Vage Hoffnung – Danke

Lukas 17, 11 – 19

11 Und es begab sich, als er nach Jerusalem wanderte, dass er durch Samarien und Galiläa hin zog. 12 Und als er in ein Dorf kam, begegneten ihm zehn aussätzige Männer; die standen von ferne 13 und erhoben ihre Stimme und sprachen: Jesus, lieber Meister, erbarme dich unser!

Der Weg nach Jerusalem zieht sich. Es kommt zu immer neuen Begegnungen. Und als er in ein Dorf kam, begegneten ihm zehn aussätzige Männer; die standen von ferne. Hinter den Männern liegt eine schlimme Geschichte der Warnungen vor sich selbst. Sie sind  eingemauert in ihre Krankheit. Sie sind isoliert von allen anderen, draußen, ausgegrenzt, lebendig tot. Wer sie einmal waren, wo sie herkamen, ist nicht mehr wichtig. Mit der Diagnose „Aussatz“ ist über sie entschieden.  Bei lebendigem Leib verfaulen, sich selbst und anderen ein Ekel. Was ihnen bleibt, ist die Warnung vor sich selbst: „Unrein, unrein“, ist ein einsamer Weg in Höhlen und am Rande der Gesellschaft, ist die Hoffnung auf ein Stück Brot, einen Krug Wasser, den eine barmherzige Seele hinstellt. Eine Lebensperspektive haben die Zehn nicht: Nur einen Weg zum  Sterben haben sie noch vor sich.

Von diesen Zehn wird erzählt: Sie standen von ferne und erhoben ihre Stimmen und sprachen: Jesus, lieber Meister, erbarme dich unser. πισττα, Meister rufen sie – woher der Luther-Text das „lieber“ hat, erschließt sich mir nicht. „ἐπιστάτα , Vorsteher, Meister, Boss, Chef, jener, der eher die Macht als das Wissen hat.“ (F. Bovon, EKK III/3, Das Evangelium nach Lukas, Lukas 15,1 – 19,27, Neukirchen 2001, S.150) Es ist die Anrede eines schwachen Glaubens oder eines verstockten Verstandes, nicht die Anrede derer, die in Jesus ihren Herrn sehen.

Lukas erzählt nicht, begründet nicht, weist nicht darauf hin, dass sie von Jesus gehört hatten. Sie bleiben im Abstand – „sie waren als Unreine nach dem Gesetz verpflichtet, einen solchen Abstand zu wahren“(F. Rienecker, Das Evangelium des Lukas, Wuppertaler Studienbibel, Wuppertal 1976, S.407) – und überbrücken ihn doch. Da ist ihr Ruf um Erbarmen. Da ist seltsam unbestimmt vage Hoffnung. Wo nichts mehr zu hoffen ist, da rufen sie doch.

Unser Kyrie eleison, so wie wir es in jedem Gottesdienst singen, knüpft an diesen Ruf an. Vielleicht steht auch hinter dem Ruf der Gottesdienste dieses vage Wissen. Würden sie rufen: Heile uns – das wäre  Einforderung eines Gotteswunders. „Wer einen Aussätzigen heilt, der weckt einen von Toten auf – das kann nur Gott“ – so wusste man in Israel. Und Gottes-Erweise – Gottesbeweise – die lassen sich nicht so einfach einfordern. Darum „nur“: Meister, eleison.

Oft ist Gottvertrauen nicht mehr als eine vage Hoffnung. Nicht weiter wissen, nicht, was man beten soll, nicht aus noch ein wissen vor Furcht. Innerlich verzagt bis ans Ende. Sich aus Furcht vor Enttäuschung nicht trauen, Not konkret zu benennen und Bitten konkret auszusprechen „Kyrie eleison“ – wie von ferne her gerufen.

Mancher steht vielleicht Gott innerlich mehr fragend als zuversichtlich gegenüber. Mancher mag schwer an dem tragen, was er keinem Menschen sagen möchte. Mancher kann es sich vielleicht überhaupt nicht mehr vorstellen, dass die Klagen seines Herzens noch irgendwo ein Ohr, eine Antwort finden – und doch singt er im Gottesdienst: Kyrie eleison.

Überhaupt: wenn sie hier von ferne stehen und rufen, dann nehmen sie vorweg, was in der Passionsgeschichte gleich mehrfach erzählt wird. Da folgt Petrus von ferne (22,54) und die Bekannten Jesu  sehen von ferne (23,49), wie er am Kreuz stirbt. Es gibt eine Distanz zu Jesus, die nur von ihm her zu überwinden ist, nicht vom Menschen her.

14 Und als er sie sah, sprach er zu ihnen: Geht hin und zeigt euch den Priestern! Und es geschah, als sie hingingen, da wurden sie rein.

Und Jesus? Er hört ihren Ruf, sieht sie an und schickt sie auf einen Weg des Glaubens. Es gibt keine Blitzheilung, kein Wunder auf der Stelle. Es gibt einen Weg, den Jesus ihnen zeigt: Geht zu den Priestern. Und sie  lassen sich auf diesen Weg schicken. Sie gehen diesen Weg  mit ihrem verfaulten Fleisch, mit den bohrenden Fragen, mit der vagen Hoffnung.

Menschen werden lebensunfähig, wenn die Angst sie hindert, Schritte nach vorne zu tun. Sie scheitern schon am ersten Schritt, wenn sie nur Wege mit eingebauter Erfolgsgarantie gehen wollen. Wer das Risiko des Versuchens scheut, wird nie erfahren, was möglich gewesen wäre. Das gilt auch und erst recht für den Weg des Glaubens. Wird es helfen, wenn ich bete? Wird Gott hören, was ich erbitte? Wird Gott es gut werden lassen zwischen mir und meiner Frau, mir und meinen Kindern?  Wird Gott es gelingen lassen, dass wir einen neuen Anfang finden, dass wir wieder ein Gespräch werden?

           „Und da sie hingingen, wurden sie rein.“ Es ist damals so unglaublich wie heute  – diese Zehn gewinnen eine neue Lebensperspektive. Sie haben sich aus der Isolation gewagt durch ihr Rufen. Sie haben sich schicken lassen. Sie sind den Weg zu den Priestern gegangen. „Der gehorsame Vollzug bewirkt auf dem Wege die Heilung.“ (W. Grundmann, Das Evangelium nach Lukas, Theol. Handkommentar zum NT 3, Berlin 1978, S.327) Nun liegt das Leben wieder offen vor ihnen. Geheilt, nicht mehr unrein, sondern rein, nicht mehr gefangen, sondern neu gemeinschaftsfähig, nicht mehr zum Tod verurteilt, sondern zum Leben befreit.

15 Einer aber unter ihnen, als er sah, dass er gesund geworden war, kehrte er um und pries Gott mit lauter Stimme 16 und fiel nieder auf sein Angesicht zu Jesu Füßen und dankte ihm. Und das war ein Samariter. 17 Jesus aber antwortete und sprach: Sind nicht die zehn rein geworden? Wo sind aber die neun? 18 Hat sich sonst keiner gefunden, der wieder umkehrte, um Gott die Ehre zu geben, als nur dieser Fremde? 19 Und er sprach zu ihm: Steh auf, geh hin; dein Glaube hat dir geholfen.

Wenn die Geschichte hier zu Ende wäre – eine rundum schöne Geschichte. Aber sie ist nicht zu Ende. „Einer aber unter ihnen, als er sah, dass er gesund geworden war, kehrte er um und pries Gott mit lauter Stimme und fiel nieder auf sein Angesicht zu Jesu Füßen und dankte ihm. Und das war ein Samariter.“ Merkwürdig: die Juden sind die Undankbaren, der Samariter der Dankbare. Hier stellt sich am kleinen Beispiel der seltsame Lauf der Sache Jesu dar. Die Jesus am nächsten sein müssten, weil sie die Zuwendung Gottes auf überwältigende Weise empfangen haben, gehen zur Tagesordnung über; die “weit weg” waren, nehmen ihn an.

Darin liegt zu allen Zeiten die Gefahr der Kirche und die Chance der Nicht-Kirche. Unsere Gefahr: Dass zwischen Gott und uns alles bereinigt ist, ist so in uns eingesickert, dass es uns nicht mehr wundert, sondern langweilt. Sucht Gott Verbindung mit uns, um uns sein Gutes, ja, um sich selbst zu schenken, dann lassen wir ihn wissen, dass wir keinen Bedarf haben. Zöllner, Sünder, Samariter und Heiden nehmen es beglückt und staunend an und bekunden dem, der ihnen ihr neues Leben schenkte, ihre Dankbarkeit. Es ist eine kritische Sicht: „Glaube, wenn er nicht von Dankbarkeit begleitet ist, wenn er eindimensional bleibt, ist nicht authentisch.“ (F. Bovon, aaO. S. 152) 

Die Chance der Fern-stehenden, der Distanzierten, der Fremden: Was uns in den engen Grenzen der Kirchen zu einer längst inventarisierten Selbstverständlichkeit geworden ist und nichts mehr in uns in Bewegung bringt, erfahren sie an sich als das große Wunder, als beglückende Entdeckung. Etwas von dieser Dankbarkeit findet sich in einem Gedicht von Hans Magnus Enzensberger:

Empfänger unbekannt – retour a`l´expediteur

 Vielen Dank für die Wolken.                                                                      Vielen Dank für das wohltemperierte Klavier                               Und, warum nicht, für die warmen Winterstiefel.                       Vielen Dank für mein sonderbares Gehirn                                     Und für allerhand andre verborgene Organe,                                  für die Luft, und natürlich für den Bordeaux.                              Herzlichen Dank dafür, dass mir das Feuerzeug nicht ausgeht,     und die Begierde, und das bedauern, das inständige Bedauern.    Vielen Dank für die vier Jahreszeiten                                              Und die Zahlen und für das Koffein,                                                     und natürlich für die Erdbeeren auf dem Teller,                                  gemalt von Chardin, sowie für den Schlaf,                                      für den Schlaf ganz besonders,                                                             und, damit ich es nicht vergesse,                                                         für den Anfang und das Ende                                                              und die paar Minuten dazwischen                                                     inständigen Dank,                                                                                      meinetwegen für die Wühlmäuse draußen im Garten auch.

             Dankbarkeit verändert das Verhalten zu den Mitmenschen. Sie gibt zu erkennen: Ich habe dich in dem, was du mir zuliebe getan hast, verstanden. Mir ist deine Liebe nicht selbstverständlich so dass ich sie achtlos hinnehmen dürfte; sie ist mir ein kleines Wunder. Du hättest nicht gemusst, aber du wolltest. Ich hab’s auch nicht schnell wieder vergessen, ich weiß es noch! Danke!

Erst recht gilt dies Gott gegenüber. Wir sind schnell bereit, ihm vorzuhalten, was er uns – nach unserer Meinung – schuldig geblieben ist; aber sehr faul sind wir im Danken. Dahinter steht vielleicht die dumm-dreiste Meinung unseres alten Adam: Wenn schon Gott, dann selbstverständlich so, dass er im Schenken, Wohltun und Bewahren seinen göttlichen Verpflichtungen pünktlich und pausenlos nachkommt. Für Geschuldetes dankt man nicht. Und – so denken viele: Gott ist uns doch  unser alltägliches Glück schuldig.

Weil Gott uns das alles nicht schuldig ist, weil es sich nicht von selbst versteht, darum fragt Jesus: Sind nicht die zehn rein geworden? Wo sind aber die neun? Es hat sein Gutes, vergangene Gefahren, Ängste, Traurigkeit und Verzweiflung zu vergessen. Es hat sein Gutes, einen neuen Weg einfach ohne Rückschau anzufangen. Aber es ist nicht gut, dass wir wiedererlangtes Glück hinnehmen, als müsste das so sein.

Man darf den Geheilten gratulieren. Man wird ihnen das neu geschenkte Leben bei den Ihren, in ihrem Beruf, in Alltag und Feier von Herzen gönnen. Aber dass sie den vergessen, dem sie es verdanken! Darum mahnt der Psalm-Beter – sich selbst und alle, die mit ihm beten:

Lobe den HERRN, meine Seele,                                                                und was in mir ist, seinen heiligen Namen!                                          Lobe den HERRN, meine Seele,                                                               und vergiss nicht, was er dir Gutes getan hat:                                      der dir alle deine Sünde vergibt                                                                und heilet alle deine Gebrechen,                                                            der dein Leben vom Verderben erlöst,                                                   der dich krönet mit Gnade und Barmherzigkeit,                                 der deinen Mund fröhlich macht                                                              und du wieder jung wirst wie ein Adler.                                                         Psalm 103, 1 – 5

Am Ende heißt es: Dein Glaube hat dir geholfen.  Im Griechischen steht da mehr, doppeldeutiger: σσωκν σε  – geholfen, gerettet. Lukas will, dass wir dieses Geschehen als Erlösung begreifen – eine „Erlösung jenseits der rein körperlichen Wiederherstellung.“ (F. Bovon, aaO. S.154) Diese geistliche, spirituelle Dimension  geht in der Übersetzung hat dir geholfen doch ein wenig unter und verloren. Dabei ist gerade dies der Zielpunkt der Erzählung des Lukas!    

Glaube, πστις, ist in der Bibel nie eine in uns selbst erzeugte und sich selbst tragende Gläubigkeit, eine innere Einstellung zu sich selbst und zur Welt, durch die wir – gäbe es auch keinen “Retter” – unsere “Rettung” selbst zuwege brächten. In dem Einen, dem Fremden, der zurückgekommen ist mit seinem Dank, ist die Erkenntnis aufgewacht, dass  ihm hier in Jesus der Geber seines neuen Lebens selbst begegnet ist. Er hat den “Gott-für-mich” entdeckt. Das ist Glaube, der das Danken lernt und nicht vergisst.

Das ist vielleicht auch umgekehrt  die Erkenntnis, die durch das Danken erwächst: Ich entdecke den „Gott-für-mich“, an den ich mich hängen darf, im Leben und im Sterben:

Wenn ich nur dich habe,                                                                     dann frage ich nicht nach Himmel und Erde,                                       wenn mir gleich Leib und Seele verschmachtet.“                                  Psalm 73, 25-26

            Solchen Glauben kann keiner sich selbst geben, keiner von uns – aber Gott will ihn in uns wachsen lassen. Und der Dank für empfangene Wohltaten ist ein Schritt zu solchem Wachstum.

 

Jesus Christus. Danke. Danke für alle gute Erfahrung. Danke für alles Glück, das große Unbegreifliche und das kleine Unscheinbare, Alltägliche.

Danke für die Stimmen, die mein Ohr erreichen und mir Worte sagen, die mir gut tun. Danke für die Aufgaben, denen ich mich stellen kann, die mich herausfordern, mich über mich selbst hinauslocken.

Danke für alles Heil, das ich erfahre mit meinem Leib, in meiner Seele und das mich hoffen lässt.

Danke für Deine Geschichten. die mich sehen lehren, mir den Mund öffnen, das Herz erwärmen, den Glauben wecken, der sich Dir vertrauen will. Ziehe unser Leben in Deine Geschichte hinein, dass wir und andere ermutigt werden, froh werden und dankbar. Amen