Weit offen

Lukas 15, 11 – 32

 11 Und er sprach: Ein Mensch hatte zwei Söhne. 12 Und der jüngere von ihnen sprach zu dem Vater: Gib mir, Vater, das Erbteil, das mir zusteht. Und er teilte Hab und Gut unter sie. 13 Und nicht lange danach sammelte der jüngere Sohn alles zusammen und zog in ein fernes Land; und dort brachte er sein Erbteil durch mit Prassen.

Wieder eine Geschichte, wie sie tausendmal passiert, wie Jesu Zuhörer sie aus ihrem Lebensalltag kennen. Eine Geschichte aus dem Leben und doch durchsichtig, auf das hin, wie Jesus Gott sieht. Nach den beiden Geschichten zuvor ist es ja klar: Es geht weiter darum, wie Gott sich gegenüber denen verhält, die sich nicht an ihn und seine Gebote gehalten haben.

Ein Sohn,  der jüngere der beiden, fordert sein Erbe  – jetzt. Damit erklärt er seinem Vater: Für mich bist du schon so gut wie tot. Und der Vater? Er klärt ihn nicht auf, wie die Rechtslage ist. Er hält ihm keinen Vortrag über Undankbarkeit, Flegelhaftigkeit und menschliche Rohheit. Das alles hätte er tun können und er hätte Recht gehabt. Aber dieser Vater zeigt: Du kannst gehen. Ich halte dich nicht fest. Er zeigt es, indem er das Erbe teilt.

Es bleibt festzuhalten: Dieser jüngere Sohn bricht mit dem Vater. Völlig unabhängig davon, ob er auch bestehendes, geltendes Recht bricht. Das interessiert den Erzähler Jesus wohl nicht wirklich. „Er kündigt bereits in der Forderung auf Herausgabe des Erbes an ihn zu beliebigem Gebrauch das Sohnverhältnis auf und verzichtet auf die Gemeinschaft mit dem Vater. (K.H. Rengstorf, Das Evangelium nach Lukas, NTD 3, Göttingen 1967, S. 185) Man könnte auch drastisch sagen, er lässt ihn wissen: Du bist für mich tot.

                Im Bild dieses Vaters malt Jesus das Bild Gottes. Gott hält keinen mit Gewalt bei sich fest. Gott bindet niemand aus lauter Liebe bei sich fest, wenn er oder sie weg will. Gott ballt auch nicht die Faust wie zum Fluch hinterher. Es mag sein, dass ihm das Herz blutet, wenn einer geht, aber er schreit es nicht heraus. Es mag sein, dass er schon all die Irrwege vor sich sieht, die dieses Weggehen mit sich bringen wird, aber er malt sie nicht als Horrorgemälde vor den Augen aus. Dass Gott gehen lässt, nicht bei sich festhält, das hat mit der Art Beziehung zu tun, die Gott will. Er will eine Beziehung des Vertrauens und nicht der erzwungenen Abhängigkeit. Er will eine Beziehung der freiwilligen Nähe und nicht des aufgezwungenen Gehorsams.

Und dann geht die Reise los – mit vollen Taschen in die Fremde. Wovon manche träumen, das will der junge Mann leben: Da draußen geht das Leben ab. Es ist ernüchternd: dort brachte er sein Erbteil durch mit Prassen. Fromme Phantasie hat hier oft ausgemalt, was das heißt und oft genug so die eigenen verdrängten Träume ans Licht gebracht.

Wenn ich lange nur nach außen lebe, wird es in mir leer. Ich glaube nicht, dass Jesus mit seiner Erzählung die Unmoral des jungen Mannes tadeln will. Ich glaube, dass er vielmehr auf eine merkwürdige Gesetzmäßigkeit aufmerksam macht: Wer immer nur tut, was anderen gefällt, wird irgendwann am Ende sein. Wer sich immer nur nach seinen Freunden richtet, der hat am Ende keine mehr. Solange ich viel habe, kann der Gedanke funktionieren: Ich habe etwas, also bin ich wer. Was aber, wenn ich nichts mehr habe? Wer bin ich eigentlich – abgesehen von dem, was ich habe?

14 Als er nun all das Seine verbraucht hatte, kam eine große Hungersnot über jenes Land und er fing an zu darben 15 und ging hin und hängte sich an einen Bürger jenes Landes; der schickte ihn auf seinen Acker, die Säue zu hüten. 16 Und er begehrte, seinen Bauch zu füllen mit den Schoten, die die Säue fraßen; und niemand gab sie ihm.

               Die Ressourcen eines Leben sind rasch verbraucht, erst recht, wenn äußere Umstände dazu kommen. Selbst schuld, bei so einem Leben in den Tag hinein. Der Absturz aus der Höhe ist tief. Tiefer geht es für die jüdischen Hörer Jesu nicht: bis zu den Schweinen. Das ist der soziale Tod vor dem leiblichen Tod. Aus den hochfliegenden Träumen wird großes Elend. Der sich alles leisten konnte, hat plötzlich niemanden mehr. Niemand will sich mehr seine Freundschaft leisten. So schlimm steht es um ihn, dass er nicht einmal mehr die „Schoten des Johannesbrotbaumes, der in Palästina weit verbreitet gewesen ist und dessen Früchte Nahrung der Armen waren(W. Grundmann, Das Evangelium nach Lukas, Theol. Handkommentar zum NT 3, Berlin 1978, S.312) erhält.

Es gibt die millionenfache Geschichte, dass Menschen erfolgreich sind und doch von der inneren Leere zerfressen werden, dass sie um sich herum alles haben und doch auf einmal spüren: Mir ist verloren gegangen, was ich gesucht habe. Ich bin in die falsche Richtung gelaufen. Ich habe in der Fremde gesucht, was ich nur zu Hause hätte haben können.

17 Da ging er in sich und sprach: Wie viele Tagelöhner hat mein Vater, die Brot in Fülle haben, und ich verderbe hier im Hunger! 18 Ich will mich aufmachen und zu meinem Vater gehen und zu ihm sagen: Vater, ich habe gesündigt gegen den Himmel und vor dir. 19 Ich bin hinfort nicht mehr wert, dass ich dein Sohn heiße; mache mich zu einem deiner Tagelöhner!

                Erinnerung. Sehnsuchtsbilder. Es liegt viel Scham in diesen Worten. Was ihm früher nie gut genug gewesen wäre, das wird jetzt zum Bild seiner Sehnsucht – das Brot der Tagelöhner. Eine auskömmliche Existenz am unteren Rand der sozialen Leiter – alles besser als der Hunger am Schweinetrog, als der soziale Tod in der Isolation.

Es ist der Entschluss zu einer unendlich weiten Reise: zurück nach Hause. Zurück an den Ort des stolzen, selbstsicheren Aufbruchs. Als Gescheiterter mit leeren Händen heimkehren. Und der innere Spickzettel bringt es auf den Punkt: Ich habe mich gelöst von dir, isoliert vom Leben und es ist mir unter den Fingern zerronnen. Ich habe keine Ansprüche mehr, die ich noch gelten machen könnte. Das weiß der Sohn: Er kann keine Rechte mehr geltend machen. Er weiß, „dass er seine Ehre, seine Identität, ja seine Sohnschaft verloren hat… Wer die Bibel liest, wird sich daran erinnern, dass die Menschen nicht von Natur aus Gottes Kinder sind, sondern dass sie es werden: sie müssen gerufen werden.“ (F. Bovon, EKK III/3, Das Evangelium nach Lukas, Lukas 15,1 – 19,27, Neukirchen 2001, S.49) Darum steht hier κληθναι eine Verbform des Wortes καλέω – „rufen, nennen, benennen“(Gemoll, aaO.; S.403)    – und eben auch heißen.  Das Recht, Sohn genannt zu werden, hat er vertan.

Wie viele Selbstgespräche dieser Art hat es wohl in der Menschheitsgeschichte gegeben. Wie viele sind folgenlos geblieben, weil aus den Selbstgesprächen keine Schritte geworden sind. Die Reue ist wichtig, aber sie wird erst im Gehen wirklich.

Es gibt, wenn einer so weggegangen ist, eine brennende Frage: Wie komme ich wieder nach Hause? Wie geht das – Rückweg? Wird mir denn einer die Tür öffnen? Wie werde ich empfangen werden? Ich kenne eine Menge Menschen, die sagen: Wenn ich wüsste, dass ich freundlich empfangen werde… Wenn ich wüsste, dass kein Schwall von Vorwürfen über mich hereinbricht… Wenn ich wüsste, dass ich meine Geschichte nicht vorgehalten kriege. Wenn ich es nur wüsste!

               Ich bin zurückgekehrt, ich habe den Flur durchschritten und blicke mich um. Es ist meines Vaters alter Hof. Die Pfütze in der Mitte. Altes, unbrauchbares Gerät, ineinanderverfahren, verstellt den Weg zur Bodentreppe. Die Katze lauert auf dem Geländer. Ein zerrissenes Tuch, einmal im Spiel um eine Stange gewunden, hebt sich im Wind. Ich bin angekommen. Wer wird mich empfangen? Wer wartet hinter der Tür der Küche? Rauch kommt aus dem Schornstein, der Kaffee zum Abendessen wird gekocht. Ist dir heimlich, fühlst du dich zu Hause? Ich weiß es nicht, ich bin sehr unsicher. Meines Vaters Haus ist es, aber kalt steht Stück neben Stück, als wäre jedes mit seinen eigenen Angelegenheiten beschäftigt, die ich teils vergessen habe, teils niemals kannte. Was kann ich ihnen nützen, was bin ich ihnen und sei ich auch des Vaters, des alten Landwirts Sohn. Und ich wage nicht, an der Küchentür zu klopfen, nur von der Ferne horche ich, nur von der Ferne horche ich stehend, nicht so, dass ich als Horcher überrascht werden könnte. Und weil ich von der Ferne horche, erhorche ich nichts, nur einen leichten Uhrenschlag höre ich oder glaube ihn vielleicht nur zu hören, herüber aus den Kindertagen. Was sonst in der Küche geschieht, ist das Geheimnis der dort Sitzenden, das sie vor mir wahren. Je länger man vor der Tür zögert, desto fremder wird man. Wie wäre es, wenn jetzt jemand die Tür öffnete und mich etwas fragte. Wäre ich dann nicht selbst wie einer, der sein Geheimnis wahren will?                                                        F. Kafka, Heimkehr

            Das ist die große Gefahr, die über diesem Aufbruch nach Hause steht: In mir selbst, gefangen in meiner Geschichte und meinem Misstrauen, meinen Vorwürfen gegen mich selbst, kann die Heimkehr scheitern. Es ist eben kein Automatismus und keine Garantie: „Der Weg zu sich selbst wird der Weg zur Erkenntnis der Schuld. der Weg zu Gott und die Rückkehr zum Vater.“ (W. Grundmann, aaO. S.313)

 20 Und er machte sich auf und kam zu seinem Vater. Als er aber noch weit entfernt war, sah ihn sein Vater und es jammerte ihn; er lief und fiel ihm um den Hals und küsste ihn.

Weil die letzten Schritte so schwer sind und der ganze Heimweg daran scheitern kann, nimmt der Vater ihm die letzten Schritte ab. Das ist Evangelium pur. Als er aber noch weit entfernt war, sah ihn sein Vater und es jammerte ihn Was für eine Vorstellung: Ein jüdischer Patriarch, der losrennt. Kein Vorwurf, keine Bitterkeit, keine noch so versteckte Anklage! Mit weit ausgebreiteten Armen rennt er dem Sohn entgegen und nimmt ihn in die Arme und zeigt ihm, auch ohne Worte: “Gut, dass du wieder da bist.”

             So dürft ihr von Gott denken, erzählt Jesus. Und er erzählt es ja nicht nur. Er ist der entgegenkommende Gott in Person. In ihm läuft uns der Vater aus dem Himmel entgegen, lässt seinen Himmel stehen, damit wir den Himmel hier auf Erden nicht verpassen und versäumen. Das ist das Bild von Gott, vom Vater, das Jesus einprägen will – seinen Jüngern, den Schriftgelehrten und Pharisäern. Uns.

Es ist unser Glück: Gott hält es nicht aus zu warten, bis wir die Tür öffnen. Gott geht das Risiko nicht ein, dass wir draußen vor der Tür stehen bleiben. Damit wir nicht resigniert umkehren, läuft er uns entgegen, mit langen Schritten und weit ausgebreiteten Armen.

Das ist mir die Mitte des christlichen Glaubens: Wir glauben an einen Gott, der uns die Angst des Heimweges abnimmt und uns entgegen läuft, damit wir uns nicht in der Welt verlaufen und auf den letzten Metern  noch stehen bleiben. Darum haben wir die weit ausgebreiteten Arme des Christus in so vielen Kirchen vor Augen: Komm in meine Arme – so ruft er und läuft uns entgegen.

 21 Der Sohn aber sprach zu ihm: Vater, ich habe gesündigt gegen den Himmel und vor dir; ich bin hinfort nicht mehr wert, dass ich dein Sohn heiße.

Jetzt ist es möglich zu sagen, was war. So empfangen ist es keine Erniedrigung mehr  zu sagen, was das Leben aus einem gemacht hat. So empfangen macht es nicht klein, wenn einer zu gibt: Ich habe alles falsch gemacht, mich versündigt, mich in meiner Suche nach dem Glück isoliert und vergaloppiert. Ich habe mein Erbe vertan und alle Rechte, die mir einmal zugestanden haben.

22 Aber der Vater sprach zu seinen Knechten: Bringt schnell das beste Gewand her und zieht es ihm an und gebt ihm einen Ring an seine Hand und Schuhe an seine Füße 23 und bringt das gemästete Kalb und schlachtet’s; lasst uns essen und fröhlich sein! 24 Denn dieser mein Sohn war tot und ist wieder lebendig geworden; er war verloren und ist gefunden worden. Und sie fingen an, fröhlich zu sein.

Jesus ist ein meisterhafter Erzähler. Er zeigt die Freude des Vaters – nicht mit Worten an den Sohn, sondern mit seinen Anordnungen: Ein neues Gewand, neue Schuhe, ein Ring – alles Signale dafür, dass ein neuer Weg anfängt. Der alte Weg ist Geschichte. Ein Fest für den Heimkehrer. Ein Empfang, der es in sich hat. Alle sollen teilhaben an seiner Freude, der ganze Hof, auch noch der letzte Tagelöhner.

 25 Aber der ältere Sohn war auf dem Feld. Und als er nahe zum Hause kam, hörte er Singen und Tanzen 26 und rief zu sich einen der Knechte und fragte, was das wäre. 27 Der aber sagte ihm: Dein Bruder ist gekommen und dein Vater hat das gemästete Kalb geschlachtet, weil er ihn gesund wiederhat.

               In der Erzählung Jesu ist von zwei Söhnen die Rede. Der eine geht fort, der andere bleibt – für immer zu Hause. Hier ist unstreitig sein Platz und er käme wohl nie auf die Idee, sich einen Platz anderswo zu suchen oder zu erträumen. Um ihn geht es nun in der Erzählung – und man kann mit Fug und Recht fragen, ob es in der ganzen Geschichte nicht viel mehr um ihn geht als um den Weggegangenen. Er war beschäftigt mit seinen Pflichten, Hofangelegenheiten. Darum wird er jetzt informiert über die Ereignisse zu Hause. Und er hört vor allem und in allem, was ihm gesagt wird, von der Freude des Vaters über den wieder nach Hause gekommenen Bruder.

 28 Da wurde er zornig und wollte nicht hineingehen. Da ging sein Vater heraus und bat ihn.

                Der Vater müht sich um seinen zornigen Sohn, nicht weniger als um den anderen. Er geht ihm genauso mit offenen Armen entgegen wie dem anderen. Es ist nicht wahr. dass die Weggelaufenen Gottes Lieblingskinder seien und die Daheimgebliebenen Kinder 2. Klasse. Gott will die, die zu Hause geblieben sind, genauso für sein Fest gewinnen wie den Sohn aus der Fremde.

                Warum der Zorn dieses Sohnes? Doch nicht wegen dem materiellen Aufwand! Es mag Neid mit schwingen: Es gibt Menschen. die haben in sich den Gedanken, dem sie aber nie gefolgt sind: Eigentlich müsste das Leben woanders liegen, eigentlich würde ich gerne den Schritt in die Freiheit wagen. Aber aus Trägheit oder Gewohnheit bleibe ich halt. Und wenn dann der andere heimkommt, zerlumpt, abgerissen, fertig, dann steigt der Neid hoch: Der hat sich das Leben geleistet und jetzt ist er obendrein noch willkommen.

Die Antwort des Vaters: er bittet. Er wirbt. παρεκλει ατό. Er ermutigt ihn – ganz im Hintergrund könnte auch mitschwingen: er mahnt ihn. Er „will den Älteren durch Bitten zum Eintritt bewegen.“ (W. Grundmann, aaO. S.314) Daran liegt Lukas viel: Der Vater, der dem einen Sohn, dem Verlotterten entgegenläuft, der kommt genauso dem anderen, dem Ordentlichen entgegen. Er wirbt um beide in gleicher Weise. Da ist kein Raum und keine Andeutung für irgendeine Bevorzugung.

29 Er antwortete aber und sprach zu seinem Vater: Siehe, so viele Jahre diene ich dir und habe dein Gebot noch nie übertreten, und du hast mir nie einen Bock gegeben, dass ich mit meinen Freunden fröhlich gewesen wäre. 30 Nun aber, da dieser dein Sohn gekommen ist, der dein Hab und Gut mit Huren verprasst hat, hast du ihm das gemästete Kalb geschlachtet.

                Es taucht ein Bild vom Zuhause Sein beim Vater auf, das mich erschrecken lässt: Ein Sklave, ein Knecht bin ich im Vaterhaus. Daheim sein ist schuften für den Alten. Nein, sagt der Bruder und meint: Nicht diese bedingungslose Aufnahme. Die schrankenlose Güte des Vaters geht ihm gegen den Strich. Es ist unfair, unvernünftig, maßlos, dass er so großzügig ist mit seinem Vergeben. „Der Vater ist dem älteren Sohn unbegreiflich geworden; wie fern er ihm steht, wird aus dem Fehlen der Vater-Anrede sichtbar.“ (W. Grundmann, aaO. S.315)

Das begegnet mir im Bild, das manche Menschen vom Christsein haben. Christsein ist tun, was Gott will, auch wenn ich diesen Willen nicht verstehe. Christsein ist arbeiten für Gott, auch wenn ich manchmal gar keine Lust habe. Christsein – das ist frommes Leben als Christenpflicht. Was für ein Wort: Christenpflichten! Nächstenliebe, Opfer bringen, Beten, in den Gottesdienst gehen – alles Christenpflichten – so wie es ja auch Bürgerpflichten gibt: wählen gehen und Steuern zahlen.

Kann man es so sagen: Es ist der Zorn über verpasstes, versäumtes Leben. Es ist der Zorn darüber, dass er sich selbst nichts gegönnt hat, weil er glaubte, sich nichts gönnen zu dürfen, weil er glaubte, dass ihm nichts gegönnt würde. Es ist der Zorn über  nicht gefeierte Feste, über farblose Jahre, vertan in den eigenen Ängsten und Engen. Und der Vater wird dafür verantwortlich gemacht.

31 Er aber sprach zu ihm: Mein Sohn, du bist allezeit bei mir und alles, was mein ist, das ist dein. 32 Du solltest aber fröhlich und guten Mutes sein; denn dieser dein Bruder war tot und ist wieder lebendig geworden, er war verloren und ist wiedergefunden.

             Wie anders sieht der Vater das Sein im Vaterhaus: Alles, was mein ist, das ist dein. Alles, was ich habe, steht dir doch zur Verfügung.  „Auf affektiver Ebene sagt der Vater seinem Sohn: Fühle dich frei, du bist hier zu Hause.“(F. Bovon, aaO. S.52) Ob der Sohn das jemals wirklich gehört hat, wahrgenommen hat? Oder ob er innerlich sagt: Das kommt jetzt zu spät! Das hätte ich früher wissen müssen. Wie bitter kann das sein: Ich habe nie gewusst, nie wirklich hören können, nie zu hören bekommen, wie großzügig der Vater – und auch die Mutter – mir gegenüber ist.

   Der Erzähler Jesus aber will nicht bei den Versäumnissen und ungehörten Worten stehen bleiben. Er will vielmehr die Augen und die Ohren öffnen: Das ist Gottes Art seit jeher, schon seit der Schöpfung: Eine Welt zur Verfügung zu stellen, Gaben, das Leben, damit wir es im Vertrauen der Söhne und Töchter nehmen. „So seid ihr nun nicht mehr Knechte und Fremdlinge, sondern Söhne und Töchter.“(Epheser 2, 19)

Das ist das Letzte und vielleicht das Wichtigste für alle, die nie weit weg von Gott waren: Dass wir uns in der Beziehung zu Gott nicht zu Knechten und Mägden machen, dass wir nicht unter dem Beziehungsniveau leben, das Gott uns zu gedacht hat: Was mein ist, das ist auch dein.

Augustinus hat daraus eine kühne Konsequenz gezogen, die ein Höchstmaß an Verantwortung auferlegt – und ein Höchstmaß an Freiheit gewährt: Liebe – und tue, was du willst. (Augustinus, Galaterbrief 395)

Es bleibt die unbeantwortete Frage: Was macht der Sohn, der so eingeladen wird, dem der Vater so entgegen kommt? Lässt er sich einladen. Dieser offene Schluss wird zur Frage: Wie antworten Jesu Hörer und wir, Leserinnen und Leser dieses Gleichnisses?

 

Wie lange, Gott, wartest Du  schon auf mich? Wie lange  schaust Du aus nach mir? Wie oft bist Du  schon nach draußen gegangen, vor die Tür, um mir nur ja zu helfen, dass ich wieder nach Hause komme.

Du hast mich nie mit Gewalt, mit Druck, mit Versprechen und Bestechungen festhalten wollen. Du wolltest immer nur dass ich Dir Deine Liebe glaube, Deine Großzügigkeit, Dein Vertrauen in mich.

Ich danke Dir, Gott, dass Du wartest auf mich und meine Schwester, meinen Bruder, auf uns, damit wir heimkehren in Deine Freude. Amen