Das Wort verinnerlichen

Hesekiel, 2, 1 – 3,3

 1 Und er sprach zu mir: Du Menschenkind, stelle dich auf deine Füße, so will ich mit dir reden. 2 Und als er so mit mir redete, kam der Geist in mich und stellte mich auf meine Füße, und ich hörte dem zu, der mit mir redete.

             Er – ich hörte einen – es bleibt vage. Es ist, als würde Hesekiel vor einer voreiligen Identifikation zurückschrecken. Es ist die Scheu, die jüdische Menschen bis heute davor zögern lässt, den Gottesnamen auszusprechen. Selbst nur direkt von Gott zu reden, so als wäre er umstandslos zuhanden.

Es ist der Geist, der Hesekiel wieder aufrichtet. Durch das Wort, das er an ihn richtet, an das Menschenkind. Adamssohn – bn ’dm Es wird die Anrede sein, die das ganze Buch Hesekiel durchzieht. Nie wird von Gott her sein Namen genannt. Immer bleibt er der Adamssohn, das Menschenkind. „Während im Amos- und im Jeremiabuch Jahwe seinen Propheten auch durchaus mit Namen ansprechen kann, wird der Prophet im Ez. ausschließlich und konsequent mit Menschensohn angeredet. 93-mal.“ (K.F. Pohlmann, Der Prophet Hesekiel, Kap. 1 – 19, ATD 22,1, Göttingen  1996, S. 63) Die Lutherübersetzung aber nimmt nicht das vom Hebräischen her naheliegende Menschensohn auf, sondern übersetzt konsequent mit Menschenkind. Warum? „Menschensohn ist aufgrund von Daniel 7,13 und des Sprachgebrauchs Jesu ein messianischer Titel geworden. Bei Hesekiel geht es aber nicht um einen messianischen Titel, sondern um die Betonung des Abstandes zwischen Gott und Mensch.“ (G. Maier, Der Prophet Hesekiel, 1. Teil, Wuppertaler Studienbibel, Wuppertal 1998, S. 68f.) Der Prophet wird nicht überhöht. Er ist und bleibt Mensch.  

Spannend: er kam in mich. Nicht nur über mich. Geht es also um eine Art Wiederbelebung? Wahrscheinlicher geht es darum, dass es eine völlige Neuausrichtung des Hesekiel geben wird, die in ihm anfängt und die nicht äußerlich bleiben wird. Man könnte auch mit Recht sagen: „Es geht um die Neuschaffung der prophetischen Existenz.“ (G. Maier,  ebda.) Es ist eine Berufungserfahrung, die hier erzählt wird. 

3 Und er sprach zu mir: Du Menschenkind, ich sende dich zu den abtrünnigen Israeliten und zu den Völkern, die von mir abtrünnig geworden sind. Sie und ihre Väter haben sich bis auf diesen heutigen Tag gegen mich aufgelehnt. 4 Und die Kinder, zu denen ich dich sende, haben harte Köpfe und verstockte Herzen. Zu denen sollst du sagen: »So spricht Gott der HERR!«

             Darauf kommt es an: ich sende dich. Hesekiel ist von Stund an ein Gesandter. Unter Auftrag. Sein Auftrag führt ihn nicht zu immer schon hörbereiten, aufnahmewilligen Leuten. Sondern zu solchen, die eigensinnig ihre eigenen Wege gehen. Die abtrünnig geworden sind, sich aufgelehnt haben, sich abgewendet haben von Gott und seinem Weg, vom Willen Gottes. Die zukünftigen Hörer und Hörerinnen des Hesekiel sind Menschen mit harten Köpfen und verstockte Herzen. So sind die Alten und so sind auch die Jungen.

In dieser Abwendung, in dieser Verstocktheit, in dieser Unwilligkeit und Weigerung, den Weg Gottes zu hören, sind die Israeliten wie die Völker, die von mir abtrünnig geworden sind. Sie sind zu gojim geworden, aufrührerisch, wie die Heiden. Sie haben ihren Status vor Gott verloren. Muss man es noch sagen: Dies alles ist die nüchterne Analyse Gottes über den Zustand des Volkes und sie macht den Auftrag an Hesekiel zu einer mission impossible.

 5 Sie gehorchen oder lassen es – denn sie sind ein Haus des Widerspruchs –, dennoch sollen sie wissen, dass ein Prophet unter ihnen gewesen ist.

             Gott macht sich nichts vor. Er weiß, wie dieses Volk „tickt.“. Er charakterisiert sie: ein Haus des Widerspruchs. Sechsmal verwendet Hesekiel im Lauf des Buches diese Bezeichnung. „Das hebräische Äquivalent für Haus bedeutet auch Dynastie; so wird hier betont auf die Generationenfolge verwiesen.“(K.F. Pohlmann, aaO. S.64) Das also kennzeichnet den Widerstand Israels: er ist mehr als nur eine Augenblicksgeschichte. Er ist die andauernde Haltung, eine tief verfestigte Wesensart. Er zieht sich durch die Generationen hindurch.

Es scheint gleich, wie sie reagieren. Wichtig ist allein dies: sie sollen wissen, dass ein Prophet unter ihnen gewesen ist. Sofort fragt man: Warum? Damit die Wege in die Ausreden versperrt sind: wir haben nichts gewusst. Wir sind nicht gewarnt worden. Der Prophet, hebräisch: nabi, ist notwendig, damit es sich  zeigen wird: die Gerichte Gottes sind keine Willkürakte. Sie sind angedroht worden und sie sind Antwort auf die verweigerte Umkehr.

 6 Und du, Menschenkind, sollst dich vor ihnen nicht fürchten noch vor ihren Worten fürchten. Es sind wohl widerspenstige und stachlige Dornen um dich, und du wohnst unter Skorpionen; aber du sollst dich nicht fürchten vor ihren Worten und dich vor ihrem Angesicht nicht entsetzen – denn sie sind ein Haus des Widerspruchs –, 7 sondern du sollst ihnen meine Worte sagen, sie gehorchen oder lassen es, denn sie sind ein Haus des Widerspruchs.

             Es ist schon ernüchternd, wie noch einmal die Art des Volkes charakterisiert wird – Dornen, Skorpione. „Dornen ist seit uralter Zeit ein Name für böse, schlechte Menschen;  Skorpione sind ein Bild des Schreckens.“ (G. Maier,  aaO. S. 72) Wer sich unter solche Leute begibt, wird verwundet werden. Es wäre also nicht verwunderlich, würde Hesekiel lieber einen Rückzieher machen, seine Sendung verweigern.

Und doch sendet Gott ihn genau dorthin, nicht ohne zu mahnen oder ist dies doch mehr ein Ermutigen? Du sollst dich vor ihnen nicht fürchten noch vor ihren Worten fürchten. Es ist eine Parallele, auf die man nicht kommen muss: Als Josua vor der Einnahme des Landes Kanaan, vor der  befestigten, uneinnehmbar scheinenden Stadt Jericho steht, da heißt es gleich dreimal: „Sei getrost und unverzagt. Lass dir nicht grauen und entsetze dich nicht; denn der HERR, dein Gott, ist mit dir in allem, was du tun wirst.“ (Josua 3, 6.7.9) Was im Vergleich auffällt: hier, bei Hesekiel, scheint die Beistandszusage Gotts zu fehlen!

8 Aber du, Menschenkind, höre, was ich dir sage, und widersprich nicht wie das Haus des Widerspruchs. Tu deinen Mund auf und iss, was ich dir geben werde. 9 Und ich sah, und siehe, da war eine Hand gegen mich ausgestreckt, die hielt eine Schriftrolle. 10 Die breitete sie aus vor mir, und sie war außen und innen beschrieben, und darin stand geschrieben Klage, Ach und Weh.

             Offenkundig, fernab aller psychologischen Deutungen: Gott weiß, dass sein Auftrag eine Zumutung ist, dass er Hesekiel Angst macht, dass er ihn latent überfordert. Er weiß anscheinend auch, dass es eine wirklich Gefahr ist, dass Hesekiel sich seiner Berufung verweigert. „Danke, ich nicht. Suche dir einen anderen für diese Mission.“ Er hat es ja nicht übersehen: auch Hesekiel ist ein Glied aus diesem Haus des Widerspruchs! Dem tritt Gott entgegen. Es wird auch darum gehen, dass sich der Prophet durch seinen Gehorsam trennt von den Wegen, die das Haus Israel geht. Aber: „Für eine Regung des Widerstrebens bleibt hier kein Raum.“ (W. Zimmerli, Ezechiel, BKAT XIII/1, Neukirchen 1969, S. 18)   

Damit er das kann, wird er „ausgerüstet“. Besser: alternativ ernährt. Er bekommt eine Schriftrolle, die soll er sich einverleiben. Verinnerlichen. Eine Hand hält sie ihm hin. Ob es die Hand Gottes ist oder „nur“ die Hand eines Engels, das bleibt in der Schwebe. Spielt auch letztlich keine Rolle. Wichtig ist: Hesekiel empfängt in dieser Schriftrolle mehr als nur Auftragsbestimmungen. Die auch. Von Anfang an ist mit dem, was er auf dieser Schriftrolle sieht, klar: Seine Botschaft wird Klage, Weh und Ach sein.

 3,1 Und er sprach zu mir: Du Menschenkind, iss, was du vor dir hast! Iss diese Schriftrolle und geh hin und rede zum Hause Israel! 2 Da tat ich meinen Mund auf und er gab mir die Rolle zu essen 3 und sprach zu mir: Du Menschenkind, gib deinem Bauch zu essen und fülle dein Inneres mit dieser Schriftrolle, die ich dir gebe. Da aß ich sie, und sie war in meinem Munde so süß wie Honig.

Das sind die Adressaten für Hesekiel: rede zum Hause Israel. Was hier anfängt, findet seine Fortsetzung im ganzen Buch: „Es wird sich weiterhin erweisen, dass Hesekiel oft dieses in seinen Tagen gar nicht mehr an einer Stelle vereinte „Haus Israel“ als sein Gegenüber anredet.“ (W. Zimmerli, aaO. S. 33) Hesekiel ist nicht nur zu den Deportierten in der Gola gesandt, auch nicht nur den Zurückgelassenen in Jerusalem, sondern zu beiden. Schon ganz zu Anfang des Buches und dann auch durchgehalten bis zum Schluss: Zeichen der Hoffnung für ganz Israel und nicht nur für einen Rest.

Noch einmal: Iss! Hesekiel gehorcht. Er empfängt damit seine Botschaft, er verinnerlicht sie regelrecht. Sie wird wirklich seine Botschaft. Sie bleibt nicht länger fremdes Wort. Er nimmt sie in sich auf. Sie geht durch ihn hindurch. „Die Unheilsbotschaft, aber – aufgezeichnet aus einem im Himmel präexistenten Buch – die Hesekiel zu essen bekommt, schmeckt ihm süß wie Honig. Das bedeutet wohl, dass er von nun an in dieser Sache ganz auf die Seite Gottes hinübergezogen ist; es besteht ein Einverständnis zwischen dem Propheten und seiner Botschaft.“ (G. von Rad, Theologie des Alten Testaments, Bd. II, München 1965, S. 233)

Wohl wahr, bis zu uns heute: „Hier wird uns ein eisernes Gesetz jeder echten Predigt veranschaulicht: Wer predigt muss zuerst empfangen, damit er weitergeben kann.“ (G. Maier,  aaO. S. 76)Ich lese allerdings noch mehr. Bei Josua finden wir die mehrfache wiederholte Beistandszusage:  „ich bin mit dir.“ (Josua 1,5) Bei anderen Propheten findet sich das so ähnlich. „Fürchte dich nicht vor ihnen; denn ich bin bei dir und will dich erretten, spricht der HERR. Und der HERR streckte seine Hand aus und rührte meinen Mund an und sprach zu mir: Siehe, ich lege meine Worte in deinen Mund.“ (Jeremia 1, 8 – 9) Bei Hesekiel scheint so eine Beistands-Zusage zu fehlen. Meine Frage: Kann sie fehlen, weil Hesekiel in der Schriftrolle mehr als eine bloße Inhaltsangabe seiner Worte empfängt, nämlich Gottes Gegenwart in seinem Wort? Mir könnte das gefallen: indem er sein Wort gibt, gibt Gott sich selbst.

Hesekiel wird beauftragt. Aber wir erfahren bis hierher nichts über den Inhalt seines Auftrages. Wir erfahren, dass er gesandt ist, aber nicht, mit welchem „Programm“. Von daher kann man sagen: „Dieses Amt ruht nicht in einem inhaltlich umrissenen Botschaftsgehalt… vielmehr ruht das Amt des Propheten allein in der personalen Bindung an den Sendenden, der allen Botschaftsinhalt in königlicher Freiheit in seines Hand behält.“(W. Zimmerli, aaO. S. 73)

 

Heiliger Gott. Dein Wort ist mehr als Information. Dein Wort ist Speise für die Seele, Orientierungshilfe in tausend Fragen, Wegweisung in den Wirren der Zeit.

An Deinem Wort halte ich mich fest, suche ich Halt und Trost. Aus Deinem Wort schöpfe ich Zuversicht. Der lange Atem meines Lebens kommt aus Deinem Wort.

Du gibst Dich selbst in Deinem Wort. Du kehrst bei uns ein. Du rührst mich an in der Tiefe meiner Angst. Du stärkst mich für den Weg, der vor mir ist. Du schenkst uns im Wort Deine Gegenwart. Amen