Du hast genug …

Lukas 17, 1 – 10

 1 Er sprach aber zu seinen Jüngern:

             Wechselt die Zuhörerschaft und mit ihnen das Thema? Zuvor waren Pharisäer um Jesus herum. Jetzt spricht er mit seinen Jüngern. Zuvor war der Reichtum das verbindende Thema, jetzt wird ein anderes Thema angeschlagen. Es geht um die Gemeinde. Die Worte Jesu sind nach innen gerichtet.

Es ist unmöglich, dass keine Verführungen kommen; aber weh dem, durch den sie kommen! 2 Es wäre besser für ihn, dass man einen Mühlstein an seinen Hals hängte und würfe ihn ins Meer, als dass er einen dieser Kleinen zum Abfall verführt.

               Jesus ist illusionslos. Er weiß um die Gefahr der Verführung, der Stimmen, die von außen auf die Gemeinde eindringen, den Glauben in Frage stellen, Enge verbreiten oder in eine Weite locken, in der man sich verlieren kann. Aber es sind nicht die Verführer von außen, die hier gemeint sind. Es sind die, die in der Gemeinde ihre Stimme erheben und auf falsche Wege locken.

Das ist in vielen neutestamentlichen Schriften ein Thema. „Die Lehre vom Abfall war Teil der mündlichen Unterweisung der Urkirche.“ (F. Bovon, EKK III/3, Das Evangelium nach Lukas, Lukas 15,1 – 19,27, Neukirchen 2001, S.133) Paulus findet schärfste Worte, wenn es um „Irrlehrer“ geht: „Mich wundert, dass ihr euch so bald abwenden lasst von dem, der euch berufen hat in die Gnade Christi, zu einem andern Evangelium, obwohl es doch kein andres gibt; nur dass einige da sind, die euch verwirren und wollen das Evangelium Christi verkehren. Aber auch wenn wir oder ein Engel vom Himmel euch ein Evangelium predigen würden, das anders ist, als wir es euch gepredigt haben, der sei verflucht.“ (Galater 1,6-8) Und er ist mit seinen Warnungen gewiss, dass sein Thema  kein Einzelfall ist.

        Unmöglich sagt Jesus – und wir hören: es ist nicht auszuschließen. Es ist geradezu zwangsläufig, dass es dazu kommt, dann Menschen verführt werden. Aber das griechische, sehr seltene Wort ννδεκτς meint mehr – es ist ursprünglich unannehmbar, unzulässig. Man darf sich nicht damit abfinden. Schon gar nicht widerstandslos.

Man kann schon bei flüchtiger Durchsicht der entsprechenden Texte den Eindruck haben, dass die Gefahr der Verwirrung durch christliche Abweichler höher eingeschätzt wird als die Gefahr, die aus der Bedrängnis und dem Angriff von außen entsteht. Der Druck von außen führt zusammen, die unterschiedliche Lehre aber spaltet.

Von daher ist auch die Schärfe dieses Jesus-Wortes wohl zu verstehen. Wer sich durch irgendwelche Lehren von der Gemeinde entfernt, der findet kaum noch den Rückweg. Er geht der Gemeinde „verloren“. Er endet im Niemandsland.

 3 Hütet euch! Wenn dein Bruder sündigt, so weise ihn zurecht; und wenn er es bereut, vergib ihm. 4 Und wenn er siebenmal am Tag an dir sündigen würde und siebenmal wieder zu dir käme und spräche: Es reut mich!, so sollst du ihm vergeben.

               Es gibt daneben die andere Gefahr, die nicht aus der Lehre, sondern aus dem Leben entsteht. Menschen verletzen einander. Menschen, auch Christen, verrennen sich manchmal im Leben. Sie tun, was die Gemeinde belastet, womöglich zerstört. Das kann alles Mögliche sein – Gerede, Falschheit, Suchen des eigenen Vorteils, unfaires Verhalten, Ausnützen, aber auch sexuelle Übergriffigkeit und Machtgier. Die Formulierung ist wohl bewusst unscharf, um nicht aus der Verantwortung zu entlassen. Es geht aber wohl immer um Sünde, die verletzt, andere belastet und in ihrem Person-Sein beeinträchtigt. Das legt sich durch den Ausdruck an dir sündigen nahe.

Gefordert ist dann vergeben, vergeben, bis an die Grenzen des Erträglichen – oder müsste man nicht sagen: Über die Grenze des Erträglichen hinaus? Es gehört zum Alltag, dass Menschen durch Streit und Zorn hindurch wieder zurechtkommen müssen. Sie sind verletzt worden und werden um Vergebung gebeten. Wer wollte da nicht verzeihen. Aber wenn es sich dauernd wiederholt? Wenn einer dauernd mit einem in übler Weise umgeht und meint, es mit einigen Worten wieder gutmachen zu können? Wo ist da die Grenze? Jesus nennt sie seinen Jüngern: siebenmal. Das klingt maßvoll gegenüber dem, was Matthäus in ähnlichem Zusammenhang überliefert: „siebenmal siebzigmal.“ (Matthäus 18,22) Wer aber weiß, wie schwer Vergeben werden kann,  der weiß auch, dass siebenmal schon hart an die Grenze gehen kann.

Und doch: Die Gemeinschaft in der Gemeinde und dass keiner aus der Gemeinde abirrt und verloren geht, sei es durch falsche Lehre, sei es durch falsche Lebensschritte, ist ein hohes Gut. „Wie man es verstehen muss, die Schwachen zu schützen, indem man den Schuldigen entfernt, muss man es auch verstehen, die Sünder ohne Zögern wieder einzugliedern, sobald sie bereuen.“ (F. Bovon, aaO. S.139) Der Klartext der Sünde gegenüber darf nie zur unbarmherzigen Härte dem Sünder gegenüber werden. Klarheit – ja, aber keine Klarheit, die den Rückweg verschließt. Darum sich zu mühen ist die Aufgabe aller und wer immer wieder Vergebung übt, der stellt sich dieser Aufgabe. Er erlebt aber auch, wie sehr er darin angewiesen ist auf    eine stete Stärkung des eigenen Glaubens. Also: Kein Grund zum Hochmut.

 5 Und die Apostel sprachen zu dem Herrn: Stärke uns den Glauben!

Stärke uns den Glauben!” So bitten die Jünger Jesus. Ihre Bitte ergibt sich aus dem, was vorher verhandelt worden ist – aus dem Schauen auf die drohenden Verführungen und auch aus der Aufforderung zu einem Vergeben, das nicht zur Engführung wird und die Barmherzigkeit vergisst. Das zusammen führt die Apostel – hier wie sonst nur noch fünfmal im Evangelium des Lukas statt der gängigen Bezeichnung “Jünger” – zur Einsicht: Wir brauchen mehr Glauben, mehr Vertrauen.

Was ja auffällt: mit keiner Silbe ist die seelische Kraftanstrengung erwähnt worden, die unaufhörliches Vergeben bedeutet.  Wer das Leben anschaut, sich selbst, der weiß, wie viel Kraft es braucht, jeden Tag neu anzufangen. Jeden Tag neu zu hoffen. Den Erfahrungen von gestern zum Trotz zu sagen: Heute ist ein neuer Tag. Und ich will dem/der, der/die mich so abgrundtief verletzt hat, gekränkt hat, neu begegnen. Ich will abschütteln, was mich bitter macht, mich sonst verbittern lässt. Ich will den neuen Anfang – aber er verlangt mir unendlich viel Kraft ab. Darum: Stärke uns den Glauben!

Πστις , Glauben ist mehr als das Fürwahrhalten einiger Lehrsätze, mehr als Aufsagen des Glaubensbekenntnisses. Es ist das Vertrauen zu Gott, das sich im Umgang mit Menschen zeigt. Gottvertrauen, das Menschen gegenüber barmherzig werden lässt, geduldig, nachsichtig. Das den Satz „Alle sind von Gott geliebt“ ins Leben übersetzt. Wer so um Glauben und Vertrauen bittet, kommt sich nicht stark vor. Der erlebt es vielmehr immer wieder, dass sein Glaube schwach ist, angefochten, geprüft und geschüttelt im Sturm des Lebens. „Die Gesprächspartner Jesu stehen der Größe der Aufgabe – vor allem jener des Vergebens – hilflos gegenüber und bitten deshalb Jesus um Hilfe.“ (F. Bovon, aaO. S.140) Ihre Bitte entsteht  also am Leben, in den Stunden des Alltags und durch ganz normale Begegnungen unter Menschen und nicht in irgendeiner Sonderwelt.

Zum Alltag gehört der Gang zu trauernden Menschen. Das ist oft ein schwerer Gang. Das ist ein Gang, auf dem der Mut einen verlassen kann. Es geht dann ja Menschen entgegen, die schwer getroffen sind: Sie tragen eine offene Wunde in ihrem Leben. Sie schlagen sich mit Fragen herum. Sie haben Anklagen in ihrem Herzen.  Und dann inmitten dieses Leides ein Zeuge Gottes sein? Da wird der Glaube herausgefordert – nicht das Wissen um die Worte der Schrift, sondern das Vertrauen auf den lebendigen und gegenwärtigen Gott, auf den Herrn, der mitten im Leid nahe ist. Da lernt einer dieser Bitte: „Mehre uns den Glauben!

Die Jünger sind keine rekord- oder wundersüchtigen Leute: Sie sind Menschen, die um die Schwäche und die Anfälligkeit ihres Glaubens wissen. Sie sind Leute, die darum wissen, dass das Leben eine stärkere Kraft braucht, als sie sie von sich aus haben, dass die Begegnung mit all den Anforderungen sie bis ins Letzte fordert und dass sie nur standhalten können, wenn ihr Glaube stark ist.

Was für ein Irrtum herrscht da, wo man sagt: Wir nehmen unser Schicksal in unsere Hände. Was für ein Irrtum herrscht da, wo man so tut und so denkt, als könnte man mit ein bisschen gutem Willen und ein bisschen Verstand und ein bisschen Mitmenschlichkeit und humaner Gesinnung das Leben meistern. Wer noch an sich selbst und seine Kräfte glaubt, wird die Bitte der Jünger nicht mitsprechen wollen. Wer aber in seinem Leben die Ohnmacht des guten Willens und des Verstandes schon erfahren hat, der wird diese Bitte immer wieder zu seiner eigenen machen. Der erfährt allein schon darin, dass Jesus diese Bitte nicht abweist, ein Stück Evangelium, ein Stück gute Botschaft.

6 Der Herr aber sprach: Wenn ihr Glauben hättet so groß wie ein Senfkorn, dann könntet ihr zu diesem Maulbeerbaum sagen: Reiß dich aus und versetze dich ins Meer!, und er würde euch gehorchen.

Jesu Antwort Wenn ihr Glauben hättet so groß wie ein Senfkorn ist keine Aufforderung zu glaubensmäßigen Bravourstückchen. Jesus will nicht aus seinen Jüngern Leute machen, die es nun probieren: Kann mein Glaube eine Sykomore ins Meer verpflanzen, kann mein Glaube Berge umstürzen? Jesus will nicht, dass einer an seinem Wort nun verzweifelt, weil er sich es sagen muss: So etwas habe ich noch nie erlebt. So etwas hat mein  Glaube noch nie zustande gebracht – und dann die Schlussfolgerung zieht: Demnach ist es mit meinem Glauben überhaupt nichts – nicht einmal wie ein Senfkorn ist er. Ich habe einen Glauben, der nichts erlebt, nichts bewirkt, nichts zustande bringt. So ein Glaube ist gar kein Glaube.

Jesus antwortet auf die demütige Bitte nicht mit einem geradezu zynischen Wort. Er antwortet mit einer Verheißung: Du, der du an deinem Glauben verzweifelst, der du seine Schwäche siehst, der du ihn in seiner ganzen Kleinheit und Kleinmütigkeit vor Augen hast – du brauchst eines nicht zu vergessen: Auch der kleinste Glaube hängt an einem großen Herrn. Auch der kleinste Glaube darf sich in die Worte zusammenfassen: „Herr, ich glaube, hilf meinem Unglauben.“(Markus 9,24) „Auch der kleinste Glaube, der die Größe eines Senfkorns, des kleinsten Körnchens hat, vermag zu wirken, was für Menschen unmöglich ist, weil Glaube Gottes Kraft empfängt.“(W. Grundmann, Das Evangelium nach Lukas, Theol. Handkommentar zum NT 3, Berlin 1978, S.333)

Damit korrigiert Jesus das Denken über den Glauben: Nicht an der Glaubensfestigkeit der Glaubenden hängt seine Kraft – an dem Herrn hängt alles. Nicht daran, dass wir alle Angst und allen Zweifel ständig selbst überwinden – dass er der Herr ist, der aller Angst und allem Zweifel zum Trotz die Stimme auch des kleinsten Glaubens noch hört. Wir wünschen uns manchmal einen großen Glauben: Aber was wir brauchen ist etwas anderes: In der konkreten Situation den Mut, mit unserem kleinen Glauben Jesus zu vertrauen.

Manch einer, manch eine wird von Ängsten und Nöten, von den Bedrängnissen, die er/sie durchstehen muss, getrieben. Und manchmal ist auch die Gemeinschaft der Glaubenden keine Hilfe, wenn die Lasten der Seele zu groß werden. Dann bleibt immer noch der Schritt in die Klage vor Gott, bleibt immer noch der Ruf nach diesem Herrn.

Glaube  wächst nicht anders als im Wagnis: Der kleine Glaube muss riskiert werden, muss probiert und das heißt versucht werden und er wird darin erstarken, weil er eine unerhört beglückende Erfahrung macht: In meinem kleinen Glauben ist mir der Herr doch nahe.

Ein großer Glaube ist ein Glaube, der alles weiß und versteht, der die Rätsel der Welt entschlüsseln kann und der sich in dieser Welt zurecht findet und zurecht helfen kann. Solch einen großen Glauben wünscht man sich wohl oft. Aber Not tut uns etwas anders: Dass wir an Jesus hängen, dass wir von ihm abhängig bleiben und nichts anderes tun als ihm unsere ganze Lebenslage entgegen rufen – mit dem Glauben, der in uns ist, mit dem Maß, das er uns geschenkt hat: Der uns den Glauben gibt nach seinem Maß, der wird uns auch erhören.

7 Wer unter euch hat einen Knecht, der pflügt oder das Vieh weidet, und sagt ihm, wenn der vom Feld heimkommt: Komm gleich her und setz dich zu Tisch? 8 Wird er nicht vielmehr zu ihm sagen: Bereite mir das Abendessen, schürze dich und diene mir, bis ich gegessen und getrunken habe; danach sollst du auch essen und trinken? 9 Dankt er etwa dem Knecht, dass er getan hat, was befohlen war?

Wie gehört das zusammen – die Bitte um die Stärkung des Glaubens und dann diese so strenge Ansprache? Oder gehört es gar nicht zusammen und steht nur zufällig hintereinander? Meine Unterstellung: Stärke uns den Glauben – das hat so einen Beigeschmack von Fortschritt, Vorwärts, Entwicklung. Dem gegenüber setzen die Worte Jesu jetzt einen anderen Akzent. Der Fortschritt des Jünger-Seins, des Christenlebens führt nicht nach oben, sondern nach unten, nicht in die Selbstständigkeit, in die Autarkie, sondern in den Dienst.

Jesus knüpft wieder an das an, was die Jünger kennen: Herren pflegen ihren Knechten nicht die Arbeit abzunehmen sondern zuzuteilen. Alltagserfahrung damals – und mancherorts auch heute: Es geht um „das Leben eines bescheidenen Bauern und seines Sklaven. Dessen Tag endet nicht mit der Feldarbeit, sondern im Haus, wo er noch das Abendessen zubereiten und servieren muss. Der Sklave tut hier lediglich seine Pflicht, und der Hausherr hat keinen Grund, ihm dafür in besonderer Weise seine Dankbarkeit auszudrücken.“ (F. Bovon, aaO. S.141) Es wäre eine totale Ausnahme, wenn der Herr seinen Knecht abends vor dem Ende der Arbeit zu Tisch bitten würde. „Erst die Arbeit, dann das Spiel“ ist keine Kinder-Regel. Es ist der Normalfall. So geht das Leben.

Wenn wirklich einmal alles getan ist, geht es weiter: Bereite mir das Abendessen, schürze dich und diene mir, bis ich gegessen und getrunken habe; danach sollst du auch essen und trinken? Fertig gibt es nicht – es gibt immer noch etwas zu tun. So ist die Logik auch in der heutigen Arbeitswelt. Freizeit, Urlaub – nur wenn es den Bedürfnissen und Abläufen der Firma entspricht. Der Mitarbeiter ist immer erreichbar, verfügbar, auch in seiner freien Zeit  – dafür sorgt heute die moderne Sklavenkette Smartphone.

Und die Erwartung des Lobes? „Hast du heute dein Kind schon gelobt?“ –  Der Herr im Erzählen Jesu käme auf so etwas wohl gar nicht. Nicht geschimpft ist genug gelobt, das würde ihm eher entsprechen.

Es ist nicht unser Lebenstraum, dass wir so kommandiert und herum-befohlen werden – wir wollen frei sein. Wir wollen unser Leben selbst gestalten und selbst verwirklichen. Das Wort Jesu, aber sagt unerhört hart und scharf: Ihr seid Knechte – ja mehr noch: ihr seid Sklaven. Δου̃λος ist der Sklave. Ihr könnt und sollt euch nicht nach einem eigenen Lebensentwurf strecken, sondern nach dem Entwurf, den Gott für euch hat. Ihr seid Gott euer Leben schuldig. Darauf zielt dieses Wort ja ab.

Es geht um die Anerkennung, dass wir unter Befehl stehen, unter dem Befehl Gottes. Diese Anerkennung ist nicht leicht zu tragen. Es gibt zwei Möglichkeiten: Einmal, dass auf dem Thron unseres Lebens unser eigenes Ich sitzt. Es geht dann nach unserem Willen und unseren Vorstellungen. Oder auf dem Thron unseres Lebens sitzt Gott und es geht nach seinen Vorstellungen und seinem Plan.

 10 So auch ihr! Wenn ihr alles getan habt, was euch befohlen ist, so sprecht: Wir sind unnütze Knechte; wir haben getan, was wir zu tun schuldig waren.

           „Wir sind unnütze Knechte“ – das wird nicht als das hochmütige Wort eines Chefs oder Kommandanten in den Mund gelegt und eingefordert: Es ist Wort aus dem Mund dessen, der selbst der Knecht Gottes geworden ist, und gerade darin der geliebte Sohn geworden und gewesen ist. Er sagt es vor – damit die Jünger es nachsagen.

Alles hängt bei diesem Wort daran, dass es Jesus sagt. Er, der von sich selber sagt: „Ich bin nicht gekommen, dass ich mir dienen lasse, sondern dass ich diene und gebe mein Leben zu einer Erlösung für viele.“(Markus 10,35); Er, der sagen wird: „Vater, nicht mein Wille, sondern dein Wille geschehe.“ (22,43) Dieses Wort von den Knechten sagt der, der sich vor seinen Jüngern hin kniet und ihnen die Füße wäscht, und damit als Herr den Dienst des letzten Sklaven übernimmt. (Johannes 13, 4 – 16) Das sagt der, von dem die Bibel bekennt: „Er, der in göttlicher Gestalt war, hielt es nicht für einen Raub, Gott gleich zu sein, sondern entäußerte sich selbst und nahm Knechtsgestalt an, ward den Menschen gleich und der Erscheinung nach als Mensch erkannt. Er erniedrigte sich selbst und ward gehorsam bis zum Tode, ja zum Tode am Kreuz.“ (Philipper 2, 6-8)

So gehört ist dieses Wort Jesu die Einweisung in eine Lebensform, in der er selbst gelebt hat, Einweisung in die Lebensform, in der wir als die geliebten Kinder gleichfalls leben dürfen. Das ist wohl der Gegensatz, der uns zu schaffen macht: Mit „Knecht“ verbinden wir Befehl und Gehorsam, verbinden wir Mühe und Arbeit, Anstrengung und manchmal auch Stöhnen. Da ist es kein Wunder, dass wir lieber davon reden, dass einer Kind Gottes ist – da klingt so etwas wie Freiheit auf, wie Liebe, wie Behütet-Werden und Bejaht-Werden.

Aber Knecht und Kind Gottes – das ist für die heilige Schrift gerade kein Gegensatz. Noch einmal: Jesus, der Knecht Gottes, ist der geliebte Sohn. Von daher kommen wir in die Nähe Jesu, wenn wir uns das gesagt sein lassen: ihr seid Knechte und nachsprechen: Wir sind unnütze Knechte; wir haben getan, was wir zu tun schuldig waren.

             Die Wortwahl lässt keinen Zweifel. Hier wird auch Kirche verhandelt. Das Feld, γρός, ist das Missionsfeld und pflügen – ροτρι ist die Verbreitung des Wortes Gottes. Auf die Kirche, die Gemeinde hin gelesen, sind die Worte so zu verstehen: „Lukas erwartet also von den Verantwortlichen, dass sie ihre Aufgabe mit Eifer und Treue erfüllen, ohne dafür eine besondere Form von Glückwunsch oder Belohnung zu erwarten. Gott benötigt Männer und Frauen, aber er betrachtet jene als unnütze, die sich für besonders unentbehrlich halten.“ (F. Bovon, aaO. S.142)  Heißt das ins platte Deutsch übersetzt: Nicht geschimpft ist genug gelobt? Darf also keine und keiner enttäuscht sein, wenn es keine anerkennenden Worte für Fleiß und Einsatz zu hören gibt? Wenn die Urkunden ausbleiben für 25, 40, 50 Jahre treuen Dienst?

In den so herben Worten Jesu steckt: Was wir leben, sind wir Gott schuldig. Es gibt kein Leben, keinen Schritt, keinen Tag, den wir nicht empfangen würden und für den wir nicht in Verantwortung stehen. Es gibt nichts, was wir tun, das nicht aus seinem Wirken schöpft. Darum gilt zugleich: Wir müssen nicht so tun, als hätten wir uns Gottes Anerkennung zu verdienen. Gott hat uns längst zuvor anerkannt durch seinen Sohn Jesus Christus, der uns in die Jüngerschaft gerufen hat. Darum ist alles  Arbeiten „nur“ Antwort auf diese Anerkennung Gottes.

„Er ist mir täglich nahe und spricht mich selbst gerecht.                 Was ich von ihm empfange, gibt sonst kein Herr dem Knecht.       Wie wohl hat’s hier der Sklave – der Herr hält sich bereit,       dass er ihn aus dem Schlafe zu seinem Dienst geleit.“                       J. Klepper 1938,EG 452

 

Herr Jesus, so leicht kommt es mir über die Lippen: Gib uns mehr… Und dann stehen meine Wünsche Schlange. Keine Äußerlichkeiten, keine Dinge, aber mehr soll es sein – mehr Zeit, mehr Kraft, mehr Hoffnung, mehr Liebe, mehr Glauben. Davon kann ich doch nie genug haben.

Du aber sagst: Was du hast ist genug, genug für das, was dir vor den Füßen liegt, genug für die Aufgaben deines Tages. Tue es. Deine Zeit reicht. Deine Kraft reicht. Deine Hoffnung reicht. Deine Liebe reicht. Dein Glauben reicht. Amen