Gott – nicht auf einen Nenner zu bringen

Hesekiel 1, 1 – 21

1 Im dreißigsten Jahr am fünften Tage des vierten Monats, als ich inmitten der Verschleppten am Fluss Kebar war, tat sich der Himmel auf, und ich sah Erscheinungen Gottes. 2 Am fünften Tag des Monats – es war das fünfte Jahr, nachdem der König Jojachin gefangen weggeführt war –, 3 da geschah das Wort des HERRN zu Hesekiel, dem Sohn des Busi, dem Priester, im Lande der Chaldäer am Fluss Kebar. Dort kam die Hand des HERRN über ihn.

 Der Himmel tat sich auf. Alles, was im Buch Hesekiel folgen wird, muss auch unter diesem Hinweis gelesen werden. Die Erde ist kein abgeschlossener, hermetisch abgeriegelter Raum. Sie ist offen für Geschehen vom Himmel her. Offen dafür, dass Gott sich bemerkbar  macht, in die Weltwirklichkeit hinein. Das nennen wir Offenbarung. Offenbarung hängt nicht daran,  ob wir Gott glauben oder seine Existenz nicht für wahrscheinlich halten können. Sie hängt allein daran, dass Gott handelt. Vom Himmel her. Hesekiel 1,1 „ist die einzige Stelle im Ez-Buch, die so offen den himmlischen Wohnsitz Jahwes voraussetzt.“ (W. Zimmerli, Ezechiel, BKAT XIII/1, Neukirchen 1969, S. 46)

Das ist der Anfang – aus zwei Perspektiven betrachtet. Einmal hat das Ich des Propheten das Wort. Einmal auch einer, der über Hesekiel schreibt. Wir als Leser erfahren: Hesekiel ist einer der Verschleppten der ersten Deportation aus Jerusalem. Folgt man der Datierung, wie wir sie kennen, so führen diese Erscheinungen Gottes in das Jahr 593. Wir erfahren auch das Wo der Visionen: im Land der Chaldäer am Fluss Kebar. Damit ist deutlich: Der Prophet gehört zu den ersten Deportierten aus dem Jahr 597. In diesem Jahr wurde ein Teil der Führungsschicht Jerusalems zusammen mit König Jojachin weggeführt in das Exil nach Babylon.

Darüber hinaus wird biographisch von dritter Seite informiert: Hesekiel ist Sohn des Busi und selbst Priester. Es ist offensichtlich schon in diesen ersten Zeilen: Dem Text liegt an einer geschichtlichen Verankerung. Es geht um irdisches Geschehen, um „Weltgeschichte“. In dieses irdische Geschehen hinein erfährt der Prophet das Einwirken Gottes:  die Hand des HERRN kam über ihn. Und zuvor schon: das Wort des HERRN  geschah zu Hesekiel. „Die Art und Weise, wie das Wort Gottes den Propheten erreicht, wird nicht näher beschrieben.“ (G. Maier,  Der Prophet Hesekiel, 1. Teil, Wuppertaler Studienbibel, Wuppertal 1998, S. 52) Im fremden Land meldet sich der HERR – mit Macht. So könnte das Wort Hand auch übersetzt werden. Ein erstes Signal: die Macht Gottes endet nicht an den Siedlungs-Grenzen Israels.

Noch einmal: die Hand des HERRN kam über ihn. Hesekiel ist beschlagnahmt. Er ist unter fremder Herrschaft. Da gibt es kein Ausweichen, Gott bemächtigt sich eines Menschen. Offensichtlich auch noch ungefragt und ungerufen. Kein Wort über eine Bereitschaft des Hesekiel, sich rufen zu lassen. Kein Wort über eine Offenheit für solch eine Erfahrung. Kein Wort auch, dass er sich nach Gott gesehnt hätte. Was hier an Hesekiel geschieht, ist reines Widerfahrnis und in der Wendung steckt mit drin die Erfahrung der Überwältigung. Unheimlich und fremd für uns, die wir uns Gott allenfalls noch als geduldeten Gast denken. Hier ist ein übermächtiger Gott auf dem Plan.

 4 Und ich sah, und siehe, es kam ein ungestümer Wind von Norden her, eine mächtige Wolke und loderndes Feuer, und Glanz war rings um sie her, und mitten im Feuer war es wie blinkendes Kupfer.

Es folgt ein „Gesicht“. Was der Seher sieht, ist auf den ersten Blick wie eine Naturerscheinung, aber zugleich wird der Horizont gesprengt. Angedeutet durch das „wie“, das sich im Gesamt-Text des Buches nicht weniger als 27-mal wiederholen wird.  Das ist deshalb wichtig, weil es jede Auslegung davor bewahren kann so zu tun, als sei dieses Wie leicht in Deutungen und Erklärungen aufzulösen. Schon die Worte des Propheten sind schwebend, tastend, nach den richtigen Worten suchend. Wir sehen nicht mehr und genauer als der Prophet!

Aus dem Norden kommen der Wind, die Wolke, das Feuer. Man geht kaum fehl, wenn man darin Hinweise auf ein Kommen Gottes sieht. Mit vergleichbaren Worten wird wiederholt eine Gotteserscheinung beschrieben. „Das Einherfahren Jahwes konnte vom Süden, vom alten Gottesberg her, aber auch vom Zion her erwartet werden.“(K.F. Pohlmann, Der Prophet Hesekiel, Kap. 1 – 19, ATD 22,1, Göttingen  1996, S. 57) Vielleicht ist es auch angebracht, sich zu erinnern, dass bei anderen Propheten wiederholt der „Feind aus Norden“ (Joel 2,20) her angesagt wird. Hier nun geht es allerdings nicht um das Kommen eines Feindes, sondern um das Kommen Gottes.

 5 Und mitten darin war etwas wie vier Wesen; die waren 6 Und jedes von ihnen hatte vier Angesichter und vier Flügel. 7 Und ihre Beine standen gerade, und ihre Füße waren wie Hufe von Stieren und glänzten wie blinkende, glatte Bronze. 8 Und sie hatten Menschenhände unter ihren Flügeln an ihren vier Seiten; die vier hatten Angesichter und Flügel. 9 Ihre Flügel berührten einer den andern. Und wenn sie gingen, brauchten sie sich nicht umzuwenden; immer gingen sie in der Richtung eines ihrer Angesichter.

             Vier Wesen – anzusehen wie Menschen. Vage. Es schwingt „Überirdisches“ mit. Unwirkliches. Oder vorsichtiger: die Wirklichkeit, wie wir sie kennen, ist nicht die Wirklichkeit dieser Wesen. Menschenartig, aber vierflüglig.  Vielleicht hat für die Sicht die Erfahrung Bildmaterial geliefert. Es sind keine Götter, die hier geschaut werden, sondern Wesen, „die nach phönizischer und auch persischer Vorstellung als Himmelsträger fungierten.“ (K.F. Pohlmann, aaO. S. 58) Wenn man so will: Subalterne Wesen, die keine eigene Hoheit haben. Das erinnert an die Degradierung der Gestirne, die im babylonischen Denken göttlich waren, dem Schöpfungsbericht Israels nach aber nur Lampen.   

 10 Ihre Angesichter waren vorn gleich einem Menschen und zur rechten Seite gleich einem Löwen bei allen vieren und zur linken Seite gleich einem Stier bei allen vieren und hinten gleich einem Adler bei allen vieren. 11 Und ihre Flügel waren nach oben hin ausgespannt; je zwei Flügel berührten einander, und mit zwei Flügeln bedeckten sie ihren Leib. 12 Immer gingen sie in der Richtung eines ihrer Angesichter; wohin der Geist sie trieb, dahin gingen sie; sie brauchten sich im Gehen nicht umzuwenden.

 Die weitere Schilderung erklärt, warum der Seher sagt: Wesen. Sie sind nicht auf einen Nenner zu bringen: Menschen, Löwen, Stier, Adler – von allem etwas. Beweglich sind sie und wohin sie gehen, ist immer vorne. Das hat eine Anmutung von überall, von umfassender Gegenwart.

Kirchengeschichtlich hat diese Schau Langzeit-wirkung, die an sehr vielen alten Kirchen, beispielsweise am Dom San Rufino in Assisi, zu sehen ist.  Da werden die vier auf die Evangelisten gedeutet. Matthäus – der Mensch. Markus – der Löwe. Lukas – der Stier. Johannes – der Adler.

 13 Und in der Mitte zwischen den Wesen sah es aus, wie wenn feurige Kohlen brennen, und wie Fackeln, die zwischen den Wesen hin und her fuhren. Das Feuer leuchtete, und aus dem Feuer kamen Blitze. 14 Und die Wesen liefen hin und her, dass es aussah wie Blitze.

             Ich bin vorsichtig: Es geht um Licht, um Feuer, noch vorsichtiger: um Energie. Die Mitte zwischen den Wesen hat Ausstrahlungskraft. Sie setzt die Wesen in Bewegung.

 15 Als ich die Wesen sah, siehe, da stand je ein Rad auf der Erde bei den vier Wesen, bei ihren vier Angesichtern. 16 Die Räder waren anzuschauen wie ein Türkis und waren alle vier gleich, und sie waren so gemacht, dass ein Rad im andern war. 17 Nach allen vier Seiten konnten sie gehen; sie brauchten sich im Gehen nicht umzuwenden. 18 Und ihre Felgen waren hoch und furchterregend, ihre Felgen waren voller Augen ringsum bei allen vier Rädern. 19 Und wenn die Wesen gingen, so gingen auch die Räder mit, und wenn die Wesen sich von der Erde emporhoben, so hoben die Räder sich auch empor.

             Räder, die sich bewegen, die alles tragen, auf der Erde und doch zugleich fähig zu schweben. Räder aus edlem Material – wie ein Türkis. Ineinander verwoben. Wie für die Wesen gibt es auch für die Räder keine Richtungseinschränkung. Wo immer sie hingehen – es ist für sie vorne. Es gibt auch keine Bewegungsgrenzen. Beweglichkeit ist das Stichwort, das hier leitet. „Man kann leicht zu der Meinung kommen, die vier Räder stellten so etwas wie einen Wagen dar, etwa den Thronwagen Gottes.“(G. Maier,  aaO. S. 60)

             Und wie bei den Wesen, so ist es auch bei den Rädern: es geht immer gerade aus. Nichts, was sie zwingen könnte, ihren Weg zu ändern. „Aus dieser Beschreibung spricht die Kraft, die Wucht und das unaufhaltsame Vorwärtsschreiten einer Bewegung, die niemals korrigiert werden muss.“ (G. Maier,  aaO. S. 61)

Das wird so sein, dass diese Vision als Ganze etwas von der unfassbaren, unbegreiflichen Majestät Gottes widerspiegelt  – und gleichzeitig bin ich vorsichtig, daraus allzu gradlinig zu folgern: so ist es auch mit Gott. Es gibt für ihn nur geradeaus, keine Hindernisse, nichts, was ihn aufhalten kann. Ich glaube an einen Gott, der sich aufhalten lässt von der Not, aufhalten lässt vom Schmerz, den er wahrnimmt, der nicht einfach nur wuchtig durchzieht.

20 Wohin der Geist sie trieb, dahin gingen sie, und die Räder hoben sich mit ihnen empor; denn es war der Geist der Wesen in den Rädern. 21 Wenn sie gingen, so gingen diese auch; wenn sie standen, so standen diese auch; und wenn sie sich emporhoben von der Erde, so hoben sich auch die Räder mit ihnen empor; denn es war der Geist der Wesen in den Rädern.

Geistgetrieben. a, πνεμα, spiritus. Es ist der Geist Gottes, der hier leitet und lenkt, in Bewegung bringt. Die Wesen und die Räder folgen nicht eigenen Befehlen und Einfällen. Sie finden – so geleitet – ihren Weg durch alle Räume der geschaffenen und der himmlischen Welt. Der Geist ist kein Geist des Stillstandes, sondern der Bewegung.

Ich wage einen Brückenschlag ins Neue Testament, mehr assoziativ als streng belegbar: „Weil wir denn einen großen Hohenpriester haben, Jesus, den Sohn Gottes, der die Himmel durchschritten hat, so lasst uns festhalten an dem Bekenntnis.“(Hebräer 4,14)

 

Du heiliger Gott, Du bist unbegreiflich, unfassbar. Deine Gegenwart zerstört alle meine Bilder von Dir.

Du bist da, nah, überwältigend groß, in Bewegung und doch voll Ruhe. Majestät ist Dein Wesen, Licht Dein Kleid,Wärme und Bergung.

Du bist. Davon leben wir. Amen

 

Ein Gedanke zu „Gott – nicht auf einen Nenner zu bringen“

  1. Jeden Tag eine neue Entdeckung! Das empfand ich auch bei der Betrachtung der Lukastexte. Diese Überschrift gilt und ich danke für Ihre Entdeckungshilfen!!

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