Zumutungen

Hesekiel 4, 1 – 8

1 Und du, Menschenkind, nimm dir einen Ziegelstein; den lege vor dich hin und ritze darauf die Stadt Jerusalem 2 und mache eine Belagerung: Baue ein Bollwerk um sie und schütte einen Wall gegen sie auf und schlag ein Heerlager auf und stelle Sturmböcke rings um sie her.

             Eine prophetische Zeichenhandlung. Hesekiel soll in einen Ziegelstein den Grundriss Jerusalems einritzen. Er soll um diesen Grundriss ein Modell bauen: Jerusalem als belagerte Stadt. Detailgetreu wird alles ins Bild gesetzt, was zu einer Belagerung gehört: Die  Belagerungswerke, ein großer Wall, die Sturmböcke. Vor dem inneren Auge entsteht das Bild einer eingeschlossenen Stadt, aus der es kein Entrinnen geben wird.

            „Es gibt im Alten Orient viele Darstellungen von Belagerungen: Ein assyrische Relief aus dem 9. Jh. zeigt eine Stadtmauer, eine Sturmbock, einen Belagerungsturm (Belagerungsmaschine) und sich bekämpfende Truppen. Berühmt ist das Steinrelief aus dem Palast Sanheribs in Ninive, das die Belagerung von Lachisch im Jahr 701 v.Chr. zeigt.“ (G. Maier, Der Prophet Hesekiel, 1. Teil, Wuppertaler Studienbibel, Wuppertal 1998, S. 91) Im Unterschied zum Modell Hesekiels sind das aber Berichte post festum, nach dem Geschehen. Hesekiel dagegen soll mit seinem Gebilde Zukunft zeigen.

 3 Nimm dir aber eine eiserne Platte und lass sie eine eiserne Mauer sein zwischen dir und der Stadt und richte dein Angesicht gegen sie: Sie soll belagert sein, und du sollst sie belagern. Das sei ein Zeichen dem Hause Israel.

             Mit dem Modell allein ist es noch nicht getan. Der Auftrag geht weiter. Die Person des Propheten wird in das Gesamtbild einbezogen: Zwischen die Stadt und sich stellt er eine Eisenplatte als eine eiserne Mauer. Das ist eine unüberwindliche Barriere, die den Propheten von der Stadt trennt. Ganz nahe ist diese Wendung bei dem Wort, das Jeremia in seiner Berufung hört: „Denn ich will dich heute zur festen Stadt, zur eisernen Säule, zur ehernen Mauer machen wider das ganze Land: wider die Könige Judas, wider seine Großen, wider seine Priester, wider das Volk des Landes, dass, wenn sie auch wider dich streiten, sie dir dennoch nichts anhaben können; denn ich bin bei dir, spricht der HERR, dass ich dich errette.“ (Jeremia 1,18-19) Der Unterschied: Bei Hesekiel fehlt eine Beistandszusage Gottes! Das macht diese Berufung und auch diese Zeichenhandlung noch einmal härter. Die Einsamkeit des Jeremia, in die er später gerät, die wird hier schon im Zeichen Schicksal des Hesekiel.

Verschärft wird diese Trennung noch durch den Ausdruck: richte dein Angesicht gegen sie. Der Wortlaut ist wichtig: Gegen sie – nicht auf. Im Segen richtet Gott sein Angesicht auf die, die gesegnet werden. „Der HERR lasse sein Angesicht leuchten über dir und sei dir gnädig;  der HERR hebe sein Angesicht über dich und gebe dir Frieden.“(4. Mose 6, 25-26) Jeder Israelit kennt diese Worte. Umso härter ist es hier: gegen sie. Das gegen sie gerichtete Angesicht verheißt nicht Güte und Gnade, sondern Gericht und Zorn. Hesekiel wird in Person zum boten des Zorns. Und setzt so den Zorn in Bewegung! Darum ist es auch ausdrücklich gesagt: Du sollst sie belagern.   

  4 Du aber, lege dich auf deine linke Seite und lege die Schuld des Hauses Israel auf dich. So viele Tage du so daliegst, so lange sollst du auch ihre Schuld tragen. 5 Ich will dir aber die Jahre ihrer Schuld auflegen, für jedes Jahr einen Tag, nämlich dreihundertneunzig Tage. So lange sollst du die Schuld des Hauses Israel tragen. 6 Und wenn du dies vollbracht hast, sollst du danach dich auf deine rechte Seite legen und sollst tragen die Schuld des Hauses Juda vierzig Tage lang; denn ich gebe dir hier auch je einen Tag für ein Jahr.

             Als wäre es nicht genug, geht der Auftrag noch weiter. Er wird sich legen. Und wird die Schuld des Hauses Israel auf sich legen. Nach 390 Tagen wird er gewendet und eine neue Schuld wird ihm aufgebürdet – die des Hauses Juda – für weitere vierzig Tage. Wie soll man diesen Auftrag verstehen? Ein Prophet, der tagaus, tagein am Boden liegt – links und rechts. „Mit seiner Lage am Boden bildet der Prophet das für lange Zeit am Boden liegende und seine Schuldstrafe tragende Israel, also das Exil und seine Dauer, im Voraus ab.“ ( K.F. Pohlmann, Der Prophet Hesekiel, Kap. 1 – 19, ATD 22,1, Göttingen 1996, S. 90)

 Eine andere Deutung stellt mehr heraus, was in der Vergangenheit Anlass für diese Härte Gottes gegen sein Volk war. Sie geht aus von der Zahlen 390: „Rechnet man von ca. 590/586 ca 390 Jahre zurück, dann kommt man in den Bereich der Jahre zwischen 980 und 960 v.Chr. Dieser Zeitraum aber ist der Zeitraum, in dem Salomo die Regierung über Gesamtisrael antrat. Im Gegensatz zu David galt Salomo nicht mehr als ein Gerechter. Auch der Talmud nennt nur David, Hiskia und Josia als gerechte Könige, lässt also Salomo aus. Fazit: Das Gotteswort in Hesekiel 4,5 beurteilt die gesamte Geschichte Israels seit Salomo als Schuld.“ (G. Maier,  aaO. S. 95) Das ist keine isolierte Einzelstimme. Es gibt eine Linie im Denken des Alten Testaments, die den Untergang 597/586 auf die Schuldgeschichte Israels zurückführt. Wer dabei mehr oder weniger beteiligt ist, ist zweitrangig.

 7 Richte aber dein Angesicht und deinen bloßen Arm gegen das belagerte Jerusalem und weissage gegen die Stadt. 8 Und siehe, ich will dir Stricke anlegen, dass du dich nicht wenden kannst von einer Seite zur andern, bis du die Tage deiner Belagerung vollendet hast

             Es ist kein schonender Umgang Gottes mit seinem Propheten. Eine Zumutung, die den Propheten auch körperlich, aber vor allem doch seelisch an den Rand des Erträglichen führt. Der Prophet gerät in eine endlose und abgrundtiefe Einsamkeit. An das Haus gefesselt. Festgelegt. Allem und allen ferngerückt. In dieser unerträglichen Lage wird er zum sprechenden Zeichen: „Der Prophet soll Jahwe als den Jerusalem feindlichen Gott darstellen.“ (K.F. Pohlmann, aaO. S. 92) Und damit doch die Unausweichlichkeit der Abläufe.

Was für eine Härte des Auftrages an Hesekiel wird hier mit sichtbar. Prophet zu sein ist kein Privileg, sondern eine Zumutung. „Es ist doch sehr bezeichnend, dass sich der Vorgang der Weissagung nicht auf die Mitteilung des Mundes beschränkt, sondern dass Jahwe den Propheten mit seinem Leib und Leben zeichenhaft in das Unheil hineinzieht und in „den Tagen seiner Bedrängnis“ als ersten das Kommende erleiden lässt.“ (G. von Rad, Theologie des Alten Testaments, Bd. II, München 1965, S. 243) Hesekiel ist in dieser existentiellen Beschlagnahmung kein Einzelfall – Hosea, Jeremia, auch Jona stehen in gleicher Weise neben ihm.

Hier wird das katastrophale Ende einer Sicht markiert, die sich sicher ist: Gott ist auf unserer Seite. Uns kann nichts geschehen. Wir haben die festen Zusagen Gottes. Zions-Theologie nennt man das: Der Zion steht unerschütterlich fest –  so wie es der Psalmbeter „weiß“ und singt:

 Gott ist unsre Zuversicht und Stärke,                                             eine Hilfe in den großen Nöten, die uns getroffen haben.        Darum fürchten wir uns nicht,                                             wenngleich die Welt unterginge und die Berge mitten ins Meer sänken,wenngleich das Meer wütete und wallte              und von seinem Ungestüm die Berge einfielen.                          Dennoch soll die Stadt Gottes fein lustig bleiben mit ihren Brünnlein,   da die heiligen Wohnungen des Höchsten sind.    Gott ist bei ihr drinnen, darum wird sie fest bleiben;             Gott hilft ihr früh am Morgen.                      Psalm 46, 2 – 6

 Oder mit den Worten des Sängers unserer Tage:

 “Oh my name it is nothin’
My age it means less
The country I come from
Is called the Midwest
I’s taught and brought up there
The laws to abide
And that the land that I live in
Has God on its side.”                                                                                    B. Dylan 1963, LP  The Times they are a-changin´

             Die Zions-Theologie zerbricht in der Eroberung Jerusalems und ihr Zerbrechen wird durch die Zeichenhandlung Hesekiels angesagt. Mehr noch: dieses Zerbrechen wird durch die Zeichenhandlung herbeigeführt. Denn das ist der eigentliche Ernst dieser Handlungen: sie sind nicht nur nonverbale Unterstreichungen der Worte der Propheten. Nein: sie setzen Geschehen in Gang: Es war „die im Namen Jahwes geübte Zeichenpraxis, die das Dargestellte tatsächlich herbei geführt hatte.“(K.F. Pohlmann, aaO. S. 86) Darum erwiest sich Jahwe in diesen Gerichten auch nicht als das ohnmächtige Berggöttlein, das den Göttern der Sieger nichts entgegen zu setzen hat. Er ist es, der die Geschichte führt. Es ist sein Gericht, das hier anhebt.

Hesekiel ist Prophet. Ein Mensch mit einem besonderen Auftrag und einem besonderen Schicksal. Er wird zum Gegenüber Israels. Sein Auftrag bringt ihn in Widerspruch zu denen, mit denen er lebt. Und jetzt noch obendrein: Gott selbst macht ihn einsam, treibt ihn in die Isolation. Gott selbst bindet ihn, lässt ihn wie einen Kranken über 430 Tage hin ausfallen. Was ist das für ein Geschehen?

Ich glaube, es ist mehr als eine prophetische Zeichenhandlung. Es ist ein Einblick in die Charakter-Bildung Gottes. Eine Charakterbildung, die nicht darauf zielt, dass Hesekiel die richtigen Glaubensätze sagt. Sondern die will, dass sein ganzes Leben Bekenntnis wird. Seine Existenz zum Zeichen wird.

Darf man das übertragen auf andere? Zumindest im Ansatz gibt es mir zu denken: Es kann doch sein, dass die Beschlagnahmung durch Gott, die wir Glauben nennen, zur Entfremdung führt, dass sie in die Isolation treibt, dass sie einen fremd sein lässt in einer Umgebung, die völlig anders unterwegs ist. Und dass Gott in solchen Geschehen, das uns schmerzt und auf uns lastet, unseren Charakter bildet.

Ob man über die Propheten hinaus denkend sagen darf: es gibt ein Lernen des Glaubens, das nicht nur unser Denken und Reden, sondern unsere ganze Existenz von Gott beschlagnahmt wird. In dem wir dazu geführt werden, dass der Anspruch Gottes an uns den Schmerz und die Belastungen nicht ausschließt sondern einschließt. Dass wir Zumutungen Gottes erfahren, die geeignet sind, irre an ihm werden zu lassen, weil wir nicht mehr wissen, was er will. Weil er seinen Berufungen an uns zu widersprechen, sie zu widerrufen erscheint. In Wahrheit aber führt er in die Tiefe einer Auslieferung an ihn, die wir von uns aus selbst nie suchen würden. Das kann Wahrheit hinter mancher Krankheit und mancher Krise sein – sie wird zum Werk Gottes, um uns seinem Weg neu zuzuführen.

 

Es gibt im Neuen Testament den Petrusbrief, der nicht nur das „Spitzenpersonal“, sondern alle Christen als „auserwählte Fremdlinge“, κλεκτος παρεπιδμοις  begreift, als „peregrini“. Dass daraus durch Lautverschiebungen bei uns die „pelegrini und damit die Pilger geworden sind, sei nur nebenher angemerkt. Christen – so der Petrusrief – sind im Grundsatz weltfremd. Wie Hesekiel.

 

Mein Gott, das mutest Du Deinem Propheten zu: Hineingezogen in den Schmerz, belastet von der Schuld, niedergestreckt – so muss er sein Leben fristen über lange Zeit.

Das mutest Du Dir selbst zu, den Schmerz des Lebens, die Last der Schuld der ganzen Welt, erhöht zu werden zwischen Himmel und Erde – ans Kreuz.

So teilst Du in Jesus das Leben der Welt. Dafür danke ich Dir. Amen