Was bleibt ist Ehrfurcht

Hesekiel  1, 22 – 28

22 Aber über den Häuptern der Wesen war es wie eine Himmelsfeste, wie ein Kristall, unheimlich anzusehen, oben über ihren Häuptern ausgespannt,

             Der Blick des Sehers wandert nach oben, über die Wesen hinaus, über die Räder hinaus. Dorthin, wo eine leuchtende Klarheit ist. Himmelsblau? Wie ein Kristall. Aber unheimlich, furchteinflößend. Der Blick kann sich in dieser Weite regelrecht verlieren.

Es ist ein Sehen über alles Sehen hinaus. Und sein Gegenstand, sein „Objekt“? Hesekiel verweigert hier noch zu sagen, was er sieht, nur ein wie deutet er wieder an. Vielleicht ist, was er sieht „der König aller Könige und Herr aller Herren, der allein Unsterblichkeit hat, der da wohnt in einem Licht, zu dem niemand kommen kann, den kein Mensch gesehen hat noch sehen kann.“(1. Timotheus 6,16) Zu sagen vermag der Seher das aber nicht.

23 dass unter der Feste ihre Flügel gerade ausgestreckt waren, einer an dem andern; und mit zwei Flügeln bedeckten sie ihren Leib. 24 Und ich hörte ihre Flügel rauschen wie große Wasser, wie die Stimme des Allmächtigen, wenn sie gingen, ein Getöse wie in einem Heerlager. Wenn sie aber stillstanden, ließen sie die Flügel herabhängen, 25 und es donnerte im Himmel über ihnen. Wenn sie stillstanden, ließen sie die Flügel herabhängen.

             Was dann wieder beschrieben wird, sind die Wesen, genauer hin ihre Flügel. Je nachdem, was sie tun, ist die Stellung ihrer Flügel – flugbereit, in Ruhe, zur Selbstbedeckung. Von diesem Bild aber geht auch Klang aus, Getöse, Geräusch, wie die Stimme des Allmächtigen, ēl šaddaj. Bis heute rätseln die Ausleger an diesem Gottesnamen herum. „Man hat Schaddai schon erklärt als „der Gewaltige, Starke“, oder als „der genügt“, oder als „Allerhöchster“ oder als „Herr des Berges.“ (G. Maier, Der Prophet Hesekiel, 1. Teil, Wuppertaler Studienbibel, Wuppertal 1998, S. 65) Kurz: der Namen entzieht sich dem erklärenden Zugriff so, wie sich Gott selbst dem erklärenden Zugriff entzieht. „Solches tut er nur darum, damit die Vernunft zu Schanden werde, da sie nicht glauben, sondern wissen will.“(M. Luther, Schriften, 24.Bd. S. 574, zit. nach: Luther Brevier, Hrsg. Th. Seidel, Weimar 2007, S. 131) Schöner und schärfer noch in der englischen Übersetzung: „Yet He only does this do ring shame upon reason, because it does not try to believe but tries to understand.“ (ebda.) 

26 Und über der Feste, die über ihrem Haupt war, sah es aus wie ein Saphir, einem Thron gleich, und auf dem Thron saß einer, der aussah wie ein Mensch. 27 Und ich sah, und es war wie blinkendes Kupfer aufwärts von dem, was aussah wie seine Hüften; und abwärts von dem, was wie seine Hüften aussah, erblickte ich etwas wie Feuer und Glanz ringsumher. 28 Wie der Regenbogen steht in den Wolken, wenn es geregnet hat, so glänzte es ringsumher. So war die Herrlichkeit des HERRN anzusehen.

             Wieder wie. Ein Saphir. ein Thron. Ein Mensch. Vorsichtiger: Ein Menschen-gestaltiger. Wieder entzieht das Wie das Gesicht des Propheten dem Zugriff des Verstandes, der sich alles erklären will, alles auf den Begriff bringen will. Definieren. Darum bin ich auch skeptisch, diese Vision so einfach in eins zu setzen mit Christus neben der Kraft Gottes. Zurückhaltend auch, sie mir zu erklären durch die naheliegende Parallele: „Ich sah in diesem Gesicht in der Nacht, und siehe, es kam einer mit den Wolken des Himmels wie eines Menschen Sohn und gelangte zu dem, der uralt war, und wurde vor ihn gebracht.“ (Daniel 7,13) Die Nähe ist unstrittig. Und doch muss man sich hüten mehr zu sagen als der Prophet: „Wie der Thron genau aussieht, wird nicht gesagt. Ebenso bleibt der Thronende selbst, abgesehen vom vage andeutenden Hinweis „wie der Anblick eines Menschen“ im funkelnden Licht und Feuerglanz verborgen.“(K.F. Pohlmann, Der Prophet Hesekiel, Kap. 1 – 19, ATD 22,1, Göttingen  1996, S. 59) Wer sind wir, dass wir über die Grenzen der geistgeleiteten Propheten hinaus mehr wissen wollen als was sie sehen und sagen!

Es ist eine Herausforderung, dieses „wie“ des Propheten auszuhalten. Zu akzeptieren, dass ihm die angemessenen Worte fehlen und er sich mit dem Wie begnügen muss und begnügt. Dass er sich immer nur der Wirklichkeit, die er sieht, annähert ohne sie wirklich fassen zu können. Das ist eine große Herausforderung an das eigene theologische Denken und Reden. Die eigenen Sätze durch solch ein „wie“ zu relativieren, ohne sie zu vergleichgültigen: sie sind Versuche, das Unsagbare doch irgendwie zu sagen. Sie werden falsch, wenn sie endgültige Definitionen sein sollen. Gott ist undefinierbar. Sie werden noch einmal mehr falsch, falscher – geht so ein Komparativ? – wenn ich andere an meinen Sätzen zu messen beginne.

Das freilich ist unabweisbar eine Gefahr. Meine Gefahr? Es gibt Sätze zu lesen, die die Gottesfrage als Frage nach Gott offenhalten wollen. „“Lasst uns Gott in der Natur wahrnehmen, das ist schon mal ein guter Ansatz. (J. Krόl, Religion, das ist abendfüllend; in: Chrismon spezial, das evangelische Magazin zum Reformationstag 2017; S. 24) Oder anders, aber auch weit über Gott: „Wir werden vielmehr zu fragen haben, ob er sich eher erkennen lässt als ein unauslotbares Gnaden-Kraftfeld, in dem und aus dem wir leben und in das hinein wir sterben und das uns väterlich-mütterlich zugewandt ist.“ (H.M. Barth, Christsein ohne Gott? Zu Heiner Geißlers Vorschlag, in Dt. Pfarrerblatt, 10/2017, S. 595) Es liegt nahe zu sagen: Gnaden-Kraftfeld – zu wenig. Aber Hesekiel sieht „etwas“ und beschreibt es vage. Weil die Worte fehlen. Weil alle Worte für diese Wirklichkeit zu klein sind nur Annäherungen im Ungefähren. am Ende bleibt ihm so nur der eine Satz: So war die Herrlichkeit des HERRN anzusehen.

Also: in dem, was Hesekiel sieht, sieht er die Herrlichkeit des HERRN. kabōd jahwe. Wieder ein Vergleich: ein Glanz wie im Regenbogen, im Zeichen der Treue Gottes, des Erbarmens Gottes. Das wird man hier wohl mithören dürfen: „Das ist das Zeichen des Bundes, den ich geschlossen habe zwischen mir und euch und allem lebendigen Getier bei euch auf ewig: Meinen Bogen habe ich gesetzt in die Wolken; der soll das Zeichen sein des Bundes zwischen mir und der Erde.“(1. Mose 9, 12-13) In seiner Treue zeigt sich seine Herrlichkeit.

Und als ich sie gesehen hatte, fiel ich auf mein Angesicht und hörte einen reden.

             Hesekiel hat mehr gesehen als er aushalten kann. So fällt er zu Boden. Das ist sicher auch Erschütterung bis ins Mark hinein. Überwältigt-Sein. Doch es ist auch noch mehr. „Und Mose verhüllte sein Angesicht; denn er fürchtete sich, Gott anzuschauen.“(2. Mose 3,7)  Es ist die Geste dessen, der sich unterwirft, der die Grenze anerkennt, die ihn von Gott trennt, die ihm seinen Platz anweist: Nur ein Mensch vor Gott. „Das Fallen auf das Angesicht ist die typische Haltung eines anbetenden Menschen.“ (G. Maier, aaO. S. 67) So wird Hesekiel dann auch bereit, einen reden zu hören.

Einmal mehr fällt es auf, wie zurückhaltend hier formuliert ist: er hörte einen reden. Eine weit spätere Parallele, wohl auch im Rückgriff auf Hesekiel so geformt: „Und ich hörte eine große Stimme von dem Thron her, die sprach.“ (Offenbarung 21,3) Es ist nicht der einzige Berührungspunkt der Offenbarung mit der uralten Prophetie des Hesekiel.     

 

Wie, immer nur wie. Du Heiliger. Wir können nur so von Dir reden. Stammeln. Nach Bildern suchen, von denen wir doch wissen: Sie reichen nicht hin. Kein Bild kann Dich fassen.

Was bleibt ist Ehrfurcht, Anbetung, Aushalten Deiner unbegreiflichen Gegenwart, Hören und Schweigen und Bleiben vor Dir. Amen