ehren wir, gleichwertig, unsere eigenen Schöpfungen. Sind wir nicht längst dabei die Werke unserer Hände nicht mehr dem Segen Gottes anzubefehlen, sondern sie zu vergöttlichen und uns in ihnen gottgleich zu wähnen?

 40 Denn so spricht Gott der HERR: Auf meinem heiligen Berg, auf dem hohen Berge Israels, da wird mir das ganze Haus Israel dienen, alle, die im Lande sind. Da werde ich sie gnädig annehmen, und da will ich eure Opfer und eure Erstlingsgaben fordern und alle eure heiligen Gaben. 41 Ich will euch gnädig annehmen beim lieblichen Geruch der Opfer, wenn ich euch aus den Völkern bringen und aus den Ländern sammeln werde, in die ihr zerstreut worden seid, und ich werde mich an euch als heilig erweisen vor den Augen der Völker. 42 Und ihr werdet erfahren, dass ich der HERR bin, wenn ich euch ins Land Israels bringe, in das Land, über das ich meine Hand erhob zu dem Schwur, es euren Vätern zu geben.

             Jetzt geht der Blick ins Weite. Das Wort, das Gott, der HERR spricht, sprengt den engen Horizont der Gola. Es ist Zukunft pur. Ansage von Heimkehr auf den heiligen Berg. Auf den Zion. Ansage von Sammlung. Ansage von Rückkehr in das Land der Verheißung. Ansage von versöhnter Gemeinschaft. Alle Welt wird es sehen. Ich werde mich an euch als heilig erweisen vor den Augen der Völker. Gott hält Wort. Darin erweist er sich heilig. Zuverlässig, treu.

 43 Dort werdet ihr gedenken an eure Wege und alle eure Taten, mit denen ihr euch unrein gemacht habt, und werdet vor euch selbst Abscheu haben wegen all der bösen Taten, die ihr getan habt. 44 Und ihr werdet erfahren, dass ich der HERR bin, wenn ich so an euch handle zur Ehre meines Namens und nicht nach euren bösen Wegen und verderblichen Taten, du Haus Israel, spricht Gott der HERR.

Diese Rückkehr ist mit zwei Einsichten gekoppelt. Die eine Einsicht ist die Einsicht Israel in die eigenen Irrwege. Sie werden ihr Unwesen erkenne. Ihre bösen Taten. Sie werden sehen, dass sie ihr Leiden selbst verschuldet haben. „Zur Gotteserkenntnis gehört gewissermaßen wie die Rückseite der Medaille die Selbsterkenntnis.“ (G. Maier,  Der Prophet Hesekiel, 1. Teil, Wuppertaler Studienbibel, Wuppertal 1998, S. 275) Sie werden sich nichts mehr vormachen können über sich selbst. Muss man so weit gehen: Sie werden schamerfüllt sein über ihre Wege? Scham kann brennen wie Feuer – davon spricht viel später der Apostel: „Wird aber jemandes Werk verbrennen, so wird er Schaden leiden; er selbst aber wird gerettet werden, doch so wie durchs Feuer hindurch.“(1. Korinther 3,15) Das entspricht genau dem, was Hesekiel sagt: Ihr werdet vor euch selbst Abscheu haben.

Es ist die Einsicht, die in der Heimkehr entsteht und durch die Heimkehr erst möglich ist: „Der Sohn aber sprach zu ihm: Vater, ich habe gesündigt gegen den Himmel und vor dir; ich bin hinfort nicht mehr wert, dass ich dein Sohn heiße.“(Lukas 15,21) Erst wenn man wieder zuhause ist, kann das gesagt werden. In der Fremde ist es nicht möglich.

Die andere Einsicht: dass Gott diesen Weg öffnet, geschieht zur Ehre meines Namens. Es ist nicht veranlasst durch irgendwelche Anfangsschritte und Einsichten des Volkes. Es ist der zuvorkommende Gott, der den Weg nach Hause frei macht. Allein aus Gnaden. Wenn es nach den Wegen des Volkes ging, würden sie in ihren bösen Wegen gefangen bleiben. Was hier dem Haus Israel als sein Ziel vor Augen gestellt wird: die Ehre des Namens Gottes, das weitet der Christushymnus aus auf alle: „Alle Zungen sollen bekennen, dass Jesus Christus der Herr ist, zur Ehre Gottes, des Vaters.“( Philipper 2,11)

Es ist schon seltsam: ausgerechnet der Prophet, der so das Schicksal individualisiert – jeder wird für sein Leben einstehen, keiner trägt fremde Last und Schuld im Gericht – ausgerechnet er sieht am Ende die große Gemeinschaft. Vereint in der Ehre des Namens Gottes. Vielleicht ist es ja wirklich so, dass erst dieser Blick auf das gemeinsame große Ziel gleichzeitig möglich macht, die so verschiedenen individuellen Wege zu sehen und anzunehmen. Mögen die Wege durch die Zeit noch so individuell sein, unendlich verschieden. Das Ziel Gottes ist für alle gleich.

 

Mein Gott, Du ringst um Dein Volk. Du willst nicht, dass Dir auch nur einer verloren geht, dass sich auch nur einer gleichgültig abwendet, Dich abschreibt, von Dir nichts mehr erwartet.

Du suchst uns, damit wir heim finden, damit wir das Leben nicht verlieren, damit wir uns nicht verlieren an das, was doch nur totes Ding ist, an das Werk unserer Hände.

Du suchst uns, weil unser Leben sich nur in Dir erfüllen kann. In Dir, der es uns geschenkt hat. Amen