Öffentliche Zeichen

Hesekiel 12, 1 – 16

 1 Und des HERRN Wort geschah zu mir: 2 Du Menschenkind, du wohnst in einem Haus des Widerspruchs; sie haben Augen zu sehen und sehen nicht, und Ohren zu hören und hören nicht; denn sie sind ein Haus des Widerspruchs.

             Wieder spricht Gott zu Hesekiel. Aber dass es besonders erwähnt wird, zeigt auch: Des HERRN Wort ist kein Dauerbesitz des Propheten. Er ist immer neu auf Empfangen angewiesen. Auf Hören. Zum wiederholten Mal: Menschenkind. bn ’dm. Es wird gut sein, die Wendung nicht zu überfrachten: „Diese Bezeichnung macht auch die Isolierung deutlich, in der er sich befindet. Denn er lebt unter Menschen, die nicht mehr Kinder Gottes sein wollen.“ (G. Maier,  Der Prophet Hesekiel, 1. Teil, Wuppertaler Studienbibel, Wuppertal 1998, S. 170) Dieses Gegenüber Menschenkind – Gotteskind ist eher frommer Theologie als dem biblischen Wort geschuldet. Es ist vielmehr so, dass Hesekiel eben mitten unter solchen Menschenkindern lebt und in ihrer Mitte gerufen wird, auch er einer aus dem Haus des Widerspruchs.

Das also bleibt: Hesekiel lebt nicht in der besten aller Gesellschaften, nicht in der vollkommenen Verwirklichung des Gottesvolkes. Er lebt in einem Haus des Widerspruchs. Das wirft Fragen auf: Ist das nur eine Bezeichnung für seine Zugehörigkeit zu Israel, dessen ganzer Weg durch die Geschichte von Widerspruch und Ungehorsam geprägt ist? Oder ist das doch auf die konkrete Gruppe bezogen, in der Hesekiel jetzt zuhause ist, in der Gola? Ausschließen möchte ich, dass es sich auf die in Jerusalem Zurückgebliebenen bezieht. Denn da ist Hesekiel ja nicht.

Wenn aber die Gola-Gruppe gemeint ist, dann heißt das doch: Dort, wo die Herrlichkeit Gottes sich hat sehen lassen, dort, wo die Gegenwart Gottes aufgeleuchtet hat, dort ist es nicht wie von selbst vorbei mit dem Widerspruch, mit der Blindheit und der Taubheit. Es sind nicht die Guten, die Frommen, die Heiligen, die Gehorsamen, die in der Gola sind, sondern die ganz normalen. Es sind genau die, mit den Gott es schon immer zu tun hat. Sie haben Augen zu sehen und sehen nicht, und Ohren zu hören und hören nicht.

Unwillkürlich hört man die Worte mit, die lange vor Hesekiel Jesaja aufgetragen werden: „Geh hin und sprich zu diesem Volk: Höret und verstehet’s nicht; sehet und merket’s nicht! Verfette das Herz dieses Volks und ihre Ohren verschließe und ihre Augen verklebe, dass sie nicht sehen mit ihren Augen noch hören mit ihren Ohren noch verstehen mit ihrem Herzen und sich nicht bekehren und genesen.“( Jesaja 6. 9 – 10) Was  bei dem Propheten Jesaja noch wie ein ziemlich absurder Gerichtsauftrag klingt, das ist hier die Analyse Gottes.

Und doch ist Gott mit diesem Volk noch nicht fertig. Es ist die Art Gottes, an den Juden und Christen in gleicher Weise glauben,  dass er völlig illusionslos sieht, mit wem er es zu tun hat und sich doch nicht abbringen lässt von dem Versuch, genau diese Rebellen, dieses Haus des Widerspruchs zu warnen und auf einen neuen Weg zu führen.  Schon ganz am Anfang hat Gott sich auf diese Linie seines Handelns festgelegt:  „Ich will hinfort nicht mehr die Erde verfluchen um der Menschen willen; denn das Dichten und Trachten des menschlichen Herzens ist böse von Jugend auf.“ (1. Mose 8, 21) Darum seine Worte an den Propheten, mitten unter diesen Blinden, Schwerhörigen, Hartherzigen, Ungehorsamen. Kurz unter denen, die sind wie „man“ ist.

3 Du aber, Menschenkind, pack dir Sachen wie für die Verbannung und zieh am hellen Tage fort vor ihren Augen. Von deinem Ort sollst du ziehen an einen andern Ort vor ihren Augen; vielleicht sehen sie es. Denn sie sind ein Haus des Widerspruchs. 4 Du sollst deine Sachen am hellen Tage vor ihren Augen herausschaffen wie Gepäck für die Verbannung und am Abend hinausziehen vor ihren Augen, wie man zur Verbannung auszieht; 5 und du sollst dir vor ihren Augen ein Loch durch die Wand brechen und da hinausziehen, 6 und du sollst deine Schulter vor ihren Augen beladen und hinausziehen, wenn es dunkel wird! Dein Angesicht sollst du verhüllen, damit du das Land nicht siehst. Denn ich habe dich für das Haus Israel zum Wahrzeichen gesetzt.

Kein Theater-Stück. Wohl aber eine Vorführung vor aller Augen, eine Demonstration. So eindrücklich besteht Gott auf Öffentlichkeit: sechsmal vor ihren Augen. Der Prophet soll sein Bündel packen, seine Siebensachen zusammensuchen. Das Lebens-Notwendige, was man mitnimmt, wenn es in die Verbannung geht. Alle sollen es sehen können, darum ist das, was Hesekiel tun soll, auch nichts für die Nacht. Keine heimlich vorbereitete Flucht. Am hellen Tag vor aller Augen. 

Diese Aktion ist ein Stück öffentliche Theologie. Gott besteht auf der Öffentlichkeit seines Propheten. Er erlaubt keinen Rückzug ins Halbdunkel, auch keine innere Emigration. Er erlaubt nicht die Flucht in die Unsichtbarkeit oder ins Schweigen. Gott besteht auf der Sichtbarkeit des Glaubens.

Mir fallen Bilder der Flucht ein, nach dem 2. Weltkrieg. Bilder von den großen Flüchtlingsströmen. Da gab es kein Verbergen. Mir stehen die Bilder unserer Zeit vor Augen. Vor der Öffentlichkeit der Welt sind sie sichtbar, die Habenichtse auf den Schlauchbooten, die, wenn es gut geht, wenigsten das eigene nackte Leben retten können. Da ist nichts mehr heimlich, sondern alles sichtbar, vor aller Augen. „Religiöse, aus aller Welt, nehmt euch zurück.“(Chr. Nürnberger in: Kreisanzeiger vom 1.7. 17, S. 2) ist keine Parole, die Gott – der „biblische“ Gott, der Vater Jesu Christi – für seine Leute ausgibt. Er will sie vorne, sichtbar für alle in dem, was sie leben, hörbar in dem, was sie sagen und glauben.

In diesem Packen und Aufbrechen Wird Hesekiel für Israel zum Wahrzeichen, das Gott setzt. Zur Ankündigung des kommenden Geschehens. Er „bildet auf diese Weise die künftigen Entwicklungen vorab.“(K.F. Pohlmann, Der Prophet Hesekiel, Kap. 1 – 19, ATD 22,1, Göttingen 1996, S. 172) Es ist ein Zeichen, in dem der Schmerz wohnt.  “Im Propheten selber steht dem Gottesvolk in der Fremde unversehens als neuer, dringlicher Anruf Gottes das Bild der Heimatvertriebenen vor Augen.“ (W. Zimmerli, Ezechiel, BKAT XIII/1, Neukirchen 1969, S.268) Es ist nicht mehr zum Hinsehen mit dem Land. Das immerhin darf Hesekiel: sich vor diesem Schmerz verschließen. Dein Angesicht sollst du verhüllen.

7 Und ich tat, wie mir befohlen war, und trug mein Gepäck hinaus wie Gepäck für die Verbannung am hellen Tage, und am Abend brach ich mit der Hand ein Loch durch die Wand. Und als es dunkel wurde, belud ich meine Schulter und zog hinaus vor ihren Augen.

Hesekiel gehorcht. Er packt sein Deportationsbündel. Er bricht auf. Muss man vielleicht sogar sagen: indem er so zum Wahrzeichen wird, setzt er dieses Geschehen in Gang? Es ist vom dem Denken Israels über prophetische Zeichenhandlungen her nicht ganz unmöglich, auf diese Idee zu kommen. Diese Möglichkeit aber macht das Zeichen noch einmal unvergleichlich ernster – eben nicht nur ein „Theater“, sondern der Anfang, der Auslöser des nachfolgenden Geschehens. So viel aber ist auf alle Fälle unstreitig, „dass sich der Vorgang der Weissagung nicht auf die Mitteilung des Mundes beschränkt, sondern dass Jahwe den Propheten mit seinem Leib und Leben zeichenhaft in das Unheil hineinzieht und ihn in den Tagen der Bedrängnis als ersten das Kommende erleiden lässt.“ (G. von Rad, Theologie des Alten Testaments, Bd. II, München 1965, S. 243) Wenn es richtig ist, dass Hesekiel hier den Untergang Jerusalems im Jahr 587 und die Deportation in diesem Jahr andeutet, dann ist er in seiner Prophetie wirklich schon der erste dieser Deportierten.

 8 Und frühmorgens geschah des HERRN Wort zu mir: 9 Du Menschenkind, hat das Haus Israel, das Haus des Widerspruchs, nicht zu dir gesagt: Was machst du da? 10 Sage zu ihnen: So spricht Gott der HERR: Diese Last trifft den Fürsten zu Jerusalem und das ganze Haus Israel, das dort wohnt. 11 Sprich: Ich bin euer Wahrzeichen. Wie ich getan habe, so wird ihnen geschehen: In die Verbannung müssen sie und gefangen weggeführt werden. 12 Ihr Fürst wird seine Habe auf die Schulter laden, wenn es dunkel wird, und ein Loch durch die Wand brechen und da hinausziehen; sein Angesicht wird er verhüllen, dass er nicht mit seinen Augen das Land sehe. 13 Ich aber will mein Netz über ihn werfen, dass er in meinem Garn gefangen werde, und will ihn nach Babel bringen in der Chaldäer Land, das er jedoch nicht sehen wird, und dort soll er sterben. 14 Und alle, die um ihn her sind, seine Helfer und seinen ganzen Anhang, will ich in alle Winde zerstreuen und das Schwert ziehen hinter ihnen her.

             Hesekiel hat das Zeichen gesetzt. Jetzt folgt die Deutung. Es geht um Jerusalem, es geht um den König, der dort ist, um Zedekia und um seine Leute. Es ist das harte Urteil über alle Pläne und Planungen, die dort in Jerusalem geschmiedet worden sind. Es gibt kein Ausweichen. Die Versuche, sich den Babyloniern zu entziehen sind alle zum Scheitern verurteilt:  In die Verbannung müssen sie und gefangen weggeführt werden.

             Man kann nachdenklich darüber werden, wie nahe an den tatsächlichen Abläufen die Worte des Hesekiel sind. Im Buch der Könige wird das alles erzählt – 2. Könige 25: Zedekia flüchtet im Dunkel der Nacht. Er wird eingefangen wie mit einen Netz und wird nach Babel gebracht und dort geblendet, nachdem er die Hinrichtung seiner Söhne mit ansehen musste. Das gängige Erklärungsmuster für diese genaue Prognose ist: nachträglich geformt Prophetie, vom Ausgang her, ex eventu. Unter der Überschrift: hinterher haben es alle gewusst. Was aber, wenn Hesekiel tatsächlich ansagt, was erst werden wird?

Ist das weniger Prophetie, wenn Hesekiel wirklich erst nach dem Geschehen nun das Geschehen geistlich deutet, den Blick weglenkt von dem Entsetzen über die Katastrophe hin auf ihn, den HERRN, der das alles in seinen Händen hat. Wir haben eine verengte Vorstellung von Prophetie, wenn wir sie auf Zukunftsansage reduzieren. Sie ist genauso Deutung der Gegenwart, auch Deutung vergangenen Geschehens, wenn und weil sie wagt, durch den Vordergrund hindurch auf den Gott im Hintergrund zu schauen, auf den Akteur, der die Geschichte lenkt. Wir heute haben es schwer, hinter den Geschehen der Zeit die Hand Gottes zu glauben, geschweige denn sie wahr zu nehmen. Um das zu können, müsste uns der Geist die Augen öffnen, müsste geschehen, was Hesekiel am Anfang dieser Passage sagt: des HERRN Wort geschah zu mir

Am Ende steht die Zerstreuung in alle Welt. Unter alle Völker. Wirklichkeit für einen Großteil des Volkes Israel, der Juden, bis auf den Tag heute.

 15 Dann sollen sie erfahren, dass ich der HERR bin, wenn ich sie unter die Völker verstoße und in die Länder zerstreue. 16 Aber ich will von ihnen einige wenige übrig lassen vor dem Schwert, dem Hunger und der Pest. Die sollen von all ihren Gräueltaten erzählen unter den Heiden, zu denen sie kommen werden; und sie sollen erfahren, dass ich der HERR bin.

Aber ein Wirklichkeit, die es in sich hat. Auch heilsam in sich hat. Denn auch unter den Völkern ist es nicht vorbei mit der Schlüsselerfahrung Israels.  Es ist nicht vorbei mit den Erfahrungen von Rettung und Schutz.  Es ist nicht vorbei mit der Zuwendung Gottes, auch da nicht, wo sie wie Wassertropfen ins weite Meer verstreut sind, unterzugehen drohen im Völkermeer.

Es bleiben immer welche übrig – so wie Noah, so wie Lot, so wie Josua und Kaleb, so wie die Nachfahren der Wüstengeneration. Sie haben zu erzählen – von Schuld und Sünde, von Bewahrung und Rettung. „Das Erzählen ist Zeugendienst. Gottes Gerichte sind ein Beweis seiner Existenz. Sie müssen ihre Sünde bezeugen, die sie mit ihren Gräueltaten begangen haben, aber auch die schrecklichen Konsequenzen, die ihre Sünde ausgelöst hat. Und sie müssen die Gnade Gottes bezeugen, die sie am Leben ließ.“ (G. Maier,  aaO. S. 176) Darf man das also sagen: sie werden in die Völkerwelt verstreut, damit sie Zeugen sind?

Vielleicht sogar gilt es, noch ein Schritt weiter zu gehen: Gottes Gerichte sind Zeichen seiner Treue. Wir haben ein wenig die Neigung, Gotteserfahrungen nur in dem Guten zu suchen, im Geglückten, in den Bewahrungen. Wir erhoffen und erbitten von ihm Fügungen zum Guten, Bewahrung vor dem Argen. Wir beten sonntags: Und führe uns nicht in Versuchung. Wir beten so zu Recht. Hier aber wird unheil und Unglück, Untergang angesagt, verbunden mit dem Satz: sie sollen erfahren, dass ich der HERR bin. Das ist mehr als: Es gibt Gott.   Das ist die Ansage: Ich stehe hinter allem Geschehen, das euch trifft, freut und belastet und ich halten an euch fest auch in den Gerichten. Anders gesagt: Ihr seid mir nicht gleichgültig, ihr seid mir meinen Zorn wert. Und darum und darin auch meine Liebe und mein Erbarmen.

Ich jedenfalls lese das ganze Alte Testament und eben auch den Propheten Hesekiel so: als Zeugnis von der Verbohrtheit von Menschen, von der Blindheit für eigene Schuld und gleichzeitig als Zeugnis von der unfassbaren Geduld und Gnade Gottes, der nicht aufhört, festzuhalten an diesem Haus des Widerspruchs  und an uns, die wir auch so widersprüchlich sind in unserem Leben und Glauben.

 

Gib Du uns den Mut, mein Gott, unseren Glauben so zu leben, dass andere es sehen können, dass andere darin ein Zeugnis wahrnehmen können für Dich, für Deine Liebe, für Deine Treue.

Wehre Du allem verzagten Rückzug in Kirchenmauern, in kleine Kreise, in ein verzagtes Schweigen, das sich beugt vor dem Urteil der Welt.

Gib Du, dass wir uns zäh festmachen in Deiner Verheißung, dass wir die Hoffnung bewahren und bewähren, dass Du uns durch Deine Gerichte hindurch bewahrst in der Gnade, die keinen verloren gibt. Amen