Nicht locker lassen.

Lukas 18, 1 – 8

 Er sagte ihnen aber ein Gleichnis darüber, dass sie allezeit beten und nicht nachlassen sollten, 2 und sprach:

             Wieder ein Gleichnis. Es gewinnt seine Dringlichkeit aus dem, was vorher war. Es gilt ja, das Herz fest zu machen in der Zuversicht auf Gott. Es gilt ja, beständig zu werden in der Hinwendung zu Gott, sich einzuüben in das Leben vor ihm und mit ihm. Es gilt, beten zu lernen. Nicht nachlassen darin, sich nach Gott und seiner Hilfe auszustrecken. „Betet ohne Unterlass“(1. Thessalonicher 5,17) fordert Paulus die Gemeinde auf. Das ist ein Muss! Hier steht δεν, Kennzeichen für das Unbedingte, die göttliche Wirklichkeit und Notwendigkeit. Haben die Jünger zuvor noch gesagt: Stärke uns den Glauben (17,5), so zeigt Jesus  ihnen jetzt den Weg, wie das geht, dass der Glaube Stärke gewinnt.

Es sind Worte wie diese und Gleichnisse, die Luther zu seiner Sicht aufs Beten bringen.Rufen musst du lernen und nicht dasitzen bei dir selbst oder liegen auf der Bank, den Kopf hängen und schütteln und mit den Gedanken sorgen und suchen, wie du loswerdest und wie wehe dir sei und wie übel dir’s gehe. Sondern wohlan, auf deine Knie gefallen, die Augen zum Himmel gehoben, einen Psalm oder ein Vaterunser vorgenommen und deine Not vor Gott dargelegt, geklagt und angerufen.(Losungen vom  15.10.2017) Das hat er im Kloster geübt, ohne Nachlassen.

  Es war ein Richter in einer Stadt, der fürchtete sich nicht vor Gott und scheute sich vor keinem Menschen. 3 Es war aber eine Witwe in derselben Stadt, die kam zu ihm und sprach: Schaffe mir Recht gegen meinen Widersacher! 4 Und er wollte lange nicht. Danach aber dachte er bei sich selbst: Wenn ich mich schon vor Gott nicht fürchte noch vor keinem Menschen scheue, 5 will ich doch dieser Witwe, weil sie mir so viel Mühe macht, Recht schaffen, damit sie nicht zuletzt komme und mir ins Gesicht schlage. 6 Da sprach der Herr: Hört, was der ungerechte Richter sagt!

Richter sind unabhängige Leute. Das ist schon so, bevor es die Gewaltenteilung des demokratischen Staates gibt. Richter machen sich ihr Bild und entscheiden dann danach. Ein unabhängiger Richter, einer, der keine Furcht kennt – das ist eine Wohltat. Er ist nicht bestechlich, weder durch Geschenke noch durch Angst. Nicht einmal mit Gott kann man ihm Furcht einjagen. Es ist für mich nicht ausgemacht, dass Lukas ihn „in volkstümlicher Weise als einen Mann charakterisiert, der gottlos und selbstsüchtig ist.“ (W. Grundmann, Das Evangelium nach Lukas, Theol. Handkommentar zum NT 3, Berlin 1978, S.347) Für mich liegt der Ton auf seiner umfassenden Unabhängigkeit.

Diesem unabhängigen Menschen stellt Jesus das Bild einer Witwe entgegen. Sie ist das Bild von Abhängigkeit. Sie ist angewiesen auf Wohlwollen in der Verwandtschaft. Sie ist angewiesen auf Unterstützung durch Wohltäter. Sie hat selbst praktisch keine Rechte und auch kaum die Möglichkeit, eigene Ansprüche rechtlich geltend zu machen.  

Aber sie ist hartnäckig. Und klagt ihr Recht ein. Ob sie Recht hat mit ihrer Klage, ist nicht der Gegenstand der Erzählung. Auch nicht, ob „ihr Widersacher, ein einflussreicher und wohlhabender Mann, es sich leisten kann, über ihr Recht hinweg zu gehen.“ (W. Grundmann, ebda.)  Auch ob sie darauf hofft, dass  sie Recht bekommt, wird nicht erzählt. Nur, dass sie hartnäckig ist, nicht klein bei-gibt, dem Richter viel Mühe macht. Das zeichnet sie aus. Sie gibt nicht nach.

Sonderlich sympathisch scheint das alles nicht. Und wenn einer fürchten muss, dass sie zuletzt komme und mir ins Gesicht schlage, weckt das auch keine Zuneigung. Sie erscheint als Powerfrau ohne Macht, zänkisch, rechthaberisch wohl auch, dafür aber mit einem großen Beharrungsvermögen. Und das alles führt dazu, dass sie ihren Prozess gewinnt.

Es ist eine merkwürdige Formulierung: Ich will ihr Recht schaffen. Das klingt nach Rechtsbeugung, nach einem erwünschten Prozessausgang, damit endlich Ruhe ist und kein Personenschutz mehr nötig. Und Jesus nährt diesen Verdacht, wenn er sagt: Hört, was der ungerechte Richter sagt! Er ist ja nicht ungerecht, weil er furchtlos ist, ohne Ansehen der Person urteilt, weder Gott noch die Menschen scheut. Es scheint vielmehr so, dass er nur deshalb ungerecht ist, weil er der Witwe Recht schafft.

 7 Sollte Gott nicht auch Recht schaffen seinen Auserwählten, die zu ihm Tag und Nacht rufen, und sollte er’s bei ihnen lange hinziehen? 8 Ich sage euch: Er wird ihnen Recht schaffen in Kürze.

             Mit diesem ungerechten Richter setzt Jesus Gott in Beziehung. Wenn der Richter schon das Recht beugt, um seine Ruhe zu bekommen, wird dann nicht Gott erst recht das Recht seiner Leute wahren, es womöglich zu ihren Gunsten beugen, die nicht aufhören, ihm in den Ohren zu liegen? Es ist eine Wechselwirkung für die Christen: „Dem Hören, das sie dem Wort schulden (V.6) entspricht das Hören, das Gott ihnen schuldet und das er sicherlich ihrem unaufhörlichen Schreien gewährt.“ (F. Bovon, EKK III/3, Das Evangelium nach Lukas, Lukas 15,1 – 19,27, Neukirchen 2001, S.195) 

        Jesus hat keine Scheu vor zumindest ungewöhnlichen Vergleichen für Gott. Mit einer suchenden, armen Frau vergleicht er Gott, mit einem harten Herrn, mit einem kühl rechnenden Kapitalisten, mit einem in der Ferne weilenden Großgrundbesitzer, und hier eben mit einem Richter, der das Recht beugt. Und mit der armen, angewiesenen, aber hartnäckigen Witwe vergleicht er die Gemeinde, die Auserwählten.  Die κλεκτόι. Das sind sie von Gott her – vor der Welt aber sind sie nur ein Haufen, dessen Rechte fragwürdig sind. Im römischen Reich religiöse Leute zweiter Klasse. Ohne besonderen Schutzstatus.

Bis in die Wortwahl hält Jesus seinen Vergleich durch: Sollte Gott nicht auch Recht schaffen seinen Auserwählten? Ob es menschlichem Gerechtigkeitsempfinden entsprechen wird, wie Gott am Ende richtet? Ob es Gott kümmern wird, dass jemand sagt: das ist doch ungerecht? Kann Gott nicht richten, wie es ihm gefällt, wie es seiner Güte gefällt? Was für ein Bild von Gott und seiner Gnade! Rechtsbeugung zu Gunsten seiner Leute. Vielleicht aber muss man es sich immer neu vor Augen halten: Gott allein ist zuständig für das Recht, das Erbarmen heißt. Er allein ist doch der, der unser Leben aus der selbstverschuldeten Enge wieder ins Weite führen kann, zum Aufatmen.

Das andere, was Jesus anklingen lässt: Gott lässt sich die Zeit nicht bis ins Unendliche dehnen. Gott lässt es nicht zu, dass es so lange wird bis zum Jüngsten Tag, dass die Seinen darüber die Hoffnung und die Geduld verlieren. Er wird ihnen Recht schaffen in Kürze. Das ist die Antwort Jesu auf den lauten Ruf: Herr, wie lange noch?  Das ist die Antwort auf den Schrei der Märtyrer: „Und als es das fünfte Siegel auftat, sah ich unten am Altar die Seelen derer, die umgebracht worden waren um des Wortes Gottes und um ihres Zeugnisses willen. Und sie schrien mit lauter Stimme: Herr, du Heiliger und Wahrhaftiger, wie lange richtest du nicht und rächst nicht unser Blut an denen, die auf der Erde wohnen?“ (Offenbarung 6, 9-10) Gott stellt sich zu ihnen – und so schafft er Recht.

Recht, nicht Rache. Was uns befremdet, wird in der Schrift oft artikuliert. Die Feinde des eigenen Lebens werden schnell einmal in eins gesetzt mit den Feinden Gottes. Die einem das Leben eng machen, sollen weg. Sie sind uns und Gott zuwider. Und weil sie uns das Leben eng machen, wünschen wir sie uns weg, weit weg, dahin, „wo der Pfeffer wächst“, „auf den Mond“. „Soll sie doch der Teufel holen“. Aber das wagen wir nicht zu denken, geschweige denn laut zu sagen.

Ach Gott, wolltest du doch die Gottlosen töten!                                    Dass doch die Blutgierigen von mir wichen!                                        Denn sie reden von dir lästerlich,                                                           und deine Feinde erheben sich mit frechem Mut.                               Sollte ich nicht hassen, HERR, die dich hassen,                                   und verabscheuen, die sich gegen dich erheben?                              Ich hasse sie mit ganzem Ernst;                                                               sie sind mir zu Feinden geworden.             Psalm 139, 19-22

             Wir haben unsere Psalm-Texte von solchen Racheausrufen und Zornesausbrüchen säuberlich gereinigt, wenigstens für den Gebrauch im Gottesdienst. Das macht uns aber hilflos im Umgang mit Emotionen wie Zorn, Wut, Hass, Rachgier. Wir verbieten sie uns. Aber sind wir sie damit los? Die Beter in der Bibel geben ihrer Emotion Ausdruck – und damit geben sie sich und ihre Emotionen in Gottes Hand. Sie müssen nicht selbst in die Hand nehmen, sich zu rächen, ihrem Zorn freien Lauf zu lassen. „Rächt euch nicht selbst, meine Lieben, sondern gebt Raum dem Zorn Gottes.“ (Römer 12,19) Das hilft, das aus dem Gefühl kein Handeln wird.

Doch wenn der Menschensohn kommen wird, meinst du, er werde Glauben finden auf Erden?

            Glauben, πστις – wie bei dieser hartnäckigen Witwe? Glauben – wie im Schrei der Märtyrer? Durchgehaltenen Glauben? Durchgehaltenes Gebet? Es ist seltsam, wie sich die Redeform hier verändert – aus einem sachlich klingenden Satz wird eine direkte Frage, an die, die um Jesus stehen, an die, die das Evangelium lesen. Was meinst du? Und so gefragt, muss ich doch antworten, wie es bei mir steht. Es ist ja nicht wichtig, wie ich die anderen beurteile. Was findet der Menschensohn bei mir?

Manchmal denke ich: was er auf jeden Fall finden wird, ist eine verwundete Seele, die manchen Schmerz trägt. Nicht um sich selbst. Nicht um ungelebte Träume. Die gibt es auch. Vor allem aber Schmerz um die Lasten derer, die ich lieb habe. Diesen Schmerz halte ich ihm wortlos hin. Ob das Glauben ist? Ob das Beten ist?

 

Jesus, so unangenehm hartnäckig bin ich eher selten. Das ist nicht mein Naturell. Ich gebe schneller auf, schneller klein bei. Ich habe gelernt, mich zu schicken in die Umstände, in das Gegebene.

Du aber willst, dass wir nicht aufgeben, klein beigeben, nachlassen, uns fügen. Du willst, dass wir Gott in den Ohren liegen, ihm zusetzen, ihm zu schaffen machen, nicht locker lassen.

Hilf Du mir, der Du Tag und Nacht zu Gott gerufen hast, zu solcher Hartnäckigkeit, die Gott sein Handeln abzwingt, abnötigt. Amen