Warnen! Mahnen! Umkehr einfordern!

Hesekiel 3,12 – 21

12 Und ein Wind hob mich empor, und ich hörte hinter mir ein Getöse wie von einem großen Erdbeben. Gelobt sei die Herrlichkeit des HERRN an ihrem Ort! 13 Und es war ein Rauschen von den Flügeln der Gestalten, die aneinanderschlugen, und auch ein Rasseln der Räder neben ihnen, ein Getöse wie von einem großen Erdbeben. 14 Da hob mich der Wind empor und führte mich weg. Und ich fuhr dahin in bitterem Grimm meines Geistes, und die Hand des HERRN lag schwer auf mir.

             Hesekiel wird „versetzt“. Hochgehoben, emporgehoben. Er wird in ein Geschehen hineingezogen, das ihn überwältigt. Und hört – so lese ich – in diesem Tosen einen Lobpreis-Ruf. Gelobt sei die Herrlichkeit des HERRN an ihrem Ort! Es ist also nicht einfach nur Lärm, nur Getöse. Sondern aus diesem Lärm kommt eine Botschaft. Ohne Aufforderung: Sag es weiter! Vielleicht gibt es hier doch eine Nähe zu der so anderen Erfahrung des Jesaja:  „Und einer rief zum andern und sprach: Heilig, heilig, heilig ist der HERR Zebaoth, alle Lande sind seiner Ehre voll! Und die Schwellen bebten von der Stimme ihres Rufens.“(Jesaja 6,3-4a)

So viel zeigt sich in den Worten: was Hesekiel hier erfährt, übersteigt sein Begreifen. Nicht nur seines. „Gerade hier brechen im Leser Fragen auf: War dieser Vorgang äußerlich oder nur eine geistige Erfahrung?“(G. Maier, Der Prophet Hesekiel, 1. Teil, Wuppertaler Studienbibel, Wuppertal 1998, S. 81) Vielleicht aber muss man es so in der Schwebe halten, wie es der Text in der Schwebe lässt und sich eingestehen: Wir wissen es nicht. Wir können das nicht auflösen. Auch die Erzählungen von Versetzungen, die es sonst gibt, z. B.: „Als sie aber aus dem Wasser heraufstiegen, entrückte der Geist des Herrn den Philippus und der Kämmerer sah ihn nicht mehr; er zog aber seine Straße fröhlich. Philippus aber fand sich in Aschdod wieder.“ (Apostelgeschichte 8,39-40) erklären nichts.

Mehr Gewicht liegt auf dem, was eindeutig innere Erfahrung des Hesekiel ist. Sein Erhobensein erfüllt ihn nicht mit hochgemuter Freude, erregter Erwartung. Was ihn packt, ist  ein bitterer Grimm. Er erlebt alles als Belastung, nicht als froh und dankbar empfangene Horizonterweiterung. Die Hand des HERRN lag schwer auf mir. Innerlich aufgewühlt, spürt er Überforderung. Aufträge Gottes lösen oftmals nicht Freude aus, sondern sie gehen „auf die Knochen“, an die Substanz.

 15 Und ich kam zu den Weggeführten, die am Fluss Kebar wohnten, nach und setzte mich zu denen, die dort wohnten, und blieb dort unter ihnen sieben Tage ganz verstört.

             Zu dieser inneren Erregung, zu dem heißen, aufgewühlten Herzen passt, was von Hesekiels Ankunft in Tel-Abib erzählt wird. Er setzt sich, verstört, irritiert, durcheinander, fassungslos. Das hat weniger mit dem „Transport” dorthin zu tun. Sondern mehr mit seinem Seelenzustand. Mit der Erfahrung der Gegenwart Gottes, seiner Herrlichkeit.

Wie von selbst assoziiere ich, dass Hesekiel diese sieben Tage schweigend verweilt. Er hat (noch) nichts zu sagen. Er muss erst einmal ankommen. Wahrnehmen, wo er ist. Die Parallele drängt sich auf. Die Freunde, die zu Hiob in sein Elend kommen, saßen mit ihm auf der Erde sieben Tage und sieben Nächte und redeten nichts mit ihm; denn sie sahen, dass der Schmerz sehr groß war.(Hiob 2, 13) Es könnte gut sein: Das, was Hesekiel dort sieht, macht ihn erst einmal stumm. Verschlägt ihm die Sprache.

 16 Und als die sieben Tage um waren, geschah des HERRN Wort zu mir:

             Es dauert. Gottes Worte sind nicht immer gleich verfügbar. Auch nicht für Propheten, die unter einer besonderen Berufung Gottes stehen. Am Ende dieser Wartezeit von sieben Tagen geschieht etwas. Hesekiel bezeugt: des HERRN Wort geschah zu mir. Wie – so fragen wir und erhalten keine Auskunft. „Jahwewort-Ergehensformel“(K.F. Pohlmann, Der Prophet Hesekiel, Kap. 1 – 19, ATD 22,1, Göttingen 1996, S. 69) nennen die Exegeten diese Wendung, die häufig in den Propheten auftaucht und kaschieren damit die eigene Hilflosigkeit. Wir haben keine Ahnung, wie man sich das vorstellen soll. Formt sich im Inneren des Hörers ein Wort? Gibt es einen Eindruck von außen? Hat er eine „Hör-Erfahrung“? Schöpft er dieses Wort aus dem Leben mit den geistlichen Quellen des Gottesvolkes? Wir wissen es nicht und mein Eindruck ist:  Diese vage Wendung wird bewusst gewählt, um die Unverfügbarkeit von des HERRN Wortes zu bewahren.

Umso klarer – geradezu bestürzend – ist dann allerdings der Inhalt des Herrnwortes.

17 Du Menschenkind, ich habe dich zum Wächter gesetzt über das Haus Israel.

             Wächter soll Hesekiel sein. Über Israel. Dazu ist er an diesen Ort gekommen – in die Gola. In die Fremde. „Man wird davon ausgehen können, dass das Bild des Wächters – unabhängig vom sprachlichen Ausdruck – als Mittel die Funktion eines Propheten zu erfassen und zu beschreiben, vorgeprägt und verbreitet ist.“ (K.F. Pohlmann, aaO., S. 72) Es ist aber sicher auch gut, in Erinnerung zu gehalten: der eigentliche Wächter Israels ist Gott selbst.

  „Wenn der HERR nicht das Haus baut,                                      so arbeiten umsonst, die daran bauen.                                       Wenn der HERR nicht die Stadt behütet,                                     so wacht der Wächter umsonst.“             Psalm 127, 1

             Hesekiels Wächterdienst ist also nichts anderes als eine Teilhaben an dem Wachen Gottes über seinem Volk. Er hat so als Wächter Anteil daran, wie Propheten auch sonst gesehen werden und sich selbst sehen: „in der Rolle der von Jahwe seinem Volk gesandten Mahner und Umkehrprediger.“ (K.F. Pohlmann, aaO. S. 73)

 Du wirst aus meinem Munde das Wort hören und sollst sie vor mir warnen. 18 Wenn ich dem Gottlosen sage: Du musst des Todes sterben!, und du warnst ihn nicht und sagst es ihm nicht, um den Gottlosen vor seinem gottlosen Wege zu warnen, damit er am Leben bleibe, – so wird der Gottlose um seiner Sünde willen sterben, aber sein Blut will ich von deiner Hand fordern. 19 Wenn du aber den Gottlosen warnst und er sich nicht bekehrt von seinem gottlosen Wesen und Wege, so wird er um seiner Sünde willen sterben, aber du hast dein Leben errettet. 20 Und wenn sich ein Gerechter von seiner Gerechtigkeit abwendet und Unrecht tut, so werde ich ihn zu Fall bringen und er muss sterben. Denn weil du ihn nicht gewarnt hast, wird er um seiner Sünde willen sterben, und seine Gerechtigkeit, die er getan hat, wird nicht angesehen werden; aber sein Blut will ich von deiner Hand fordern. 21 Wenn du aber den Gerechten warnst, dass er nicht sündigen soll, und er sündigt auch nicht, so wird er am Leben bleiben; denn er hat sich warnen lassen, und du hast dein Leben errettet.

Warnen soll Hesekiel – nicht aus eigenem Gutdünken, sondern aus dem Hören auf die Urteile Gottes. Siebenmal kommt das Wort „Warnen“ vor und gibt dem ganzen Abschnitt, der Dienstanweisung an Hesekiel ihr Gepräge. Warnen – das ist Ansagen, was als Unheil droht. Warnen vor mir heißt es ganz am Anfang. Irritierend für uns Heutige, die wir Gott eher für harmlos halten. Kann das ernsthaft gemeint sein? Gott ist doch lieb und gut! Einen Ausweg zeigt die andere Übersetzungsmöglichkeit: „In meinem Namen warnen“ – so noch die alte Luther-Übersetzung von 1984. Dann geht es nicht um einen Warnen vor Gott, sondern um ein Warnen im Auftrag Gottes. Dazu stimmt, dass Hesekiel ja erst hören soll, bevor er warnt.

So schön diese Erklärung sein mag – auch die andere, neuere Übersetzung hat ein inneres Recht. Vielleicht müssen heutige Leser neu lernen, dass Gott nicht der harmlose nette Kumpel ist, sondern heilig. Nicht nur als der „gute Gott“ angesprochen werden will und stillgestellt. sondern dass er ernst genommen sein will in seinem Anspruch auf das ganze Leben. Dass es neu zu lernen gilt: er ist konsequent in seiner Feindschaft gegen alle Sünde. Und deshalb auch gefährlich. Für alle, die sich in Sicherheit wiegen.

Die „Dienstanweisung“ (K.F. Pohlmann, aaO. S. 72) ist eindeutig: Hesekiel soll den Finger auf die Wunden legen. Er soll sagen, wenn einer auf dem Weg ist, der in den Abgrund führt, über dem das harte Urteil Gottes steht: Das ist kein Weg zum Leben, sondern ein Weg in den Tod. Du musst des Todes sterben! ist kein Gericht, das feststeht und sich nur noch vollziehen wird – es ist die Warntafel vor dem Abgrund. Das Warnen des Hesekiel und der Auftrag zu warnen an ihn hat ja nur dann Sinn, wenn Gott ernsthaft in Betracht zieht: Umkehr ist möglich. Es geht um ein Warnen der Gottlosen vor seinem gottlosen Wege, damit er am Leben bleibe. Und um einen Warnen des Gerechten, damit er sich nicht auf böse Wege verirren und verliert. Es ist die große Nüchternheit des biblischen Textes: Niemand ist immer in der gleichen Spur unterwegs. Es gibt die Möglichkeit des Spurwechsels – zum Bösen und zum Guten. Die Aufgabe des Propheten: den Spurwechsel zum Guten fördern, vor dem anderen Spurwechsel warnen.

             Man darf es nicht überlesen: Hesekiel wird mit der Ausrichtung seiner Botschaft behaftet. Würde er schweigen, wendet sich sein Schweigen gegen ihn selbst. Er muss reden, sagen, warnen. Die Einzelnen. Das ist das Neue an diesem Auftrag des Hesekiel: es geht nicht nur um das ganze Israel, es geht um jeden einzelnen und jede Einzelne. „Der göttliche Auftrag, der den Propheten an das Gottesvolk Israel sendet, schickt in einer in der Prophetie bisher so nicht gekannten Dringlichkeit auch an jeden einzelnen Wortempfänger.“ (W. Zimmerli, aaO. S. 92) Das Volk sind immer auch Einzelne, es ist nie nur Kollektiv.

 Das Ziel aller Warnrufe ist die Umkehr, ist Leben. Gott hat keine Lust daran, am Ende sagen zu können: Ich habe es euch ja gleich gesagt. Nein, sondern es ist so: Es geht diesen Worten darum, „Jahwe als einen Gott zu vermitteln, der das Leben will, dem alles daran liegt, Leben zu erhalten, der bis zuletzt nach Wegen sucht, den Frevler vor seinem Untergang zu bewahren. (K.F. Pohlmann, aaO. S. 74)

Das freilich gibt diesen Worten,  diesem Auftrag an Hesekiel seinen heiligen Ernst: Wenn Hesekiel ihn nicht ausführt, wird er schuldig. Wenn Hesekiel den Warnruf Gottes verschweigt, wird er schuldig am Tod des Gottlosen und schuldig am Tod des Gerechten, den er in sein Verderben hat laufen lassen.

„Wer das Wasser in der Wüste kennt und es verschweigt,
der ist schuld, wenn Sterbende es übersehn.
Wer im Moor die festen Wege kennt und sie nicht zeigt,
der ist schuld daran, wenn andre untergehn.“                                                                                                     M. Siebald, Kreuzschnabel 1999

Es ist eine Sicht, die weiß: Aus Gerechten werden leicht Leute auf dem falschen Weg, in falscher Sicherheit. Warnungen sind nicht überflüssig bei denen, die auf einem guten Weg sind und sie sind nicht von vornherein vergeblich bei denen in den Sackgassen des Lebens. Der Auftrag an Hesekiel verwehrt die Rolle des unbeteiligten Zuschauers. Hesekiel steht unter der Pflicht der Einmischung. Um Gottes willen und um des Lebens willen.

Es bleibt die Frage an den heutigen Bibelleser: ist das „nur“ Wort an Hesekiel? Es geht um Berufung zum Propheten, zu diesem harten Weg. Aber das ist nicht unsere Berufung. Ich bin nicht zum Wächter gesetzt über das Haus der Kirche. Auch nicht zum Wächter über meinen Ort, an dem ich lebe. Ich bin nur Wächter über mein eigenes Leben und vielleicht noch über das derer, die mir ganz nahe sind.  Dann wäre diese Geschichte nur historische Erinnerung ohne Anspruch an uns.

 

Darf man so denken? Oder steht man dann auf einmal neben Kain, der sagt: „Soll ich etwa meines Bruders Hüter sein?“(1. Mose 4,9 ). Es könnte ja auch sein, dass es beides gilt: Ja, ich bin nicht Wächter über die weite Welt,  auch nicht über Deutschland, auch nicht das ganze Haus der Kirche, nicht einmal über das Dorf, in den ich wohne. Aber dennoch gilt: Du sollst deine Stimme erheben. Du sollst warnen. Du darfst nicht wegschauen, wen du Unheil siehst. Du darfst nicht gleichgültig sagen: „Jeder ist seines Glückes Schmied.“ du magst nicht die Berufung zum Propheten haben, aber du hast ganz gewiss die Berufung zum Nächsten. Du bist verantwortlich für den, der neben dir lebt. Du sollst warnen, mahnen, ermutigen, auf den Weg Gottes rufen.

 

Warnend die Stimme erheben. Mahnen. Bedenke das Ende! rufen. Das alles ist nicht so leicht. Du, mein Gott, mutest es Deinen Leuten zu, dass sie sich querstellen, manchmal wie ein Spaßbremse wirken, dass sie über den Augenblick hinaus schauen.

 Wie oft möchten wir uns vor dieser Aufgabe drücken, Wächter zu sein, zu wachen und zu warnen. Wie oft wären wir gerne wie alle anderen.

Du aber hast uns herausgerufen, stellst uns in die Verantwortung auch für die, die sich gar nicht um Dich scheren. Mache uns treu gegen Deinen Ruf in unserer Berufung. Amen