Warten auf das Wort

Hesekiel 3, 22 -27

22 Und dort kam des HERRN Hand über mich, und er sprach zu mir: Mach dich auf und geh hinaus in die Ebene; da will ich mit dir reden. 23 Und ich machte mich auf und ging hinaus in die Ebene; und siehe, dort stand die Herrlichkeit des HERRN, wie ich sie am Fluss Kebar gesehen hatte; und ich fiel nieder auf mein Angesicht.

             Wo ist dort? Dem Text nach spielt sich das folgende Geschehen in Tel-Abi ab. Hesekiel wird hinaus geschickt. Ins Freie, in die Ebene. „Hinaus muss Hesekiel, weil ihn Gott an eine stille Stätte führen will, abseits von der Neugierde anderer.“ (G. Maier,  Der Prophet Hesekiel, 1. Teil, Wuppertaler Studienbibel, Wuppertal 1998, S. 88) Es braucht diese Absonderung, weil Gott da mit ihm reden will.  Man hört die leise Stimme Gottes nicht im Stimmengewirr der großen Straßen. Und man sieht ihn nicht, wenn die Augen an den Reichtümern der Welt hängen.

Der Weg hinaus ist der Anfang einer umstürzenden Erfahrung. Hesekiel findet sich plötzlich der Herrlichkeit Gottes, kabōd jahwe. gegenüber wieder. Er wird ihrer gewahr, so wie er sie am Fluss Kebar gesehen hatte. Das wirft ihn um. Er wird überwältigt und fällt nieder. Man kann die Herrlichkeit Gottes nicht einfach so anschauen.

 24 Und der Geist kam in mich und stellte mich auf meine Füße. Und er redete mit mir und sprach zu mir:

             Hesekiel wird wieder aufgerichtet. Der Geist kommt und stellt ihn auf die Füße. Weil im Hebräischen der Artikel vor Geist fehlt, kann man auch übersetzen: „Und es kam Geist in mich.“ ( K.F. Pohlmann, Der Prophet Hesekiel, Kap. 1 – 19, ATD 22,1, Göttingen 1996, S. 76) Es bleibt offen, ob das Niederstürzen des Hesekiel zuvor etwas von einer Bewusstlosigkeit hat. Es scheint klar: Hier ist von der Rückkehr des Bewusstsein die Rede, nicht von einem Ergriffenwerden durch den Geist Gottes. Die überwältigende Gegenwart Gottes hat ihm möglicherweise das Bewusstsein geraubt. Erst, als er wieder bei sich ist, kann er hören. Vielleicht darf man es so lesen: Gott bereitet seinen Propheten nicht nur vor – er „erschafft“ ihn regelrecht.      

 Geh hin und schließ dich ein in deinem Hause! 25 Und du, Menschenkind, siehe, man wird dir Stricke anlegen und dich damit binden, dass du nicht unter die Leute gehen kannst. 26 Und ich will dir die Zunge an deinem Gaumen kleben lassen, dass du stumm wirst und sie nicht mehr zurechtweisen kannst; denn sie sind ein Haus des Widerspruchs.

             Seltsam: der zum  Wächter Berufene wird vom Platz gestellt. Einschließen, nicht mehr öffentlich auftreten. Mit allen Mitteln wird verhindert werden, dass er unter die Leute kommt. Es ist Gott selbst, der ihn verstummen lassen wird, die Zunge fesseln, lähmen. Damit wird unterbunden, dass  Hesekiel warnen kann.

Es kommt auf die zeitliche Einordnung der Texte an, wenn man versucht zu erklären, wer da nicht mehr gewarnt werden soll. Eine Auslegung sagt: diese Suspendierung des Hesekiel von seinem Auftrag bezieht sich auf die Zeit zwischen der ersten Deportation und dem Fall Jerusalems, also auf die Zeit zwischen 597 und 586. Die ersten Fortgeführten rund um Jojachin sind es, die in der Gola sitzen. Und sie werden als ein Haus des Widerspruchs   bezeichnet. Weil sie nicht gelernt haben aus der Katastrophe. Weil sie in stolzer Überheblichkeit immer noch daran festhalten, dass es bald vorbei sein wird mit dem Sein in der Fremde.

Es sind die gleiche Gruppen, mit denen sich auch Jeremia herum schlägt. Die in ihren falschen Hoffnungen unterstützt werden von Propheten wie Hananja:  „So spricht der HERR Zebaoth, der Gott Israels: Ich habe das Joch des Königs von Babel zerbrochen! Ehe zwei Jahre um sind, will ich alle Geräte des Hauses des HERRN, die Nebukadnezar, der König von Babel, von diesem Ort weggenommen und nach Babel geführt hat, wieder an diesen Ort bringen; auch Jechonja, den Sohn Jojakims, den König von Juda, samt allen Weggeführten aus Juda, die nach Babel gekommen sind, will ich wieder an diesen Ort bringen, spricht der HERR, denn ich will das Joch des Königs von Babel zerbrechen.(Jeremia 28, 2 – 4)

Weil sie sich dem Gericht Gottes innerlich verweigern, deshalb darf Hesekiel sie nicht warnen. Deshalb wird er für lange Zeit lahm gelegt. „Das Verstummungsmotiv erinnert an das Fürbitteverbot, das Jahwe Jeremia auferlegt: Jahwes Untergangsbeschluss steht unabwendbar fest… Es soll ausgeschlossen werden, dass Ezechiel der Sondergruppe der Erstexilierten mahnend und warnend als Mann, der zurechtweist, zur Seite steht…. Die Erstexilierten sind keine von Jahwe bevorzugte Sondergröße.“ (K.F. Pohlmann, aaO. S. 77)

           Hinter diesen Worten wird eine ausgesprochen schmerzhafte innerisraelitische Debatte sichtbar. Es geht um die Frage, wer das wahre Israel ist, wo die Herrlichkeit Gottes denn noch wohnt. Eine Position, die hier in Frage gestellt ist, besagt: die ins Exil Geführten – sie gehören ja zur Oberschicht, zum Umfeld des Königs – sind das wahre Israel. Die im Land zurückgelassenen kleinen Leute sind es nicht. In dieser Debatte ist das von Gott her angeordnete Verstummen des Propheten ein deutliches Signal: die in der Gola, die Erst-Exilierten haben keinen Vorsprung und keinen Vorrang vor denen, die im zerstörten Jerusalem zurück gelassen worden sind.

27 Wenn ich aber mit dir reden werde, will ich dir den Mund auftun, dass du zu ihnen sagen sollst: »So spricht Gott der HERR!« Wer es hört, der höre es; wer es lässt, der lasse es; denn sie sind ein Haus des Widerspruchs.

             Hesekiel wird nicht für immer stumm bleiben. Wenn Gott neu mit ihm reden wird, dann hat Hesekiel auch wieder etwas zu sagen. Was er zu sagen haben wird:  »So spricht Gott der HERR!« – adonai jahwe. „Ob die Verbannten hören wollen, bleibt ihnen nach wie vor freigestellt.“ (G. Maier,  aaO. S. 90) Wobei: es ist eine trügerische Freiheit: Wer diesem Wort nicht folgt, nicht auf das Wort hört, nicht gehorcht, der erweist die Wahrheit des Urteils: sie sind ein Haus des Widerspruchs.

Immerhin: Es wird dem Propheten angekündigt, dass ihm das widerfahren wird. Diese Isolation, dieses Stummwerden, das ihn hindert, seiner Berufung zu folgen! Es bleibt offen, ob er es deshalb auch verstehen kann. Erst wenn Gott ihm den Mund öffnet, wird er wieder etwas zu sagen haben. Es gilt, über Hesekiel hinaus: Propheten stehen nicht jeden Tag auf der Straße und jeden Sonntag auf der Kanzel. Sie sind abhängig davon, dass Gott ihnen den Mund auftut, dass sie ein Wort empfangen. Sonst haben sie nichts zu sagen. 

             Auch wenn der Prophet so darauf vorbereitet wird, dass er auf eine breite Ablehnungsfront stoßen wird, bleibt die Tatsache: Er wird wieder reden. Wird wieder Hörer für seine Botschaft suchen, wird wieder nach dem Gehorsam gegen das Wort Jahwes suchen. Weil ihm Gott ja doch Verantwortung auferlegt hat – für die Gottlosen und für die Gerechten. Er soll sie warnen.

 

Mein Gott, wir reden so oft von Dir. Wir tun so, als wäre Dein Wort immer verfügbar. In Wahrheit aber  haben wir nicht immer ein Wort empfangen, gehört, was Du willst. Wir haben nicht immer etwas zu sagen.

Manchmal gebietest Du uns Schweigen, warten auf ein Wort, auch wenn das schwer auszuhalten ist. Gib Du, dass wir hören üben und erst dann reden, wenn Du uns Dein Wort gibst und uns den Mund öffnest. Amen