Geliebtes Findelkind

Hesekiel  16, 1 – 22

1 Und des HERRN Wort geschah zu mir: 2 Du Menschenkind, tu kund der Stadt Jerusalem ihre Gräuel 3 und sprich: So spricht Gott der HERR zu Jerusalem: Nach Herkunft und Geburt bist du aus dem Lande der Kanaaniter, dein Vater war ein Amoriter, deine Mutter eine Hetiterin.

             Irgendwann soll Hesekiel diese Worte sagen. Es ist nicht möglich, genauer zu datieren. Die Vermutung geht dahin, dass dieses Wort vor der großen Katastrophe des Jahres 587/586 ergeht. Jerusalem – eine Stadt mit einer verwickelten Herkunft. Aus dem Lande der Kanaaniter mit Eltern, die aus verschiedenen Völkern stammen. Amoriter und Hetiter. Die Aussage „entspricht den geschichtlichen Tatsachen. Sie charakterisiert die Ureinwohner Jerusalems als Nichtisraeliten amoritischen und hetitischen Ursprungs.“ (G. Maier,  Der Prophet Hesekiel, 1. Teil, Wuppertaler Studienbibel, Wuppertal 1998, S. 209) Wenn man so will: Mischlingsvolk.

Es sind harte Worte für Leute, die stolz auf ihre Herkunft sind. Die sich gerne auf die Väter berufen. Die sich sicher wähnten in der Stadt Gottes, die er doch zu seinem Wohnsitz erwählt hatte. Die die Geschichte als stolze Vergangenheit pflegen. Wie anders der Prophet: „Allem  eitlen Rühmen der eigenen Erwähltheit stellt der die harte Behauptung entgegen, dass bei nüchterner Betrachtung der irdischen Ursprünge Jerusalems nichts Rühmenswertes zu finden ist: Kanaan, Amoriter, Hetiter, das ist die menschliche Erbmasse. Und was die „Lebensfähigkeit“ angeht: In der Verlorenheit des ausgesetzten Findelkindes fing es an.“ (W. Zimmerli, Ezechiel, BKAT XIII/1, Neukirchen 1969, S. 364) 

 4 Bei deiner Geburt war es so: Als du geboren wurdest, hat man deine Nabelschnur nicht abgeschnitten; auch hat man dich nicht mit Wasser gebadet, damit du sauber würdest, dich nicht mit Salz abgerieben und nicht in Windeln gewickelt. 5 Denn niemand sah mitleidig auf dich und erbarmte sich, dass er etwas von all dem an dir getan hätte, sondern du wurdest aufs Feld geworfen. So verachtet war dein Leben, als du geboren wurdest.

Von Geburt an unrein, missachtet, unsauber. Von Geburt an mitleidlos und erbarmungslos ausgeliefert. „Hätte Gott nicht eingegriffen, dann wäre das soeben geborene Jerusalem im Nichts gelandet.“ (G. Maier,  aaO. S. 210) Jerusalem wird behandelt wie ein unerwünschtes Kind, ausgesetzt, preisgegeben. Es wird zum Findelkind.  

 6 Ich aber ging an dir vorüber und sah dich in deinem Blut strampeln und sprach zu dir, als du so in deinem Blut dalagst: Du sollst leben! Ja, zu dir sprach ich, als du so in deinem Blut dalagst: Du sollst leben 7 und heranwachsen; wie ein Gewächs auf dem Felde machte ich dich.

       Das ist die Geschichte einer Rettung. Das Kind, das dem Tod preisgegeben ist, wird gefunden. Der es findet sagt zu ihm: Du sollst leben. Mehr geht nicht. Gott ist ein Liebhaber des Lebens. Es ist eine Liebesgeschichte, die hier erzählt wird: der Retter des Findelkindes verguckt sich, verliebt sich, ist hingerissen von der Schönheit, die er da wachsen und aufblühen sieht.

 Und du wuchsest heran und wurdest groß und sehr schön. Deine Brüste wuchsen und du bekamst lange Haare; aber du warst noch nackt und bloß. 8 Und ich ging an dir vorüber und sah dich an, und siehe, es war die Zeit, um dich zu werben. Da breitete ich meinen Mantel über dich und bedeckte deine Blöße. Und ich schwor dir’s und schloss mit dir einen Bund, spricht Gott der HERR, und du wurdest mein. 9 Und ich badete dich mit Wasser und wusch dich rein von deinem Blut und salbte dich mit Öl 10 und kleidete dich mit bunten Kleidern und zog dir Schuhe von feinem Leder an. Ich gab dir einen Kopfbund aus kostbarem Leinen und hüllte dich in Seide. 11 Ich schmückte dich mit Kleinoden und legte Spangen an deine Arme und eine Kette um deinen Hals 12 und gab dir einen Ring an deine Nase und Ohrringe an deine Ohren und eine schöne Krone auf dein Haupt. 13 So warst du geschmückt mit Gold und Silber und gekleidet mit kostbarem Leinen, Seide und bunten Kleidern. Du aßest feinstes Mehl, Honig und Öl und wurdest überaus schön und kamst zu königlichen Ehren. 14 Und dein Ruhm erscholl unter den Völkern deiner Schönheit wegen, die vollkommen war durch den Schmuck, den ich dir angelegt hatte, spricht Gott der HERR.

So geht es Gott mit Israel. So geht es Gott mit Jerusalem. Er hat sich verliebt in das Land und in die Stadt. Rettungslos verliebt. Nichts ist ihm zu teuer für diese geliebte Stadt. Nichts ist ihm genug – er fährt alles auf an Köstlichkeiten und Schmuck. Wenn sie nur zufrieden ist. Gott ist wie ein besinnungslos verliebter junger Mann! Der dubiose Stammbaum der Stadt kann ihn nicht stören. So weit geht diese Liebe, dass die Stadt als „schließlich erwachsenes Mädchen auch von ihm zur Ehefrau erwählt und aufs feinste ausgestattet und so versorgt wird, dass es sich zu einer wunderschönen Frau entwickelt.“ (K.F. Pohlmann, Der Prophet Hesekiel, Kap. 1 – 19, ATD 22,1, Göttingen 1996, S. 221)

Was für ein Bild von Gott. Gott ist verliebt und in seiner Liebe verschwenderisch. Bis zum Äußersten. Und ich schwor dir’s und schloss mit dir einen Bund, spricht Gott der HERR, und du wurdest mein. Es ist ein Bild, das die Propheten normalerweise meiden. Rundum wimmelt es von Götterhochzeiten – Israel erzählt davon nichts. Hier aber wird das Bild eines verliebten Bräutigams gemalt, der seine Braut mit Wohltaten nur so überschüttet. Stationen dieser Wohltaten: die Erwählung zur Hauptstadt, zum Königssitz, der Tempel als Wohnort Gottes.

 15 Aber du verließest dich auf deine Schönheit.

            Es kommt ein großes Aber. Alle diese Wohltaten, alle diese Geschenke sind irgendwann irgendwie selbstverständlich geworden. So als würde die Braut sagen: das steht mir ja zu. Schließlich bin ich seine Frau – und was ist er schon ohne mich, ohne meine Schönheit. „Der Weg ins Elend beginnt mit der inneren Emanzipation von Gott.“ (G. Maier,  Der Prophet Hesekiel, 1. Teil, Wuppertaler Studienbibel, Wuppertal 1998, S. 217) Mit dem Ruhm, der sich ausbreitet und wie ein Eigenbesitz wird.     

             Es ist nicht mehr die Schönheit des Bräutigams, nicht mehr die Güte des Bräutigams, nicht mehr die Liebe des Bräutigams. Die Stadt ist sich selbst genug. Sie ist wie eine Kirche ohne Gott. die sich in ihren Riten und Gottesdiensten nur noch selbst feiert. Die nicht mehr weiß, dass sie nur schön ist, weil sie von Gott geliebt ist.

 Und weil du so gerühmt wurdest, triebst du Hurerei und botest dich jedem an, der vorüberging, und warst ihm zu Willen. 16 Du nahmst von deinen Kleidern und machtest dir bunte Opferhöhen und triebst auf ihnen deine Hurerei, wie es nie geschehen ist noch geschehen wird. 17 Du nahmst auch dein schönes Geschmeide, das ich dir von meinem Gold und Silber gegeben hatte, und machtest dir Bilder von Männern daraus und triebst deine Hurerei mit ihnen. 18 Und du nahmst deine bunten Kleider und bedecktest sie damit, und mein Öl und Räucherwerk legtest du ihnen vor. 19 Meine Speise, die ich dir zu essen gab, feinstes Mehl, Öl und Honig, legtest du ihnen vor zum lieblichen Geruch.

            Es ist fatal: auch wer nur sich selbst gehört, bleibt unterwegs, auf der Suche nach Anerkennung. So auch die Stadt: weil sie ihren Bräutigam gewöhnt ist, er ihr irgendwie gewöhnlich geworden ist, ist sie auf der Suche nach Anerkennung. Es ist ein hartes Bild: Jerusalem wird zur Hure. Zu einer, die hinter jedem Mann her läuft, die sich anbietet und anbiedert. Die die Geschenke ihres Ehemannes verschleudert. „Die Selbsteinschätzung über nun gleichsam zum „Eigenkapital“ erklärten Gaben führt zwangsläufig dazu, den eigenen Rang nun überall über den Marktwert zu suchen, also konsequent, bindungs- und hemmungslos die Selbstvermarktung zu organisieren.“(K.F. Pohlmann, aaO. S. 228)

Im Bild von der Hurerei wird der fremde Gottesdienst gegeißelt. Es gibt Kulthöhen – bamōt. Opferstätten für alle möglichen Kulte. Es gibt Götzenbilder, Bilder von Männern, die reich geschmückt, eingekleidet werden. Bis heute finden sich auf israelischem Gebiet bei Ausgrabungen jede Menge Kultfiguren. In einem Gebiet, in dem doch das Bilderverbot beachtet werden sollte. Israel war weder in seinen Anfängen noch in der Zeit bis zum Untergang der Hort eines reinen Monotheismus.  Die Anklagen der Propheten, auch eines Hesekiel sprechen da eine andere Sprache.

 Ja, es kam dahin, spricht Gott der HERR, 20 dass du deine Söhne und Töchter nahmst, die du mir geboren hattest, und opfertest sie ihnen zum Fraß. War es denn noch nicht genug mit deiner Hurerei, 21 dass du meine Kinder schlachtetest und ließest sie für die Götzen verbrennen? 22 Und bei all deinen Gräueln und deiner Hurerei hast du nie gedacht an die Zeit deiner Jugend, wie du bloß und nackt warst und strampelnd in deinem Blute lagst.

       Der schreckliche Höhepunkt aller Gräuel: es kommt zu Menschenopfern, genauer: zu Kinderopfern. Söhne und Töchter werden hingeschlachtet. Als wäre nie die Geschichte von der Opferung Isaaks erzählt worden, in der Gott einschreitet und das Opfer selbst unterbindet, deutliches Zeichen dafür, dass in Israel für solche Praktiken kein Raum sein soll.

Wir tun gut daran, in unserer Gesellschaft nicht allzu rasch und hochmütig auf diese mörderische Praxis herab zu schauen. Es sind bei uns nicht nur primitive  Asoziale, die sich an Kindern vergreifen. Das gibt es auch in der guten Gesellschaft, bis in den Klerus, den Bundestag, die Hochfinanz und Kulturszene hinein. Der Preis mag hoch sein – aber die Nachfrage findet statt. Es gibt die anderen Kinderopfer – wo das berufliche Fortkommen teuer bezahlt wird in fehlender Zuwendung, mit von Geschenken überfüllten Kinderzimmern, mit Aktion und Events. Nur die Liebe, zeitlos, zweckfrei und stetig geschenkt, fehlt. Es gibt die Kinderopfer, wo ein Kind nur einem Zweck dient: das eigene Leben abzurunden. Wir haben alles – jetzt leisten wir uns auch noch ein Wunschkind. Und wehe, das Wunschkind genügt den Wünschen der Eltern nicht. Es gibt Scheidungsopfer en gros. Aber davon reden wir nicht gern. Kinder sind in unserem reichen Land viel zu oft Opfer. Gott sagt: das ist der Gipfelpunkt der Hurerei.   

Eine Frage, früher von mir nie gestellt, drängt sich auf: Wie haben die ersten Hörer und Leser dieser Worte wohl auf sie reagiert? Bußbereit? Bestürzt? Wütend? Oder empört: So darf man doch von der Heiligen Stadt Jerusalem nicht reden. Jerusalem eine Findelkind, eine Braut – das mag ja noch angehen. Aber eine Hure? Das ist eine unverzeihliche Maßlosigkeit. Woher kommt diese Maßlosigkeit, die bis in die Sprache hinein zutiefst befremdet und auch erschreckend ist?

Hinter diesen Worten steht ein unendlicher Schmerz. Der Schmerz Gottes über die ihm gebrochene Treue. der Schmerz Gottes über die gefallene Stadt. es ist doch seine Liebe, die Jerusalem so schön hat werden lassen. So wie es später der Satz in einer Theologischen Disputation  so präzise reflektiert: „Die Liebe Gottes findet ihren Gegenstand nicht vor, sondern schafft ihn sich erst. … Die Sünder sind deshalb schön, weil sie geliebt werden, sie werden nicht deshalb geliebt, weil sie schön sind.“ (M. Luther, 1518 in der Heidelberger Disputation – 28. These in: Luther Deutsch, Göttingen 1983, S. 393) Vor den Trümmern dieser Liebe steht der Prophet, steht Gott selbst. Weil Jerusalem vergessen hat: Ich bin, was ich bin, nicht aus mir selbst. Ich bin es, weil ich geliebt in. Alle meine Schönheit liegt in dieser geschenkten Liebe.

Wo das vergessen wird, da droht der Irrweg. Da wird über den großartigen Gaben der Geber vergessen – und die Gaben werden unter der Hand zu Götzen.

 

Heiliger Gott, von zweifelhafter Herkunft, ausgesetzt, abgelehnt, irgendwie überflüssig – wie viele erleben das als ihre Lebens-Situation. Wie viele erfahren Missachtung und Zurückweisung.

Du aber erwählst das Niedrige, die Armen und Kleinen, die Unbegabten, die nichts vorzuweisen haben. Es ist Deine Liebe, die schön macht, aufblühen lässt, Hoffnung stärkt und Zukunft eröffnet.

Gib doch, dass wir uns Deine Liebe gefallen lassen, sie nie für selbstverständlich halten. Hilf Du, dass wir aus Deiner Liebe leben, selbst liebevoll werden auch da, wo wir nicht gleich Liebenswertes sehen. Amen