Gott, schweige nicht!

Hesekiel 20, 1 – 17

1 Und es begab sich im siebenten Jahr am zehnten Tage des fünften Monats, da kamen einige von den Ältesten Israels, den HERRN zu befragen, und setzten sich vor mir nieder. 2 Da geschah des HERRN Wort zu mir:

Zwei Jahre später, vermutlich im Jahr 592,  Juli oder August. Genauer zu datieren geht kaum. Aber es ist schon bemerkenswert genau. So, als läge dem Propheten daran, dass die späteren Leser genau einordnen können: an diesem Tag. Eine Abordnung der Ältesten Israels kommt, Hinweis auch auf die große Anerkennung, die der Prophet im Exil genießt. Solche Anerkennung eines Propheten ist alles andere als selbstverständlich. Sie wollen, dass Hesekiel den HERRN befragt. Immerhin: Da ist noch ein Fragen nach den Wegweisungen Gottes. Mit ihm zusammen – sie  setzten sich vor mir nieder – warten sie auf eine Eingebung, auf ein „Wort-Ereignis“. Es kommt wirklich dazu.

3 Du Menschenkind, sage den Ältesten Israels und sprich zu ihnen: So spricht Gott der HERR: Seid ihr gekommen, mich zu befragen? So wahr ich lebe: Ich lasse mich nicht von euch befragen, spricht Gott der HERR.

Der Inhalt dieses Wortes ist ernüchternd. Der HERR verweigert sich der Befragung. Salopp: mit euch rede ich nicht mehr. Eine Begründung erfolgt nicht. Darf man vermuten: Es hat also nichts mit den Ältesten zu tun. Es hat auch nicht mit Hesekiel zu tun. Der Grund der Verweigerung wird nicht genannt. Aber es ist eindeutig: Wenn Gott nicht mehr mit seinen Leuten spricht, sich von ihnen nicht mehr befragen lässt, dann bleiben sie ohne Orientierung. Dann sind sie ausgeliefert an das, was gerade geschieht.

Wir leben in einer Zeit, in der die Erwartung an Wegweisungen Gottes eher gering ist. Unsere Zeit setzt auf anderes – auf die Daten des DAX, auf die Prognosen der Meinungsforscher, auf den Geschäftszahlen-Index. Dass es lebenswichtig sein könnte für die Einzelnen, auch für das Ganze, erst recht für die Kirche, ob es ein aktuelles Wort Gottes gibt für den Weg, das scheint mir eher das Denken einiger Weniger, in den Augen der Modernen irgendwie Gestriger. Wir finden uns schon allein zurecht. 

4 Willst du sie richten, du Menschenkind? Willst du richten? Zeige ihnen die Gräueltaten ihrer Väter 5 und sprich zu ihnen:

             Vielleicht hat die Verweigerung Gottes auch damit zu tun: Er muss doch gar nichts sagen, weil alles längst offen zu Tage liegt – die Gräueltaten ihrer Väter sind ja nicht zu übersehen. Gott könnte das Richten doch getrost Hesekiel überlassen. Richten ist hier nicht der Urteilsspruch, sondern Richten ist hier einfach: Das Sündenregister verlesen. Hesekiel, das Menschenkind, wird zum Sprecher Gottes.

 So spricht Gott der HERR: Zu der Zeit, als ich Israel erwählte, erhob ich meine Hand zum Schwur für das Geschlecht des Hauses Jakob und gab mich ihnen zu erkennen in Ägyptenland. Ja, ich erhob meine Hand für sie und schwor: Ich bin der HERR, euer Gott. 6 Ich erhob zur selben Zeit meine Hand zum Schwur, dass ich sie führen würde aus Ägyptenland in ein Land, das ich für sie ausersehen hatte, das von Milch und Honig fließt, ein edles Land vor allen Ländern, 7 und sprach zu ihnen: Ein jeder werfe weg die Gräuelbilder vor seinen Augen, und macht euch nicht unrein mit den Götzen Ägyptens; denn ich bin der HERR, euer Gott.

             Weit in die Vergangenheit geht das Wort zurück. An den Anfang. In die Zeit, in der Gott sich über das Sklavenvolk Israel erbarmt hat. „Ich habe das Elend meines Volks in Ägypten gesehen, und ihr Geschrei über ihre Bedränger habe ich gehört; ich habe ihre Leiden erkannt. Und ich bin herniedergefahren, dass ich sie errette aus der Ägypter Hand. (2. Mose 3, 7- 8) Es ist die Zeit, in der Gott sich festgelegt hat: Ich bin der HERR, euer Gott.  Es fällt nicht gleich auf, aber diese „Bundesformel“, die hier als Schwur Gottes zitiert ist, ist nur halb – der komplette Wortlaut: „Ich will euer Gott sein, und ihr sollt mein Volk sein.“(3. Mose 26,12) Fehlt die zweite Hälfte, weil Israel drauf und dran ist, genau das zu verspielen, dass es das Volk Gottes sein darf?

Was sind diesem Gott gegenüber die Götter, an denen sich Israel zu verunreinigen droht? „Hesekiel prägt für die Fremdkultgötter ein Schimpfwort, das man heute mit „Scheißgötter“ übersetzen muss.“ (H.W.Wolff, Bibel AT, Stuttgart 1975, S. 19)     

 8 Sie aber waren mir ungehorsam und wollten mir nicht gehorchen, und keiner von ihnen warf die Gräuelbilder vor seinen Augen weg, und sie verließen die Götzen Ägyptens nicht. Da dachte ich, meinen Grimm über sie auszuschütten und meinen ganzen Zorn an ihnen auszulassen noch in Ägyptenland. 9 Aber ich unterließ es um meines Namens willen, damit er nicht entheiligt würde vor den Völkern, unter denen sie waren und vor deren Augen ich mich ihnen zu erkennen gegeben hatte, dass ich sie aus Ägyptenland führen wollte.

             Der gute Anfang ist von Anfang an verdorben. Im Gepäck der Israeliten sind Götzen und Gräuelbilder. Sie haben sich nie wirklich von den Fleischtöpfen Ägyptens gelöst, könnte man auch sagen, äußerlich nicht und vor allem innerlich nicht. Die vierhundert Jahre in der Fremde und im Einfluss fremder Gottheiten haben sich tief eingegraben.

Es gab nur einen Grund, weshalb der HERR nicht damals schon seinem Zorn freien Lauf gelassen hat. Er wollte seinen Namen nicht entheiligen. Anders formuliert: Er wollte sich nicht zum Gespött der Völker machen. Ganz ähnlich argumentiert Mose: „Mose wollte den HERRN, seinen Gott, besänftigen und sprach: Ach, HERR, warum will dein Zorn entbrennen über dein Volk, das du mit großer Kraft und starker Hand aus Ägyptenland geführt hast? Warum sollen die Ägypter sagen: Er hat sie zu ihrem Unglück herausgeführt, dass er sie umbrächte im Gebirge und vertilgte sie von dem Erdboden? Kehre dich ab von deinem glühenden Zorn und lass dich des Unheils gereuen, das du über dein Volk bringen willst.“ (2.Mose 32, 11 – 12) Das ist, nebenbei, ein deutlicher Hinweis darauf, dass Hesekiel eine Überlieferung der Fürbitte des Mose gekannt haben dürfte. Argumentiert doch Mose in dieser Fürbitte genau so, wie es hier als Worte aus dem Mund Gottes von Hesekiel weiter gegeben wird.

Worum es aber im Kern geht: die Verschonung Israels verdankt sich nicht dem Glauben Gottes, dass dieses Volk sich doch noch ändern oder gar bessern wird. Sie ist allein begründet in ihm selbst. Um seines Namens willen verzichtet er – so dass ein Beter irgendwann von ihm bekennen kann: „Er führt mich auf rechter Straße um seines Namens willen.“(Psalm 23, 3) Wie ein roter Faden zieht sich diese Begründung des Erbarmens, der Verschonung durch die Geschichte Israels.

 10 Und als ich sie aus Ägyptenland geführt und in die Wüste gebracht hatte, 11 gab ich ihnen meine Gebote und lehrte sie meine Gesetze, durch die der Mensch lebt, der sie hält. 12 Ich gab ihnen auch meine Sabbate zum Zeichen zwischen mir und ihnen, damit sie erkannten, dass ich der HERR bin, der sie heiligt. 13 Aber das Haus Israel war mir ungehorsam auch in der Wüste, und sie lebten nicht nach meinen Geboten und verachteten meine Gesetze, durch die der Mensch lebt, der sie hält, und sie entheiligten meine Sabbate sehr. Da gedachte ich, meinen Grimm über sie auszuschütten in der Wüste und sie ganz und gar umzubringen. 14 Aber ich unterließ es um meines Namens willen, damit er nicht entheiligt würde vor den Völkern, vor deren Augen ich sie herausgeführt hatte.

Gott gibt nicht auf. Er häuft in der Wüste Wohltat auf Wohltat auf Israel – die Gesetze, den Sabbat. Immer, damit sie ihn erkennen. Damit sie in ihm den erkennen, der sie stark macht, der ihr Leben trägt, der ihnen Ordnung gibt, durch die der Mensch lebt, der sie hält. So, dass er sie in Gemeinschaft mit sich leben lässt, macht er sie heilig. Heilig ist keine moralische Qualität. Es ist die Qualität der Gemeinschaft, in die Gott sein Volk setzt: sie sollen sein Volk sein und ihm entsprechen, seine Güte widerspiegeln.

Es wiederholt sich: auch dieser Versuch Gottes scheitert. Muss man sagen: Er ist von Anfang an zum Scheitern verurteilt? Es gibt theologische Denker, die so argumentieren. Ich mag mir das nicht zu eigen machen – hätte doch Gott sonst wider besseres Wissen all diese Versuche gestartet. Das nähme ihnen die Ernsthaftigkeit und würde auch die Enttäuschungen Gottes entwerten! Ich glaube: Gott macht keine Spielchen.

Wieder fällt sich Gott selbst in den Arm. Wieder lässt er seinen Grimm zwar innerlich auflodern, aber  er lässt ihn nicht tat-wirksam werden. Wieder nur aus dem einen Grund: um meines Namens willen. Gott will nicht blamiert dastehen als der, der sich in der Wahl seines Volkes verwählt hat. Es ist, wenn man so  will, die Ehre des Namens Gottes, die das Gericht verhindert. Damals und auch heute. Die Ehre dieses Namens: „Ich will vor deinem Angesicht all meine Güte vorübergehen lassen und will ausrufen den Namen des HERRN vor dir: Wem ich gnädig bin, dem bin ich gnädig, und wessen ich mich erbarme, dessen erbarme ich mich.“ (2. Mose 33, 19) Gott kann und will nicht vernichten, damit kein Schatten auf diesen Namen fällt.

 15 Doch ich erhob meine Hand in der Wüste und schwor ihnen, sie nicht in das Land zu bringen, das ich ihnen bestimmt hatte, das von Milch und Honig fließt, ein edles Land vor allen Ländern, 16 weil sie meine Gesetze verachtet und nicht nach meinen Geboten gelebt und meine Sabbate entheiligt hatten; denn ihr Herz folgte ihren Götzen nach. 17 Aber mein Auge blickte schonend auf sie, dass ich sie nicht vertilgte; ich habe mit ihnen nicht ein Ende gemacht in der Wüste.

Und doch: Ungeschoren kommen sie nicht davon. „Folgenlos bleibt das Verhalten des Volkes jedoch nicht: Jahwe nimmt seine Zusage zurück, diese Israelgeneration in das in Aussicht gestellte Land zu bringen.“ (K.F. Pohlmann, Der Prophet Hesekiel, Kap. 20 – 48 ATD 22,2, Göttingen 2001, S. 305) Aber selbst in diesem Strafen bleibt Gott sich treu. Er blickt schonend auf sie. Sie bleiben in der Wüste, aber sie bleiben bewahrt.

Man muss es wohl in der Zeit heutiger Debatten über die Relevanz der Hebräischen Bibel für die Christenheit ausdrücklich betonen: Text-Passagen wie diese hier sind ein Zeichen für die Einheit der beiden Testamente. Zeigen sie doch, dass Gott sich in seinem Erbarmen treu bleibt und dass er treu ist. Seine Gnade hält fest an denen, die längst Opfer ihrer Schuld werden müssten. Einmal mehr: Was Jesus lehrt und lebt, hat hier seinen Wurzelgrund. Im Erbarmen Gottes, das Israel gilt. Dieses Erbarmen ist sein Lebensgrund, sein Geschenk, das er allen zuwendet, die sich so beschenken lassen. Von daher: Es gibt kein Altes Testament, das durch Jesus außer Kraft gesetzt wäre. Es gibt nur die Öffnung des Bundes zu uns Heiden hin, die durch Jesus endgültig in Kraft gesetzt ist.

 

Manchmal beschleicht mich die Angst, dass Du, mein Gott, Dich uns verweigern könntest, dass Du es leid sein könntest, auf Dein Wort in der Vergangenheit reduziert zu werden, dass Du Dich weigern könntest, uns heute den Weg zu zeigen, heute zu uns zu reden.

Manchmal überfällt mich das Erschrecken. Was, wenn Du schweigst, uns auslieferst an unsere Gedanken, unsere Wege, uns auslieferst an die, die von sich sagen: Wir wissen, wo es lang geht.

Heiliger Gott, höre nicht auf, uns zu suchen. Höre nicht auf, mit uns zu reden. Höre nicht auf, uns durch Deinen Geist zu leiten. Und lass uns nicht aufhören, nach Dir zu rufen, auch wenn Du Dich im Schweigen verbirgst. Amen