Jesus will uns ganz

Lukas 14, 25 – 35

 25 Es ging aber eine große Menge mit ihm; und er wandte sich um und sprach zu ihnen: 26 Wenn jemand zu mir kommt und hasst nicht seinen Vater, Mutter, Frau, Kinder, Brüder, Schwestern und dazu sich selbst, der kann nicht mein Jünger sein. 27 Und wer nicht sein Kreuz trägt und mir nachfolgt, der kann nicht mein Jünger sein.

Jesus nimmt kein Blatt vor dem Mund. Er sieht die große Menge, χλοι πολλο, aber sie fasziniert ihn nicht. Es wird wohl so sein: „Das richtige Verständnis des Evangeliums ist nicht Sache der Masse, sondern ist die ernste Angelegenheit des Einzelnen.“ (F. Rienecker, Das Evangelium des Lukas, Wuppertaler Studienbibel, Wuppertal 1976, S.357) Darum fasziniert ihn nicht, dass er so viel Zulauf findet, dass er die Menge, so besser statt Masse, anzieht. Sie gehen mit ihm, aber wissen sie auch, wohin sein Weg führen wird, ihn führen und sie, wenn sie weiter mitgehen? Sein Ziel ist nicht, eine Massenbewegung auf die Beine zu bringen. Er will nicht davon schweigen, was es kostet, sein Jünger zu sein, mit ihm zu gehen. Wer ihm nachfolgt, soll wissen, was er auf sich nimmt. Er wirbt nicht, er warnt. Sie sollen die Kosten überschlagen. So ist er ja schon mit denen umgegangen, die von sich aus ihm nachfolgen wollten (9, 57-62) Darum redet er auch hier Klartext.

Nachfolge gibt es nur so, dass die erste natürliche Solidarität relativiert wird. Vater, Mutter, Frau, Kinder, Brüder, Schwestern und dazu sich selbst – das sind fundamentale Lebensgegebenheiten. Darin ist das Leben aufgehoben, geht das Leben auf. Im Nahbereich muss Verlässlichkeit herrschen. Genau diese Lebensgegebenheiten stellt Jesus in Frage. Er selbst ist weggegangen – aus Nazareth, aus seiner Verwandtschaft, aus seiner Zukunft, die ihm als dem ältesten Sohn des Zimmermann Josef vorgezeichnet war. Er ist selbst heraus getreten aus einem vorgezeichneten Leben, in dem er selbstbestimmt seinen Weg geht. Darum hat er seine Jünger bitten gelehrt: Dein Wille geschehe auf Erden wie im Himmel. (11,2) Er sucht den Weg des Vaters. Von ihm, seinem Willen, sind alle Schritte seines Lebens abhängig.

Hat Jesus seine Herkunftsfamilie gehasst? Das Wort hassen in diesem Zusammenhang ist ja durchaus missverständlich. Μισέω „hassen, mit Hass verfolgen, verabscheuen, nicht wollen“ (Gemoll, aaO. S. 507) Der heutige Leser hört hier aufgewühlte Emotion. Aber es geht nicht um Emotion, auch nicht um hasserfüllte Feindschaft. Nichts spricht dafür, dass Jesus seine Mutter, Brüder, Schwestern, seinen Vater gehasst hat. Darum spricht auch nichts dafür, dass hier für die Christen der Hass auf die eigen Familie und der Selbsthass zur Bedingung der Nachfolge gemacht wird. Worauf das so starke und missverständliche Wort aufmerksam macht: „Es gibt unbedingte Parteinahmen, die nur auf Kosten von anderen Bindungen gelebt werden können.“ (F. Bovon, EKK III/2, Das Evangelium nach Lukas, Lukas 9,51 – 14,35, Neukirchen 1996, S. 533) Wenn man so will: Es geht um die „Preisfrage“ der Nachfolge.  

So kann man also darauf kommen: „Er hat von seinen Jüngern mit großen Ernst die vorbehaltlose Entscheidung für sich selbst, selbst unter den schmerzlichsten Opfern, erwartet, wenn anders sie seine Jünger sein wollten.“.“(K.H. Rengstorf, Das Evangelium nach Lukas, NTD 3, Göttingen 1967, S. 181) Davon spricht er, das also wird es kosten, mit ihm auf dem Weg zu bleiben. So übertrage ich hassen – die Priorität des Lebens wird neu gesetzt. „Es ist nötig, mit der der eigenen Vergangenheit gebrochen zu haben. Wir können kein geteiltes Herz haben, das vorwärts und rückwärts gezogen wird.“ (F. Bovon,  aaO. S. 532)

Das andere – auf dem Weg nach Jerusalem nimmt er es schon in den Blick: Wer nicht sein Kreuz trägt und mir nachfolgt, der kann nicht mein Jünger sein. Das geht weit über das hinaus, was die Menge auf dem Weg jetzt sehen kann. Das ist ein Wort, das schon das Christsein jenseits von Ostern, den Weg der Gemeinde mit im Sinn hat. Jünger-sein heißt zu dem Gekreuzigten gehören. „Ihn möchte ich erkennen und die Kraft seiner Auferstehung und die Gemeinschaft seiner Leiden und so seinem Tode gleich gestaltet werden.“ (Philipper 3,20) Die Kreuzform des Meisters wird die Lebensform des Jüngers.

               Wenn der Satz vom Kreuz-Tragen in Alltagsethik übersetzt werden soll, kann Lukas auf andere Worte Jesu zurückgreifen: Wenn du ein Mahl machst, so lade Arme, Verkrüppelte, Lahme und Blinde ein, 14 dann wirst du selig sein, denn sie haben nichts, um es dir zu vergelten; es wird dir aber vergolten werden bei der Auferstehung der Gerechten. (14,13) 

            Und in den Briefen klingt das so: „Denn dazu seid ihr berufen, da auch Christus gelitten hat für euch und euch ein Vorbild hinterlassen, dass ihr sollt nachfolgen seinen Fußtapfen; er, der keine Sünde getan hat und in dessen Mund sich kein Betrug fand; der nicht widerschmähte, als er geschmäht wurde, nicht drohte, als er litt, er stellte es aber dem anheim, der gerecht richtet;“ (1. Petrus 2, 21 – 23)Immer geht es darum, dass unser Leben am Vorbild Christi seine Gestalt gewinnt, dass Christen heraus geholt werden aus dem Echo-Verhalten und sich schenken lernen.

„Um das „Jüngersein“ anzunehmen, müssen wir – dies ist die Pointe der beiden Sprüche – auch den Bruch mit unserer Herkunft und das Ins-Auge-Fassen einer Zukunft, die im Gegensatz zum gesunden Menschenverstand steht, zulassen.“ (F. Bovon, aaO. S.537) So eine Herausforderung gilt es klug zu bedenken.

 28 Denn wer ist unter euch, der einen Turm bauen will und setzt sich nicht zuvor hin und überschlägt die Kosten, ob er genug habe, um es auszuführen, – 29 damit nicht, wenn er den Grund gelegt hat und kann’s nicht ausführen, alle, die es sehen, anfangen, über ihn zu spotten, 30 und sagen: Dieser Mensch hat angefangen zu bauen und kann’s nicht ausführen?

              Nachdem die Inhalte klar gestellt sind, kommt die Aufforderung: Überschlagt die Kosten. Seid in Sachen der Nachfolge, des Glaubens nicht weniger sorgfältig als sonst auch in eurem Alltag. Wenn ihr eine Arbeit anfangt, dann überlegt ihr doch auch, wie es gehen kann und ob es überhaupt gehen kann. Keiner lässt sich auf Unternehmungen ein, die er nicht überblicken kann. Es ist richtig, vom Ende her zu denken. Wer anders agiert, der wird doch zum Gespött. Wer wird sich denn das antun, dass er eine Bauruine ins Land stellt?

Mein Schlitzer Vorgänger, Pfarrer im 19. Jahrhundert, Georg Christian Dieffenbach, hat dieses Wort auf seine Weise der Gemeinde eingeprägt. „Sei ganz sein oder lass es ganz sein.“ So habe ich es oft als Lehrsatz aus dem Mund von Gemeindegliedern, über Generationen hinweg, überliefert bekommen.

  31 Oder welcher König will sich auf einen Krieg einlassen gegen einen andern König und setzt sich nicht zuvor hin und hält Rat, ob er mit zehntausend dem begegnen kann, der über ihn kommt mit zwanzigtausend? 32 Wenn nicht, so schickt er eine Gesandtschaft, solange jener noch fern ist, und bittet um Frieden.

            Der Gedanke wird noch einmal aufgegriffen, diesmal so, dass er ins „Politische“ gezogen wird. Kein König führt einen Krieg, wenn nicht zuvor die Erfolgsaussichten geklärt worden sind. Die sozialen Folgen müssen stimmen. Halte ich dem Druck stand? Halte ich dem Widerspruch stand? Nehme ich die Fremdheit auf mich? Jeder Vernünftige hält diese nüchterne Abwägung für vernünftig. Und Jesus will, dass der Schritt zum Glauben nicht aus emotionaler Unvernunft geschieht, sondern überlegt ist.

Es gehört zu den späten Einsichten meines Lebens: Ich habe die Kosten nicht immer nüchtern überschlagen. Ich habe nicht immer abgewogen, ob meine Kräfte reichen werden, ob meine Fähigkeiten reichen werden, ob es nicht über meine Möglichkeiten hinausgeht, was da als Aufgabe vor mir liegt. Ohne jedes Überlegen und Bedenken habe ich einigermaßen überstürzt die ersten Schritte in die Berufstätigkeit getan – ja gesagt zu einer Berufung, ohne dass ich überhaupt schon zum Examen angemeldet gewesen wäre. Da war keine nüchterne Abwägung, da war nur Faszination: ich bin gefragt, ich werde gewollt und die mich fragen, trauen mir das zu.

Erst als ich älter geworden bin, skeptischer auch den eigenen Fähigkeiten gegenüber, mich besser kennen gelernt habe, ist dieses Abwägen und Überlegen der Kosten eine Realität meines Lebens geworden. Wohl auch, weil das jugendliche Selbstvertrauen an Tragkraft eingebüßt hat und Nüchternheit die eigenen Grenzen und Beschränktheiten besser sehen gelehrt hat.  Ist das jetzt „geistlich reifer“? Die Worte Jesu treten einem enthusiastischen Überschwang in den Weg. Sie fordern das Beurteilen der eigenen Möglichkeiten: Kann ich das? Will ich das, auch gegen Widerstände, auch wenn der Preis hoch sein wird? Jesus sucht keine Strohfeuer auf dem Weg des Glaubens. Er will durchgehaltene Treue. Darum hält er (!) – manchmal jedenfalls – auch da in Treue fest, wo einer unbedacht ja gesagt hat, ohne zu überlegen: Ja, ich will.

 33 So auch jeder unter euch, der sich nicht lossagt von allem, was er hat, der kann nicht mein Jünger sein.

Sich lösen, sich einfinden, erhoben werden und sich dabei gehalten wissen. Darum geht es: Das Herz löst sich von Glück und Gut der Welt, akzeptiert, was ihm an Schwerem auferlegt ist, findet sich ein und erfährt Trost, weil es sich in alle dem von Gott gehalten weiß. Was wir haben, darf uns nicht festhalten, darf uns nicht wichtiger sein als die Gemeinschaft mit Jesu, in der wir nichts haben als ihn selbst.

Es ist ein bisschen schade, dass wir das fast nur in Sterbeliedern zur Sprache bringen, denn es geht ja dabei um eine Lebenshaltung und nicht nur um eine Sterbenshaltung.

Nun sich das Herz von allem löste,                                                  was es an Glück und Gut umschließt,
komm, Tröster, Heil´ger Geist, und tröste,                                         der du aus Gottes Herzen fließt.

Nun sich das Herz in alles findet,                                                      was ihm an Schwerem auferlegt,
komm, Heiland, der uns mild verbindet,                                                die Wunden heilt, uns trägt und pflegt.

 Nun sich das Herz zu dir erhoben                                                        und nur von dir gehalten weiß,
bleib bei uns, Vater. Und zum Loben                                                       wird unser Klagen. Dir sei Preis!                 J. Klepper  1941 EG 532

             Jochen Klepper benennt den bleibenden Gewinn: “Bleib bei uns, Vater.” Die gleiche Lebenshaltung findet sich bei Paulus, wieder geboren aus der Zugehörigkeit zu Christus. „Das sage ich aber, liebe Brüder: Die Zeit ist kurz. Fortan sollen auch die, die Frauen haben, sein, als hätten sie keine; und die weinen, als weinten sie nicht; und die sich freuen, als freuten sie sich nicht; und die kaufen, als behielten sie es nicht; und die diese Welt gebrauchen, als brauchten sie sie nicht. Denn das Wesen dieser Welt vergeht. Ich möchte aber, dass ihr ohne Sorge seid.“ (1. Korinther 7, 29 – 32) Darum geht es Jesus, dass seine Leute in der Gemeinschaft mit ihm Freiheit gewinnen und sich nicht mehr einfangen lassen unter die Gesetzmäßigkeiten der Welt.

 34 Das Salz ist etwas Gutes; wenn aber das Salz nicht mehr salzt, womit soll man würzen? 35 Es ist weder für den Acker noch für den Mist zu gebrauchen, sondern man wird’s wegwerfen. Wer Ohren hat zu hören, der höre!

           Auf diesem Hintergrund gewinnt der Satz vom Salz seine Schärfe. Wenn die Jünger Jesu anfangen, haben zu wollen, ihr altes Leben behalten zu wollen und doch auch irgendwie nachfolgen zu wollen und irgendwie das eine mit dem anderen zu versöhnen, dann wird daraus nichts. „Wenn der Jünger aufhört zu sein, was er zu sein gewählt hat, ist er ein verlorenes Wesen.“ (F. Bovon, aaO. S-. 545)Sie verlieren alles mit ihren Kompromissen, die sie eingehen. Das alte Leben und das neue Leben. Sie sind an keiner Stelle mehr richtig.

Das ist die Herausforderung an die Christen seit 2000 Jahren. Wie geht es, in der Spur Jesu zu bleiben und gleichzeitig Zeitgenosse zu sein? Wie gehen christliche und bürgerliche Existenz zusammen? Oder geht das eben nicht zusammen und die Christlichkeit unserer Zeit ist ein großer Betrug – an sich selbst zuerst?

Es ist die Frage, die mich wieder und wieder beschäftigt hat. Manchmal hat sie mich gequält und manchmal habe ich sie unwirsch zur Seite geschoben. Geht Christsein nur in der Radikalität eines Franziskus? In der Hingabe der Orden? Nur in Armut, Keuschheit und Gehorsam? Geht es nur, wenn man sich aus allem löst, aus der bürgerlichen Gesellschaft und der kirchlichen Sicherheit?

Auch das plagt mich: Ist der Relevanz-Verlust, den Kirche im Augenblick erleidet, genau diese Erfahrung, dass das Salz nicht mehr salzt? Über all den vielen Worten, die Kirche zu Diesem und Jenem sagt, und die manchmal so verdammt ähnlich klingen wie die Worte irgendwelcher anderer gesellschaftlich relevanter Gruppen, haben wir verlernt, das eine Wort zu sagen, das wir alleine sagen können: Das Wort vom Kreuz, das Wort, das zum Glauben ruft, das Wort, das sagt: Es ist in keinem anderen Heil, ist auch kein anderer Namen als nur der Namen Jesu, in dem Menschen das Leben gewinnen. (Apostelgeschichte 4,12) Wenn wir als Kirchen und Leute der Kirche in unseren synodalen Stellungnahmen, unseren Predigten, unseren Alltags-Worten nur noch zu sagen wissen, was alle sich schon selbst sagen können, haben wir „der Welt“ nichts mehr zu sagen. Jedenfalls nichts mehr, auf das andere noch hören müssten.

Die Gefahr, die ich sehe, auch für mich selbst, ist ein verbaler Radikalismus, dem auf der Seite des Lebens nichts entspricht. Dann würzt das Salz nicht mehr.

 

Jesus, Du suchst mehr als schöne Worte, mehr als Zustimmung zu Deinem Lehren, mehr als Faszination an der fremden Gestalt Deines Lebens.

Du suchst mich, mein Leben, meine Hingabe, meine Bereitschaft, Dir zu vertrauen und alles loszulassen, was mich festhalten will.

Jesus, ich habe oft die Angst, dass ich wie Salz bin, das die Kraft verloren hat in tausend Zugeständnissen, Kompromissen, Anpassungen.

Gib mir, dass ich bereit werde bei Dir zu bleiben und den Preis zu zahlen, den das kostet. Loslassen. Amen