Eine fröhliche arme Frau

Lukas 15, 8 – 10

 8 Oder welche Frau, die zehn Silbergroschen hat und “einen” davon verliert, zündet nicht ein Licht an und kehrt das Haus und sucht mit Fleiß, bis sie ihn findet? 9 Und wenn sie ihn gefunden hat, ruft sie ihre Freundinnen und Nachbarinnen und spricht: Freut euch mit mir; denn ich habe meinen Silbergroschen gefunden, den ich verloren hatte.

               Nur eine weitere Variation des gleichen Themas – so könnte man denken. variatio delectat ist ein Ratschlag an Rhetoriker und Schriftsteller – Variationen erfreuen. Ist es wirklich nicht mehr, nur eine Variation? Es könnte doch auch so sein, dass Jesus bewusst nach der „Männergeschichte“ vom suchenden Hirten jetzt eine „Frauengeschichte erzählt.

Eine Frau stellt das Haus auf den Kopf, um ihren Silbergroschen zu finden Von den zehn Drachmen, die sie besitzt, ist eine ihr verloren gegangen. Allein schon das macht deutlich: Sie ist eine arme Frau. „Zehn Drachmen sind in der Tat ein geringes Guthaben.“ (F. Bovon, EKK III/3, Das Evangelium nach Lukas, Lukas 15,1 – 19,27, Neukirchen 2001, S.31) 

Weil sie so wenig hat, merkt sie sofort, wenn ihr etwas von dem Wenigen fehlt, das sie hat. Immerhin hat sie ja ein Zehntel ihrer Habe verloren. Eine Reiche hätte suchen lassen oder es wohl gar nicht bemerkt, dass ihr in ihrem Reichtum etwas fehlt. Sie aber merkt es und sucht – mit Fleiß. Sorgfältig. Sorgfältig. Hartnäckig. Überall im Haus, auch in den unmöglichsten Ecken. Es macht ihr Mühe, sie macht sich Mühe. Vielleicht steigert sie sich regelrecht in ihr Suchen hinein, so dass es für Mitbewohner schon anfängt, unangenehm zu werden. Diese Sucherei ist lästig. In ihrem bemühten Suchen ist sie wie eine Schwester der Martha, die sich auch viel Mühe macht. Und sie ist wie eine Schwester der armen Witwe, die ihr ganzes Vermögen in den Opferstock gibt.

Man muss es nicht sagen: das Schaf kann immerhin noch blöken, weil die Angst nach ihm greift, wenn es merkt, dass es alleine ist. Eine verlorene Drachme dagegen kann sich in keiner Weise bemerkbar machen. Wenn sich da keine auf die Suche macht, ist sie einfach verloren. Alles hängt also daran, dass die Frau tatsächlich sucht. Das Haus auf den Kopf stellt. Licht macht, Fenster aufreißt, beginnt zu kehren.

Suchet, so werdet ihr finden!“(11,9) hat Jesus gesagt. Und hier erzählt er: Es ist wahr – Suchen ist keine vergebliche Liebesmühe. Ihr sorgfältiges, durch πιμελς ausdrücklich betont,  Suchen zahlt sich aus. Ihr Suchen mündet ein in die Freude, eine Freude, die sie nicht für sich selbst behalten kann. Sie ruft Freundinnen und Nachbarinnen und teilt ihr Freude mit ihnen, teilt sie an sie aus. „Auch sie ist so voller Freude, dass sie sie mit anderen teilen muss.“ (K.H. Rengstorf, Das Evangelium nach Lukas, NTD 3, Göttingen 1967, S. 183)

 10 So, sage ich euch, wird Freude sein vor den Engeln Gottes über einen Sünder, der Buße tut.

             So wie diese Frau mit ihrer Freude stellt euch die Freude im Himmel vor. Die Freude ist nicht erst groß, wenn Großartiges gefunden wird. Sie ist schon groß bei dem Kleinen. Sie ist groß bei dem, was wir gering schätzen, bei den Sündern, auf die herab geschaut wird, die nicht zählen, nichts gelten.

Es ist ein gewagtes Bild: Gottes Freude gleicht der Freude einer armen Frau. Der Hohe, Erhabene, Ewige freut sich wie eine namenlose Frau, der eine Kleinigkeit verloren war und die sie wieder gefunden hat. Der, für den die Völker wie ein Tropfen an einem Eimer (Jesaja 40,15)  sind, freut sich über jeden, den er wieder findet, der zu ihm zurück findet.

 

                   Gott wie eine fröhliche arme Frau – das ist bis heute ein Bild, das quer liegt zu den Bildern von Gott, die wir haben, die wir lehren, die uns leiten. Wir Männer haben es wohl oft schlicht überlesen und nur als eine Doublette zum Hirtenbild genommen. Es ist gut, zu lernen und wirklich wahrzunehmen: Jesus malt im Bild dieser suchenden relativ armen Frau das Bild Gottes, des Vaters im Himmel. So arm wie diese Frau ist er, wenn ihm einer seiner Sünder, seiner Sünderinnen verloren zu bleiben droht.

Es ist ein gewagtes Bild: Gottes Freude gleicht der Freude einer armen Frau. Der Hohe, Erhabene, Ewige freut sich wie eine namenlose Frau, der eine Kleinigkeit verloren war und die sie wieder gefunden hat. Der, für den die Völker wie ein Tropfen an einem Eimer (Jesaja 40,15)  sind, freut sich über jeden, den er wieder findet, der zu ihm zurück findet. Es ist eine Frage, die man schon stellen darf: Was werden die Zuhörer Jesu gedacht haben zu diesem Vergleich des Allmächtigen mit einer Frau, noch dazu mit einer armen Frau. Soll das ernsthaft unsere Vorstellung von Gott sein: auf den Knien, unter den Tisch, um eine jämmerliche Drachme zu suchen?

Es fällt auf, was gegenüber dem Gleichnis vom verlorenen Schaf fehlt: mehr als über neunundneunzig Gerechte, die der Buße nicht bedürfen. Diese Gegenüberstellung ist hier weggelassen. Zufall oder dem Stilempfinden des Erzählers Lukas geschuldet, der nicht einfach wortgleich wiederholen will? Vielleicht aber kann diese Auslassung auch davor bewahren, in ein allzuleicht selbstgerechtes Denken zu geraten, dass die Gerechten oftmals in schräger Polemik zu fragwürdigen Gestalten werden lässt. Es ist gut, sich zu erinnern: „Nicht den Gerechten mutet Jesus die Umkehr zu; ihr Gerechtigkeit wie die Freude im Himmel an ihr lässt er ohne jede Ironie unverkürzt stehen.“ (K.H. Rengstorf, ebda.)

Mir fällt auch auf, wie diese beiden Gleichnis – das vom Schaf und das von der Drachme – geeignet sind, den Begriff „Sünder“ – μαρτωλός   – heraus zu holen aus einer moralischen Ecke. Weder das Schaf noch die Drachme werden moralisch bewertet! Schon gar nicht verurteilt. Sie sind nur nicht da, wo der Besitzer sie sucht. Weil sie sich verlaufen haben, runter gefallen sind.

Auch darin kann uns dieses Bild Gott nahe bringen. Es zeigt uns einen Gott, der nicht Ursachenforschung betreibt, wie es dazu kommen konnte, dass die Drachme verloren ist. Der auch nicht irgendjemand Schuld zuweist. Nicht der Frau oder ihren Mitbewohnern, nicht den Zeitumständen, nicht der chaotischen Unordnung im Haus. Sondern darin bringt uns das Gleichnis Gott nahe, weil es ihn herunter holt vom Sockel der Unberührbarkeit, der Unnahbarkeit, weil es eine Alltagserfahrung – mühevolles Suchen und glückhaftes Finden – zu einem Bild werden lässt, das uns Gott in seiner Freude vor Augen stellt.

Vielleicht lässt dieses Bild eines Gottes, eines Himmels voller Freude ja die Freude auch ein wenig mehr Raum bei denen gewinnen, die von ihr hören – damals bei Pharisäern und Schriftgelehrten, Christen und Christinnen, die das Evangelium lesen und heute bei uns, in deren Kirchen es oft nur noch sehr ernsthaft zugeht und die Freude wie ein fremder Gast wirkt.

 

Jesus, Du kümmerst Dich nicht um unsere Gottesbilder. Du fragst nicht, ob uns Deine Worte zumuten, neu über Gott nachzudenken. Du stellst uns Gott vor Augen, im Alltagsbild einer suchenden Frau.

So ist Gott – auf der Suche nach euch, seinen verlorenen Silberstücken. Ihr seid ihm sein Suchen wert. Er gibt nicht Ruhe bis er Euch gefunden hat.

Die Freude im Himmel ist groß über allen, die gefunden werden, die den Weg zurück zur Umkehr finden. Darum sagt Du: so suche ich euch. Amen