Du – in unserem Schmerz

Hesekiel 10, 1 – 22

 1 Und ich sah, und siehe, an der Himmelsfeste über dem Haupt der Cherubim glänzte es wie ein Saphir, und über ihnen war etwas zu sehen wie ein Thron. 2 Und er sprach zu dem Mann in dem leinenen Gewand: Geh hinein zwischen das Räderwerk unter dem Cherub und fülle deine Hände mit glühenden Kohlen, die zwischen den Cherubim sind, und streue sie über die Stadt. Und er ging hinein vor meinen Augen.

             Der Blick des Propheten wird nach oben gezogen – hoch zur Himmelfeste. Aber, so lese ich: Hesekiel ist immer noch im Tempel. Er hat die Cherubim vor Augen, die dort als Wächter des Allerheiligsten stehen, daneben auch so etwas wie einen Thron. Nur: Gott selbst sieht er nicht.

Was er sieht ist der Mann in dem leinenen Gewand. Der Mann, ein Engel, Schreiber-Engel, von dem schon zuvor das Gesicht zu zeugen wusste. Aber es war einer unter ihnen, der hatte ein leinenes Gewand an und ein Schreibzeug an seiner Seite.“(9,2) Dieser Schreiber-Engel ist mitten im Chaos ein Rettungsbote. Im Auftrag Gottes: „Geh durch die Stadt Jerusalem und zeichne mit einem Zeichen an der Stirn die Leute, die da seufzen und jammern über alle Gräuel, die darin geschehen.“(9,4) Wenn dieser Mann glühende Kohle über die Stadt streuen soll, dann ist das womöglich nicht Gerichtssignal, sondern eher ein Reinigungsversuch – ähnlich wie er Jesaja widerfährt: „Da flog einer der Serafim zu mir und hatte eine glühende Kohle in der Hand, die er mit der Zange vom Altar nahm, und rührte meinen Mund an und sprach: Siehe, hiermit sind deine Lippen berührt, dass deine Schuld von dir genommen werde und deine Sünde gesühnt sei.“(Jesaja 6, 6-7) Daher vermag ich nicht dem exegetischen Urteil zu folgen: „Das Streuen über die Stadt ist also ein Gerichtsakt: Jerusalem wird dem Gericht gewidmet.“(G. Maier, Der Prophet Hesekiel, 1. Teil, Wuppertaler Studienbibel, Wuppertal 1998, S. 150) Mir scheint vielmehr, hier ist noch einmal ein letztes Zögern vor dem Gericht zu sehen.

             Dieser Engel-Mann – tritt zwischen das Räderwerk – heißt doch: hinein in die Herrlichkeit Gottes.

3 Die Cherubim aber standen zur Rechten am Hause des Herrn, als der Mann hineinging, und die Wolke erfüllte den inneren Vorhof. 4 Und die Herrlichkeit des HERRN erhob sich von dem Cherub zur Schwelle des Hauses, und das Haus wurde erfüllt mit der Wolke und der Vorhof mit dem Glanz der Herrlichkeit des HERRN. 5 Und man hörte die Flügel der Cherubim rauschen bis in den äußeren Vorhof wie die Stimme des allmächtigen Gottes, wenn er redet.

             Es ist der gleiche Tempel, von dem zuvor so viel Missbrauch berichtet worden ist, der dennoch von der Gegenwart Gottes – der Wolke – erfüllt wird. Es wirkt wie eine Anhäufung immer gleicher Ansagen: die Herrlichkeit des HERRN, die Wolke, der Glanz der Herrlichkeit des HERRN. Diese Häufung von Wendungen  ist ein Signal für das Überwältigende dieser Visionserfahrung.

Diese Vision ist nicht stumm, still, geräuschlos. So wie man sich insgesamt Visionen und Beauftragungen nicht allzusehr als lautlos und sanft vorstellen sollte. „Das Erlebnis des Wortempfangs hat wohl gelegentlich einen hohen Grad an Heftigkeit erreicht; wie könnte sonst Hesekiel das Rauschen der Flügel der Cherube, das weithin zu hören war, vergleichen mit dem Hall der Stimme Jahwes, „wenn er redet?“ (G. von Rad, Theologie des Alten Testaments, Bd. II, München 1965, S. 76) Was Hesekiel hört im Rauschen der Flügel ist die Stimme des El schaddai. Bis heute wissen wir nicht zu entschlüsseln, was damit gemeint ist, wo diese Gottesbezeichnung ihren Ursprung hat. Sie ist darin die stimmige Bezeichnung des Gottes, der sich allem Begreifen entzieht.   

 6 Und als er dem Mann in dem leinenen Gewand geboten hatte: »Nimm von dem Feuer zwischen dem Räderwerk zwischen den Cherubim«, ging dieser hinein und trat neben das Rad. 7 Und der Cherub streckte seine Hand aus der Mitte der Cherubim hin zum Feuer, das zwischen den Cherubim war, nahm davon und gab es dem Mann in dem leinenen Gewand in die Hände; der empfing es und ging hinaus. 8 Und es erschien an den Cherubim etwas wie eines Menschen Hand unter ihren Flügeln.

      Der Mann im Leinengewand führt die Anweisungen aus. Er tritt in das Räderwerk der Cherubim und empfängt das Feuer. Er nimmt es sich nicht selbst – er empfängt. Kann darin mitschwingen: Es gibt im Glauben nie ein Sich-selbst-nehmen, sondern immer nur Empfangen. Es braucht immer die leeren Hände, die von Gott gefüllt werden. Wer sich selbst die Hände füllt, kann nicht mehr empfangen. Der Mann trägt das empfangene Feuer hinaus. Alles geschieht planmäßig, würdevoll. Ohne Hast.

 9 Und ich sah, und siehe, vier Räder standen bei den Cherubim, bei jedem Cherub ein Rad, und die Räder sahen aus wie ein Türkis, 10 und alle vier sahen eins wie das andere aus; es war, als wäre ein Rad im andern. 11 Wenn sie gehen sollten, so konnten sie nach allen ihren vier Seiten gehen; sie brauchten sich im Gehen nicht umzuwenden; sondern wohin das erste ging, da gingen die andern nach, ohne sich im Gehen umzuwenden. 12 Und ihr ganzer Leib, Rücken, Hände und Flügel und die Räder waren voller Augen um und um, an allen vier Rädern. 13 Und die Räder wurden vor meinen Ohren »das Räderwerk« genannt. 14 Ein jeder hatte vier Angesichter; das erste Angesicht war das eines Cherubs, das zweite das eines Menschen, das dritte das eines Löwen, das vierte das eines Adlers. 15 Und die Cherubim hoben sich empor. Es war aber dasselbe Wesen, das ich am Fluss Kebar gesehen hatte. 16 Wenn die Cherubim gingen, so gingen auch die Räder neben ihnen, und wenn die Cherubim ihre Flügel schwangen, dass sie sich von der Erde erhoben, so wandten sich auch die Räder nicht von ihrer Seite weg. 17 Wenn jene standen, so standen diese auch; erhoben sie sich, so erhoben sich diese auch; denn der Odem dieses Wesens war in ihnen.

             Diese Passage wirkt wie eine Wiederholung der Vision aus dem ersten Kapitel des Buches. Ausdrücklich verweist der Text selbst auf diese Parallele: Was Hesekiel hier sieht, im Tempel, das hat er zuvor schon am Fluss Kebar gesehen. Es wirkt wie eine schmerzhafte Erinnerung: Der Tempel in Jerusalem war von Anfang an gewollt als der Ort der Herrlichkeit Gottes, seiner Gegenwart, die Heil und Rettung verheißt. So wird dieses Sichtbarwerden der Herrlichkeit Gottes, der kabōd jahwe zu einer schmerzlichen Erinnerung an das, was der Tempel von Gott her immer sein sollte.

 18 Und die Herrlichkeit des HERRN ging hinaus von der Schwelle des Tempels und stellte sich über die Cherubim. 19 Da schwangen die Cherubim ihre Flügel und erhoben sich von der Erde vor meinen Augen, und als sie hinausgingen, gingen die Räder mit. Und sie traten in den Eingang des östlichen Tores am Hause des HERRN, und die Herrlichkeit des Gottes Israels war oben über ihnen. 20 Das war das Wesen, das ich unter dem Gott Israels am Fluss Kebar gesehen hatte; und ich merkte, dass es Cherubim waren. 21 Vier Angesichter hatte jeder und vier Flügel und etwas wie Menschenhände unter den Flügeln. 22 Und ihre Angesichter waren so gestaltet, wie ich sie am Fluss Kebar gesehen hatte; und sie gingen in der Richtung eines ihrer Angesichter, wie sie wollten.

             Es folgt der schmerzlichste Augenblick überhaupt: „Jahwes Herrlichkeit setzt sich aus dem innersten Tempelbereich hinaus an den Eingang des Osttores ab.“ (K.F. Pohlmann, Der Prophet Hesekiel, Kap. 1 – 19, ATD 22,1, Göttingen 1996, S. 152 ) Die Gegenwart Gottes löst sich vom Tempel. Das ist der Anfang vom Ende. Es ist die Botschaft in diesen Sätzen: Das Ende kommt nicht mit der Einäscherung des Tempels durch die Babylonier, so schrecklich die auch sein mag. Aber das Ende ist der „Auszug der Herrlichkeit Gottes“. Erst mit diesem Auszug wird die Katastrophe ermöglicht.

Noch einmal kommt der Hinweis des Propheten. Diese Gestalten, Wesen, Cherubim  hat der Seher am Fluss Kebar gesehen. Das heißt doch: auch wenn sich die Herrlichkeit Gottes vom Tempel löst, so ist Gott und seine Herrlichkeit nicht weg, verschwunden, unerreichbar geworden. Sie ist nach Osten gewandert, dorthin, wo die Exulanten hingeführt, weggeführt worden sind.

Es mag sein, die Gegenwart Gottes entschwindet von den Orten, an denen wir gewohnt waren, sie zu suchen und auch zu finden. Aber sie wird sich neu zeigen – dort, wohin wir „weggeführt“ werden. Dort, wo wir nie sein wollten.

Es ist wie eine Geschichte extra für die, die immer glaubten zu wissen, wo und wie sie Gott finden werden. Dass er nicht am Ort des Elends sein werde, im Exil, sondern nur am Ort, wo die Träume sich erfüllen. Nächstes Jahr in Jerusalem! Zu den letzten Begegnungen Jesu gehört ein Wort an Petrus, das wie von dieser Vision inspiriert auf mich wirkt: „Wahrlich, wahrlich, ich sage dir: Als du jünger warst, gürtetest du dich selbst und gingst, wo du hinwolltest; wenn du aber alt bist, wirst du deine Hände ausstrecken und ein anderer wird dich gürten und führen, wo du nicht hinwillst.“ (Johannes 21,18) Das bleibt keine exklusive Erfahrung des Petrus.

„Es ist, als würden sie einen fabelhaften Urlaub planen – nach Italien. Sie kaufen einen Haufen Reiseführer und machen wundervolle Pläne. Das Kolosseum. Der David von Michelangelo. Die Gondeln in Venedig. Vielleicht lernen Sie ein paar nützliche Redewendungen auf Italienisch. Es ist alles sehr aufregend. Nach Monaten freudiger Vorbereitungen ist der Tag schließlich da. Sie packen Ihre Koffer, und los geht’s. Ein paar Stunden später landet das Flugzeug. Die Flugbegleiterin kommt herein und sagt: Willkommen in Holland. Holland, sagen Sie. Was meinen Sie mit Holland?? Ich habe Italien gebucht. Ich sollte in Italien sein. Mein ganzes Leben lang habe ich davon geträumt, nach Italien zu reisen. Aber es hat eine Änderung des Flugplans gegeben. Sie sind in Holland gelandet, und dort müssen Sie bleiben. Das Entscheidende ist, dass man Sie nicht an einen schrecklichen, widerwärtigen, ekligen Ort voller Hunger und Krankheit verfrachtet hat. Es ist einfach nur ein anderer Ort. Also müssen Sie losziehen und neue Reiseführer kaufen. Und Sie müssen eine völlig neue Sprache lernen. Und Sie werden ganz andere Menschen treffen, denen Sie sonst nie begegnet wären. Es ist nur ein anderer Ort. Hier geht alles langsamer als in Italien, weniger aufregend. Aber wenn Sie dort erst einmal eine Weile gewesen und zu Atem gekommen sind, sehen Sie sich um… und Sie stellen fest, dass es in Holland Windmühlen gibt,… und in Holland gibt es Tulpen. In Holland gibt es sogar Rembrandts. Aber… wenn Sie Ihr Leben damit verbringen, der Tatsache nachzutrauern, dass Sie nicht nach Italien gekommen sind, werden Sie niemals frei sein, die ganz speziellen, wunderschönen Dinge zu genießen,… die es in Holland gibt.“ (E. P. Kingsley, Willkommen in Holland, 1987)

Was fange ich – im Jahr 2017, dem Jahr, in dem wir der Reformation gedenken – mit dieser Vision an? Hesekiel sieht die Herrlichkeit Gottes über dem Tempel, in ihm und dann auch im Weitergehen. er dem Tempel, den er von dem Götterdienst, der in seinen Augen Götzendienst ist, so erschreckend beschmutzt sieht. Dann ist das wohl ein Teil der Botschaft: Trotz dem Irrsinn, der sich in dem Tempel zeigt – Gott ist gegenwärtig. Ich übertrage, hoffentlich nicht selbstgerecht – kühn? hoffnungsvoll? – Trotz des Zustandes, in dem sich die Christenheit in Mitteleuropa befindet, trotz allen Irrungen und Wirrungen: Gott ist gegenwärtig. Ich darf mich in aller Aufregung über manchmal merkwürdige Gottesdienste und groteske Inhalte daran festhalten: Gott ist gegenwärtig. Das also ist die Botschaft der Herrlichkeit Gottes über dem so geschändeten Tempel in Jerusalem: Ich bin da. Ich gebe mein Volk nicht preis.

Übertragen: Ich gebe meine Kirche und meine Kirchen nicht auf. Gott zieht sich nicht in den himmlischen Schmollwinkel zurück und überlässt sein Volk dem Lauf der Dinge. Er ist der Gegenwärtige, am Fluss Kebar, über dem Tempel in Jerusalem und im „Katastrophengebiet der Christenheit“ (P. L. Berger, Auf der Suche nach Sinn),bei uns, in Mitteleuropa.

 

Mein Gott. Du bist da, auch wenn Du nicht immer da bist, wo wir Dich zu finden suchen. Du bist da, wo wir Dich nötig haben. Du kommst in unseren Schmerz, unsere Tränen, unsere Angst. Du willst uns auch in unsere Freude nahe sein.

Du willst Dich uns zu erkennen geben, damit wir Zutrauen zu Dir fassen, dort, wo wir sind, dort, wo wir kämpfen mit unseren Ängsten, dort, wo wir versuchen, unsere Hoffnungen zu bewahren.

Du bist da. Manchmal leuchtet Deine Herrlichkeit auf. Unvermutet am fremden Ort. Das Genügt. Amen