Selbstgewählte Lebensmuster

Hesekiel 7, 14 – 27

 14 Lasst sie die Posaune nur blasen und alles zurüsten; es wird doch niemand in den Krieg ziehen, denn mein Zorn ist entbrannt über all ihren Reichtum. 15 Draußen das Schwert, drinnen Pest und Hunger! Wer auf dem Feld ist, der wird vom Schwert sterben; wer in der Stadt ist, den werden Pest und Hunger fressen.

             Es hilft nicht, den Kopf in den Sand zu stecken, denn die Realität findet doch statt. Es hilft auch nicht, zur Attacke zu blasen, denn es wird keiner dem Bläsersignal folgen. Es hilft auch nicht, sich einzubunkern in angeblich uneinnehmbare Festungen. Zu singen: „Ein feste Burg ist unser Gott.“ Auf das Wunder zu schwören. Es hilft alles nicht. Denn mein Zorn ist entbrannt.

Es ist ein überaus populärer Gedanke, besonders unter friedensbewegten und pazifistisch gesinnten Menschen:

Stell dir vor, es ist Krieg und keiner geht hin…..                                                   dann kommt der Krieg zu euch                                                                                       Wer zu Hause bleibt, wenn der Kampf beginnt                                                        und lässt andere kämpfen für seine Sache, der muss sich vorsehen; denn              Wer den Kampf nicht geteilt hat, der wird teilen die Niederlage.                     Nicht einmal den Kampf vermeidet, wer den Kampf vermeiden will;                denn es wird kämpfen für die Sache des Feinds,                                                      wer für seine eigene Sache nicht gekämpft hat.”       C. Sandburg 1936

             Der Text wird Bert Brecht zugeschrieben, was nicht stimmt. Er geht auf den Dichter Carl Sandburg 1936 in seinem Gedichtband „The People, Yes.“ zurück. Trotzdem ist es ein nachdenklicher Text. Von der gleichen Unausweichlichkeit des kommenden Unheils muss Hesekiel reden, zeugen. Alles Hochrüsten und kampfbereit sein ist vergeblich. Es gibt kein Entrinnen, nicht draußen auf dem Feld, nicht drinnen in der Stadt. Weil der Zorn des Herrn entbrannt ist. Weil die Geduld Gottes verbraucht ist.  

16 Und die von ihnen entrinnen, die werden auf den Bergen sein wie gurrende Tauben in den Schluchten, sie alle, ein jeder wegen seiner Missetat. 17 Alle Hände werden herabsinken und alle Knie werden weich. 18 Und sie werden Säcke anlegen und mit Furcht überschüttet sein, und auf allen Gesichtern liegt Scham, und alle Köpfe werden kahl geschoren. 19 Sie werden ihr Silber hinaus auf die Gassen werfen und ihr Gold wie Unrat achten; denn ihr Silber und Gold kann sie nicht erretten am Tage des Zorns des HERRN. Sie werden sich damit nicht sättigen und ihren Bauch damit nicht füllen; denn es wurde zum Anlass ihrer Missetat.

             Fluchtversuche scheitern. Freikaufen scheitert. Wenn die Hungersnot um sich greift in der belagerten Stadt, wird auch Gold nicht mehr helfen. „Erst wenn der letzte Baum gerodet, der letzte Fluss vergiftet, der letzte Fisch gefangen ist, werdet Ihr merken, dass man Geld nicht essen kann.“ Der Spruch aus den 80er Jahren hat hier seine nicht sehr lyrische Vorlage. Aus der belagerten Stadt Jerusalem gibt es kein Entrinnen und in ihr kein Überleben.

 20 Sie haben ihre edlen Kleinode zur Hoffart verwendet und Bilder ihrer gräulichen Götzen, ihrer Scheusale, daraus gemacht. Darum will ich’s ihnen zum Unrat machen. 21 Und ich will es Fremden in die Hände geben, dass sie es rauben, und den Gottlosen auf Erden zur Beute, dass sie es entheiligen.

             Aus dem, woran so mancher sein Herz gehängt hat, wird Unrat. Das, was dem Leben Sicherheit geben sollte, wird zum Raub. Es ist verloren und kann kein Leben mehr sichern. Man hat aus edlen Materialien Götzen geformt – jetzt werden diese Götzen zur Beute der Sieger, der Gottlosen. Es ist das Gericht Gottes: er gibt den Fremden das Eigentum seines Volkes in die Hände.

 22 Ich will mein Angesicht von ihnen abwenden, und mein Kleinod soll entheiligt werden; ja, Räuber sollen darüber kommen und es entheiligen. 23 Mache Ketten! Denn das Land ist voll Blutschuld und die Stadt voll Frevel. 24 So will ich die Schlimmsten unter den Völkern herbringen; die sollen ihre Häuser einnehmen. Und ich will der Hoffart der Gewaltigen ein Ende machen, und entheiligt werden ihre Heiligtümer.

             Das Entsetzen steigert sich noch: Gleich viermal steht hier auf engsten Raum das Wort „entheiligen“. Was heilig war, wird in den Stau getreten. Was die Herzen erhoben hat, was sie getröstet hat, das wird hier zerstört, missachtet, eben entweiht. Da ist nichts Heiliges mehr. Nur noch Material-Wert. Das schreckliche: Was die Sieger, die Schlimmsten unter den Völkern, anrichten werden in der zerstörten und geschändeten Stadt, das hat sein Vorspiel schon in dem, was zuvor in der Stadt „abgegangen ist: das Land ist voll Blutschuld und die Stadt voll Frevel. So erfährt Jerusalem jetzt von den Fremden, was es zuvor in sich selbst schon getan hat: Entweihung des Heiligen, Verlust der Bergung in Gott. 

 25 Angst kommt; da werden sie Heil suchen, aber es wird nicht zu finden sein. 26 Ein Unglück wird über das andere kommen, eine schlimme Kunde nach der andern.

Man könnte sagen: Hiob lässt grüßen. Unglücksmeldung folgt auf Unglücksmeldung. Schlag auf Schlag. Was bleibt, ist die Suche nach Zuflucht, nach Halt, nach Heil. Aber da ist nichts mehr. „Die Suche nach Heil, Frieden ist aussichtslos.“ (K.F. Pohlmann, Der Prophet Hesekiel, Kap. 1 – 19, ATD 22,1, Göttingen 1996, S. 121)Der Tempel liegt in Trümmern. Und Gott hat sich abgewendet, zurück gezogen Ich will mein Angesicht von ihnen abwenden. Das ist ja die Mitte allen Unheils: Sie, die so wenig nach Gottes Wegweisung gefragt haben, sind nun auf sich selbst zurück geworfen. Ein Volk, das sich von Gott nur gegängelt fühlte und seinen eigenen Weg wollte, ist jetzt genau dazu verurteilt: ohne Gottes Zuwendung seinen eigenen, bitteren Weg zu gehen.

          „Gott ist tot! Gott bleibt tot! Und wir haben ihn getötet! Wie trösten wir uns, die Mörder aller Mörder? Das Heiligste und Mächtigste, was die Welt bisher besaß, es ist unter unseren Messern verblutet.”(F. Nietzsche) Was bleibt, ist ein Weitergehen ohne Gott. Ohne Trost, Ohne Zuflucht. Es ist gespenstisch – aber was der Seher im Exil und der am Ende wahnsinnig gewordene Philosoph sehen, das kommt mir vor wie die Wirklichkeit unserer Zeit. Was ist mit unserem Glauben geschehen? Übrig geblieben ist der Wandel vom sinnlich erfahrbaren Gott zu einem Wert, den wir als Gott verehren. Meinetwegen auch als einen höchsten Wert. Aber daran kann sich kein Herz mehr trösten, mehr Mut holen. In diesem höchsten Wert kann sich keine und keiner mehr bergen.

So werden sie dann eine Weissagung bei den Propheten suchen; auch wird weder Weisung bei den Priestern noch Rat bei den Ältesten sein. 27 Der König wird trauern, und der Fürst wird sich in Entsetzen kleiden, und die Hände des Volks des Landes werden kraftlos sein. Ich will mit ihnen umgehen, wie sie gelebt haben, und wie sie gerichtet haben, will ich sie richten, dass sie erfahren sollen, dass ich der HERR bin.

            Was bleibt ist das Suchen nach Antwort, nach Wegweisung. Nach torah. Bei denen, die Wort Gottes bewandert sind. Bei den Fachleuten der Zukunft. Bei den bewährten Bewahrern der Vergangenheit. Bei den Sachwaltern der Religion. Bei den Hütern der Weisheit, die dem Leben dient. Bei den Großen des Volkes. Ernüchternd: dieses Suchen geht ins Leere. Überall. „Keine menschliche Erfahrung, keine menschliche Bildung ist in der Lage, das Dunkel der Geschichte zu durchstoßen.“ (G. Maier,  Der Prophet Hesekiel, 1. Teil, Wuppertaler Studienbibel, Wuppertal 1998, S. 130) Weil Gott sich verweigert. Weil er die Haltung des Lebens: „es geht auch ohne Gott, solange es nach unserem Willen geht“, jetzt zu einem entsetzlichen Gericht macht: ihr wolltet ohne mich leben – jetzt müsst ihr ohne mich leben. So macht sich eine große Kraftlosigkeit breit. Vermutlich könnte man auch sagen: so greift immer mehr die Angst um sich und wird zum beherrschenden Klima. Angst kommt und überflutet alles.

Meine Frage: wie hält ein Mensch das aus, dass er dieses Unheil, diese Schrecken kommen sieht und sie auch noch ansagen muss. Und weiß: indem ich es ansage, treibe ich das Geschehen voran. Mache ich es unausweichlich. Ich weiß nicht, wie ein Hesekiel das aushalten konnte. Ich weiß nur von mir, dass ich über das Dunkel des Gerichtes hinaus schauen muss auf den Retter jenseits aller Gerichte. Auf das Morgenrot der Ewigkeit. Irgendwie. Weil ich Gott jenseits und trotz aller Gerichte für uns glaube.

 

Davor erschrecke ich, mein Gott, dass selbstgewählte Lebensmuster sich so verfestigen können, dass wir nicht mehr heraus finden aus ihnen. Davor erschrecke ich, dass aus der so viel Freiheit versprechenden Selbstbestimmung plötzlich ein `Du ist allein Deines Glückes Schmied´, Herr Deines Heils werden könnte.

Davor erschrecke ich, mein Gott, dass Du uns das auferlegen könntest: Ihr wolltet ohne mich leben – jetzt müsst ihr ohne mich leben.

Darum bitte ich Dich. Bleibe Du uns all unseren großen Sprüchen zum Trotz dennoch nah und zugewandt. Amen