Anspruchsvoll

Lukas 16, 10 – 18

10 Wer im Geringsten treu ist, der ist auch im Großen treu; und wer im Geringsten ungerecht ist, der ist auch im Großen ungerecht. 11 Wenn ihr nun mit dem ungerechten Mammon nicht treu seid, wer wird euch das wahre Gut anvertrauen?

An diese schräge Geschichte schließt sich – fast klingt es wie eine Korrektur – eine Mahnrede zur Treue im Kleinen, im Geringsten an. Ist es vorstellbar, dass der gleiche Jesus, der diese vorangehende Geschichte vom ungerechten Haushalter so moralfrei erzählt, auch mit solchen Sätzen mahnt? Das klingt ja nach Ermahnungen, wie sie ein Vater seinen Kindern zuteil werden lässt: Ihr müsst euch im Geringsten bewähren, bevor ihr größere Aufgaben anvertraut bekommt. Das ist so völlig in der soliden Logik eines bürgerlichen Lebens. Und das soll O-Ton Jesu sein?

In den Worten Jesu steckt schon eine ziemliche Herausforderung, an die Hörer damals wie an die Leserinnen und Leser heute: ν λαχστ, im Geringsten bezieht sich auf die irdischen Besitztümer. Auf das, was wir uns unter Blut, Schweiß und Tränen erarbeitet haben. Auf das, worauf wir stolz sind, was uns einen Platz in der Gesellschaft sichern hilft. Paulus kann sagen: Gemessen an der Ewigkeit ist das alles Mist, Dreck, ein Haufen Kot. „Aber was mir Gewinn war, das habe ich um Christi willen für Schaden erachtet. Ja, ich erachte es noch alles für Schaden gegenüber der überschwänglichen Erkenntnis Christi Jesu, meines Herrn. Um seinetwillen ist mir das alles ein Schaden geworden, und ich erachte es für Dreck, auf dass ich Christus gewinne.“(Philipper 3,7-8) In einer Zeit, in der täglich der DAX-Stand in der Tagesschau Thema ist und die Verleihung von Bundesverdienstkreuzen bis in die Regionalzeitungen berichtet wird, scheint Vorsicht geboten, gar zu eilig zu sagen: alles nur Kleinigkeiten, nur unbedeutend. Unwesentlich.

Der Inhalt der Mahnung ist klar: Es geht um die Treue und Bewährung. Es geht um Verlässlichkeit im Einstehen, um Verlässlichkeit im Umgang mit anvertrautem Gut. Wer etwas veruntreut, ist nicht verlässlich. Wer etwas nach eigenem Gutdünken verwendet, ist nicht verlässlich. An dem, was die Welt hoch schätzt, am Geld, gilt es doch nur zu lernen, was wirklich zählt: Den Umgang mit den anvertrauten geistlichen Gütern, mit der Kostbarkeit des Lebens.

Das ist jetzt dann doch vielleicht wieder “jesuanisch”, Jesus-mäßig: Dass das Leben mehr ist als Hab und Gut, dass  das Leben mehr ist als Reichtum und Geltung. Das wahre Gut ist das, was Gott uns anvertraut – Leben aus seiner Liebe.

12 Und wenn ihr mit dem fremden Gut nicht treu seid, wer wird euch geben, was euer ist?

             Der irdische Besitz bleibt immer fremdes Gut. Nichts Eigentliches, nichts, was uns als Person ausmacht. Wir sind mehr als unser Haus, unser Auto, unsere Jacht. „Das letzte Hemd hat keine Taschen“, sagt der Volksmund und erinnert so daran: wir werden alles loslassen müssen. Es gehört uns nicht. Unser Besitz bleibt fremdes Gut, nur geliehen auf Zeit. Trotzdem darf man es nicht verlottern und verludern lassen.

Vielleicht schwingt hier – bei der Frage der Verlässlichkeit – noch anderes mit. Es geht um die verlässliche Weitergabe des Evangeliums. Aber auch das Evangelium wird nie zum Eigentum derer, die es gehört haben, die es weitersagen. Es ist ein fremdes Wort, nicht geboren aus unserem Nachdenken, sondern es ist Nachsprechen der Worte Gottes. Es geht um die Treue zum Wort, das empfangen worden ist. Darauf legt ja die erste Christenheit großen Wert: Weitergeben, was wir empfangen haben. Nichts dazutun, nichts weglassen. Nicht kluge Fabeln, nicht schöne Geschichten erzählen. Was treue Menschen einem anvertraut haben, weitergeben. Nichts dazu tun, nichts weglassen. Es ist und bleibt fremder Besitz, anvertraut, geliehen. Es wird nie „mein Evangelium“, sondern es bleibt immer das Evangelium Jesu Christi – sein Evangelium, das von ihm sagt und das er sagt, hoffentlich auch durch uns. Erst in der Treue zu diesem fremden Gut wird daraus auch eigener Lebensgrund und eigenes, tragfähiges Lebensfundament.

13 Kein Knecht kann zwei Herren dienen; entweder er wird den einen hassen und den andern lieben, oder er wird an dem einen hängen und den andern verachten. Ihr könnt nicht Gott dienen und dem Mammon.

Aber nun wendet sich das Wort doch wieder zurück – aus der „spirituellen Sphäre“ in die Niederungen der Realität. Reichtum hindert die Gottesliebe. Die Liebe zum Geld, zum Wohlleben hindert, den Weg Jesu zu gehen. Es ist ein Entweder-oder, das zu schaffen macht – sicherlich damals nicht weniger als heute. Hängen am Besitz hindert auch die Sorglosigkeit – so weiß es das Matthäus-Evangelium, das dieses Wort Jesu im Zusammenhang der Rede Jesu überliefert, in der er in die Freiheit von der Sorge ruft: „Niemand kann zwei Herren dienen: Entweder er wird den einen hassen und den andern lieben, oder er wird an dem einen hängen und den andern verachten. Ihr könnt nicht Gott dienen und dem Mammon. Darum sage ich euch: Sorgt euch nicht um euer Leben, was ihr essen und trinken werdet; auch nicht um euren Leib, was ihr anziehen werdet. Ist nicht das Leben mehr als die Nahrung und der Leib mehr als die Kleidung? (Matthäus 6, 24-25)

Wie anders dagegen manche Zeitgenoss Jesu. „Im damaligen Judentum war es gemäß Nachfolge- oder Besitzrecht nicht unmöglich, zwei Herren zu gehören. Dazu kommt, dass die Rabbis beim Nachdenken über die irdische und himmlische Welt gerne davon sprachen, dass die Menschen zwei Herren haben, einen irdischen und einen himmlischen.“ (F. Bovon Das Evangelium nach Lukas, EKK III/3; S. 94)

                Es mag ja sein, dass die erste Christenheit mehrheitlich eine Arme-Leute-Bewegung war. Aber damit ist das Problem dieser harschen Worte noch nicht erledigt. Es gab schon ein paar reiche Sympathisanten, rund um die Jesus-Bewegung.

Lässt sich diese Spannung auflösen? „Haben als hätte man nicht“? (1.Korinther 7,29)„Alles verkaufen und den Armen geben – und so einen Schatz im Himmel erwerben?“ (18,22) Oder kommt man aus dieser Spannung nicht heraus – und muss den inneren Kampf aufnehmen, den Kampf um die innere Freiheit vom Besitz. „Immobilien machen im-mobil“  ist ein netter Spruch, um die Unbeweglichkeit von Kirche zu charakterisieren. Aber wenn man das Wort auch nur versuchsweise auf sich selbst anwendet, wird es deutlich unangenehmer.

Jesus geht es um eine Entscheidung. Er stellt Leute vor die Wahl: Gott oder das Geld? Hinter mir her oder bleiben, wo ihr seid. Das Herz festmachen im Besitz oder es hingeben an mich. Es hilft, noch einmal genauer hinzuschauen: „Die von Jesus den Menschen gestellte Entscheidungsfrage lautet nicht: Gut oder böse, gerecht oder ungerecht, fromm oder gottlos; sie fragt nicht, was der Mensch aus sich heraus sein will, sondern wem der Mensch gehört. (W. Grundmann, Das Evangelium nach Lukas, Theol. Handkommentar zum NT 3, Berlin 1978, S. 322) So schlicht – und darin doch so anspruchsvoll geht es hier zu.

14 Das alles hörten die Pharisäer. Die waren geldgierig und spotteten über ihn.

Die Worte Jesu sind nicht nur Jünger-Belehrung. Unter den Zuhörern Jesu sind auch Pharisäer. Offensichtlich hat Jesus viel öfters in der Öffentlichkeit gesprochen, gelehrt, als nur für den kleinen Kreis. So haben sie seine Geschichten vom Suchen gehört. So haben sie seine Mahnungen zur Distanz gegenüber dem Reichtum gehört. Sie haben ihren Spott. Er ist ihnen ein bisschen weltfremd, dieser Jesus. Rabbi Jochanan ( 279 )weiß: „Alle Glieder hangen am Herzen, das Herz hängt am Geldbeutel.“(zit. nach W. Grundmann, aaO. S.323) Lukas sagt, dass ihr Spott daran liegt, dass sie geldgierig sind. φιλργυροι – „Freunde des Geldes“ – und nur hier wird diese Feststellung getroffen, die wie ein Vorwurf wirkt. Wer am Geld hängt, kann mit all diesen Worten nicht so schrecklich viel anfangen.

15 Und er sprach zu ihnen: Ihr seid’s, die ihr euch selbst rechtfertigt vor den Menschen; aber Gott kennt eure Herzen; denn was hoch ist bei den Menschen, das ist ein Gräuel vor Gott.

        Jesus reagiert auf ihren Spott. Er spricht sie direkt an. Es geht um Ehre, um Anerkennung, um Sicherheit.  Dazu muss ja der Besitz herhalten, dass man jemand ist vor den Leuten. `Der hat es zu etwas gebracht.’ heißt es und die Schlussfolgerung liegt nahe: Der ist gesegnet von Gott. In einem Umfeld, in dem der materielle Lebenserfolg ein Hinweis darauf ist, dass man gesegnet ist, liegt es nahe, sich so durch den eigenen Reichtum gerechtfertigt zu sehen.

Aber – so das Wort Jesu – das Religiöse bei euch ist nur Fassade. „Sie dienen Gott zu ihrer eigenen Ehre; denn im Vordergrunde aller ihrer gottesdienstlichen Bemühungen steht das Bestreben, äußerlich sichtbar als gerecht dazustehen.“ (K.H. Rengstorf, Das Evangelium nach Lukas, NTD 3, Göttingen 1967, S. 192) Wie kann man solche Sätze lesen, ohne selbstkritisch zu fragen: Und ich? Wie steht es bei mir? Was hier über die Pharisäer gesagt wird, beschreibt doch eine Gefahr, die alle frommen Menschen kennen – nicht nur als bloß historische Erscheinung bei anderen, sondern bei sich selbst.

Es ist wahr: „Die Auseinandersetzung mit der Selbstgerechtigkeit liegt Lukas am Herzen.“ (F. Bovon, EKK III/3, Das Evangelium nach Lukas, Lukas 15,1 – 19,27, Neukirchen 2001, S.97) Sie liegt ihm an Herzen, weil es die Gefährdung auch für Christinnen und Christen ist – bis auf den Tag heute. Wir feiern schöne Gottesdienste, wir üben liturgische Kompetenz ein, wir wissen, wie man sich angemessen und ausdrucksstark vor dem Altar bewegt. Wir verstehen es, uns selbst in Szene zu setzen. Das nennt man Professionalität. Die Gefahr ist: es wird zur frommen Show.

 Es reicht nicht, sich selbst gerecht zu finden, sich selbst zu attestieren: Ich bin o.k. Auch die glänzende Fassade führt allzu leicht in die Irre. Die Urteile, die wirklich zählen, fällen nicht wir selbst über uns. Auch andere nicht. Das letzte Urteil über uns hat sich Gott vorbehalten. Und er orientiert sich nicht an den äußeren Erfolgsgeschichten des Lebens, an dem, was wir aus uns gemacht haben, erreicht haben als Karriere, Geld, Ansehen.

Es ist schlicht anders. Es kommt auf das Herz an. Gott kennt eure Herzen. Nicht nur Gott im Himmel. Lukas hat oft genug erzählt und gezeigt, dass Jesus auch die Herzen kennt, dass er hinter die Fassaden sieht. Und dann kommt der Satz:  was hoch ist bei den Menschen, das ist ein Gräuel vor Gott. Er mag weisheitlich geprägt sein, ist aber gleichwohl ganz auf der Linie Jesu liegt, wie er im Lukas-Evangelium auch sonst dargestellt wird: „Wer sich selbst erhöht, der soll erniedrigt werden; und wer sich selbst erniedrigt, der soll erhöht werden.“ (14,11) Gott denkt anders als die Menschen. Seine Vorliebe gilt den Verlorenen und alles, was hoch ist, sich groß macht, die eigene Herrlichkeit sucht, ist nicht nach dem Herzen Gottes. Demut ist Gott ungleich näher als Hochmut und Hoffart.

  16 Das Gesetz und die Propheten reichen bis zu Johannes. Von da an wird das Evangelium vom Reich Gottes gepredigt, und jedermann drängt sich mit Gewalt hinein. 17 Es ist aber leichter, dass Himmel und Erde vergehen, als dass ein Tüpfelchen vom Gesetz fällt.

Es ist ein verblüffender Sprung zu diesem Wort. Warum steht das hier? Was hat es mit dieser Unterscheidung der Zeiten auf sich? Mir scheint es deutlich, dass Jesus die Zeit jetzt, in der er redet, heilt, zur Umkehr ruft, als neue Zeit qualifiziert. In der alten Zeit waren das Gesetz und die Propheten der Maßstab. In diese Zeit gehört auch das Denken der Pharisäer hinein – über den materiellen Reichtum als Zeichen des Segens. Aber jetzt ist eine andere Zeit – die Zeit des Evangeliums. Er, Jesus, predigt das Evangelium, die bedingungslose Liebe Gottes. Und wer es hört, der wird alles auf eine Karte setzen, um das Reich zu gewinnen. Wer von dieser Liebe berührt wird, der wird sie mit aller Gewalt fassen wollen.

Es folgt eine wichtige Klarstellung: Das Evangelium ist nicht wider das Gesetz. „Die Proklamation der Gottesherrschaft bedeutet nicht die Abschaffung des Gesetzes, sondern durch sie kommt der in ihm enthaltene ewige Gotteswille zur Erfüllung.“ (W. Grundmann, aaO. S. 324) So stabil der Kosmos ist, so zuverlässig ist auch das Gebot Gottes. Es bleibt eine Wegweisung für das Leben, auch wenn es nicht der Weg des Lebens ist. Es bleibt eine gute Gabe Gottes an sein Volk, auch wenn es nicht mit Christus, der großen Gabe Gottes, konkurrieren kann.

18 Wer sich scheidet von seiner Frau und heiratet eine andere, der bricht die Ehe; und wer die von ihrem Mann Geschiedene heiratet, der bricht auch die Ehe.

            Noch ein Gedankensprung. Einer, der sich den Lesenden nicht wie von selbst sofort erschließt. Vielleicht auch nicht erschließen muss. Man könnte auf die Idee kommen: Lukas hat noch ein paar Jesus-Worte, von denen er nicht richtig weiß, wo er sie einigermaßen logisch unterbringen soll. Die setzt er hier hintereinander. Unbekümmert darum, ob sie einen inneren Zusammenhang erkennen lassen. Mir jedenfalls fällt es schwer, den Gedankenweg nachzuvollziehen – von der Treue im Kleinen über die Abwehr der Geldgier, die Geltung des Gesetzes, den Vorrang des Evangeliums bis hin zu den Worten über den Ehebruch trotz ordentlicher Ehescheidung.

                Vielleicht ist das ja der gemeinsame Nenner: Wo er schon einmal dabei ist, setzt Jesus zur Attacke an – gegen pharisäisches Denken. Er schließt Schlupflöcher, die eine männerfreundliche Auslegung der Schriften geöffnet hatte. Er ist auch hier radikal – so wie bei der Frage nach dem Geld. Es geht ihm nicht um lebensfreundliche Anpassung der eigenen Lehre an die Verhältnisse, an die Menschen, die sind, wie sie sind, vor allem die Männer. Das ist der Vorwurf, der indirekt die Pharisäer trifft. Wenn ihr die Wiederheirat rechtfertigt, verlasst ihr den Boden des mosaischen Gesetzes. Ihr ermäßigt die Preise.

Jesus dagegen geht es um das Evangelium und um Eindeutigkeit und Klarheit. Wo einer dem Evangelium folgt, da kann er auch lebensmäßig Klarheit schaffen. Da kann er  lernen, seinen Stand zu akzeptieren. Es ist eine harte, herbe Klarheit, aber der sie fordert, dringt auf sie aus der Liebe, die das ungeteilte Herz sucht.

„Zwei Herzen wohnen, ach, in meiner Brust.“ Diesen Satz zitieren ist das Eine und fällt leicht. Dieses doppelte Herz an sich selbst wahrnehmen das Andere. Ich kenne die Wirklichkeit des geteilten Herzens. Ich will mich lösen und halte doch fest. Ich will Weite leben und erfahre meine Enge. Ich suche nach neuen Wegen und lande doch wieder in den alten Spuren Ich will meine Kinder freigeben und spüre doch, wie es mir misslingt und ich mich sorge, selbst wenn ich ihnen nichts davon sage.

Das alles ist schon so im Denken. Wie viel mehr noch im Handeln. Manchmal zerreißt mich diese innere Zerrissenheit regelrecht. Und das ist daran schrecklich: diese geteilte Herz ist nicht durch einen Willensakt ganz und ungeteilt zu machen. Was bleibt, ist die Bitte: Gib mir ein neues, ungeteiltes Herz.

 

Jesus, das ist mir nicht fremd: gut da stehen wollen, Zustimmung finden. den Gesprächspartnern entgegen kommen, Schärfe aus den Forderungen nehmen, den Anspruch ans Leben nicht so hoch zu hängen. Es gibt doch nicht nur schwarz und weiß, sondern auch noch Zwischentöne.

Du aber willst Klarheit, Eindeutigkeit, kein sowohl-als auch. Du willst das ungeteilte Herz. Du willst das Vertrauen, das sich ganz gibt. Du willst das Ja, das das Nein auf sich nimmt, die Nachfolge, die nur eine Spur kennt – hinter Dir her.

Jesus, hilf Du mir zur Klarheit, Eindeutigkeit in Deiner Liebe. Amen