Die große Leere

Hesekiel 7, 1 – 13

1 Und des HERRN Wort geschah zu mir: 2 Du Menschenkind, so spricht Gott der HERR zum Land Israels: Das Ende kommt, das Ende über alle vier Enden des Landes. 3 Nun kommt das Ende über dich; denn ich will meinen Zorn gegen dich senden und dich richten, wie du verdient hast, und alle deine Gräuel über dich bringen. 4 Mein Auge soll ohne Mitleid auf dich blicken, und ich will nicht gnädig sein, sondern ich will dir geben, wie du verdient hast, und deine Gräuel sollen über dich kommen, dass ihr erfahrt, dass ich der HERR bin.

             Wieder Jahwes Wort. Ein neues Wort, eine neue Offenbarung. Es raubt dem, der das ansagen soll, dem Propheten, regelrecht die Sprache. „Satzfetzen, Ausrufe, stammelnde Sprache.“ (G. Maier, Der Prophet Hesekiel, 1. Teil, Wuppertaler Studienbibel, Wuppertal 1998, S. 121)Unheil, nichts als Unheil. Unausweichlich. Von allen Seiten. Und: es gibt keinen sicheren Ort mehr. Keinen Zufluchtsort, wo man dem Chaos entgehen kann. Das ganze Land Israel wird in diesen Untergang hinein gezogen.

Manche kennen noch das Lied, das heute gleichwohl kaum noch gesungen wird:

„Wach auf, wach auf du deutsches Land,                                    du hast genug geschlafen.                                                        Bedenk, was Gott an dich gewandt                                         Wozu er dich erschaffen.“     J. Walter 1561, EG 145

Dieses Lied hat seine Vorlage in diesen Worten aus dem Hesekiel-Buch. Das Land Israel wird angesprochen. Nicht nur die Bewohner. Das Land. Das ja nicht irgendein Land ist. es ist das Land, das den Vätern verheißen war, Abraham und seinem Samen ewiglich.“(Psalm 18,51) Es ist das Land, auf dem die Verheißungen Gottes festen Grund haben. Das sie in Jerusalem und den Dörfern und Städten als die unabänderliche Garantie der Gegenwart Gottes angesehen haben. Und nun: das Ende. „Härter als mit dem Wort Ende kann diese Bedrohung nicht mehr ausgesprochen werden.“ (W. Zimmerli, Ezechiel, BKAT XIII/1, Neukirchen 1969, S. 171)

5 So spricht Gott der HERR: Siehe, es kommt ein Unglück über das andere! 6 Das Ende kommt, es kommt das Ende, es ist erwacht über dich; siehe, es kommt! 7 Es geht schon an und bricht herein über dich, du Bewohner des Landes. Die Zeit kommt, der Tag ist nahe: Jammer und kein Singen mehr auf den Bergen! 8 Nun will ich bald meinen Grimm über dich schütten und meinen Zorn an dir vollenden und will dich richten, wie du verdient hast, und alle deine Gräuel über dich bringen. 9 Mein Auge soll ohne Mitleid auf dich blicken, und ich will nicht gnädig sein, sondern ich will dir geben, wie du verdient hast, und deine Gräuel sollen über dich kommen, dass ihr erfahrt, dass ich der HERR bin, der euch schlägt.

             Das Erschreckende an diesen Worten: es kommt nicht blindes Unglück, Schlag um Schlag. Sondern es ist das Gericht Gottes – mitleidlos. Ohne Gnade. Es ist, als könnte man den Worten noch abspüren, wie schwer es Gott fällt. Auf den ersten Blick wirken Sätze wie Wiederholungen. Schreibfehler? Heute würde man denken: Zweimal im Computer die Einfüge-Taste gedrückt.  Aber sie spiegeln, gerade in der Wiederholung wieder, wie schwer das alles Gott ist. Die Worte sind vordergründig an die Menschen gerichtet, aber in Wahrheit doch an Gott selbst, weil er tun wird, was seinem innersten Wesen zuwider ist, seinem „Naturell“ zuwider läuft. Inder Wiederholung wird es spürbar: Gott muss sich zu solchen Tun regelrecht selbst überreden. Dafür sorgen,  dass Sein Erbarmen nicht dem Gericht in den Arm fällt.

Dabei liegt schon viel daran: was hier als Unheil kommt, ist Folge des Tuns Israels. Ich will dich richten, wie du verdient hast, und alle deine Gräuel über dich bringen Es hat sich so verhalten, dass es diese Folgen auf sich zieht. Die Verweigerung der Wege Gottes hat Folgen. Das Unrecht fällt auf die zurück, die es tun.

 10 Siehe, der Tag, siehe, er kommt, er bricht an! Unrecht blüht und Vermessenheit grünt. 11 Gewalttat hat sich erhoben und wird zum Zepter des Frevels; nichts ist mehr von ihnen da und nichts von ihrem Reichtum, nichts von ihrer Pracht und nichts von ihrer Herrlichkeit.

             Es sind chaotische Zustände, die Hesekiel ansagen muss. Das Recht wird mit Füßen getreten von Menschen, die meinen, sich alles herausnehmen zu dürfen. Faustrecht. Macht ist Recht und wer die Macht hat, behält Recht, auch wenn er im Unrecht ist. Es ist der ungezügelte Egoismus, der hier beschrieben wird, der nur sich selbst kennt und keine andere Grenzen akzeptiert als die, die er sich selbst setzt, um sie nur sofort wieder zu überschreiten und einzureißen. Es ist die Zeit der Selbstgerechten, die sich nur nehmen, was ihnen doch zusteht. Was mich dabei beklemmt: Was Hesekiel hier – um 590 v. Chr. – ansagt, kommt mir stellenweise vor wie eine prophetische Beschreiung unserer Zeit.

 12 Es kommt die Zeit, es naht der Tag! Der Käufer freue sich nicht, und der Verkäufer traure nicht; denn es kommt der Zorn über all ihren Reichtum. 13 Denn der Verkäufer wird zum Verkaufen nicht zurückkehren, selbst wenn sie noch am Leben sind; denn der Zorn über all ihren Reichtum wird sich nicht wenden; keiner wird sein Leben erhalten um seiner Missetat willen.

Kein Aber steht in diesem Text. Und doch: Es wird so nicht weitergehen. Es kommt die Zeit, es naht der Tag!  Man wird wohl so lesen müssen: Gott hat lange genug zugeschaut. Jetzt kommt  „der große Gerichtstags Gottes.“ „Dass die Weissagung von dem Tag Jahwes handelt, wird fast aus jedem Satz deutlich… Es kommt das Ende und zwar über die ganze Erde, insonderheit freilich über Israel.“ (G. von Rad, Theologie des Alten Testaments, Bd. II, München 1965, S. 130)

 Angekündigt wird aber nicht die große kosmische Katastrophe, sondern ganz anders – die Leere des Alltäglichen. „Kaufen und Verkaufen sind Zeichen des buntbewegten Lebens – im Orient, wo alles Markten zugleich noch ein bewusst ausgekostetes Spiel ist, in besonderer Weise.“ (W. Zimmerli, aaO. S. 176) Darüber hinaus ist es Enthüllung der Haltlosigkeit des unsozialen Verhaltens. Der Raffgier, des nicht genug kriegen Könnens, des blanken Egoismus. Dann wird es sich herausstellen: Es waren trügerische Gewinne, die eingefahren worden sind mit der Not der anderen. Es war ein zerfallender Reichtum, der sich unter dem Zorn auflöst in nichts.

Sehr nüchtern: „Geschäfte, geschäftliche Gewinne oder Verluste werden völlig irrelevant sein.“ (K.F. Pohlmann, Der Prophet Hesekiel, Kap. 1 – 19, ATD 22,1, Göttingen 1996 ,S. 119) Es kommt und gibt diese Situation, in der die DAX-Anzeigen keinen mehr interessieren werden. Dann gibt es keine Gewinner mehr. Das ganze große Rad der Börse und des Geschäftemachens dreht leer. Die Notgewinnler haben ausgespielt. Das ist ja eines der größten Ärgernisse, dass es in den Nöten Menschen gibt, die aus dem Elend ihre Gewinne ziehen, die mit dem Tod noch Geschäfte machen, die aus dem Mangel an allem ihrem Reichtum ziehen. Damit ist es vorbei, wenn der Tag naht.

Was auffällt: hier ist nicht einmal in Ansatz so etwas wie ein ruf zur Umkehr zuhören. Nur die Ansage des kommenden Unheils ohne jedes: Kehrt um. So, als sei der Punkt, an dem noch eine Umkehr möglich ist,  längst überschritten, als hätten sie in Israel das Schild mit der Warnung: „Point of no return“ längst passiert und nun gibt es nur noch den Sog, der in den Abgrund reißt.

 

Mein Gott, manchmal treffen mich Worte, weil sie meine innersten Ängste berühren. Ich habe Angst davor, dass unser ganzes System des Miteinander zusammenbricht, dass wir nicht widerstandsfähig sind, wenn es gilt, in der Not Menschlichkeit zu bewähren.

Ich habe Angst davor, dass Du eine Zeit heraufbeschwören könntest mit Deinem kommenden Tag, an dem zutage tritt, ob wir wirklich Dir vertrauen, ob wir wirklich für den Nächsten da sind, ob wir wirklich dem Chaos standhalten, weil wir tief gegründet sind in Dir.

Mache Du uns fest in Dir. Amen