Bündnistreue oder neue Partnerschaft?

Hesekiel    17, 1 – 24

1 Und des HERRN Wort geschah zu mir: 2 Du Menschenkind, lege dem Hause Israel ein Rätsel vor und ein Gleichnis 3 und sprich:

             Hesekiel muss reden, immer wieder. Weil Gott es ihm aufträgt. Neben die Zeichen, die er selbst durchlebt, tritt, was er zu sagen hat. Hier: ein Rätselwort, einen Gleichnisspruch. Hebräisch: maschal.Bei Hesekiel häufen sich solche Gleichnisse.“ (G. Maier,  Der Prophet Hesekiel, 1. Teil, Wuppertaler Studienbibel, Wuppertal 1998, S. 234) – so in 12,22; 16,44; 18,2; 21,5; 24,3. Das Gleichnis fordert heraus, weil es den Hörern das eigene Denken nicht abnimmt, sondern vielmehr von ihnen die Mühe des Verstehen Wollens einfordert. Es kommt dem nahe, dass Geschichten stärker wirken als abstrakte Definition, Bilder die Seele anders, tiefer berühren als Begriffe.

 So spricht Gott der HERR: Ein großer Adler mit großen Flügeln und langen Fittichen und vollen Schwingen, die bunt waren, kam auf den Libanon und nahm hinweg den Wipfel einer Zeder 4 und brach die Spitze ab und führte sie ins Land der Händler und setzte sie in die Stadt der Kaufleute. 5 Dann nahm er ein Gewächs des Landes und pflanzte es in gutes Land, wo viel Wasser war, und setzte es am Ufer ein. 6 Und es wuchs und wurde ein ausgebreiteter Weinstock mit niedrigem Stamm; denn seine Ranken bogen sich zu ihm und seine Wurzeln blieben unter ihm; und so wurde es ein Weinstock, der Schösslinge hervortrieb und Zweige.

             Es ist ein Bild, das die Realität sprengt: Adler kappen keine Zedernwipfel und pflanzen keine Bäume. Damit ist für die Hörer schon klar: Dieses Bild ist Symbolrede. Wovon ist die Rede? Die Hörer ahnen wohl: Im Bild des Adlers ist von Nebukadnezar die Rede. Und im Weinstock wie im Weinberg wird in den Schriften Israels oft Israel selbst bezeichnet. Die Führungsschicht Israels ist – so wissen wir – nach Babylon, ins Land der Händler und die Stadt der Kaufleute deportiert worden. Dort kommt es, durchaus überraschend, zu einer neuen Blüte, zu neuen Wachstum.  Im Wipfel, der eingepflanzt wird ist wohl von Zedekia die Rede. Zedekia ist ja nicht mitdeportiert worden. Er ist König von Nebukadnezars Gnaden, von ihm eingesetzt, eingepflanzt. Begrenzt durch die Macht des Babyloniers.  Abhängig. Deshalb nicht hoch hinaus: ein ausgebreiteter Weinstock mit niedrigem Stamm. Ein niedriges, erniedrigtes Königtum. Aber eben doch noch immer Königtum.

 7 Da kam ein anderer großer Adler mit großen Flügeln und starken Schwingen. Und siehe, der Weinstock bog seine Wurzeln zu diesem Adler hin und streckte seine Ranken ihm entgegen; der Adler sollte ihm mehr Wasser geben als das Beet, in das er gepflanzt war. 8 Und er war doch auf guten Boden an viel Wasser gepflanzt, sodass er wohl hätte Zweige bringen können, Früchte tragen und ein herrlicher Weinstock werden.

        Es kommt ein anderer Adler, der in Konkurrenz zu dem ersten tritt. Seine Anziehungskraft ist so groß, dass sich der Weinstock ihm zuneigt, von ihm Wachstum und Gedeihen erhofft. Mehr Wasser. Unüberhörbar schon hier die Kritik an diesem Verhalten. Es geht um Abfall, um Untreue, um den Versuch, unabhängig zu werden von dem ersten Adler. Offenkundig: diese beiden Adler stehen in Konkurrenz zueinander.

Vor allem jedoch: Der Weinstock setzt auf den anderen, den zweiten Adler. Die Initiative liegt ganz bei dem Weinstock. Es ist eine Initiative, in der Undankbarkeit sichtbar wird, hat doch der Weinstock alles, was er zum Gedeihen braucht, war er doch auf guten Boden an viel Wasser gepflanzt. Man kann auch so sagen: der Treuebruch, der Bundesbruch hat seinen tiefsten Grund in der Undankbarkeit.

9 So sage nun: So spricht Gott der HERR: Sollte der geraten? Wird man nicht seine Wurzeln ausreißen, dass seine Früchte verderben? Und er wird verdorren; alle Blätter, die ihm gewachsen sind, werden verwelken. Ohne große Kraft und ohne viel Volk wird man ihn mit seinen Wurzeln ausreißen. 10 Siehe, er ist zwar gepflanzt; aber sollte er geraten? Sobald der Ostwind ihn trifft, wird er verdorren auf dem Beet, auf dem er gewachsen ist.

 Sollte der geraten? Der – das ist der Plan des Abfalls. Der Versuch, sich zu lösen. Es ist ein häufiges Stilmittel in prophetischen Reden, dass vor der Lösung eine Frage die Zuhörer zum Nachdenken zu bringen sucht. So endet das Weinberglied des Jesaja in eine Frage: „Was sollte man noch mehr tun an meinem Weinberg, das ich nicht getan habe an ihm? Warum hat er denn schlechte Trauben gebracht, während ich darauf wartete, dass er gute brächte?“ (Jesaja 5,4) Hier bei Hesekiel geht es um „Undankbarkeit“, um ungenützte Lebenschancen. Wer kann ernsthaft erwarten, so fragt der Prophet in den Worten Gottes, dass man mit solchen Treubrüchen durchkommt?

 11 Und des HERRN Wort geschah zu mir: 12 Sprich doch zu dem Haus des Widerspruchs: Wisst ihr nicht, was damit gemeint ist? Und sprich: Siehe, es kam der König von Babel nach Jerusalem und nahm seinen König und seine Oberen und führte sie weg zu sich nach Babel. 13 Und er nahm einen vom königlichen Geschlecht und schloss einen Bund mit ihm und nahm einen Eid von ihm; aber die Gewaltigen im Lande führte er fort, 14 damit das Königtum niedrig bliebe und sich nicht erheben könnte, sondern sein Bund gehalten würde und bestünde. 15 Aber er fiel von ihm ab und sandte seine Boten nach Ägypten, dass man ihm Rosse und viel Kriegsvolk schicken sollte. Sollte es ihm gelingen? Sollte davonkommen, wer das tut? Sollte davonkommen, wer den Bund bricht?

             Für die Begriffsstutzigen, die aus dem Haus des Widerspruchs, folgt die Auslegung oder Erklärung dieses Rätselwortes. Sie müssen hören, was sie nicht hören wollen. Die harsche Kritik an den Bündnisversuchen des Zedekia. Zedekia hat doch seine Chance erhalten als Vasall des Nebukadnezar. Er ist verschont geblieben von der Deportation. Aber er vertut diese Chance durch seine Versuche, mit dem Pharao in Ägypten ein Bündnis gegen die Babylonier zu schließen. Sollte davonkommen, wer das tut? Das ist die Frage nach der politischen Tragfähigkeit.

 Sollte davonkommen, wer den Bund bricht? Auf den ersten Blick wirkt diese Frage wie eine Doppelung der ersten. Aber in Wahrheit kann noch mehr mitschwingen. Ist doch Zedekia nicht nur Nebukadnezar mit diesen Bündnisversuchen gegenüber treuebrüchig. Sondern hier mag mitschwingen: Dieses ganze Königtum hat den Bund mit Gott, dem HERRN gebrochen, mit Füßen getreten. Wie soll Israel, das Königshaus davon kommen, das sich seiner eigenen, allein tragfähigen Grundlage beraubt hat, indem es den Bund mit Gott wieder und wiedergebrochen hat? Zedekia ist der letzte aus dem Haus des Widerspruchs, in dieser Generationenfolge.  Er bricht den Bund mit dem Heiden so wie sie alle zuvor den  Bund mit Jahwe gebrochen haben.

Es ist eine Warnung und ein Weckruf an die Hörer! „Die Fragen am Schluss, in welche die Fabel ausläuft, drängen den Hörern die Einsicht auf, dass die Treulosigkeit Zedekias sich gegen diesen selber wenden wird.“ (W. Zimmerli, Ezechiel, BKAT XIII/1, Neukirchen 1969, S. 383) Hart, aber klar: Vertragsbruch, Bündnisbruch ist kein gangbarer Weg. Die Römer werden es später lehren: pacta sunt servanda. Verträge sind einzuhalten. Gültig bis heute.

16 So wahr ich lebe, spricht Gott der HERR: An dem Ort des Königs, der ihn als König eingesetzt hat, dessen Eid er verachtet und dessen Bund er gebrochen hat, da soll er sterben, mitten in Babel. 17 Auch wird ihm der Pharao nicht beistehen im Kriege mit einem großen Heer und viel Volk, wenn man zum Sturm den Wall aufwerfen und die Bollwerke bauen wird, sodass viele umkommen. 18 Denn weil er den Eid verachtet und den Bund gebrochen hat, weil er seine Hand darauf gegeben und doch dies alles getan hat, wird er nicht davonkommen.

         Es folgt die harte Ansage des Gerichtes. Es wird schiefgehen. Der Pharao wird Zedekia „hängen“ lassen, ihm nicht beistehen. Und dieser Versuch findet sein Ende in der Belagerung und Einnahme Jerusalems.

 19 Darum, so spricht Gott der HERR: So wahr ich lebe, will ich meinen Eid, den er verachtet hat, und meinen Bund, den er gebrochen hat, auf seinen Kopf kommen lassen. 20 Ich will mein Netz über ihn werfen, und er soll in meinem Garn gefangen werden, und ich will ihn nach Babel bringen und will dort mit ihm ins Gericht gehen, weil er mir die Treue gebrochen hat. 21 Und alle Auserlesenen von seiner ganzen Streitmacht sollen durchs Schwert fallen, und alle, die übrig geblieben sind, sollen in alle Winde zerstreut werden, und ihr sollt erfahren, dass ich, der HERR, es geredet habe.

         Noch einmal in großer Härte und Klarheit: Gott selbst stellt sich gegen den König. Gott selbst sorgt dafür, dass diese Pläne zunichte werden. Gott selbst ist die treibende Kraft hinter dem Untergang Jerusalems und dem Ende Zedekias. „Zedekias Vergehen ist ein Vergehen gegenüber Jahwe und damit ist zugleich die Katastrophe Zedekias als von Jahwe selbst herbei geführt verständlich.“ (K.F. Pohlmann, Der Prophet Hesekiel, Kap. 1 – 19, ATD 22,1, Göttingen 1996, S. 252) Daran vor allem liegt dem Propheten: Hinter den geschichtlichen Vorgängen steht Gott. Er hat die Regie nicht aus der Hand gegeben. Er ist nicht den stärkeren Göttern der Babylonier unterlegen. Er ist in dieser Katastrophe der Gerichtsherr Israels.

Diese harten Worte sind eine heftige Zumutung an alle, die sich daran gewöhnt haben; dass Gott gut ist, dass er fünfe gerade sein lässt, dass er nicht so streng ist mit den Ungebärdigkeiten und den Ungehorsamen, den Treulosen. Doch, muss Hesekiel sagen: Gott lässt nicht alles durchgehen. Das Unrecht, das wir tun, holt uns ein. Nicht immer und auch nicht immer gleich.  Gott eröffnet Räume zur Umkehr, auch einem Zedekia. Aber diese Umkehrräume und Umkehrzeiten können verspielt werden. Auch heute noch.

 22 So spricht Gott der HERR: Dann will ich selbst von dem Wipfel der Zeder die Spitze wegnehmen und ihr einen Platz geben; ich will oben von ihren Zweigen ein zartes Reis brechen und will’s auf einen hohen und erhabenen Berg pflanzen. 23 Auf den hohen Berg Israels will ich’s pflanzen, dass es Zweige gewinnt und Früchte bringt und ein herrlicher Zedernbaum wird, sodass Vögel aller Art in ihm wohnen und alles, was fliegt, im Schatten seiner Zweige bleiben kann. 24 Und alle Bäume auf dem Felde sollen erkennen, dass ich der HERR bin: Ich erniedrige den hohen Baum und erhöhe den niedrigen; ich lasse den grünen Baum verdorren und den dürren Baum lasse ich grünen. Ich, der HERR, rede es und tue es auch.

Es ist ein jäher, atemberaubender Wechsel. Das gleiche Bild vom Wipfel der Zeder, dem die Spitze Weggenommen wird. Aber diesmal nicht mehr als Gerichtsbild. Gott selbst will einen neuen Anfang setzen. Mit einem zarten Reis.  Es ist nicht ein neuer Adler, es ist Gott selbst, der zu einem neuen Pflanzen – wštlty – übergeht. Wer hört hier nicht irgendwie mit: „Und es wird ein Reis hervorgehen aus dem Stamm Isais und ein Zweig aus seiner Wurzel Frucht bringen.“ (Jesaja 11,1) Vielleicht hat ja der ältere Prophet dem hundert Jahre später wirkenden Propheten das Stichwort geliefert. Wie das Gericht Gottes Sache ist, so ist auch der Neuanfang ganz Gottes Sache. Er ist der Pflanzer.

Wieder: es geht um die Souveränität Gottes. Um das, wer der HERR ist und wie er ist. Unabhängig, frei in seinem Erhöhen und Erniedrigen. Es wirkt auf mich fast wie ein Nachtrag aus späterer Zeit: Ich erniedrige den hohen Baum und erhöhe den niedrigen; ich lasse den grünen Baum verdorren und den dürren Baum lasse ich grünen.

             Diese Worte haben im Neuen Testament ihr Echo gefunden. Im Mund der Maria. „Er stößt die Gewaltigen vom Thron und erhebt die Niedrigen.“ (Lukas 1, 52) Und es hat weiter sein Echo gefunden im Lied:

Es sind ja Gott sehr leichte Sachen                                                     und ist dem Höchsten alles gleich:
Den Reichen klein und arm zu machen,                                    den Armen aber groß und reich.
Gott ist der rechte Wundermann,                                                   der bald erhöhn, bald stürzen kann.                                                                        G.
Neumark 1641, EG 369

Aufgeschrieben in trostlosen, erschreckenden Zeiten. Ij einem Land, das in Trümmern liegt. Zum Trost für die Armen und zur Warnung für die Mächtigen. Also ganz in der Spur der Worte des Hesekiel.

Nicht nur dieser Wechsel wird aufgegriffen. Im Gleichnis Jesu wird auch das andere Bild weitergeführt:  „Das Himmelreich gleicht einem Senfkorn, das ein Mensch nahm und auf seinen Acker säte; das ist das kleinste unter allen Samenkörnern; wenn es aber gewachsen ist, so ist es größer als alle Kräuter und wird ein Baum, dass die Vögel unter dem Himmel kommen und wohnen in seinen Zweigen.“(Matthäus 13, 31-32) Bei Jesus keine Zeder sondern ein Senfkorn – aber das ist gleich: Was da wächst wird zum Wohnort der Vögel unter dem Himmel. so lesen wir hier einen frühen Hinweis auf das kommende Reich.

 

Heiliger Gott. Wir sind so verführbar. Wir laufen dem Glück hinterher. Wir lassen uns locken von Versprechungen. Wir träumen von Größe und grenzenloser Freiheit.

Wir tun uns schwer damit, an unserem Ort mit dem zu leben, was uns beschieden ist, im Frieden mit unseren Grenzen, mit den Speiräumen und Möglichkeiten, die Du uns eröffnest. Wir wollen mehr.

Lehre Du uns einverstanden zu werden mit dem Weg, den Du mit uns gehst. Amen