Geistlich verblendet

Hesekiel  8, 1 – 18 

1 Und es begab sich im sechsten Jahr am fünften Tage des sechsten Monats. Ich saß in meinem Hause, und die Ältesten von Juda saßen vor mir. Da fiel die Hand Gottes des HERRN auf mich.

             Ein Jahr später. Hesekiel liegt nicht mehr gebunden auf der Seite. Auch seine Einsamkeit ist durchbrochen. Er ist wieder ein gesuchter Mann. Die Ältesten von Juda saßen vor mir. Was wie eine schlichte Besuchsnotiz wirkt, erzählt doch weit mehr. „Die jüdischen Exulanten begannen schon bald, sich zu organisieren. Diese jüdische Selbstorganisation wurde dadurch erleichtert, dass die Exulanten teilweise eigene Siedlungen bildeten, wie z. B. Tel-Abib. Als Vertretung nach außen und wohl auch als die Spitze ihrer internen, bescheidenen Selbstverwaltung erscheinen die Ältesten. Hier werden sie genauer noch die Ältesten Judas genannt. Vielleicht war dies sogar ihr offizieller babylonischer Titel.“ (G. Maier,  Der Prophet Hesekiel, 1. Teil, Wuppertaler Studienbibel, Wuppertal 1998, S. 134) Diese Männer also sind bei Hesekiel, doch wohl, um mit ihm zu ratschlagen, oder um ihn zu befragen, womöglich auch, um durch ihn ein „wegweisendes Jahwewort“ (K.F. Pohlmann, Der Prophet Hesekiel, Kap. 1 – 19, ATD 22,1, Göttingen 1996, S. 137) zu erhalten. Und: es ist im Hesekiel-Buch keine einmalige Situation. „Nicht weniger als viermal ist es im Buch erwähnt, dass Menschen, die auf ein (heilvolles) Gotteswort des Propheten warten, vor diesem sitzen.“ (W. Zimmerli, Ezechiel, BKAT XIII/1, Neukirchen 1969, S.209) So auch in 14,1; 20,1; 33,31.

In dieser Situation, die offen ist, vom Warten geprägt, geschieht es. Die Hand Gottes fällt auf den Propheten. Erwartet und doch nicht berechenbar. Es ist nicht ein Eindruck, den Hesekiel gewinnt, keine innere Stimme – es ist ein überwältigendes Geschehen. Ein Geschehen von außen her.

 2 Und ich sah, und siehe, da war eine Gestalt wie ein Mann, und abwärts von dem, was wie seine Hüften aussah, war es wie Feuer, aber oberhalb seiner Hüften war ein Glanz zu sehen wie blinkendes Kupfer. 3 Und er streckte etwas wie eine Hand aus und ergriff mich bei dem Haar meines Hauptes. Da hob mich ein Wind empor zwischen Himmel und Erde und brachte mich nach Jerusalem in göttlichen Gesichten zu dem Eingang des inneren Tores, das gegen Norden liegt, wo ein Bild stand zum Ärgernis für den Herrn.

Eine Gestalt wie ein Mann greift nach ihm. Eine Feuergestalt. Ein Engel? Alles bleibt durch das „wie“, das so charakteristisch für das Hesekielbuch ist – hier in wenigen Worten gleich viermal -,  in der Schwebe. Was er sieht, überfordert und übersteigt sein Verstehen und Begreifen, lässt ihn nach Worten und Vergleichen suchen. Darum eben „wie“. So viel wird deutlich: Es ist eine himmlische Erscheinung und sie reißt den Propheten regelrecht mit sich.

Ein Wind hat ihn gepackt, „entrafft.“ a (W. Zimmerli, aaO. S. 210) Zwischen Himmel und Erde findet er sich wieder und wird nach Jerusalem gebracht. Man könnte auch sagen: entführt. Oder: versetzt. Wobei es offenbleiben muss, nicht zuletzt durch das so oft wiederholte wie, ob hier ein „Gesicht“ erzählt wird, eine Entrückung in einem „Jerusalem-Traum“ oder ob Hesekiel einen wirklichen Ortswechsel vor Augen hat. Nicht einfach in die Stadt, sondern zu dem Eingang des inneren Tores, dem Ort, wo seit altersher Recht gesprochen wird. Dorthin, wo ein Ärgernis, ein  Götzenbild seinen Platz gefunden hat.

4 Und siehe, dort war die Herrlichkeit des Gottes Israels, so wie ich sie in der Ebene gesehen hatte.

             Gerade dort, wo dieses Bild ist, sieht Hesekiel aber auch die Herrlichkeit des Gottes Israels, kabōd jahwe. Wie man sich das zusammenreimen soll, lässt der Text offen. Ich lese so: Gott lässt sich nicht vertreiben, auch nicht durch solche Eifersuchtsbilder. Und: er mutet seinem Propheten nicht Orte zu, die der Gegenwart Gottes nicht offenstehen.

 5 Und er sprach zu mir: Du Menschenkind, hebe deine Augen auf nach Norden. Und als ich meine Augen aufhob nach Norden, siehe, da stand ein Bild, das für den Herrn ein Ärgernis war, nördlich vom Tor des Altars, da, wo man hineingeht. 6 Und er sprach zu mir: Du Menschenkind, siehst du auch, was diese tun? Große Gräuel sind es, die das Haus Israel hier tut, um mich von meinem Heiligtum zu vertreiben. Aber du wirst noch größere Gräuel sehen. 7 Und er führte mich zur Tür des Vorhofes. Da sah ich, und siehe, da war ein Loch in der Wand. 8 Und er sprach zu mir: Du Menschenkind, brich ein Loch durch die Wand. Und als ich ein Loch durch die Wand gebrochen hatte, siehe, da war eine Tür. 9 Und er sprach zu mir: Geh hinein und schaue die schlimmen Gräuel, die sie hier treiben.

             Jetzt wird der Seher in den Tempel geführt. Um zu sehen, was dem normalen Menschen verborgen ist. Nicht aber Gott. Diese Führung durch den Tempel hält daran fest, dass es nichts gibt, was dem Sehen Gottes entzogen ist. Gott ist nicht blind für die Gräuel, die in seinem Haus stattfinden. Aber er wertet das Geschehen: Sie tun, was sie tun, um mich von meinem Heiligtum zu vertreiben. Ist das die Intention, aus der sie vom Haus Israel handeln oder ist es die Folge ihres Tuns, die so benannt wird? So oder so: Sie werden Gott los. Gottlos.

Es ist ein erschütterndes Ergebnis: „Die Jerusalemer vergessen, dass sie sich selbst, und das freiwillig und in provozierender Weise, von Jahwes Heiligtum und damit von Jahwe längst entfernt haben.“ (K,F. Pohlmann, aaO. S. 139) Sie finden nichts mehr dabei. Sie spüren keinen Verlust mehr. Ganz nah ist diese Formulierung bei der Einsicht über so viele heutzutage: „Sie haben vergessen, dass sie Gott vergessen haben.“(Prof. W. Krötke und/oder Bischof A. Noack zugeschrieben) Sie empfinden keinen Gottesverlust. Ihnen fehlt nichts, wenn ihnen Gott fehlt.   

10 Und als ich hineinkam und schaute, siehe, da waren lauter Bilder von Gewürm und Getier, Scheusale, und alle Götzen des Hauses Israel, ringsherum an den Wänden eingemeißelt. 11 Davor standen siebzig Männer von den Ältesten des Hauses Israel, und Jaasanja, der Sohn Schafans, stand mitten unter ihnen. Und ein jeder hatte sein Räuchergefäß in der Hand und der Duft einer Wolke von Weihrauch stieg auf. 12 Und er sprach zu mir: Menschenkind, siehst du, was die Ältesten des Hauses Israel tun in der Finsternis, ein jeder in der Kammer seines Götzenbildes?

             Ritzzeichnungen. „Reliefbilder, auf denen mischwesenartige Tiere dargestellt sind, analog offensichtlich zu besonders für Ägypten, aber auch das Zweistromland charakteristischen Tierbildern.“ (K.F. Pohlmann, ebda.) Was daran ist schlimm? So fragen wir heute und überspringen das Israel bindende Gebot. „Du sollst dir kein Bildnis noch irgendein Gleichnis machen, weder von dem, was oben im Himmel, noch von dem, was unten auf Erden, noch von dem, was im Wasser unter der Erde ist: Bete sie nicht an und diene ihnen nicht!(2. Mose 20, 4 – 5)

Noch einmal verschärft in dem Buch, das predigtartig das Gebot auslegt: „So hütet euch um eures Lebens willen – denn ihr habt keine Gestalt gesehen an dem Tage, da der HERR mit euch redete aus dem Feuer auf dem Berge Horeb –, dass ihr euch nicht versündigt und euch irgendein Bildnis macht, das gleich sei einem Mann oder einer Frau, einem Tier auf dem Land oder Vogel unter dem Himmel, dem Gewürm auf der Erde oder einem Fisch im Wasser unter der Erde.“ (5. Mose 4, 15 – 18)  Es ist eines der Kennzeichen Israels, dass es den nicht abbildbaren, bildlosen Gott glaubt und anbetet und nur ein Bild Gottes ehrt, ohne es anzubeten – den lebendigen Menschen. Erst wenn man sich das vor Augen hält, versteht man wie entsetzlich tief der Fall derer ist, die im Tempel so agieren.

Denn sie sagen: Der HERR sieht uns nicht, der HERR hat das Land verlassen.

             Sie tun, was sie tun, weil sie nicht mehr an den Gott glauben, der sieht. Weil sie nicht mehr an den Gott glauben, der da ist, gegenwärtig. Weil sie Gott als den glauben, der das Land verlassen hat. Der ferne ist, weit weg, hinter den sieben Bergen bei den sieben Zwergen. Der für das eigene Leben nicht mehr relevant ist. Weil sie sich selbst – mehr oder weniger selbstbewusst – gott-los glauben. Gott ist für sie nur noch ein heimatvertriebener Gott, der nichts mehr sieht und nichts mehr tun kann für die, die noch im Land sind

Es sind siebzig Älteste, die Hesekiel so am Werk sieht. Es ist die bestürzende Parallele zum Geschehen am Horeb: „Da stiegen Mose und Aaron, Nadab und Abihu und siebzig von den Ältesten Israels hinauf   und sahen den Gott Israels. Unter seinen Füßen war es wie eine Fläche von Saphir und wie der Himmel, wenn es klar ist. Und er reckte seine Hand nicht aus wider die Edlen der Israeliten. Und als sie Gott geschaut hatten, aßen und tranken sie.“ (2. Mose 24, 9-11) Was jetzt in der Heimlichkeit des Tempels geschieht, ist eine Revision des Bundes, der Israel das Leben gab. „Diese siebzig Repräsentanten Israels bestreiten die Gegenwart und Zuständigkeit Jahwes im Land.“ (K.F. Pohlmann, aaO. S. 140)

Der Abfall von Jahwe  wird nicht irgendwo vollzogen, am Rand der Welt, Jotwede, sondern in seinem Tempel und nicht von irgendwem, sondern von denen, die doch den Glauben hüten müssten. Ältesten des Hauses Israel. Das ist so, als würde von den Repräsentanten der christlichen Kirche aufgekündigt, was ihr Fundament ist: Dass Christus der Herr ist, dass allein seine Gnade genügt, dass in seinem Namen Heil ist, dass es die Heilige Schrift ist, die uns alles lehrt, was wir von Gott zu unserem Heil wissen müssen.

 13 Und er sprach zu mir: Du sollst noch größere Gräuel sehen, die sie tun. 14 Und er führte mich zum Eingang des Tores am Hause des HERRN, das gegen Norden liegt, und siehe, dort saßen Frauen, die den Tammus beweinten. 15 Und er sprach zu mir: Menschenkind, siehst du das? Aber du sollst noch größere Gräuel sehen als diese. 16 Und er führte mich in den inneren Vorhof am Hause des HERRN; und siehe, vor dem Eingang zum Tempel des HERRN, zwischen der Vorhalle und dem Altar, standen etwa fünfundzwanzig Männer, die ihren Rücken gegen den Tempel des HERRN und ihr Gesicht gegen Osten gewendet hatten, und beteten gegen Osten die Sonne an.

             Und weiter geht für den Propheten seine Schreckensführung. Er sieht Frauen, die den Tammus beweinen. In ihm, „teils göttliche, teils menschliche Gestalt wird das Verschwinden dieser die sterbende und wiedererstehende Vegetation repräsentierende Gottheit während der heißen Sommerzeit beklagt.“ (K. F. Pohlmann, ebda.) Eine Anbetung des geschaffenen mitten im Tempel, der doch allein der Anbetung des Schöpfers und Retters vorbehalten sein soll. Und wie eine Fortsetzung des immer gleichen Fehlverhaltens sieht Hesekiel  fünfundzwanzig Männer, die die Sonne anbeten und sich vom Tempel abkehren. (K.F. Pohlmann, ebda.)

Sie wenden sich ab von der Gegenwart Gottesschechina – und wenden sich der Sonne als Gottheit zu. Was für ein Rückfall in Zeiten, die längst vorbei schienen. Weiß Israel doch: Die Gestirne sind nur Leuchten, nur Lampen am Himmel.

 17 Und er sprach zu mir: Menschenkind, siehst du das? Ist es dem Hause Juda nicht genug, diese Gräuel hier zu treiben, dass sie auch sonst das ganze Land mit Gewalttat erfüllen und mich immer wieder reizen? Und siehe, sie halten sich die Weinrebe an die Nase. 18 Darum will ich auch mit Grimm an ihnen handeln, und mein Auge soll ohne Mitleid auf sie blicken, und ich will nicht gnädig sein. Wenn sie auch mit lauter Stimme mir in die Ohren schreien, will ich sie doch nicht hören.

               Es ist und wirkt, als brauchte und suchte Gott einen Augenzeugen für das alles. So unglaublich ist, was da im Tempel geschieht. Zum vierten Mal kommt die Frage: Menschenkind, siehst du das? Man spürt in dieser wiederholten Frage an den Propheten so etwas wie Fassungslosigkeit Gottes, als würde er sagen: Das kann doch alles nicht wahr sein. Siehst du auch, was ich sehe, so fragt Gott das Menschenkind. Den Adamssohn. bn ’dm.

Rätselhaft: Und siehe, sie halten sich die Weinrebe an die Nase. Niemand weiß so recht etwas damit anzufangen. Ist das ein Kult, von dem wir nichts wissen? Ist das Ironie – und in Wahrheit geht es um Gestank oder um Verstümmelung der eigenen Nasen durch Winzermesser? Oder, auch das könnte man denken, es geht um bewusstseinserweiternde Duftstoffe. Um Grenzüberschreitung in jeder Hinsicht. Es wäre ja nicht der erste Tempel, in dem mit Drohen experimentiert wird. Man muss ehrlich sein: wir wissen es nicht.

             Und immer noch ist es nicht genug:  Was da an kultischem Irrsinn  im Tempel geschieht, setzt sich fort im soziale Chaos, das sie anrichten, in der Gewalt, die sie gegen Schwächere üben. Es wirkt wie eine Domino-Effekt: Wer Gott nicht mehr achtet, achtet auch den Nächsten nicht mehr, den Ärmeren, den Schwächeren. „Auch in den mitmenschlichen Beziehungen gilt Gottes barmherziges Gesetz nicht mehr, jeder ist der Macht der Stärkeren ausgeliefert.“ (G. Maier,  aaO. S. 142)

Aber: Was da in der verborgenen Heimlichkeit geschieht, wird Folgen haben. In der Skatsprache: Sie, die so agieren, haben sich überreizt.  Und sie haben Gott so gereizt, dass sie seinen Grimm geweckt haben. Es ist, daran lässt die Vision Hesekiels keinen Zweifel, eine tödliche Täuschung. „Jahwe wird von einem bestimmten Punkt an nicht mehr ansprechbar sein. Es gibt ein „Zu spät“, einen „point of no return.“ (K.F. Pohlmann, aaO. S. 142) Ohne Gott geht der Weg Israels nicht weiter. Er endet im Verderben.

Wie taub und blind, wie geistlich verblendet müsste eine Kirche sein, wenn sie solche Texte nur für historische Versuche hielte, Gott zu verstehen, nur für vergangene Geschichte und sich dem verschließen würde, dass alle Prophetie einen offenen Rand in die Zukunft hat. Was, wenn in diesen Texten das Verhalten unserer Kirchen heute vorweg beschrieben wäre?

 

Kann es wahr sein, Du heiliger Gott, dass mitten im Tempel andere Götter angebetet werden? Kann es wahr sein, dass in Deinem Haus die Götzen verehrt werden, dass sich Deine Leute in Deinem Haus abwenden von Dir, sich zuwenden zu den Geschöpfen ihrer Hände?

Ich erschrecke vor dieser Möglichkeit, weil ich ahne, dass es nicht nur vergangene Geschichte ist. Immer stehen auch wir in der Gefahr, Dir unser Vertrauen zu entziehen, weil wir Dich ja nicht sehen und stattdessen auf das zu trauen, was vor Augen ist, was wir greifen, begreifen können.

Gib Du uns die Festigkeit des Herzens, die sich nicht abbringen lässt von Dir. Amen