Keine Chance – nütze sie

Lukas 16, 1 – 9

 Es gibt in der Bibel etliche „schräge“ Geschichten. „Das Gleichnis vom ungerechten Verwalter gehört zu den schwierigsten Abschnitten der Evangelien.“ (K.H. Rengstorf, Das Evangelium nach Lukas, NTD 3, Göttingen 1967, S. 188) Liefert es doch scheinbar Argumente, die Integrität und Redlichkeit nicht nur der Kirche, sondern auch die Jesu anzuzweifeln. Man wundert sich, dass Jesus so etwas erzählt. Aber vielleicht erzählt er deshalb auch solche schrägen, ausgefallenen Geschichten, damit seine Hörer sich nicht so leicht wohlig in fromme Gefühle einhüllen können.

Er sprach aber auch zu den Jüngern: Es war ein reicher Mann, der hatte einen Verwalter; der wurde bei ihm beschuldigt, er verschleudere ihm seinen Besitz. 2 Und er ließ ihn rufen und sprach zu ihm: Was höre ich da von dir? Gib Rechenschaft über deine Verwaltung; denn du kannst hinfort nicht Verwalter sein.

                Jesus erzählt seinen Jüngern. Man muss sich wohl nicht nur den Kreis der Zwölf unter ihnen vorstellen, „sondern eine große Schar, eine Zuhörerschaft, die aus Zöllnern und Sündern bestand.“(F. Rienecker, Das Evangelium des Lukas, Wuppertaler Studienbibel, Wuppertal 1976, S. 382) Er will sie lehren, weil sie vorbereitet werden müssen auf Situationen, die sie sonst leicht überfordern könnten. Jesus erzählt vom Verleumden und der  Wehrlosigkeit gegenüber Gerüchten. Es geht um Misswirtschaft und Perspektivlosigkeit, um das Herausfallen aus dem sozialen Netz der Sicherheiten und die Angst vor dem Absturz.

Ein Gerücht macht die Runde. Irgendjemand hat etwas gesagt, ein anderer hat es aufgeschnappt, es ist weiter gegangen und schließlich ist es ganz oben gelandet. Die Gerüchte – er verschleudere ihm seinen Besitz – wiegen schwer und sie zu entkräften scheint schier unmöglich. Es spielt gar keine Rolle, ob die Anklagen zu Recht oder zu Unrecht bestehen. Gerüchte können ein Lebensfundament zerstören. Sie sind nicht harmlos, sondern gefährlich. Sie sind ein tödlicher Angriff auf eine Existenz.

Der Chef hat gehört und muss handeln. Er bestellt den Betroffenen und sagt: ich habe gehört, Sie betrügen mich. Sie verschleudern mein Eigentum. Was sagen Sie dazu? Aber es ist keine ergebnisoffene Unterredung. „Über den Skandal auf dem Laufenden verlangt der Herr, der von seinem Verwalter nicht einmal eine Erklärung erwartet, einen Rechenschaftsablegung und entlässt ihn.“(F. Bovon, EKK III/3, Das Evangelium nach Lukas, Lukas 15,1 – 19,27, Neukirchen 2001, S.74) Fristlose Kündigung im Sprachgebrauch unserer Tage.

So geht es dem Verwalter: Seine Lebensgrundlage wird zerstört. Er steht vor dem aus, vor dem Nichts. Kein Ansehen mehr, kein Einkommen mehr, kein Auskommen mehr. Perspektivlosigkeit pur. Es ist nur ein winziger Schritt bis zu dem Gefühl: Ich bin ganz ausgeliefert und habe keine Chance mehr. In solcher Situation landet mancher auf der Straße, obdachlos, heimatlos.

3 Der Verwalter sprach bei sich selbst: Was soll ich tun? Mein Herr nimmt mir das Amt; graben kann ich nicht, auch schäme ich mich zu betteln. 4 Ich weiß, was ich tun will, damit sie mich in ihre Häuser aufnehmen, wenn ich von dem Amt abgesetzt werde.

                Was nun? Klagen, um das eigene Ansehen, die eigene Ehre und das Recht kämpfen, den anderen sagen: Das habe ich nicht verdient. Ein unglaublicher Zorn kann sich ins Herz einbrennen. Bitterkeit sich festsetzen: Irgendwelche anonymen Leute machen mein Leben kaputt. „Die Entscheidung des Herrn bringt den Verwalter in die Klemme: Er muss zum Schutz seiner Zukunft unverzüglich eine Lösung finden, andernfalls ist er verloren.“ (F. Bovon, aaO. S.75) Eine Menge Menschen finden keinen anderen Weg als die eigene Unschuld zu beteuern, zu beteuern, zu beteuern… Und doch bleibt man in solchem Klagen und Beteuern allzuleicht tatenlos in den widrigen Umständen stecken, versäumt zu tun, was vielleicht noch einen Ausweg eröffnen könnte.

                    Das können die Jünger von dem „ungerechten Haushalter“ lernen: Er sieht seine Situation ungeschminkt. Er weiß, wann es vorbei ist. Er macht sich nichts vor. Aber er verfällt nicht ins Klagen, ins fruchtlose und zugleich kraftraubende Jammern. Stattdessen macht er nüchtern Bilanz – aber nicht rückwärts, sondern nach vorne. Was kann ich nicht? Was kann ich? Was will ich nicht? Was will ich? Er schaut nicht zurück, sondern schaut auf seine Möglichkeiten. Er prüft nüchtern die Alternativen. Und so kommt er zu einem Entschluss.

„Graben kann ich nicht, betteln will ich nicht.“ Es ist in einem Leben, auch einem Christenleben schon viel gewonnen, wenn einer lernt zu sehen und sich selbst zu sagen, was er kann und was er will. Das ist die 2. Lektion, die die Jünger vom „ungerechten Haushalter lernen: Sich klar werden über das eigene Wollen und Können.

Sein Nachdenken verliert sich nicht im Niemandsland. Er kommt auf eine Lösung – γνων τ ποισω. „Das ist es, ich habe eine Lösung!“ Man kann förmlich das Aufatmen hören, auch wenn der Leser noch nicht erfährt, wie diese Lösung aussieht. Nur die Richtung ist schon klar: Es wird darum gehen, nicht in eine soziale Isolation zu geraten, weil alle sich von ihm zurückziehen. Er wird dafür sorgen müssen, dass ihn seine seitherigen Nachbarn, Freunde, Geschäftspartner nicht fallen lassen, dass er weiter in ihren Häusern Aufnahme findet, empfangen wird. δχομαι„wohlwollend aufnehmen“(Gemoll, Griechisch-deutsches Schul- u. Handwörterbuch, München 1957; S. 190) Dafür muss er nun etwas tun.

 5 Und er rief zu sich die Schuldner seines Herrn, einen jeden für sich, und fragte den ersten: Wie viel bist du meinem Herrn schuldig? 6 Er sprach: Hundert Eimer Öl. Und er sprach zu ihm: Nimm deinen Schuldschein, setz dich hin und schreib flugs fünfzig. 7 Danach fragte er den zweiten: Du aber, wie viel bist du schuldig? Er sprach: Hundert Sack Weizen. Und er sprach zu ihm: Nimm deinen Schuldschein und schreib achtzig.

Der Haushalter nützt den Spielraum, den er noch hat. Er wird nicht blind für seine Möglichkeiten, sondern nimmt sie entschlossen in Angriff, solange er sie noch hat. Aber: Was hier beschrieben wird, der Schuldenerlass, riecht nach Kriminalität. Wird da nicht der Herr regelrecht bestohlen? So hat man es lange gesehen: Schuldscheine werden gefälscht. Aber ist das so? Noch ist der Mann im Amt. Noch hat er als Verwalter Verfügungsrecht. Denn das ist ja seine Rolle: Er handelt selbstständig und auf eigene Verantwortung, aber mit der Vollmacht seines Herrn. Und aus dieser Vollmacht heraus erlässt er Schulden!

„Auf den ersten Blick scheint er eine Fälschung der Geschäftsbücher zu befürworten. Doch es könnte sein, dass er sich entschlossen hat, auf seine eigenen Gewinne zu verzichten, um so davon zu kommen. Solche Vorgehensweisen scheinen in der Antike tatsächlich üblich gewesen zu sein.“ (F. Bovon, aaO. S.77) Wenn dieser „Lesevorschlag“ des Exegeten – mehr ist es nicht – stimmt, dann ist es so: Der Verwalter nimmt die Last der hohen Zinsen von den Pächtern seines Herrn. Er ermöglicht ihnen ein Stück Freiheit und Aufatmen. Das geht möglicherweise zu Lasten seines Herrn, möglicherweise auch zu seinen eigenen Lasten, aber es geht auf alle Fälle zugunsten der Pächter und kleinen Leute! Der „ungerechte Haushalter“ unterläuft die üblichen Wucherzinsen und dadurch verpflichtet er sich die Menschen. So gewinnen sie und er selbst erhält sich eine Lebensperspektive.

8 Und der Herr lobte den ungetreuen Verwalter, weil er klug gehandelt hatte; denn die Kinder dieser Welt sind unter ihresgleichen klüger als die Kinder des Lichts. 9 Und ich sage euch: Macht euch Freunde mit dem ungerechten Mammon, damit, wenn er zu Ende geht, sie euch aufnehmen in die ewigen Hütten.

Genau darin lobt Jesus diesen Menschen! Er lobt ihn, weil er mit dem anvertrauten Gut das tut, was Leben eröffnet. Er lobt ihn, weil er durch seinen Schuldenerlass sich selbst und den anderen eine Lebensmöglichkeit eröffnet. Er ergreift seine Möglichkeit. Er sagt nicht nur: Man müsste, man sollte, wenn ich könnte, eigentlich… Er tut, was dran ist. Er nützt den schmalen Korridor zum Handeln, der ihm noch verblieben ist, die eigenen Handlungsspielräume in dieser Zeit, die für ihn nur noch Gegenwind bedeutet.

Es geht nicht nur um eine Geschichte für die Zeit. Die Wendung damit sie euch aufnehmen in die ewigen Hütten ist das Signal: es geht um einen größeren Horizont.  „Seine Klugheit besteht darin, dass er für seine Zukunft gesorgt hat; das kann man von ihm lernen, da das Gericht Gottes bevorsteht. φρονμος, klug ist der Mensch, der über dem vergänglichen Dasein nicht vergisst, dass die Herrschaft Gottes naht.“ (W. Grundmann, Das Evangelium nach Lukas, Theol. Handkommentar zum NT 3, Berlin 1978, S. 320)   

Es gibt einen sehr einfachen und gleichwohl wahren Satz: „Allein gehst du ein.“ Wer auf einem Sack Geld hockt, aber keinen Menschen hat, der ist arm dran. Wer ein Haus mit allem Komfort hat, am schönsten Ort der Welt, aber er hat keinen Menschen, der nach ihm fragt und dem er fehlt, der ist arm dran. Wer alle Schätze der Welt hätte, aber er hat keinen, der sich mit ihm daran freut, der ist inmitten seines Reichtums arm dran. Ich glaube nicht, das es wirklich zielführend zum Glück ist: “Patricia Gucci, Gattin eines italienischen Firmenchefs möchte “lieber in einem Rolls-Royce weinen als auf einem Fahrrad glücklich sein.” (E. Hagedorn, Fette Beute, Basel 2017, s. 193) Die Chance, auf dem Fahrrad nicht allein zu bleiben, ist entschieden größer als im Rolls-Royce.

Das Gegenmodell heißt: Mache dir Freunde mit dem, woran du reich bist. Schenke es Menschen her, so dass sie mit dir davon Gewinn haben. Nimm den Reichtum deines Lebens nicht für dich allein – teile ihn. Und du wirst entdecken, dass du dabei nicht ärmer wirst. Dabei geht es nicht nur ums Geld – es geht genauso um unsere Fähigkeiten, um unsere Zeit, um unsere Kraft, um unser Herz, um uns selbst. Verweigere dich selbst nicht den anderen!

Spar deinen Wein nicht auf für morgen.
Sind Freunde da, so schenke ein!
Leg was du hast in ihre Mitte.
Durchs Schenken wird man reich allein.                                                                   G. Schöne CD Lieder 1993

Die Kinder der Welt wissen, dass gegenseitige Wohltaten verpflichten! Auf diesem System baut die italienische Mafia sich auf. Auf diesem System werden politische Karrieren geschmiedet. Auf diesem System gegenseitiger Verpflichtung beruht ein Gutteil unserer beruflichen Beziehungen. Wer anderen nie gefällig ist, der steht irgendwann vor einer Wand von Paragraphen. Das weiß jeder, der in einer Behörde beschäftigt ist: Mit das Wichtigste ist, sich das wohlwollende Miteinander der Kollegen zu erarbeiten. Von dieser Klugheit der Kinder der Welt sollen die Kinder des Lichtes, also die Christen, lernen.

Die letzte Lektion ist schlicht: Du wirst nicht alleine in den Himmel kommen. Keiner von uns schafft es alleine. Der Satz: Jeder ist sich selbst der Nächste ist im Blick auf den Himmel nicht nur gefährlich, sondern einfach falsch. Der Weg in den Himmel steht nur da offen, wo einer nicht von seinem Reichtum auf der Erde festgehalten wird. Wer nach oben will, muss sich lösen können, von dem, was ihn unten hält. Und aller Besitz hat die fatale Eigenschaft, dass er schwer macht, unbeweglich, besessen. Die beste Möglichkeit, sich von den Reichtümern zu trennen, ist sie zu verschenken, loszulassen.

 

Jesus, Du bist mit offenen Augen durch die Welt gegangen. Du hast Deine Jünger gelehrt, damit zu rechnen, dass es nicht immer fair zugeht, dass es Verleumdungen, Gerüchte gibt, die das Leben eng machen.

Aber statt zu klagen, ins Nichtstun zu verfallen, auf die Wunder Gottes zu warten, rätst Du: Nutze Deine Zeit. Nutze Deine Möglichkeiten. Ergib Dich nicht in Dein Schicksal. Teile, was Du hast und was Du kannst, damit Du Menschen gewinnst, die Dir beistehen und die Dich nicht alleine lassen. Amen