Gesucht und gefunden

 Lukas 15, 1 – 7

  Es nahten sich ihm aber allerlei Zöllner und Sünder, um ihn zu hören. 2 Und die Pharisäer und Schriftgelehrten murrten und sprachen: Dieser nimmt die Sünder an und isst mit ihnen.

             Geht Jesus das Herz auf? Es nahten sich ihm aber allerlei Zöllner und Sünder, um ihn zu hören Das ist die Mitte seines Auftrages, das ist das Herzstück seines Lebens und seines Dienstes: Menschen, die von Gott weggekommen sind, will er wieder heimbringen zum Vater. Deshalb geht er zu den Verlorenen – deshalb wird er Mensch. Und deshalb wendet er sich denen zu, die am Leben, an ihrem selbst gemachten Leben, zerbrochen und gescheitert sind. Weil die Zöllner und Sünder das spüren, dass er sich ihnen zuwendet, deshalb kommen sie zu ihm, suchen sie seine Nähe. γγζω – sich nähern. „Bei ihm fanden sie, was sie sonst noch nie gefunden hatten, eine herzliche Liebe und echte Heiligkeit.“ (F. Rienecker, Das Evangelium des Lukas, Wuppertaler Studienbibel, Wuppertal 1976, S. 362) Er hält sie nicht auf Distanz und geht nicht auf Distanz. Was sie bei ihm suchen außer der Nähe ist, dass sie ihn hören.  Seine Worte, von denen Petrus nach dem anderen Evangeliums sagt: Es sind „Worte des ewigen Lebens.“ (Johannes 6,68) Worte, die gut tun, festen Boden unter die Füße geben, Worte voll Erbarmen.

Die Auseinandersetzung beginnt mit dem Murren. Es wiederholt sich im Evangelium mehrfach in der Begegnung mit den Pharisäern und Schriftgelehrten.  „Levi richtete ihm ein großes Mahl zu in seinem Haus, und viele Zöllner und andre saßen mit ihm zu Tisch. Und die Pharisäer und ihre Schriftgelehrten murrten und sprachen zu seinen Jüngern: Warum esst und trinkt ihr mit den Zöllnern und Sündern?“(5,29-30) – Zachäus „stieg eilend herunter und nahm ihn auf mit Freuden. Da sie das sahen, murrten sie alle und sprachen: Bei einem Sünder ist er eingekehrt. (19,6-7)Die Aufregung über diese unpassenden Zuwendung hat ja schon von alten Zeiten her Tradition. Schon Gott muss sich zur Wehr setzen: „So spricht der HERR, der Heilige Israels und sein Schöpfer: Wollt ihr mich zur Rede stellen wegen meiner Söhne?“(Jesaja 45,11)

Immer geht es um dieses Herzstück des Lebens Jesu, die Zuwendung zu den Sündern, den Verlorenen. Pharisäer und Schriftgelehrte sehen, was er tut, dass er Gemeinschaft stiftet. Mit diesen Leuten essen – das ist kein Ausrutscher, der einmal passiert. Es ist sein Programm. Er nimmt die an, die unannehmbar sind. Er setzt sich mit denen an einen Tisch, die ausgeschlossen sind vom Tisch Gottes,  aus dem Haus Gottes. Er untergräbt damit ja nicht nur die Moral, sondern die Geltung des Gesetzes, das Bild von Gott.

HERR, wer darf weilen in deinem Zelt?                                                Wer darf wohnen auf deinem heiligen Berge?                            Wer untadelig lebt und tut, was recht ist,                                        und die Wahrheit redet von Herzen,                                                   wer mit seiner Zunge nicht verleumdet,                                                wer seinem Nächsten nichts Arges tut                                                    und seinen Nachbarn nicht schmäht;                                              wer die Verworfenen für nichts achtet,                                                 aber ehrt die Gottesfürchtigen.                     Psalm 15, 1 – 4

             Wollte irgendjemand das ernsthaft von den Zöllnern und sonstigen Sündern sagen, dass sie so leben? Dass sie mit ihrem Leben Wohnrecht erwerben bei Gott? Und wenn sie nicht so leben, schließen sie sich doch von selbst vom Zugang zu Gott aus!

3 Er sagte aber zu ihnen dies Gleichnis und sprach: 4 Welcher Mensch ist unter euch, der hundert Schafe hat und, wenn er “eins” von ihnen verliert, nicht die neunundneunzig in der Wüste lässt und geht dem verlorenen nach, bis er’s findet?

               Das Bild ist klar: Ein Schaf in der Wüste wird zur Beute der Geier. Es hat keine Chance. Es ist verloren. Das wissen auch die Zuhörer Jesu. „Lohnt es sich, alles zu verlassen für diese eine? Fragen sich die Zuhörer.“ (F. Bovon, EKK III/3, Das Evangelium nach Lukas, Lukas 15,1 – 19,27, Neukirchen 2001, S.26) 

            Meine Frage heißt: Wer entspricht in der Realität des Lebens dem verlorenen Schaf? Damals und in den Augen der Pharisäer und Schriftgelehrten ist das keine Frage. Sie wissen es: Zöllner und Sünder sind verloren. Die die Weisungen Gottes nicht kennen und ihr nicht folgen, sind verloren. Verlorene Menschen sind weder damals noch heute nur die „Randgruppen“. Sie gelten vielleicht für verloren: Huren und Gangster, Homosexuelle und Randalierer, Terroristen und Fanatiker, die über Leichen gehen. Aber verlorene Leute in den Augen Jesu sind nicht nur da zu finden: Sie wohnen auch in Häusern, in denen es ordentlich zugeht. Sie sind auch in den Verwaltungen und stehen ihren Mann oder ihre Frau. Sie sitzen auch in der Kirchenbank und mancher trägt das Bundesverdienst-Kreuz.

Verlorene Menschen – das sind alle die, die ihr Leben in die eigene Hand genommen haben und es nicht mehr aus der Hand Gottes empfangen wollen, die sich die Schuld ihres Lebens ausreden oder selbst vergeben oder verdrängen, die es nicht wahr haben wollen, dass Gott ihr Vater ist und sie sein Eigentum sein sollen und sein dürfen. Diese Verlorenen sucht Jesus – weil er sich nicht mit den Extra-Touren abfindet, die in den Abgrund führen, weil er nicht kalten Herzens zusehen kann, wie einer sein Leben und seine Ewigkeit vertut

Es ist ein hohes Risiko, das der Hirte eingeht: die neunundneunzig in der Wüste zurück lassen. Ob das wirklich der Hirtenlogik damals entspricht? Gilt nicht vielmehr: „Der Verlust eines einzigen Schafes erscheint angesichts der verbliebenen Herde für den Hirten als tragbar.“ (K.H. Rengstorf, Das Evangelium nach Lukas, NTD 3, Göttingen 1967, S. 183) Schon in diesem Anfangssatz liegt eine Herausforderung zum Aussteigen aus der gewohnten Logik.

5 Und wenn er’s gefunden hat, so legt er sich’s auf die Schultern voller Freude. 6 Und wenn er heimkommt, ruft er seine Freunde und Nachbarn und spricht zu ihnen: Freut euch mit mir; denn ich habe mein Schaf gefunden, das verloren war.

     „Das Schaf ist passiv, es wird zuerst gesucht, dann gefunden, dann getragen. Allein der Hirte ist aktiv.“(F. Bovon, ebda.)Es stimmt: Suchen macht Mühe. Suchen kostet Anstrengung. Der Hirte muss hinaus, dorthin, wo das Leben gefährdet ist. Er begibt sich selbst in die Gefahr. Alles nur, um sein Schaf zu finden. Aber der Ton im Erzählen Jesu liegt nicht auf der Mühe des Suchens. Er liegt auch nicht auf der Mühe, die es macht, ein verlaufenes Schaf zur Herde zurück zu tragen. Er liegt einzig und allein auf der Freude des Findens. Diese Freude will geteilt sein, weil geteilt wächst die Freude ins Unermessliche.       

                Der Hirte lädt zur Freude ein. Seine Nachbarn und seine Freunde. Jesus wirbt darum,  dass Pharisäer und Schriftgelehrte sich von seiner Freude anstecken lassen, die er hat, wenn einer auch nur einen ersten Schritt nach Hause tut. Jetzt, erst jetzt, ist die Herde wieder vollständig. Wir sind nicht gewöhnt, so zu denken: Wenn Menschen dem Volk Gottes verloren gehen, so fehlen sie der Vollkommenheit des Volkes Gottes.

„Es kam ein merkwürdiges Wesen daher mit drei Paar Flügeln. „Was in aller Welt bist du denn für einer?“ fragte ich. „Ich bin nicht im aller Welt“ antwortete es. „Ich gehöre in das innere Land. Ich in gesandt worden, um dir zu sagen, dass ein Ton im Gesang vor Gottes Thron fehlt und der….“ „Oh, den kann ich aber nicht“, unterbrach ich sofort, erleichtert darüber, dass ich etwas ablehnen konnte, während ich gleichzeitig Gelegenheit hatte, wahre Demut zu zeigen. “Es gibt auch niemand anders, der ihn kann, sagte das Wesen, es ist dein Ton, der fehlt.“ (R. Henriksen, Sternenglanz in der Pfütze, EVA, o. J.  S. 20) Was für eine Vorstellung: Unersetzlich vor Gott – das eine Schaf, der eine Ton, der eine Mensch.

                „Der Unruhe, die einen befällt, wenn man etwas verloren hat, ist nichts vergleichbar außer der Freude, es wiederzufinden.“(F. Bovon, aaO. S. 28) Wann schlägt Dir das Herz höher? – so fragt Jesus seine Zuhörer unausgesprochen. Und wir, so gefragt, müssten heute wohl antworten: Uns schlägt das Herz höher, wenn wieder ein Stück Fortschritt errungen ist, wenn wieder ein Stück Leben erkämpft worden ist. Uns schlägt das Herz höher, wenn wieder eine Entscheidung gefallen ist, die Not wendet, die Menschen ein lebenswürdiges Dasein ermöglicht.  Jesus aber spricht und weiß von einer größeren Freude.

 7 Ich sage euch: So wird auch Freude im Himmel sein über “einen” Sünder, der Buße tut, mehr als über neunundneunzig Gerechte, die der Buße nicht bedürfen.

Jesus wirbt um die Freude, die einstimmen kann in die Freude Gottes. Es gibt nichts Größeres auf dieser Welt, als dass einer gefunden wird und sein Herz in die Hände Gottes legt. Es gibt nichts Größeres auf dieser Welt, als dass einer umkehrt von seinen eigenmächtig gewählten Wegen und einwilligt in den Weg Gottes mit ihm.

Worauf schauen wir, wenn wir diese Worte Jesu hören? Darauf, dass er sagt, dass Schafe verloren gehen können und damit doch auch, dass Menschen sich so verrennen können, dass sie keinen Rückweg mehr wissen? Oder schaue ich darauf, dass er dieses Bild von Gott malt. Gott als den Hirten voller Freude über das eine wiedergefundene Schaf. Allzulange haben wir Christen andere Bilder von Gott gemalt – das Bild des strengen Pantokrators wie in der Kuppel der Kirche von Ravenna, des gewaltigen Richters, des unnahbar fernen und Heiligen hinter dem Sternenzelt. Sehr persönlich gesprochen: Ich wüsste nicht, wie ich von Gott denken oder sprechen sollte, wenn nicht dieses Bild des suchenden Hirten tief in meine Seele eingesenkt wäre. Wie ich Gott seine Güte und sein Erbarmen glauben sollte, wenn Jesus uns ihn nicht so vor Augen gemalt hätte.

             Im Himmel sagt Jesus, und meint: bei Gott, dem Allmächtigen, dem Schöpfer des Himmels und der Erde, ist Freude, wenn einer zurückfindet. Er ist nicht der Unbewegte, Unberührte, Unwandelbare. Gottes Herz schlägt hoch, wenn einer es wagt, “Vater, vergib mir“ zu sagen. Gottes Herz schlägt hoch, wenn einer den ganzen Zerbruch seines Lebens nimmt und damit seine Barmherzigkeit sucht. Und diese Freude will er, Gott, mit uns teilen. So menschlich redet Jesus von Gott.

 

Jesus, Deine Freude ist Suchen und Finden. Du trägst Verlangen nach allen, die auf der Suche nach dem Leben unter die Räder gekommen sind, müde geworden, sich verrannt haben, nicht mehr können, aufgeben möchten.

Du suchst und gibst keinen auf. Du nimmst sie auf Dich, nimmst sie mit auf den Weg zurück, nach Hause, in die Freude. Gib uns Anteil an Deiner Freude über Dein Finden. Amen

2 Gedanken zu „Gesucht und gefunden“

  1. Auf der einen Seite ist Gott gnädig und barmherzig, auf der anderen Seite ist er aber auch Herr und Richter. Wenn sich ein Mensch nicht von ihm finden lässt, steht er unter dem Gericht Gottes. Es gibt ein “Zu spät”, das darf man nicht außer Acht lassen. Die Gnadenzeit ist begrenzt.

    1. Das ganze Kapitel 15 schweigt zum Thema “zu spät”. Andere Gleichnisse reden davon. Jesus erzählt seine Geschichten hier in Lukas 15 Leuten, die zu wissen glauben, dass andere zu spät sind, sie selbst aber nicht. Die Frage, die er ihnen und uns, den Hörern und Leserinnen von heute stellt: Lässt Du dich einladen und gewinnen für die Freude Gottes? Jetzt ist es Zeit für Dich.

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